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15.08.2006 - LINGUISTIK

Als Sprachwissenschaftler auf Verbrecherjagd

Die forensische Linguistik beim Bundeskriminalamt

Sandra Hansen

 
 

Donnerstag früh in einer deutschen Stadt, der Filialleiter einer Restaurantkette schaut wie jeden Tag die Post durch, Rechnungen, Bewerbungen, Werbung, doch bei einem Brief erschrickt er: Seine Produkte sollen vergiftet werden, wenn der Konzern die Geldforderung von zehn Millionen DM nicht erfüllt. Er informiert umgehend die Polizei vor Ort. Diese leitet das Schreiben zu Sprachspezialisten des Bundeskriminalamtes weiter, welche nun mit Hilfe ihres linguistischen Wissens auf Verbrecherjagd gehen.

Der Text wird zuerst in das Sachgebiet der forensischen Linguistik geleitet. Hier arbeiten Sprachwissenschaftler in dem Bereich der Autorenerkennung, die sich mit der wissenschaftlichen Analyse inkriminierter schriftlicher Texte beschäftigt. Oft ist dabei von einem sprachlichen oder linguistischen "Fingerabdruck" die Rede, der den Autor eines Briefes identifizieren kann. Die forensische Linguistin Sabine Schall betrachtet das mit Skepsis, da ein Fingerabdruck dadurch charakterisiert ist, dass er einmalig, unveränderlich und beliebig reproduzierbar ist. Kann man bei Erpresserbriefen von einem "sprachlichen Fingerabdruck" sprechen?

Das Verfassen eines Erpresser- oder Drohbriefes ist eine sprachliche Interaktion, Sprache ist ein Merkmal menschlichen Handelns. Wie menschliches Handeln und Verhalten verändert sich auch die Sprache im Laufe des Lebens. So können Veränderungen der Sprache zum Beispiel durch eine Berufsausbildung oder einen Wohnortwechsel zustande kommen. Außerdem ist Sprache situationsabhängig. Diese Situationsabhängigkeit äußert sich in der Verwendung verschiedener stilistischer Register. Schall: "Eine Urlaubskarte unterscheidet sich bezüglich der Form und des sprachlichen Stils von einer Seminararbeit oder einem Brief an das Finanzamt."

Autorenerkennung: Der sprachliche
Fingerabdruck
Der Sprachexperte Wolfgang Hehn schreibt hierzu, dass die "Möglichkeiten der angewandten Linguistik bei der Prüfung auf Urheberidentität nicht unbegrenzt und spätestens dann überschritten [sind], wenn die Vorstellung eines linguistischen Fingerabdrucks bemüht wird." Die forensische Linguistik kann also keinen Fingerabdruck im Sinne der Spurensicherung nachweisen. Sie kann allerdings Hinweise auf den Verfasser eines anonymen Schreibens geben und Aussagen über den Wahrscheinlichkeitsgrad treffen, nach dem jemand als Täter in Frage kommt.

Im Rahmen der Autorenerkennung wird der eingegangene Erpresserbrief von den BKA-Linguisten auf sprachliche Besonderheiten hin untersucht. Vor dem Sprachwissenschaftler liegen drei Aufgabenfelder, die für eine umfangreiche Fehler- und Stilanalyse das Gerüst bilden: Textanalyse, Textvergleich und Sammlungsrecherche.

Bei der Textanalyse versucht der Sprachexperte Hinweise verschiedener Art bezüglich der Identität des Autors zu finden. Dazu gehören Hinweise auf die Muttersprache, die regionale Herkunft/ den Dialekt, das Alter, den Beruf, die Bildung des Autors oder auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Einzig Aussagen über das Geschlecht des Autors bzw. der Autorin und über die Glaubwürdigkeit des Briefes lassen sich nach Aufassung der Experten nicht treffen.

An authentischen Erpresserbriefen sieht das dann wie folgt aus: Besitzt der Autor die muttersprachliche Kompetenz des Deutschen? So lautet eine Frage, die sich die Linguisten stellen. Sie müssen also sensibel analysieren, denn: Ob der Autor eines Erpresserbriefes wirklich deutscher Muttersprachler ist, können selbst die Sprachexperten beim Bundeskriminalamt so nicht feststellen.

Oft gibt es Grenzfälle, bei denen schwer zu entscheiden ist, ob der Autor Muttersprachkompetenz aufweist. Dazu erneut Sabine Schall: "Ein Autor, der keine Muttersprachkompetenz des Deutschen besitzt, kann sich beispielsweise oft besser ausdrücken, als ein Autor, der deutsche Muttersprachkompetenz besitzt, jedoch geringe Fertigkeiten in der Erstellung schriftlicher Texte aufweist." Häufig wird eine mangelnde Deutschkompetenz also nur vorgetäuscht.

Hier ist es dann oft so, dass relativ einfache, oft morphologische Fehler gemacht werden, allerdings komplexe Nominalphrasen, sowie die Regeln der Orthographie oder für das Deutsche typische Phraseologismen richtig verwendet werden. Wie sieht das am vorliegenden Beispiel aus? Die Infinitivformen der Verben werden verwendet: z.B. "nicht sein Gefahr", "Landesregierung zahlen uns", "nach geben Geld". Der Autor will eventuell eine Nicht-Muttersprachlickeit ausdrücken. Aber: Orthographische Regeln des Deutschen werden selbst bei schwierigen Graphem-Phonem-Korrespondenzen wie im Wort "Gefährlichkeit" beherrscht. Die Nicht-Muttersprachlichkeit könnte also nur vorgetäuscht sein. Die Puzzle-Arbeit geht weiter.

Dialektal bedingte Varianten der Aussprache sind oft in der Schriftsprache nicht mehr erkennbar. Manchmal verraten allerdings syntaktische Stellungsvarianten oder die Wortwahl innerhalb eines Schreibens die Herkunft des Autors. Auch phonetische Aspekte der Aussprache können auf die Schriftsprache übertragen werden und somit die Herkunft eines Erpressers entlarven. Am Beispiel: Häufig werden Laute, die im Standarddeutschen schriftlich und mündlich stimmlos realisiert werden, als stimmhafte Phone dargestellt.

Autorenerkennung: Muttersprachler - oder
nicht?
Unser Erpresser schreibt "Plagade" anstatt "Plakate", "Gotzen" anstatt "Kotzen", "gröste" anstatt "größte". Außerdem werden lange Vokale als kurze Laute realisiert: "sit" anstatt "sieht", "nider" anstatt "nieder", "Regirung" anstatt "Regierung". Diese dialektalen Merkmale könnten(!) Hinweise darauf sein, dass der Autor aus dem ostdeutschen Raum kommt.

Im Rahmen der linguistischen Analyse fällt außerdem auf, dass der Autor viele orthografische Fehler bezüglich der Getrennt-/Zusammenschreibung und der Groß- und Kleinschreibung macht: "Toten gräber" anstatt "Totengräber", "Schweine Hund" anstatt "Schweinehund" oder "wir Wählen" anstatt "wir wählen", "Schöhne" anstatt "schöne". Und in dem Erpresserbrief finden sich noch weitere Indizien.

Außerdem schreibt der Autor nach dem Setzen eines Kommas sehr oft groß. Diese und weitere Aspekte, wie z.B. das sprachliche Ausdrucksvermögen, die Fehlerstruktur, die syntaktische Komplexität und die auffällige Verwendung von Fremdwörtern, Fachwörtern oder Redewendungen könnten (!) Hinweise darauf sein, dass der Autor einen geringen Bildungsstand aufweist. Um diese Aussagen über den möglichen Täter zu stärken, wären allerdings noch weitere Analysen auf allen sprachwissenschaftlichen Ebenen von Nöten.

Hier ist zum Beispiel der morphologische Fehler bei "Dorftrotteln" auffällig. Bei Wörtern, die auf "el" enden, wird im Standarddeutschen bei der Pluralbildung in der Regel kein Pluralmorphem im Nominativ verwendet. So wird auch für das Wort Trottel kein Pluralmorphem vorgesehen. Ebner schreibt hierzu, dass sich im bayrischen Dialekt allerdings für verschiedene Wörter, die auf -el enden, das Pluralmorphem n durchgesetzt hat.

Außerdem liegt ein scheinbarer Kasusfehler in dem Satz "Verhalten vom deutschen Steuerzahler" vor. Eigentlich müsste hier der Genitiv verwendet werden. Allerdings würde "Verhalten" als Nomen hier nicht in den Gesamtkontext passen "die Politiker sind sooo dumm und Verbrecher, verhalten vom deutschen Steuerzahler". Hier ist es so, dass mit "verhalten" das Partizip des Verbs gemeint ist: Das Wort "Verhalten" hat in oberdeutschen Dialekten die Zusatzbedeutung "verpflichten". Der Text muss deshalb wie folgt verstanden werden: "die Politiker sind sooo dumm und Verbrecher, verpflichtet vom deutschen Steuerzahler". Bei diesem anonymen Schreiben liegt der Verdacht also nahe, dass es sich um einen Autor aus dem bairischen Raum handelt.

Zurück zum Anfangsbeispiel "Wegetarier". Hier erkennen und markieren die Linguisten beim Bundeskriminalamt durch eine umfassende Fehler- und Stiluntersuchung im Rahmen der Textanalyse sprachliche Besonderheiten, wie z.B. die falsche Schreibweise des Wortes "Wegetarier". Hier wird die Arbeit der Sprachexperten durch das rechnergestützte Kriminaltechnische InformationsSystem Texte (KISTE) unterstützt. Mit Hilfe dieses Systems ist eine Untersuchung unter verschiedenen sprachwissenschaftlichen Analyseperspektiven möglich. Die Texte werden korrigiert und die Wörter auf ihre Grundform zurückgeführt. Im Rahmen dieses Systems erfolgt außerdem eine Wortarten- und Grammatikbestimmung der einzelnen Wörter. Sonstige Auffälligkeiten werden markiert, so dass im Rahmen der Sammlungsrecherche ein Vergleich des Schreibens mit der Tatschriftensammlung möglich ist.

Rückschlüsse auf Dialekt und Bildungs-
stand
Noch ist der Autor aber nicht gefasst. Die Linguisten haben weitere Analysen anzustellen, um den Autorenkreis einzu- grenzen und den Wahrschein- lichkeitsgrad ihrer Aussagen zu erhöhen:Textvergleich und Sammlungsrecherche. Schall schreibt dazu: "Ein Textver- gleich wird vorgenommen, wenn Vergleichsschreiben von einem Tatverdächtigen vorliegen, wenn es mehrere Schreiben in einem Fall gibt, deren Zusammenhang überprüft werden soll oder wenn der Zusammenhang mehrerer Straftaten festgestellt werden soll."

Grundlage für einen Textvergleich ist die Textanalyse aller vorliegenden Schreiben. Diese Textanalyse wird wiederum durch das rechnergestützte System KISTE unterstützt. Durch den Vergleich aller erhobenen Merkmale und deren Konfigurationen wird eine Wahrscheinlichkeitsaussage über die Identität oder Nichtidentität zweier oder mehrerer Schreiben getroffen.

Im Rahmen der Sammlungsrecherche geben die BKA-Experten fragliche Schreiben in das System KISTE ein und bereiten sie korpusgerecht auf. Hier erfolgt eine manuelle interaktive Fehler- und Stichwortrecherche. Die Tatschriften werden auf Zusammenhänge mit bereits vorliegenden Schreiben verglichen. Liegen Ähnlichkeiten zwischen einem Referenzschreiben und einem bereits vorliegendem Schreiben vor: Textvergleich durchführen. So kann die Autorenidentität gegebenenfalls wahrscheinlicher gemacht werden. Auch hierzu Schall: "Die Sammlungsrecherche wird bei allen eingehenden inkriminierten Schreiben durchgeführt, da das BKA eine Zentralstelle für die Polizeien in Deutschland darstellt, die zur Verhütung und Verfolgung von Straftaten alle hierfür erforderlichen Informationen zu sammeln und auszuwerten hat."

Durch die Analyse in KISTE wird festgestellt, dass das eingegangene Schreiben der "Wegetarier" Ähnlichkeiten zu in der Vergangenheit aufgetretenen Erpresserschreiben aufweist. Diese Schreiben sind wahrscheinlich dem gleichen Verfasser zuzuordnen und erlauben Zusammenhänge zu einem bisher ungeklärten Fall. Der potenzielle Täterkreis ist enger gefasst.

Jetzt wird das Erpresserschreiben vom Handschriftenerkennungs- dienst im BKA unter die Lupe genommen. Erneut wird der Erpresserbrief mit schon erfassten Tatschriften verglichen, um eventuelle Zusammenhänge mit früher verübten Taten festzustellen. Und wieder kann der Computer die Schriftexperten unterstützen, diesmal FISH, das computergestützte Forensische InformationsSystem Handschriften.

Die Handschriftenerkennungsdienstler versuchen mit einem automatisierten Mustererkennungsverfahren verschiedene graphische Merkmale der vorliegenden Handschrift zu erfassen: Vermessungen werden vorgenommen und einzelne Schriftelemente gekennzeichnet. Die Erpresserschreiben in der Handschriftensammlung werden durch die Bestimmung der Deliktart eingeschränkt. Und wieder müssen die Spürnasen vergleichen: Sind im System ähnliche Schriften enthalten? Welche sind dem "Wegetarier" am Ähnlichsten? Können wir eine Reihenfolge festlegen?

Morphologische Fehler bei Wörtern wie
Dorftrotteln
Auf dem ersten Platz in der Liste befindet sich ein bisher ungeklärtes, zwei Jahre zurückliegendes Erpresserschreiben. Das fragliche Schreiben wird zudem mit Hilfe einer elektrostatischen Oberflächenprüfung untersucht. Eine vorhandene Druckspur wird sichtbar: "Christa ich komme heute abend später". Der Erpresser hat also in seinem Block über dem Erpresserbriefblatt noch eine Nachricht an seine Liebste geschrieben. Und wieder konnte der Täterkreis eingegrenzt werden.

Jetzt kommt das Schreiben zum Fachbereich ,Maschinenschriften, Drucktechnik, Vervielfältigungen' des Bundeskriminalamtes. Die Maschinenschrift auf dem Briefumschlag wird untersucht, indem die Form der Buchstaben vermessen und klassifiziert wird. Erneut hilft ein Vergleich: mit Werten aus der Schriftmustersammlung können die Schriftart auf dem Umschlag sowie das Schreibmaschinenmodell bestimmt werden. Außerdem lassen sich Merkmale feststellen, mit denen die verwendete Maschine identifiziert werden kann. Die Experten beim BKA stellen mit einer mikroskopischen Untersuchung fest: Es sind Formabweichungen, die durch eine Beschädigung an der Schreibmaschine entstanden sind.

Freitags nach Eingang des Erpresserschreibens erfolgt der im Schreiben angekündigte Telefonanruf. Der Anruf wird von der Polizei aufgezeichnet und direkt dem Sachgebiet Sprechererkennung und Tonbandauswertung des BKA übergeben. Hier arbeiten Phonetiker, welche die Aufzeichnung auditiv und instrumentell analysieren: Sie erkennen schwäbische Dialektmerkmale, die in der Gegend um Stuttgart angesiedelt werden können. Außerdem stellen die phonetischen Experten fest, dass der Anrufer vermutlich 30 bis 40 Jahre alt ist und ein mittleres Bildungsniveau besitzt. Für unseren Erpresser wird's langsam eng.

Das BKA leitet die Untersuchungsergebnisse umgehend an die ermittelnde Polizeidienststelle weiter. Außerdem erstellen die Sprachexperten ein forensisch-linguistisches Gutachten, welches vor Gericht eine wichtige Rolle spielen kann. Unter den von der Polizei ermittelten Verdächtigen befindet sich tatsächlich ein Mann aus Stuttgart, dessen Ehefrau den Namen Christa trägt. Die Polizei findet heraus, dass dieser Mann eine Schreibmaschine besitzt, die dem Typ der im vorliegenden Fall benutzten Maschine entspricht. Durch eine Vergleichsschriftprobe kann festgestellt werden, dass mit dieser Maschine der Briefumschlag beschriftet worden ist.

Aufgrund der vorliegenden Sachbeweise kann der Tatverdächtige schlussendlich überführt werden. Anm. der Redaktion: An dem fingierten Beispiel "Wegetarier" wurden hier die einzelnen Schritte der Autorenerkennung vorgestellt. Dieser Text kann natürlich nicht die Komplexität der Vorgänge beim BKA widerspiegeln.


Die Autorin Sandra Hansen studiert Linguistik, Phonetik und Psychologie an der Universität des Saarlandes. Im September absolvierte sie ein vierwöchiges Praktikum beim BKA.



Mehr im Internet:
Graphologie: Prinzip Zufall oder seriöse Persönlichkeitsanalyse?



Das Manuskript wurde uns freundlicherweise von der Online-Zeitschrift Lingua et Opinio zur Verfügung gestellt

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