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04.09.2006 - ZEITGESCHICHTE

"Den Juden zu töten, erfreut Allah"

Deutsch-arabische Annäherungen im Zweiten Weltkrieg

von Josef Tutsch

 
 

Muslimischer Soldat der Waf-
en-SS mit Schrift über "Islam
und Judentum"

"Von einer Übersetzung derjenigen Stellen sei abzusehen, die in Anbetracht der heutigen politischen Lage und im Hinblick auf das Empfinden der arabischen Völker für eine Übersetzung nicht geeignet erscheinen": Es war Adolf Hitler persönlich, der 1936 sein Einverständnis erklärte, das eigene Hauptwerk derart zu ändern. In "Mein Kampf" hatte er einem Bündnis mit den Muslimen noch eine Absage erteilt: "Als völkischer Mann, der den Wert des Menschentums nach rassischen Grundlagen abschätzt, darf ich schon aus der Erkenntnis der rassischen Minderwertigkeit dieser sogenannten unterdrückten Nationen nicht das Schicksal des eigenen Volkes mit dem ihren verketten." Inzwischen war er zu dem Schluss gekommen, ein solches Bündnis könnte sich für das Dritte Reich als nützlich erweisen.

Die beiden Stuttgarter Historiker Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers haben die Bemühungen um ein solches Bündnis erstmals einer umfassenden Analyse unterzogen. Hitlers Bereitschaft zur Revision seines Textes blieb in diesem Zusammenhang kein Einzelfass, auch die praktische Politik wurde gelegentlich neu orientiert. 1937 erwog das SD-Judenreferat, man solle "die aus Deutschland auswandernden Juden verpflichten, ausschließlich nach Palästina, nicht aber in irgendein anderes Land zu gehen. Eine solche Maßnahme liegt durchaus in deutschem Interesse". 1941 dagegen sagte der "Führer" persönlich zum Mufti von Jerusalem, eine jüdische Heimstätte in Palästina sei "nichts anderes als ein staatlicher Mittelpunkt für den destruktiven Einfluss der jüdischen Interessen".

Deutsche Propagandapostkarte 1942:
Roosevelt, Churchill und Weizmann
verteilen die arabischen Länder an die
Juden
Detail am Rande: Himmler richtete 1943 in der Nähe von Graz einen Kochlehrgang ein – ohne Alkohol und Schweinefleisch, um Muslimen vom Balkan einen Dienst in der Waffen-SS zu ermöglichen. Sie gehörten, erklärte Himmler, zu den "rassisch wertvollen Völkern Europas", an der Seite der Arier hätten sie "durch ihren Einsatz an der Neuordnung Europas mitzukämpfen und mitzuarbeiten, um hierdurch ihre zukünftige Lebensberechtigung im Rahmen eines nationalsozialistischen Europas zu beweisen". Zur Zeit der ersten Kriegserfolge in Nordafrika und in Russland richteten sich die Hoffnungen des Regimes jedoch über Europa hinaus auf den Nahen Osten.

Zu diesem Punkt ist der Ruf von Mallmanns und Cüppers’ Forschungsprojekt der Publikation vorausgeeilt: Die Vernichtung des Judentums in Palästina war bereits ins Auge gefasst, das "Reich" hoffte, die englischen und französischen Besitzungen im Vorderen Orient demnächst von Norden und von Westen her in die Zange nehmen zu können. Mindestens ebenso interessant ist aber, was die beiden Forscher über die arabische Seite zu berichten wissen. 1941 telegraphierte Ägyptens König Faruk nach Berlin, er sei "mit seinem Volk in dem Wunsch vereint, deutsche Truppen möglichst bald siegreich in Ägypten als Befreier vom unerträglichen brutalen englischen Joch zu sehen". Im November dieses Jahres kam der Mufti von Jerusalem, Haj Amin Muhammad el-Husseini, in die Reichshauptstadt und wurde auch vom "Führer" empfangen.

Mufti el-Husseini bei Adolf Hitle, 1941
 
Nach einigen Irritationen bei der Begrüßung (Hitler weigerte sich, mit dem Gast gemäß arabischer Tradition Kaffee zu trinken) kam es zu einem sehr freundlichen Gedankenaustausch. Zwar erreichte der Mufti sein Ziel nicht, Deutschland zu einer öffentlichen Erklärung für die Unabhängigkeit der Araber zu gewinnen. Hitler vertröstete ihn auf die Zeit, wo deutsche Armeen den Kaukasus überquert haben würden. Einziges Ziel deutscher Politik in der Region, versicherte der Reichskanzler, sei "die Vernichtung des im arabischen Raum unter der Protektion der britischen Macht lebenden Judentums", Der Mufti gab sich zufrieden. Deutschland, schrieb er ein Jahr später, sei "die einzige Macht, die versucht, das jüdische Problem vollständig zu lösen, und die dabei ist, die Macht Großbritanniens und des Kommunismus zu zerstören".

Ein bloß zufälliges Übereintreffen zweier Argumentationslinien, nach dem Grundsatz "der Feind meines Feindes ist mein Freund"? Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde el-Husseini in der deutschen Nahostliteratur gelobt, er sei "nicht verblendet durch Deutschlands Rassenlehre" gewesen, diese "passte auch nicht zu seiner Überzeugung als Muslim und gläubigen Menschen". Was Mallmann und Cüppers aus den Reden des Mufti in Deutschland zitieren, legt jedoch den Eindruck nahe, dass sich seine arabisch-nationalen und islamisch-religiösen Intentionen mit dem Rassismus der Nazis problemlos verbinden ließen. "Die Juden kann man mit krankheitstragenden Insekten vergleichen", führte el-Husseini im "Stürmer"-Stil aus. "Der göttliche Fluch drückt sich in dem niederträchtigen Charakter der Juden und ihrer Zuneigung zum Bösen aus".

Der Mufti vor muslimischer Waffen-SS
Ob nun "Krankheit" oder "Fluch" – deutlich ist, dass dem Mufti und seinen deutschen Gesprächspartner eine strikt anti-individualistische Denkweise gemeinsam war. Wahrscheinlich hätten die Nazis selbst auch keine Bedenken gehabt, von einem arabischen oder islamischen Antisemitismus zu sprechen. Tatsächlich fasste 1942 das Rassenpolitische Amt der NSDAP den Begriff "Antisemitismus" neu: Er richte sich ausschließlich gegen Juden. Zuvor hatten Nahostexperten die Rasseideologen jahrelang immer wieder darauf hingewiesen, der sprachwissenschaftliche Terminus "semitisch" beziehe sich auch auf das Arabische. 1943 hieß es in den Richtlinien für die mohammedanische Waffen-SS: "Der Nationalsozialismus wird als völkisch bedingte deutsche Weltanschauung und der Islam als völkisch bedingte arabische Weltanschauung den Muselmanen vermittelt."

Mallmann und Cüppers stellen die deutsch-arabischen Annäherungen in die Linie des arabischen Kampfes gegen die jüdische Einwanderung in Palästina. Einen verbalen Höhepunkt bildete die vielzitierte Drohung des Obersten Arabischen Komitees 1937: "Wenn einmal die Engländer die Hand von diesem Land wegnehmen, werfen und jagen wir sämtliche Juden in einem Ansturme ins Meer hinein". Im arabischen Palästina, so die Autoren, hatte sich bis 1939 "ein eliminatorischer Antisemitismus eingenistet, der dem deutschen Judenhass in nichts nachstand, ihn in seiner praktischen Umsetzung sogar noch antizipierte." Eine Frage lassen die beiden Forscher jedoch offen: wie die Formulierung "die Juden" in den arabischen Pamphleten eigentlich gemeint war –  als ein anderes Volk, das sich im selben Land ansiedeln wollte? eine zu verwerfende Religionsgemeinschaft, womöglich im Licht der frühislamischen Theorien von legitimer Herrschaft über "Ungläubige"? als "Rasse" in jenem Sinn, wie ihn der Nationalsozialismus nahe legte? Das müsste wohl zunächst geklärt werden, bevor sich von einem arabischen Antisemitismus reden lässt.

"Mein Kampf", gedruckt in 
Ramallah 1999
Mag durchaus sein, dass die arabischen Autoren selbst diese Frage gar nicht reflektiert haben. Praktisch-politisch spielte sie wohl auch keine Rolle, solange man wusste, wer als "Feind" zu gelten hatte. Solche Töne waren nach dem Weltkrieg nicht überholt, el-Husseini forderte immer wieder, die Araber sollten "gemeinsam über die Juden herfallen und sie vernichten". Das Historische erweist sich auch in diesem Fall als höchst aktuell, Mallmann und Cüppers bieten einen Einblick in die Vorgeschichte einer aktuellen Polemik und ihrer Exzesse. Vermutlich ist es ja auch keine Legende, dass als Deutsche erkannte Touristen in Kairo, Damaskus oder Bagdad gelegentlich begeistert mit "Heil Hitler" begrüßt wurden.

Es wird der Nazi-Propaganda nicht schwergefallen sein, mit Parolen wie "Der Jude ist der Feind, ihn zu töten, erfreut Allah" Resonanz zu finden. "Im Himmel Allah, auf Erden Hitler", soll 1940 bei Massendemonstrationen in Damaskus gesungen worden sein. Ende der 1930er Jahre berichtete ein deutscher Reisender mit unverhohlener Schadenfreude: "Wenn ein Deutscher zum Beispiel in einem jüdischen Autobus fahren muss, weil es auf bestimmten Strecken kein anderes Verkehrsmittel gibt, und dieser Autobus wird von Arabern angehalten, so kann der Deutsche, wenn er imstande ist, sich als solcher zu legitimieren, gehen, wohin er will, die anderen aber werden erschossen."


Neu auf dem Büchermarkt:
Klaus-Michael Mallmann/Martin Cüppers:
Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006 (ISBN 3-534-19729-1). 49,90 €



Mehr im Internet:
Antisemitismus in islamischen Ländern





 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

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