"Aber’t muss ja nu’n Platz geben, wo der Mensch hingehört!" Also zum Beispiel nach Köpenick, heute ein Stadtteil von Berlin, Touristen durch den Großen Müggelsee bekannt und durch das Barockschloss, worin ein Teil des Berliner Kunstgewerbemuseums untergebracht ist. Weltruhm erlangte Köpenick durch seinen falschen Hauptmann. Gestern, meldete am 17. Oktober 1906 der Berliner Lokalanzeiger, "führte ein als Hauptmann verkleideter Mensch eine von Tegel kommende Abteilung Soldaten nach dem Köpenicker Rathaus, ließ den Bürgermeister verhaften, beraubte die Gemeindekasse und fuhr in einer Droschke davon."
Über das Motiv für die seltsame Tat rätselte in den folgenden Wochen ganz Berlin, zumal da der "Hauptmann", wie sich bald herumsprach, die fast 4.000 Mark in der Gemeindekasse kaum anrührte. Man mag es kaum glauben, aber es muss wirklich so gewesen sein, wie Carl Zuckmayer es ein Vierteljahrhundert später auf die Bühne gebracht hat: Der Schuster Wilhelm Voigt, wegen allerlei kleinerer Delikte jahrelang im Gefängnis, hatte sich nach seiner Haftentlassung hoffnungslos in den Mühlen der Bürokratie verfangen. Ohne Aufenthaltsgenehmigung bekam er keine Arbeit, ohne Arbeitsnachweis keine Aufenthaltsgenehmigung und erst recht keinen Pass.
Wilhelm Voigt in Hauptmannsniform
Am 24. August 1906 wurde Voigt (eigentlich ein Ostpreuße, Zuckmayer ließ ihn aus dem Berliner Umland kommen, um ihn Berliner Dialekt sprechen zu lassen) aus der Hauptstadt ausgewiesen. Er verfiel auf den verzweifelten Ausweg, sich in einem Rathaus mit militärischer Autorität einen Pass zu erzwingen. "Militärisch": nicht durch die Gewalt der Waffen, sondern, wie Voigt im Stück lapidar erklärt, "sone Uniform, die macht det meiste janz von alleene". Zuckmayer hat den Erwerb der Uniform zur großen Theaterszene ausgestaltet, die historische Wirklichkeit war profaner, Voigt suchte sich das Zeug in mehreren Trödelläden zusammen.
Der Schuster, kommentierte Zuckmayer später, hatte "etwas gemerkt, was sechzig Millionen guter Deutscher auch wussten, ohne etwas zu merken". "Mit einer alten Montur vermählt", war er plötzlich "ein ganz anderer, Neuer". Um das plausibel zu machen, hat der Dramatiker die Biographie seines Helden in einem Punkt entscheidend geändert: Zehn Jahre zuvor, entschied Zuckmayer, war Voigt bereits einmal in ein Polizeirevier eingebrochen, um sich einen Pass zu verschaffen; er wurde ertappt und wanderte wieder ins Zuchthaus. Der Direktor, ein glühender Preußen-Verehrer, verpasste den Insassen ein wirksames Erziehungsprogramm: "Manch einer verlässt die Anstalt als ein mit dem Wesen und der Disziplin unserer deutschen Armee hinlänglich vertrauter Mann. Und das wird ihn befähigen, auch im zivilen Leben wieder seinen Mann zu stehen."
Heinz Rühmann im Film von 1956
Neuer Versuch, diesmal in Hauptmannsuniform. Bei allem Lachen über den Vorfall in Köpenick werden es 1906 nicht viele gewesen sein, die da etwas "gemerkt", die den Kult der Uniform und des militärischen Anscheins selbst als das Lächerliche durchschaut haben. Von Kaiser Wilhelm II. wurde glaubwürdig kolportiert, er habe sich zu dem Handstreich des Schusters in der Art geäußert: "Da kann man sehen, was Disziplin heißt! Kein Volk der Erde macht uns das nach!" Das zentrale Zeremoniell dieses Reiches war, ganz wie von Zuckmayer geschildert, "die Feier des zweiten September, des Sedantags. Sechzig Millionen deutscher Herzen schlagen höher bei dem Gedanken, das heute vor vierzig Jahren unser glorreicher Herr auf blutiger Walstatt den entscheidenden Sieg errang."
Welche Sonderstellung das Militär in diesem Reich einnahm, wurde in der Realität 1912 deutlich, als der Reichstag über das Duell debattierte. Die katholische Zentrumspartei wollte darauf hinwirken, dass Offiziere, die den Zweikampf verweigerten, nicht mehr gezwungen würden, ihren Abschied zu nehmen. Der empörte Kaiser wies den Reichskanzler an, auf dem Grundsatz zu beharren, "dass dem Reichstag Einmischung in Fragen der Kommandogewalt nicht zusteht". Auch die Kriegsgerichte arbeiteten in diese Richtung. 1914 wurde ein Leutnant, der einem Schuhmachergesellen im Elsass auf offener Straße einen flachen Säbelhieb versetzt hatte, freigesprochen, wegen "Putativnotwehr". Floskeln wie "Wo hamse jedient?" wurden keineswegs komisch genommen.
Harald Juhnke im Film von 1997
Die Grundlagen für diesen Kultus des Militärischen reichen tief in die deutsche Geschichte zurück. Die preußische Monarchie sei kein Land, das sich eine Armee hält, sondern vielmehr eine Armee, die ein Land besitzt, hieß es bereits im 18. Jahrhundert. Im Widerstand gegen Napoleon hatten die preußischen Reformer es geschafft, die Dienstpflicht in der Armee als Ehrendienst für das Gemeinwohl darzustellen – in einem Staatswesen, das sich weiterhin als Obrigkeitsstaat verstand.
Und die Militärverherrlichung war 1918 mit dem Sturz der Hohenzollerndynastie keineswegs vorbei. "Das nennt man auf gut deutsch", kritisierte 1931 der Völkische Beobachte Zuckmayers Stück, "Unterhöhlung und Zerschlagung des deutschen Sittlichkeitsbegriffs". Vermutlich gab es auch damals neben den Überzeugten viele, die das untergegangene Kaiserreich eher mit nachsichtigem Humor als satirisch betrachteten, nach der Parole, dass doch nicht alles schlecht gewesen sein kann an dieser militärischen Disziplin.
Der Heuptmann von Köpenick heute vor "seinem" Rathaus
Trotz aller militärischen Autoritätsentfaltung blieben Voigts Erwartungen an das Köpenicker Rathaus unerfüllt, wie sich herausstellte, hatte es gar keine Passabteilung. Bei Zuckmayer findet sich der "edle Räuber" am Ende freiwillig bei der Polizei ein und lässt sich zusichern, dass er nach Verbüßen der neuen Haftstrafe endlich seinen Pass erhalten wird. Ganz so formell ging es in der historischen Wirklichkeit wohl nicht zu. Voigt wurde zehn Tage nach seinem Handstreich verhaftet und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Da Kaiser Wilhelm ihn begnadigte, wurde er bereits im August 1908 vorzeitig entlassen.
Was der militärbegeisterte Kaiser von der nun folgenden Karriere seines falschen Hauptmanns gehalten hat, ist leider nicht überliefert. Der "Hauptmann von Köpenick" wurde zur Zirkusnummer. Voigt trat auf Tourneen sogar im Ausland auf, in Frankreich und Nordamerika. Einmal sah ihn auch der junge Zuckmayer, im Mainzer Karneval, lange bevor er Voigts Schicksal zum "deutschen Märchen in drei Akten" formte. '
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