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kultur

29.08.2006 - GESCHICHTE

Langlebige Organisation mit Reformstau

Im Schnellschritt durch die Jahrhunderte:
Berliner Ausstellung über das Heilige Römische Reich

Josef Tutsch

 
 

Bronzebüste Kaiser Karls V., von
Leone Leoni, um 1555 (Windsor
Castle, Royal Collection)

Das Heilige Römische Reich, zu Ende gegangen am 6. August 1806, indem Franz II., "von Gottes Gnaden erwählter römischer Kaiser", die Kaiserkrone niederlegte ... Wo wäre der geeignete Ort, das Ereignis nach 200 Jahren mit einer Ausstellung zu begehen? In Wien natürlich, wo Kaiser Franz residierte. Oder, sozusagen von der Kehre her, vielleicht auch in Paris, wo Napoleon, Kaiser der Franzosen, wenige Tage zuvor dieses Ende verfügt hatte. Aber bekanntlich gab sich das Römische Reich„ in den letzten Jahrhunderten seines Bestehens gern den Zusatz "deutscher Nation" und in der Tat, den größten Teil des Territoriums, das einstmals dazugehörte, nimmt heute die Bundesrepublik Deutschland ein.

Berlin also, immerhin Residenz eines der sieben (später neun) Kurfürsten, die den Kaiser dieses Reiches zu wählen hatten. Der Ort ist dennoch nicht ohne Hautgout. Es war Preußens König Friedrich der Große, der dem Reich bereits Jahrzehnte vor dem formellen Ende seine letzte Substanz genommen hatte – Komplikationen der deutschen und europäischen Geschichte, die das Deutsche Historische Museum eher am Rande belässt. Wie wohl die Führer durch die Ausstellung in den nächsten Wochen mit Fragen aus dem Publikum hierzu umgehen werden? Fragen von lokalpatriotischen Berliner und Brandenburgern einerseits, preußenskeptischen Bayern oder Rheinländern oder Österreichern andererseits?

Kaiserkrönung Franz’ I. im Frankfurter Dom
nach Wolfgang Christoph Mayr, um 1745,
Historisches Museum Regensburg)
Erklärungsbedarf, das ist abzusehen, wird es ohnehin reichlich geben, wie in historischen Ausstellungen unvermeidlich. Dieses Reich ist uns sehr fremd geworden, es war, um nur das geläufigste Missverständnis auszuräumen, kein Staat. Aber bereits die Zeitgenossen hatten ja ihre Schwierigkeiten, 1667 schrieb der Jurist Samuel von Pufendorf, vom Standpunkt der Logik her gleiche es einem Monstrum. Manchmal werden die Fragen ganz banal sein. Sollte sich ein Besucher daran machen, die Verzichtsurkunde von 1806 zu lesen, die – recht unauffällig präsentiert – das sachliche Zentrum der Schau bildet, findet er in der sechsten Zeile den Titel eines Königs von Lodomerien. Wo dieses Königreich gelegen hat (im heutigen polnisch-ukrainischen Grenzgebiet), müssen ja auch historisch belesene Besucher nicht unbedingt wissen.

Solche Klippen häufen sich über die Jahrhunderte. Denn die Ausstellungsmacher haben ihren Ehrgeiz sehr hoch gesteckt, nicht bloß das Ende des Reiches 1806, sondern gleich seine ganze Geschichte zum Thema gemacht, seit der Krönung des deutschen Königs Otto I. zum Kaiser im Jahre 962 durch den Papst in Rom. Da das selbst für das größte historische Museum Deutschlands zuviel wäre, teilt sich Berlin die Aufgabe mit dem Kulturhistorischen Museum Magdeburg. In Magdeburg, wo Otto der Große gelegentlich residierte, ist das Mittelalter zu sehen, in Berlin die Neuzeit, angefangen beim "Ewigen Landfrieden", der 1495 auf dem Reichstag in Worms verkündet wurde.

Kopf der Verzichtserklärung von Kaiser
Franz II. 1806 (Regensburg, Thurn
und Taxis)
Das ist immer noch reichlich viel, mit der Folge, dass das meiste gerade mal angetippt werden kann. Und ausgerechnet jene Aspekte, die an dem alten Reich noch immer (oder schon wieder) aktuell sein könnten, werden allzu kurz gestreift. "Die Ausstellung betont die positiven Eigenschaften des Ordnungs-, Rechts- bzw. Verfassungs- und Friedenssystem sowie die politische Kraft des europäischen Staatenbundes, die sich von den Kämpfen des Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts deutlich abhebt", heißt es in der Ankündigung. Beim Durchgang stellt der Besucher dann fest, dass es ganz so harmonisch doch nicht gewesen sein kann. Gerade die großen Fürsten, die den Landfrieden gegen die vielen kleinen Ritter durchsetzten – eine kaiserliche Zentralgewalt gab es nicht –, höhlten das Reich von innen immer mehr aus und erkämpften sich bis 1648 auch ganz offiziell das Recht zu eigener Kriegsführung.

"Altes Reich und neue Staaten" ist der Berliner Ausstellungsteil überschrieben. Die Konzeption will zeigen, wie sich auf dem alten Reichsboden nicht nur in Österreich und Preußen, sondern auch in den vielen mittleren und kleinen Staaten moderne Formen von Staatlichkeit ausbildeten. Da wird das kurzlebige Königreich Westphalen der Vergessenheit entrissen, der Modellstaat nach französischem Vorbild, den Napoleon im Nordwesten Deutschlands etablierte: zwei lebensgroße Porträts von König Jérome, dem Bruder Napoleons, und Gattin. Mit einiger Aufmerksamkeit wird man bemerken, dass dieser Fortschritt auch seine Unkosten hatte. Gleich neben der Verzichtsurkunde Kaiser Franz II. liegt ein Protestschreiben der alten Reichsstadt Nürnberg, die sich gegen Übergriffe des Königreichs Bayern verwahrte.

Stutzuhr mit Apotheose
auf Wiener Kongress und
Heilige Allianzum 1815
(Wien, Museum für
AngewandteKunst )
Vor allem in den kleineren Territorien im Westen und Süden Deutschlands, darin liegt eine wichtige Erkenntnis, die hier vermittelt wird, war das Reich bis zum Schluss eine gelebte Realität, in den Reichsstädten, -bistümern, -klöstern und –ritterschaften. Zum Beispiel die Abtei Weingarten, zuletzt rund 320 Quadratkilometer mit etwa 11.000 Einwohnern. Den Mittelpunkt bildete eine Reliquie vom Blute Jesu Christi, das kostbare Reliquiar dazu wurde 1806 vom Königreich Württemberg eingezogen und durch eine blecherne Nachbildung ersetzt. Die Ausstellung präsentiert daneben eine Reiterstandarte aus der benachbarten Reichsstadt Biberach zum Weingartener Blutritt, der als volkstümliches Brauchtum heute noch gepflegt wird, damals aber den zentralen Repräsentationsakt des kleinen geistlichen Staates darstellte.

Gelebte Realität, zweifellos, ungeachtet dessen, dass sicherlich niemand dorthin zurück will. Auch im Fall Nürnberg war es nur eine ganz schmale Führungsschicht, die um ihre ererbten Privilegien fürchtete – eine Ambivalenz, die sich durchaus gegenwärtig machen lässt. Aber was die Aktualität des Themas angeht, scheinen die Organisatoren selbst sich nicht ganz schlüssig geworden zu sein. "Die Geschichtsschreibung nach dem Zweiten Weltkrieg hat Ergebnisse gebracht, die das Reich als ein Modell für übernationale Ordnungen zur Diskussion stellen", heißt es das eine Mal, dann wieder wird betont, es sei "jedenfalls kein konkretes Modell".

Graf Rudolf von Habsburg und der
Priester, 1818, von Franz Ludwig Catel
(Städelsches Kunstinstitut Frankfurt
am Main)
Wie auch immer – der Europarat hat das Projekt in Magdeburg und in Berlin als 29. Europäische Ausstellung anerkannt. Um so merkwürdiger, dass das Ungenügen in den entstehenden Nationalstaaten Westeuropas an dem universalen Anspruch von Reich und Kaiser weitgehend ausgeblendet wird. Wie nimmt sich dieses Reich eigentlich im französischen Geschichtsbewusstsein, in der Tradition eines Sonnenkönigs und eines Kaisers Napoleon, aus? Aber auch im Inneren wären es gerade die problematischen Aspekte, die das alte Reich für den Besucher interessant machen könnten: etwa die wachsenden Spannungen zwischen Kaiser und Ständen (die sich, nebenbei bemerkt, in den Funktionsproblemen des Föderalismus fortsetzen), den – modern gesagt – "Reformstau", der die Reichsgewalt immer mehr lähmte, das zunehmende Fragwürdigwerden sowohl des "Heiligen" als auch des "Römischen" an diesem Reich, das bereits den Namen allmählich zur Chimäre machte, von der Frage einer Reichs-"gewalt" ganz abgesehen.

Ein bescheideneres Ausstellungskonzept, konzentriert auf einzelne Aspekte, würde es dem unvorbereiteten Besucher wohl erleichtern, den einen oder anderen roten Faden zu finden. Dennoch – der Durchgang durch die Jahrhunderte bietet allerlei Sehenswertes, von der Bronzebüste Karls V., etwa aus dem Jahr 1555, bis zur Begräbniskrone des letzten seiner Nachfolger, Franz II., 1835, von einem kaiserlichen Doppeladlers 1510, auf dessen Schwingen nicht weniger als 60 Reichsstände mit ihren Wappen dargestellt sind, bis zu romantischen und biedermeierlichen Sehnsuchtsbildern von alter Reichsherrlichkeit und verlorener deutscher Eintracht.

Reichsadlerhumpen,
1615 (Deutsches
Historisches Museum
Berlin)
 
Das beeindruckendste Objekt in der Ausstellung, nicht unter dem Gesichtspunkt künstlerischer Gestaltung, sondern von der Aussagekraft her, ist vielleicht der Kabinettsschrank Kaiser Ferdinands III. aus dem frühen 17. Jahrhundert: Als Medaillons sind die Porträts fast aller Vorgänger bis zurück zu Karl dem Großen eingeprägt ... Ein beinahe schon mythisches Traditionsbewusstsein, das stolze Beharren auf einer ererbten politischen Kultur. Man muss sich vergegenwärtigen, dass viele der einzelnen Reichsterritorien tatsächlich auf eine Vergangenheit über die Jahrhunderte hinweg zurückblicken konnten. In Mergentheim etwa lebte der Deutsche Orden noch fast 300 Jahre als Reichsstand fort, nachdem er sein großes Territorium in Ostpreußen durch die Reformation verloren hatte.

Fremde Welten, gewiss. Der Bruch lässt sich handgreiflich materiell fassen: Die eine oder andere der neuen Herrschaftsinsignien im Deutschland Napoleons wurde aus dem eingeschmolzenen Gold und Silber alter Monstranzen und Reliquien geschaffen. Auch die "deutsche Nationalbewegung in Restauration und Vormärz gab sich andere Ziele als die Wiederaufrichtung des Heiligen Römischen Reiches", betonen die Wissenschaftler des Deutschen Historischen Museums. "Auch das deutsche Kaiserreich unter preußischer Führung hat nur wenige Anknüpfungspunkte gesucht."

Damit ist die Mittelalter-Mimikry, die das wilhelminische Zeitalter so gern betrieben hat, aber vermutlich doch unterschätzt. Touristen kennen das Kyffhäuserdenkmal südlich vom Harzgebirge: In Anknüpfung an eine spätmittelalterliche Legende wurde dort Wilhelm I., "der Große", als der wiedergekehrte Kaiser Barbarossa verklärt. Die unhistorische Sehnsucht der Deutschen nach dem alten Reich (und, sonderbar damit verknüpft, zugleich die Angst vor der "Kleinstaaterei", die zu diesem Reich immer dazu gehört hat), das wäre auch ein Ausstellungsthema für das Jubiläumsjahr gewesen. Dass das Dritte Reich sich mit den Repräsentationsstücken des Kaisertums drapierte, wird in der Berliner Ausstellung immerhin kurz angerissen: Hitler ließ die Reichsinsignien 1938 aus Wien in die Nürnberger Burg bringen, als dekorativen Hintergrund für seine Reichsparteitage.


Ausstellung
Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962 bis 1806
- Altes Reich und neue Staaten 1495 – 1806 –
Bis 10. Dezember 2006 in der Ausstellungshalle des Deutschen Historischen Museums Berlin
Geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr


Mehr im Internet:
Heiliges Römisches Reich    
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Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

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