Zum 100. Geburtstag des Nobelpreisträgers Max Delbrück (1906-1981)
Ernst Peter Fischer
Max Delbrück in seinem Büro
in Konstanz 1969 - Bild: privat
„Licht und Leben“ – so lautete der Titel einer Vorlesung, die der
dänische Physiker Niels Bohr im Jahre 1932 in Kopenhagen gehalten hat.
Im Publikum unter den Zuhörern saß der damals 26-jährige Max Delbrück,
der nach seinem Studium der Physik ein Jahr zuvor als Postdoc bei Bohr
tätig gewesen war. Delbrück war auf der Suche nach einer Möglichkeit,
sich ein anderes Forschungsgebiet zu suchen, in dem noch große Ideen
gefragt waren und es nicht nur auf das Durchrechnen kleiner Probleme
ankam.
Tatsächlich legte die Physik zu Beginn der 1930er Jahre
eine Art Ruhepause ein. Dies war auch dringend notwendig nach dem
gewaltigen Umsturz, den sie als Quantenmechanik und Relativitätstheorie
in den ersten Jahrzehnten nach 1900 erlebt hatte. Doch so dramatisch es
bis dahin in der Physik zugegangen war, als Bohr in Kopenhagen an das
Rednerpult trat, kannte man die wesentlichen Ideen schon, und Delbrück
fragte sich, wie er sich neu orientieren könne. Er erfuhr es bei Bohr,
der zum einen darauf hinwies, daß die Atomphysik ihre großen Erfolge
der Tatsache verdanke, daß sie mit einem höchst einfachen System in
Form des Wasserstoffatoms anfangen und die grundlegenden Gesetze
Schritt für Schritt erraten und verfeinern konnte. Und zum zweiten
erinnerte Bohr an den Ausgangspunkt der neuen Physik, die sich bemühte,
die Wechselwirkung von Licht und Materie zu verstehen.
Vielleicht
könne die Biologie sich ähnlich revolutionär verändern, wenn sie
beginne, die Wechselwirkung von Licht und Leben zu analysieren.
Delbrück war elektrisiert. 1927 war entdeckt worden, daß
Röntgenstrahlen Mutationen bewirken können, und er fragte sich: Welches
ist das einfachste biologische System, das als „Wasserstoffatom“ der
Vererbung dienen konnte, dass also nicht viel anderes tat, als sich zu
vermehren? Was Delbrück zusätzlich reizte war Bohr`s Gedanke, dass es
bei der Analyse des einfachen Systems zu einem Widerspruch mit dem
herkömmlichen Denken kommen konnte, was ihm und seinen Kollegen die
Möglichkeit geben würde, neue (revolutionäre) Vorstellungen für das
Leben zu entwickeln. Beim Wasserstoff kann die klassische Physik nicht
erklären, wie ein Elektron einen Atomkern umrundet. Dies gelang erst
der Quantenphysik, die sich so durchsetzte.
Delbrücks erste
Bemühungen um das geeignete biologische System führten ihn zu dem
russischen Genetiker Nikolai Wladimirovich Timoféeff-Ressovsky, der in
Berlin-Buch arbeitete. Zusammen mit ihm und dem deutschen Physiker Karl
Günter Zimmer verfasste er 1935 die Arbeit „Über die Natur der
Genmutation und der Genstruktur“, in der das Gen als „Atomverband“
beschrieben und somit Teil der exakten Wissenschaften wurde. Während
Delbrück seine privaten Ausflüge in den genetischen Bereich unternahm,
arbeitete er offiziell als Assistent von Lise Meitner am
Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Dahlem. Er war zuständig für die
theoretische Deutung der Experimente, bei denen Neutronenstrahlen auf
Uran gerichtet wurden und mit deren Hilfe Ende 1938 die Kernspaltung
entdeckt wurde. Zu dem Zeitpunkt war Delbrück bereits in den USA. Im
Jahr zuvor hatte ihm die Rockefeller Stiftung angeboten, seine auf
Genetik gerichteten Interessen im Labor von Thomas H. Morgan am
California Institute of Technology (Caltech) in Pasadena zu verfolgen
und die Genetik der Fruchtfliege Drosophila zu erkunden.
Doch so
gut sich die Gesetze der Vererbung mit Drosophila erforschen ließen,
die Fliege war nicht das Wasserstoffatom der Biologie, das Delbrück
suchte. Er fand es am Caltech trotzdem, und zwar in dem Labor, in dem
ein einzelner Mann namens Emory Ellis experimentierte. Ellis versuchte,
das Wachsen von Viren zu verstehen, und zwar von Viren, die in
Bakterien eindringen und sich dort vermehren. Sie heißen Bakteriophagen
oder kurz Phagen, und als Delbrück sich ihrer annahm, öffnete er den
Weg in die heutige Molekularbiologie. Delbrück konnte die statistischen
Methoden nutzen, die er als Physiker gelernt hatte, um die Vermehrung
der Phagen zu quantifizieren, und die Arbeit über „The Growth of
Bacteriophage“, die er 1939 zusammen mit Ellis publizierte, erlaubte
einer bis dahin eher deskriptiven Forschung, so exakt zu werden, wie
man es von einer modernen Wissenschaft verlangte.
Das Jahr 1939
stellt nicht nur wissenschaftlich, sondern auch politisch einen
Wendepunkt dar. Als Delbrücks Stipendium zu Beginn des Zweiten
Weltkriegs ablief, versuchte er, in den USA zu bleiben, was erneut mit
Hilfe der Rockefeller Stiftung gelang, die ihm zu einer Stelle an der
Universität von Vanderbilt in Nashville in Tennesse verhalf. Dort
verbrachte Delbrück die Jahre bis 1945. Er nutzte die Weltferne des
Ortes, um in aller Ruhe mit dem italienischen Biophysiker Salvador
Luria die Grundlagen der Wissenschaft zu legen, die heute
Bakteriengenetik heißt. Die beiden Forscher kümmerten sich um das
Phänomen des sekundären Wachstums, das Bakterien zeigen, wenn sie von
Phagen angegriffen werden. Erst funktioniert die Virusattacke, doch
zuletzt bleiben einige Bakterien übrig, die resistent geworden sind und
sich dadurch ungehindert vermehren können. Die Frage lautete, wie
machen das die Bakterien?
Die Antwort, die Delbrück und Luria
in ihrer so genannten Fluktuationsanalyse im Dezember 1943 publizierten
und für die sie 1969 zusammen mit Alfred D. Hershey den
Medizinnobelpreis bekamen, umfasst mehrere Aspekte. Zum einen zeigten
Delbrück und Luria, dass Bakterien Gene haben - was damals neu war;
dann erkannte das Duo, dass sich diese Gene spontan ändern (mutieren)
konnten (wie es die Evolution nach Charles Darwin erwartete); und sie
waren in der Lage, die Mutationsrate genau zu ermitteln. Die
Wissenschaft unternahm jetzt Riesenschritte, um die Idee der
Molekularbiologie zu verfolgen.
Ein wesentlicher Beitrag dazu
kam von dem berühmtesten Schüler Lurias, James Watson, der 1953
zusammen mit Francis Crick das Modell der Doppelhelix für die
Erbsubstanz vorschlug. Delbrück war nicht nur der erste, der durch
einen Brief Watsons davon erfuhr; er war auch der erste, der Watson
einlud, über die Doppelhelix einen Vortrag zu halten. Doch so sehr alle
von der neuen Biologie schwärmten, für Delbrück selbst war die Genetik
langweilig geworden. Das war in seinen Augen nur noch Chemie. Und so
entschied er sich 1953, das Feld erneut zu wechseln. Er suchte einen
Organismus, der im Wesentlichen ein empfindliches Wahrnehmungssystem
darstellen und möglichst aus einer Zelle bestehen sollte, und er
entschied sich für einen kleinen Pilz mit Namen Phycomyces. Zu dieser
Zeit war Delbrück bereits seit sechs Jahren Professor am California
Institute of Technology (Caltech), und dort sollte er bis zum Ende
seines Lebens bleiben.
Sät man Sporen von Phycomyces aus,
entsteht eine Art Teppich (das Mycel), von dem aus sich kleine Gebilde
hochrecken, die wie Härchen aussehen und nur Bruchteile von Millimetern
dick sind. Sie bilden irgendwann ein Köpfchen – das Sporangium mit den
neuen Sporen – und wachsen dann schnell in die Höhe. „Schnell“ meint
mehrere Millimeter pro Stunde, und während sie wachsen, sind die
Sporangiophoren äußerst reizempfindlich. Sie reagieren unter anderem
auf Licht, auf Wind, auf feste Gegenstände und auf die Schwerkraft.
Delbrücks Ziel bestand darin, die genaue Kette der Signale kennen zu
lernen, die vom Ein- und Auftreffen des Reizsignals (Licht zum
Beispiel) bis zur Reaktion in Form eines differenzierten Wachstums
führt. Er hatte ganz allgemein der Biologie empfohlen, Signalketten zu
untersuchen, um die Verhaltensweisen von Organismen zu verstehen, und
dieses Konzept dient heute als Grundlage, um zu verstehen, wie
Umweltreize von außen nach innen kommen, wo sie das Leben beeinflussen.
So
dynamisch die Phagenforschung geworden ist und so wichtig sich die Idee
der Signalumwandlung erwiesen hat – aus Phycomyces ist keine
Erfolgsgeschichte geworden. Delbrück trug auf jeden Fall neben seinen
fachlichen Beiträgen auch institutionell zum Leben der Wissenschaft
bei. Auf ihn gehen die legendären Phagenkurse zurück, die das Cold
Spring Harbor Laboratory auf Long Island nach dem Zweiten Weltkrieg
anbot, und zwar in den Räumen, die heute nach Delbrück benannt sind. In
den frühen 1960er Jahren brachte er die Genetik nach Köln, 1969 half
Delbrück, die biologische Fakultät der neu gegründeten Universität
Konstanz aufzubauen. Während der Kölner Zeit gelang es Delbrück, Bohr
einzuladen und mit der Bitte Gehör zu finden, das alte Thema „Licht und
Leben“ dreißig Jahre später noch einmal zu erörtern. Beide – Bohr und
Delbrück – waren sich einig, dass es sich immer noch lohnt, die
Wechselwirkung von Licht und Leben zu verstehen.
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