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13.10.2006 - GESCHICHTE

"Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht!"

Vor 200 Jahren: die Schlacht von Jena und Auerstedt

von Josef Tutsch

 
 

Napoleon in der Schlacht von
Jena (Gemälde von Jean
Horace Vernet)

"Der König hat eine Bataille verloren", verkündete am 17. Oktober 1806 ein Maueranschlag in den Straßen Berlins. "Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht." Und dann folgte noch ein Satz: "Der König und seine Brüder leben!"

Die Doppelschlacht von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 war nicht bloß eine "Bataille", sie war für den Staat Friedrichs des Großen eine Katastrophe. Preußen konnte auf ein Jahrzehnt des Friedens zurückblicken. Seit 1795 hatte es sich allen antifranzösischen Koalitionen verweigert. Wo andere Mächte Krieg führten, baute Preußen seine Machtstellung vom Niederrhein bis zum Njemen still und allmählich aus. Den Höhepunkt bildete 1805, gebilligt von der Pariser Regierung, die Annexion Hannovers. Allerdings musste Preußen dafür mit Großbritannien brechen, mit dem Hannover seit einem Jahrhundert in Personalunion verbunden war. Mag sein, dass Napoleon die Berliner Politik damit in eine Falle gelockt hatte; vielleicht wollte der Kaiser auch bloß seine Optionen nicht beschränkt sehen – jedenfalls bot er wenig später London gegen ein europäisches Arrangement die Rückgabe von Hannover an.

Königin Luise vor Kaiser Napoleon
(Gemälde von Rudolf Eichstaedt, 1895)
Preußens König Friedrich Wilhelm III. reagierte beleidigt und stellte Napoleon, in schwer erklärlicher Verkennung der Machtverhältnisse, ein Ultimatum: Räumung Süddeutschlands. Es war wenige Wochen, nachdem Napoleon die abhängigen deutschen Staaten unter seinem Protektorat zum Rheinbund zusammengeschlossen hatte. Am 9. Oktober 1806 erklärte Preußen Frankreich den Krieg; nur Sachsen, Braunschweig und Sachsen-Weimar wollten das Abenteuer mitmachen. Napoleon selbst hatte es gar nicht glauben wollen, "der Gedanke, Preußen könne sich allein mit mir einlassen, erscheint mir so lächerlich, dass er gar nicht in Betracht gezogen zu werden verdient", schrieb er im September an seinen Außenminister Talleyrand. Am 14. Oktober wurde in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt die Armee Friedrichs des Großen vernichtet. Am 27. stand Napoleon in Berlin, am 30. ließ er einen Friedensvertrag aufsetzen, der Preußen alle Territorien westlich der Elbe nahm.

Damit war Friedrich Wilhelm, auf der Flucht durch den Osten seines Reiches, sogar einverstanden, aber die zweite Bedingung, dass sein Staat sich an Napoleons geplantem Krieg gegen Russland beteiligen müsste, wollte er nicht akzeptieren. Mit den Resten seiner Armee trat Preußen an der Seite Russlands erneut in den Krieg gegen Frankreich. In dieser Situation spielte Napoleon mit dem Gedanken, dem Hohenzollernstaat den Garaus zu machen. In seinen Papieren fand sich später der Entwurf einer Proklamation, worin die Absetzung der Dynastie verkündet wurde. Gerettet wurde Preußen bloß durch den Umstand, dass Napoleons Feldzug gegen Russland diesmal bereits in Ostpreußen und Polen ins Stocken kam. Im Juli 1807 einigte sich der Kaiser in Tilsit mit dem Zaren; Preußen musste sich dem Frieden anschließen. Der Nachwelt sind die Verhandlungen durch eine Szene in Erinnerung geblieben, die im Stil der Regenbogenpresse ausgeschmückt wurde: Königin Luise, wie sie den Sieger um Milde bittet.

Denkmal des Freiherrn vom
Stein in Berlin-Spandau
Was folgte, gehört zweifellos zu den erstaunlichen Phänomenen der deutschen Geschichte. Unter französischem Besatzungsregime machten sich ein paar Männer daran, Preußen zu modernisieren. Der Staat müsse jetzt an innerer Kraft gewinnen, was er an äußerer verloren haben, schrieb Wilhelm von Humboldt, als er den Plan für die neue Universität in Berlin vorlegte. Deutsche Geschichtslehrer haben diese Stein-Hardenbergschen Reformen zwei Jahrhunderte lang mit mythischem Firnis überstrichen. Aber die Reformen kam nicht aus dem Nichts. Etwa die Befreiung der Bauern von der Untertänigkeit unter ihre Gutsherren hatte Vorbilder in Österreich und im revolutionären Frankreich.

Auch in Preußen waren längst Reformpläne geschmiedet worden. 1799 erklärte Minister Struensee gegenüber dem französischen Geschäftsträger, in wenigen Jahren werde es keine privilegierten Klassen mehr geben. "Die heilsame Revolution, die ihr von unten nach oben gemacht habt, wird sich in Preußen langsam von oben nach unten vollziehen." Das allerdings blieb auch nach Stein und Hardenberg übertrieben. Die Gutsherren erhielten sich Polizeigewalt und niedere Gerichtsbarkeit auf ihren Gütern, ihr Kirchenpatronat überdauerte sogar den Zusammenbruch der preußischen Monarchie 1918. Und das berühmte Edikt "Mit dem Martinitage 1810 gibt es nur freie Leute" zeigte bald seine Kehrseite: Die Hälfte des bewirtschafteten Landes musste dem Gutsherrn zur Entschädigung überlassen werden, vielen Bauern war das Wirtschaften damit unmöglich gemacht.

Karikatur auf den Philoso-
phen Johann Gottlieb Fichte,
1813
Das Gegenstück zur Bauernbefreiung war in den Städten die Gewerbefreiheit, die Abschaffung aller Zünfte mit ihren Zwängen, aber eben auch ihren Schutzpflichten. Den wohl verblüffendsten Reformschritt stellte aber die Reorganisation des Militärs dar. Binnen weniger Jahre gelang es, eine Armee, die bisher zur einen Hälfte aus angeworbenen Söldnern, zur anderen aus gezwungenen Bauern bestand, auf die Wehrpflicht aller Bürger umzustellen. Und noch verblüffender: Es gelang, diese Pflicht in der Bevölkerung nicht als Zwang, sondern als Ehrendienst für das Gemeinwohl darzustellen – in einem Staatswesen, das sich, anders als das revolutionäre und auch das kaiserliche Frankreich, weiterhin als Obrigkeitsstaat verstand.

Der König wird sich von seinen Reformern oft überrollt gefühlt haben. Als Gneisenau ihm das Projekt eines Volkskrieges gegen den "Tyrannen" Napoleon vortrug, reagierte er mit der Bemerkung "als Poesie gut". Ob der König etwas von dem Enthusiasmus mitbekommen hat, den der Philosoph Fichte 1807/08 in Berlin in den "Reden an die deutsche Nation" seinen Zuhörern nahe zu bringen versuchte? Volk und Vaterland als "Träger und Unterpfand der irdischen Ewigkeit", forderte Fichte, durften absolute Hingabe und Aufopferung bis zum Tod fordern. In Luthers Reformation hätten die Deutschen der Welt die Augen geöffnet für die "verdammliche Täuschung" des römischen Papsttums. Die Zuhörer werden verstanden haben: Der "Papst" der Gegenwart hieß Napoleon.

Napoleon am Sarg Friedrichs des Großen
in der Potsdamer Garnisonkirche,
Oktober 1806
Wenige Jahre später, Napoleons Niederlage zeichnete sich bereits ab, malte Fichte seine Vision einer deutschen Zukunft aus. Anders als Österreich sei Preußen "ein eigentlich deutscher Staat", "der Geist seines bisherigen Fortschreitens zwingt es, fortzuschreiten in seinen Schritten zum Reich, nur so kann es fortexistieren. Sonst geht es zu Grunde". Ein "eigentlich deutscher Staat"? Das konnte Fichte erst nach Jena und Auerstedt und Tilsit schreiben. Bis dahin hatte Preußen zur Hälfte aus jenen polnischen Territorien bestanden, die ihm durch die Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts zugefallen waren. Napoleon zwang Preußen, die geraubten Territorien abzutreten, sie wurden zum neuen Großherzogtum Warschau erklärt.

Auf dem Wiener Kongress ließ sich Preußen für die verlorenen Gebiete im Osten großzügig entschädigen: mit halb Sachsen, den Rheinlanden und Westfalen. Hier ist die Frage "Was wäre, wenn ..." einmal klar zu beantworten. Ohne die Westverschiebung infolge der Niederlage von Jena und Auerstedt hätte Bismarcks Preußen sich nicht als deutsche Führungsmacht an die Stelle von Österreich setzen können. Goethe legte seine Meinung über die neuen Annexionen des Jahres 1815 in ein paar Versen nieder, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren: "Verflucht sei, wer nach falschem Rat mit überfrechem Mut das, was der Korse-Franke tat, nun als ein Deutscher tut! Er fühle spät, er fühle früh, es sei ein dauernd Recht; ihm geh es, trotz Gewalt und Müh, ihm und den Seinen schlecht."


Mehr im Internet:
Schlacht von Jena und Auerstedt

 






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

 

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