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13.09.2006 - RELIGION HEUTE

Woher und wohin oder die Löcher im Käse

Zwischen Desinteresse und philosophischer Reflexion -
Areligiosität heute

von Josef Tutsch

 
 

Von der Zeitdiagnose zum
Modespruch

"Berlin hat 40 protestantische Kirchen, und in jeder finden sich allsonntäglich ein paar hundert Menschen zusammen; ein paar mehr oder weniger, darauf kommt es nicht an. In der Melonenkirche habe ich einmal fünfe gezählt, und wenn es kalt ist, sind es noch weniger." Allsonntäglich ein paar hundert Menschen – das muss eine Weile her sein. Theodor Fontane schrieb diese Passage Ende des 19. Jahrhunderts. Heute bezeichnet sich in der Bundesrepublik Deutschland ein Viertel bis ein Drittel der Befragten ausdrücklich als "konfessionslos" oder "unreligiös". Die Bezeichnung "atheistisch" stößt auf größere Vorbehalte: In der ehemaligen DDR erklärten sich 20 % für überzeugte Atheisten, in der alten Bundesrepublik bloß 5 %, während der Anteil derer, die ohne kirchliche Rituale auskommen, offenbar viel, viel höher ist.

Die Freie Universität Berlin hat sich diesem areligiösen Spektrum in einer Ringvorlesung gewidmet. Das wr, langwierig, wie solche Planungen vorher und Publikationen nachher nun einmal ablaufen, vor dem jüngsten Wechsel im Papstamt; ob die großen "Events" der letzten anderthalb Jahre tatsächlich, wie oft behauptet, eine Wende anzeigen, wäre an anderer Stelle zu diskutieren. Mit welchen Fallstricken hier auf jeden Fall zu rechnen ist, zeigt eine andere Umfrage: Lediglich 64 Prozent der Katholiken und 47 Prozent der Protestanten, gerechnet nach der formellen Kirchenzugehörigkeit, behaupteten von sich selbst, sie seien "religiös", aber immerhin 8 Prozent der Konfessionslosen. Und von den Protestanten in Westdeutschland unterstellen 4 Prozent, dass es keinen Gott gibt. 

Ritus der Konfessionslosen: Jugendweihe
in der DDR
 

Was "glauben" eigentlich (wenn das Wort hier erlaubt ist) die Konfessionslosen oder Areligiösen? Der Kulturwissen- schaftler Horst Groschopp, Bundesvorsitzender des Humanistischen Verbandes, gibt einige Grundsätze dessen, was er die "dritte Konfession" nennt: Gott ist gleichgültig, der Gedanke an Erlösung fremd geworden, statt dessen bleibt das Vertrauen auf die Erfahrung und auf die Erfahrungswissenschaften. Ein solcher Quasi-Katechismus könnte allerdings verdecken, dass gerade in dieser Hinsicht in Deutschland weiterhin zwei Gesellschaften nebeneinander bestehen. Groschopp: Die Mehrzahl der Konfessionsfreien im Westen "haben die Organisation Kirche aus ungenötigtem Entschluss im Erwachsenenalter verlassen, der Bruch mit der Kirche war für sie zugleich ein schwieriger Abnabelungsprozess von tradierten familiären Bindungen", "dagegen sind im Osten ganze Familien seit Jahrzehnten konfessionsfrei". 

Man darf nicht übersehen, dass Groschopp neben der wissenschaftlichen Erkenntnis zugleich ein Verbandsinteresse vertritt, er hält "humanistische Lehrstühle" an den staatlichen Universitäten, nach Art der Theologieprofessuren, für angemessen. Es ist jedoch zu bezweifeln, dass sich unorganisierte Konfessionslose mit tiefeingewurzelten Misstrauen gegen jedes "Lehramt", auch wenn es humanistisch daherkommt, in diesem Vorschlag wiedererkennen. Groschopp kann im übrigen nicht klarmachen, was solche Professuren eigentlich leisten sollten. Schließlich bemüht sich die Philosophie seit Jahrhunderten um eine Ethik, die Gläubigen, Ungläubigen und Andersgläubigen gleichermaßen einleuchten könnte.

Leere Kirchenbänke

Atheismus als Philosophie? Aus den Beiträgen der Ringvorlesung wird klar, dass die Skepsis gegenüber Religion oder die Verneinung von Transzendenz oder der Zweifel an einem persönlichen Gott eine Fülle von Deutungsmöglichkeiten offen lässt. Die Essener Philosophin Anne Eusterschulte analysiert den Streit, der sich in den 1780er Jahren über die Interpretation von Spinozas Alleinheitsgedanken entfachte – für Deutschland der erste Fall, dass Atheismus als ernsthaft diskutable Position angesehen wurde. Ihr Greifswalder Kollege Andreas Urs Sommer erörtert die Philosophie Friedrich Nietzsches, in der als Mittel einer immoralistischen Selbstbefreiung sowohl das "Gott ist tot" als auch der neue Gott Dionysos in Frage kamen. 

Nietzsches Atheismus als Experimentalphilosophie? Was Dionysos angeht, trifft Sommer zweifellos das Richtige: Nietzsches Philosophie "erschöpft sich, leider vielleicht, keineswegs in Skepsis. Sie trägt auch religionsstifterische Züge." Schwieriger steht es um das Problem, inwieweit Nietzsche sich mit seiner Kunstfigur des "tollen Menschen" identifizierte, der auf dem Marktplatz sein "Wohin ist Gott? Wir haben ihn getötet!" herausschreit. Das Interesse des Philosophen galt in dieser Phase offenbar viel weniger der metaphysischen Frage, die spätestens mit Schopenhauers Atheismus erledigt schien, als den Konfusionen der Glaubensgeschichte. Manche Passagen in Nietzsches Parabel vom tollen Menschen lesen sich wie ein Kommentar zu jenen aktuellen Umfragen, die zeigen, dass Religion selten ausdrücklich negiert wird, für weite Kreise der Bevölkerung jedoch ihre praktische Relevanz verloren hat.

Herrgottswinkel im
Schwarzwald

In den letzten Jahren hat die These viel Beifall gefunden, dabei handele es sich in Wirklichkeit um eine "Privatisierung" von Religion, um einen Bedeutungsverlust lediglich der kirchlichen Organisationen. Der Tübinger Religionswissenschaftler Günter Kehrer widerspricht dem: "Vielmehr spricht fast alles dafür, dass dem Rückgang von Kirchlichkeit weitgehend ein Rückgang von Religiosität entspricht." Beleg: Wer nur selten die Kirche besucht, neigt auch eher dazu, der Aussage zuzustimmen "ich glaube nicht, dass es einen Gott gibt" oder "ich weiß nicht, was ich glauben soll".

Damit stellt Kehrer eine anthropologische Grundannahme in Frage, die das abendländische Denken Jahrhunderte lang beherrscht hat, die Lehre, dass Religion sozusagen naturwüchsig sei. Ohne tatkräftige Nachhilfe, so Kehrer, "existieren viele Fragen anscheinend für die meisten Menschen nicht. Die berühmten Fragen nach dem Woher und Wohin beunruhigen sehr viele ebenso wenig wie die Frage, woher die Löcher im Käse kommen." Philosophiehistorisch gewendet: Nietzsches Erwartung, der Glaubensverlust müsste Erschütterungen nach sich ziehen, war vielleicht unrealistisch; vielmehr könnte Ludwig Feuerbach recht behalten, der bereits ein halbes Jahrhundert zuvor mit bemerkenswertem Gleichmut konstatiert hatte, dass Bibel, Dogmen und Rituale dabei waren, für seine Zeitgenossen unwichtig zu werden.

Albert Schweiters "Geschichte der Leben-
Jesu-Forschung" 1906, Meilenstein der
historisch-philologischen Befassung mit
dem Neuen Testament

Was heutzutage in Westeuropa unter "Religion" verstanden und als Religionskritik geübt wird, hat wohl am treffendsten Sigmund Freud in Worte gefasst. Susanne Lanwerd, Religionswissenschaftlerin in Berlin, zitiert seine bekannte Feststellung, dass wir "Linderungsmittel" brauchen, um das Leben zu ertragen. Und seine Reflexionen über das "besondere Gefühl", von dem ihm ein Bekannter gesprochen hatte, "ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, Ozeanischem". Freud war sich gar nicht sicher, ob er in diesem Gefühl den Ursprung religiöser Bedürfnisse sehen sollte; aber viele Konfessionslose und auch viele Konfessionszugehörige ohne Anteilnahme am kirchlichen Leben werden ihre "Religiosität" in genau diesem Sinne verstehen.

Das Zahlenmaterial, das Kehrer zur "problemlosen Religionslosigkeit" von heute auftischt, legt nahe, dass dieses Phänomen historisch mit der Reformation zusammenhängen muss. An der Spitze des Trends stehen in Europa protestantisch geprägte Länder. Anscheinend war es gerade das historisch-philologische Bibelstudium, mit dem die protestantischen Kirchen versuchten, sich in der modernen Kultur zu verankern, das die Grundlagen des Christentums bis hinein in Pfarrerskreise zweifelhaft gemacht hat. Etwas in dieser Richtung scheint bereits vor über 100 Jahren der Volkskundler Wilhelm Heinrich Riehl vermutet zu haben: Der "Glaubenslose, welcher nach seinem Taufscheine Katholik ist, glaubt in ganz anderer Weise gar nichts, als der Protestant, welcher nichts zu glauben vorgibt". 

Papst Benedikt XVI. in Bayern

Wie mag das in früheren Jahrhunderten ausgesehen haben, als es noch keine Demoskopie gab? Martin Scharfe, Volkskundler in Tübingen, hat eine Menge Kritik an kirchlichen Vorstellungen zu Tage gefördert, die manchmal auch an den Kern des Glaubens rührte . Mitte des 19. Jahrhunderts stellte ein Thüringer Landpfarrer fest, dass seine Schäflein sagten: "Geboren wird kein Mensch, wenn nicht die Mutter mit einem Mann zu tun gehabt hat. Wer einmal tot ist, kommt nicht wieder, also ist auch die Auferstehung Christi nichts. Die Himmelfahrt ist Unsinn, auf den Wolken fährt kein Mensch in den Himmel." Scharfe kommt zu dem Schluss: "Die Rede vom frommen Volk ist eine Legende, die dem verzweifelten Glauben der Gebildeten entsprungen ist, spätestens in den historischen Augenblicken, da sich große Teile des Bürgertums den Verlust ihres eigenen Glaubens eingestehen mussten."

Tempi passati behandelt auch Manfred Lautermann in seinem Artikel über die Philosophie der DDR. Ab 1963 gab es in Jena einen Lehrstuhl für "Wissenschaftlichen Atheismus", bereits in den 1970er Jahren wurde diese Dogmatisierung eines Teilaspekts der Marxschen Lehre sang- und klanglos beiseite gelegt. Merkwürdig, dass Lautermann auf das Komplement, die Politik der SED gegenüber den christlichen Kirchen, nicht weiter eingeht. Ähnlich zweckhaft denkt, wenn der Berliner Politikwissenschaftler Frank Unger richtig urteilt, die aktuelle politische Elite in den USA. "Die Vereinigten Staaten sind ein Land, in dem offen erklärter Atheismus weniger denn je eine konfessionelle Option ist, sondern eine Häresie – also eine schlechte Wahl, eine Verfehlung, eine Abweichung vom wahren, allein richtigen Glauben, ein Grund zur Exkommunikation."

Das fremde Amerika des
Mr. Bush

Aber auch unter dem "wiedergeborenen Christen" Bush, betont Unger, können hohe Ämter mit Atheisten besetzt werden. In Wirklichkeit, analysiert Unger, werde die „"hristliche Nation" von einem ethischen Grundverständnis zusammen gehalten , das von vielen als Christentum gedeutet wird, für andere aber bloß die moralische Überlegenheit des Kapitalismus bedeutet. Die Erklärung für diese Konfusion ist bei dem neokonservativen Philosophen Leo Strauss zu finden, der als Lehrmeister für große Teile der amtierenden Administration gilt. Strauss hat sich eine berüchtigte Lehre Platons zu eigen gemacht: Den Führern des Staates sei es nicht bloß gestattet, sondern aufgetragen, die Masse über ihre wahren Gedanken hinters Licht zu führen. Frank Unger: "In einer christlichen Nation muss man nicht selber Christ sein, um Gebrauch von Gott zu machen."


Neu auf dem Büchermarkt:
Atheismus – Ideologie, Philosophie oder Mentalität?
herausgegeben von Richard Faber und Susanne Lanwerd,
Königshausen & Neumann, Würzburg 2006 (ISBN 3-8260-2895-3), 38,- €



Mehr im Internet:
Atheismus
In God we trust, scienzz 20.10.2004
Papst Benedikt XVI. in Bayern






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

 

 

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