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07.09.2006 - LITERATURWISSENSCHAFT

Gegen den Scharfrichter - Fortsetzung folgt

Wie der Umgang mit Literatur auch aussehen könnte

von Josef Tutsch

 
 

Homer und seine Muse (3. Jhdt
n. Chr.)

Was hilft am besten gegen einen bösen Zauber? Ein Gegenzauber natürlich, wie wir aus alten Volksmärchen wie aus der modernen Populärliteratur wissen. Was die Fee Logistilla ihrem Schützling Astolfo mitgegeben hat, verschlägt dem Leser aber doch die Sprache. Gefangen in einem verschachtelten, spiegelreichen und allseits äffenden Schloss nimmt Astolfo sein wissensreiches Buch zur Hand und – "schnell sucht er im Register nach dem Blatte, das gegen diesen Trug das Mittel hatte".

Ein Zauberbuch mit Register?! "Um zu vernichten nun des Zaubers Quelle, zerbrach, erschlug er alles, was sich fand, (wie durch das Buch die Vorschrift ihm geschehen) und sah das Schloss in Rauch und Dampf zergehen. Der italienische Dichter Ariost schrieb seine Erzählung um 1510, 1520. Der Buchdruck hatte sich längst eingebürgert, in wissenschaftlichen Traktaten waren alphabetisch wohlgeordnete Register bereits ein gängiges Mittel, um etwas "suchen" zu können. Warum nicht auch in einem Zauberbuch? In dieser Episode, resümiert der Stuttgarter Literaturwissenschaftler Volker Klotz, spiegelt Ariost "den Umschwung vom mündlich erzählten, gesellig vorgetragenen Epos zum privatim gelesenen im gedruckten Buch".

Claude Monet; Impression - aufgehen-
de Sonne (1872)
 
Klotz, emeritierter Literaturwissenschaftler an der Universität Stuttgart, hat versucht, dem Geheimnis dieser elementaren menschlichen Tätigkeit, die das Erzählen darstellt, auf die Spur zu kommen. Auch ganz praktisch, mit seinen beiden Töchtern: "beispielsweise regelmäßig am Nachmittag vor Heilig Abend, um den inneren Spannungshochdruck zu nutzen, draußen, eingemummt im Freien, damit das schuftende Christkind sich übers Weihnachtszimmer hermachen konnte". Und theoretisch viele Jahre lang mit seinen Studenten im Seminar, an Beispielen von Homer bis Karl May, von Tausendundeine Nacht bis Cervantes.

Sicher, man kann Erzählungen auch ganz naiv hören oder lesen; aber man hat mehr davon, wenn man es genau und mit Bedacht tut und mit dem Bemühen um Rückblick. "Die Sonne war eben prächtig aufgegangen ...", beginnt Eichendorffs "Ahnung und Gegenwart", der Roman schließt mit dem Satz: "Die Sonne ging eben prächtig auf." Dahinter steht, wie Klotz aufzeigt, eine ganze Literaturgeschichte des Sonnenauf- und -untergangs, zum Beispiel der spätantike Abenteuerroman "Aithiopika": "Als der Tag gerade zu lachen und die Sonne die Bergspitzen zu erleuchten begann ..." Oder der französische "Roman comique" des Scarron aus dem 17. Jahrhundert: "Der Sonnengott hatte bereits über die Hälfte seiner Fahrt zurückgelegt ..." Oder Wielands "Geschichte des Agathon", ein halbes Jahrhundert älter als Eichendorffs Roman: "Die Sonne neigte sich zum Untergang ..."

Odysseus' Abenteuer mit den Sirenen
(5. Jahrhundert v. Chr.)
Die Reihe lässt sich in die Gegenwart fortsetzen Virginia Woolfs "Die Wellen" wiederholt das poetische Bild wie in einem Refrain: "Die Sonne war noch nicht aufgegangen", "Die Sonne stieg höher", "Die Sonne ging auf" ...Das ist nicht bloß Stoff, macht Klotz deutlich: "Dichtung aller Gattungen beansprucht Licht, Erzählen ist ein "Beleuchten", das Sonnenlicht fungiert beim alten Homer ("Als nun die morgengeborene, rosenfingrige Eos ans Tageslicht kam ...") wie im modernen Roman als "Vorbild und zugleich verlängerter Arm beim poetischen Handwerk".

Naturwissenschaftlich, technisch, streng denkenden Gemütern wird solche Literaturgeschichte reichlich metaphorisch vorkommen – ob sie es bloß vorläufig ist oder auf Dauer bleiben muss, mag einer wissenschaftstheoretischen Diskussion vorbehalten bleiben. Zu einer anderen Metaphernreihe, dem "Erzählen als Navigieren", man redet ja auch von Seemannsgarn, Erzählfluss, Bewusstseinsstrom. Seit der "Odyssee", stellt Klotz fest, gibt es so etwas wie eine Wahlverwandtschaft zwischen Erzählen und Seefahrt.  "Bildlich gesprochen, verfährt der Erzähler eines großen epischen Werkes ähnlich wie der Navigator eines jener frühen Segel- und Ruderschiffe, die den Unwägbarkeiten von Wind und Meeresströmen ausgesetzt waren", es waltet jemand, der "willkürlich sich einlässt aufs Abenteuer einer unsicheren Tätigkeit".

Paul Emil Jacobs: Scheherezade, dem
Kalifen Märchen erzählend (um 1842)
 
Ein dritter Vergleich, Klotz spricht vom "Erzählen als Ent-töten". Den extremen, ganz wörtlichen Fall bietet Scheherezade, die Nacht für Nacht gegen das blitzende Schwert des Scharfrichters erzählt, das ihr den Kopf abschlagen soll, und dabei eine dem Mordinstrument ganz ähnliche Technik handhabt: Immer kurz vor dem Höhepunkt schneidet sie den Erzählfaden ab. "Narratio interrupta", sagt Klotz, Fortsetzung folgt. Dem Erzählen wird sehr viel zugetraut, so auch in Anna Seghers’ Novellenzyklus "Der erste Schritt": 22 Männer und Frauen aus verschiedenen Ländern und Berufen erzählen reihum, wie sie dazu kamen, ihren persönlichen Kampf um ein menschenwürdiges Leben zu führen – Erzählen zur proletarischen Bewusstseinsbildung für den Klassenkampf.

Das klassische Vorbild von Bewusstseinsbildung, Bewusstseinsaufklärung im Prosaroman lieferte Cervantes im "Don Quijote": Der Held in seinem Wahn erkämpft sich das edle Rüstungsstück, indem er einem Barbier das Becken abjagt, worin der Rasierschaum angerührt wird ... Ein hervorragendes Beispiel, dass man Texte vor dem Hintergrund anderer Texte lesen sollte: Der Ritter von der traurigen Gestalt glaubt, es handle sich um den Helm des Prinzen Mambrin, der ihm aus Ariosts Epos geläufig ist! Von dergleichen Beutekämpfen ist die Ritterliteratur, die Cervantes attackieren will, voll. Aber bereits die Szene kurz zuvor, wie Quijote sich in einfallsreicher Bastelei selbst einen Helm herstellen kann: In seinem scheinbar ganz selbstverständlichen Erzählen, erklärt Klotz, parodiert Cervantes en passant die Szene aus der "Ilias", wie der Schmiedegott Hephaistos die Rüstung des Achilleus herstellt.

Honoré Daumier:Don Quixote
(um 1868)
 
Wenn doch nur der Deutschunterricht in der Schule, wird da manchem Leser in den Sinn kommen, so aufregend gewesen wäre, wie Klotz an den Meisterstücken der Weltliteratur vorführt ... Den geräumigen, verzweigten, vielgestaltigen Großwerken gilt offenbar Klotz’ besondere Liebe, und je weniger sie in den deutschen Bildungskanon eingegangen sind, desto mehr. Zum Beispiel die "Lusiaden" des portugiesischen Nationaldichter Camoes aus dem 16. Jahrhundert, der seine Heldenschar die fernsten Räume durchfahren lässt – der Versfluss wird vorangetrieben von den Nymphen des Flusses Tajo, mit dem Gegenbild des Riesen Adamastor, des Betreuers der noch unberührten Meere, die er schützen will vor dem erobernden Gewaltakt. Oder, uns ein halbes Jahrtausend näher, Derek Walcotts Verwandlung der homerischen Stoffe und Figuren ins Milieu der Antillen.

Nebenbei bemerkt: Die berücksichtigten Werke sind in einem Register, alphabetisch wohlgeordnet, aufgelistet, man kann also suchen, welchem erzählenden Zauberbuch man sich gerade aussetzen möchte. Es bedarf wohl eines derart belesenen Wissenschaftlers, um unseren Blick über die deutsche (und allenfalls noch englische und französische) Literaturwelt hinaus zu lenken. Klotz hat sein Buch "den deutschsprachigen Übersetzern poetischer Weltliteratur" gewidmet – wider den "puristischen Dünkel mancher Fachphilologen". Übersetzungen von Poesie sind allemal unzulänglich, das weiß auch Klotz. Aber ist das ein Grund, die Weltliteratur all jenen vorzuenthalten, die der Originalsprache nicht mächtig sind? Nach einigen Jahrzehnten Bekanntschaft mit dem Büchermarkt darf Klotz sich auch Kulturkritik erlauben: Die Aktivität der Verlage, die sich um solche Übersetzungen bemühen, ist in den letzten Jahrzehnten merklich zurückgegangen, "eine der kunst- und kulturwidrigen Folgen jener hemmungslosen Marktwirtschafterei, die sich rhetorisch gern mit dem verzieret, was sie allenthalben vertilgt".


Neu auf dem Büchermarkt:
Volker Klotz, Erzählen. Von Homer zu Boccaccio, von Cervantes zu Faulkner
Verlag C. H. Beck, München 2006 (ISBN 3-406-54273-5), 29,90 €


Mehr im Internet:
Erzähltheorie







Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

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