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18.09.2006 - RELIGIONSWISSENSCHAFT

Vollständig niederkämpfen und in Fesseln legen?

Zur Diskussion um Gewalt und Religion, Gewalt und Islam

von Josef Tutsch

 
 

11. September 2001, New York

"In der Religion gibt es keinen Zwang", sagt ein vielzitierter Koranvers. Aber neben dieser Stelle aus Sure 2 gibt es andere Stellen, zum Beispiel in Sure 47: "Wenn ihr auf einem Feldzug mit den Ungläubigen zusammentrefft, dann haut ihnen mit dem Schwert auf den Nacken! Wenn ihr sie schließlich vollständig niedergekämpft habt, dann legt sie in Fesseln, um sie später entweder auf dem Gnadenweg oder gegen Lösegeld freizugeben".

Gläubige Muslime werden also fragen, wonach sie sich richten sollen. Und Anders- oder Ungläubige, worauf sie sich seitens des Islams einrichten sollen. Seit dem 11. September 2001 steht das Thema "Gewalt und Religion" – speziell: Gewalt und Islam – in den Medien ganz obenan, und es wurde so gut wie jede denkbare These vertreten, von einer sozusagen definitionsgemäßen Gewaltneigung der Religion (jeder Religion) bis hin zur Meinung, Religionen (alle Religionen) seien durch und durch friedfertig, könnten nur leider missbraucht werden, gar nicht zu reden von der schlichten Auffassung, die eigene Religion sei selbstverständlich friedensgeneigt, während die der anderen .... So ähnlich muss, wie sich durch die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. herumgesprochen hat, bereits der byzantinische Kaiser Manuel II. Ende des 14. Jahrhunderts gedacht haben, als er einem gelehrten Gesprächspartner aus Persien vorhielt, Mohammed habe befohlen, den Glauben durch das Schwert zu verbreiten.

Eroberung Jerusalems beim Ersten
Kreuzzug 1099

Die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen sind der Frage in den letzten Jahren auf mehreren Veranstaltungen nachgegangen. Eine Auswahl der Beiträge ist jetzt in Buchform erschienen. Um Enttäuschungen vorzubeugen: Eindeutige Antworten darf man nicht erwarten. Es kommt darauf an – unter eben anderem darauf, welche Stellen aus den heiligen Schriften gerade als Autorität herangezogen werden. Mit der Bibel kann man alles beweisen, behauptet eine Redensart unter Menschen aus christlicher Tradition. Ob Muslime eine ähnlich saloppe Auskunft zu ihrer heiligen Schrift kennen?

Die Texte sind nun einmal – so die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer – "nicht einstimmig, sondern vielstimmig und oft auch nicht frei von Reibungen und Widersprüchen". Es geht also "nicht ohne Auswahl, nicht ohne Gewichtung, nicht ohne Interpretation". Aber natürlich stößt sich dieses praktische Erfordernis mit der Voraussetzung, dass das heilige Buch, welches auch immer, Wort für Wort göttliche Offenbarung ist. In dem Beitrag des Mannheimer Islamwissenschaftlers Bekir Alboga wird deutlich, dass historische Fragestellungen inzwischen auch in die islamische Theologie eindringen: "Die Koran-Stellen, die von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der verschiedenen Religionen berichten, stellen historische Berichte dar, die sich auf konkrete, historisch nachweisbare, punktuelle Ereignisse beziehen. Sie sind kein allgemeines Prinzip für die nachfolgende Zeit."

Eroberung Konstantinopels 1453
Das darf man wohl so verstehen: Der Prophet hat sich, wie andere historische Personen auch, je nach Situation mal so und mal anders geäußert, sozusagen strategisch. Beispiel: Nach seinem friedlichen Einzug in Mekka erteilte der Prophet "den Polytheisten uneingeschränkte Amnestie, wohlgemerkt: den Polytheisten als Polytheisten, obwohl an mehreren Stellen des Korans den Polytheisten und dem Polytheismus zuvor offen der Kampf angesagt wurde".
Der Leser hätte allerdings gern gewusst, was Alboga – der Wissenschaftler ist zugleich Imam und "Beauftragter der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion für den Interreligiösen Dialog" – seinen Gläubigen zu der Frage sagt, wie sich solche Stellen für die Gegenwart auslegen oder anwenden lassen.

Natürlich ist dergleichen nicht nur in Islam und Christentum ein Problem. Der Salzburger Judaist Gerhard Bodenkofer berichtet aus der Geschichte des Judentums: "Das berühmte biblische Auge um Auge wurde – entgegen der immer wieder dem antiken Judentum unterstellten Rachementalität – von den Rabbinen eindeutig als Leistung von Ersatzzahlungen interpretiert." Bodenkofer behauptet sogar, manche der biblischen Regelungen zur Todesstrafe würden in der rabbinischen Literatur systematisch ad absurdum geführt. Andererseits: "Der religiöse Eifer gegen die Götzendiener, gegen die zum Götzendienst führende Mischehe und für eine radikale Trennung von den Götzendienern enthält ein gewaltbereites Potential, das auch in den rabbinischen Schriften durchschimmert."

Bartholomäusnacht, Paris 1572
Die Mehrzahl der Beiträge in dem Sammelband ist monographisch angelegt, befasst sich also jeweils mit einer einzigen Religion. Gerade ein vergleichender Ansatz – zwischen den religiösen Gründergestalten oder zwischen den Gründungszeiten – könnte jedoch für das Thema "Gewalt" fruchtbar sein. Die Bonner Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher gibt eine Ahnung davon, was der Urislam für den Islamismus von heute bedeutet. Vergleichend wären Versuche zur Wiederherstellung des Urchristentums in der Welt von heute daneben zu setzen: "Wenn islamistische Bewegungen die Rückkehr zum Urislam und die völlige Nachahmung des Vorbilds Mohammed fordern, dann mit der Erwartung, dass sich dort, wo dieser ursprüngliche Islam wieder aufgerichtet und die völlige Durchdringung der Gesellschaft mit islamischen Werten und Normen vollzogen sei, eine gerechte und friedliche Gesellschaft entwickeln werde."

Eine Heilsutopie, wie man sie in Europa heutzutage eher von säkularen Ideologien kennt, ebenfalls mit der Erwartung, dass eine letzte Gewalttat die Vernichtung aller Gewaltsamkeit bringen könnte. Der Berliner Politikwissenschaftler Johannes Kandel: "Der religiöse Fundamentalismus hat eine Affinität zur Gewalt, indem er auf der Grundlage heiliger Texte eine neue Gesellschaft zu errichten sucht." Sein Kollege Ulrich Schneckener macht nachvollziehbar, dass religiös motivierte Terroristen noch radikaler agieren können als säkulare Konkurrenten: Ihre Legitimationsbasis entzieht sich jeder weltlichen Überprüfbarkeit, "sie sind von Gott berufen, bestimmte Dinge zu tun".

Hinrichtung des islamischen
Mystikers al-Halladsch, Iran
922
 
Ins Zentrum der Problematik führt der Berliner Theologe Wolfgang Krötke mit der provokanten Frage: Sind monotheistische Religionen besonders "anfällig" für Gewalt? "Monotheistisch’", das  meint vor allem die drei Weltreligionen auf biblischer Grundlage, also Judentum, Christentum und Islam. Nun ging es in polytheistisch geprägten Kulturen nicht friedlich zu und die Ethik der Gewaltlosigkeit im Buddhismus hat auch nicht dazu geführt, dass Krieg und Gewalt dort aufgehört hätten. Dennoch – ein Blick auf die Geschichte legt den Eindruck nahe, dass diese Religionen sich bei ihrer Ausbreitung und Durchsetzung exzessiv der Gewalt bedient haben, von der Landnahme Israels über die Eroberungsfeldzüge Mohammeds und der Kalifen bis hin zu Kreuzzügen und Inquisition.

Merkwürdigerweise beantwortet Krötke seine Frage nicht. Er setzt eine andere Bilanz daneben oder dagegen: Der Monotheismus hat "den Boden für das Entstehen eines Menschenverständnisses der Freiheit bereitet", "im Umkreis des geschichtlichen Einflusses der monotheistischen Religionen im westlichen Christentum konnte auch der Gedanke der Menschenwürde und der Menschenrechte entstehen". Die eine Bilanz dürfte so richtig sein wie die andere. Wie aber verhält sich beides zueinander? Wie konnten sich ausgerechnet auf dem Boden des westlichen Christentums mit seinem Ausschließlichkeitsanspruch Aufklärung, Säkularisierung, Individualismus und Pluralismus (und übrigens auch Kapitalismus) entwickeln?

Judenverbrennung, Wien 1421
Es gibt "zum Friedenspotenzial, das im Glauben an den einen, einzigen Gott liegt, keine Alternative" sagt Krötke. Mit seinem theologischen Appell kann es aber wohl nicht getan sein: "Wir in einer säkularen, pluralistischen Gesellschaft zehren alle von den späten Segnungen des christlichen Monotheismus, die anderen auf der Welt als ökonomisch-gewaltsame Negationen ihres Glaubens entgegen schlagen." Dabei fließen religiöse und kulturelle oder politische Identitäten unvermeidlich ineinander und sind nur in der wissenschaftlichen Analyse voneinander zu trennen. Gudrun Krämer zu den Eroberungszügen Mohammeds und der Kalifen: "Die gewaltsame Ausbreitung des Islam beinhaltete die Ausdehnung der Herrschaft des Islam, nicht die gewaltförmige Ausbreitung des Islam als Religion."

Neigt "die" Religion, neigt insbesondere "der" Islam zur Gewalt? Hermann Brandt, Theologe in Erlangen, macht auf die Bedeutungsbreite des Wortes "Dschihad" aufmerksam: Das kann den religiös motivierten Angriffskrieg bedeuten, aber zum Beispiel auch das Bemühen um Askese, im Kampf gegen die eigenen Lüste. Gerade aus Sicht der Muslime in der Diaspora, stellt Brandt fest, "versteht sich der Islam als Religion des Friedens" – entsprechend jener Sure 2, die offenbar entstand, als der Prophet seine Religion noch bedroht sah. Aber es bleibt die Frage, inwieweit dieses Verbot des religiösen Zwangs grundsätzlich gemeint ist. Schirrmacher ist jedenfalls zu dem Eindruck gekommen, dass ein "aufgeklärter Euro-Islam in der Theologie noch wenig konsensfähig" sei.

Belagerung von Wien,
1529 (türkische
Buchmalerei)
 
Wie es mit dem "Zwang" in den islamischen Ländern selbst steht, wäre Land für Land zu untersuchen. Für die Schriftbesitzer, also Juden und Christen, gilt im "Haus des Islam" traditionell Religionsfreiheit, stellt Brandt dar. Genauer wäre allerdings von Toleranz zu sprechen, von bloßer Duldung. Immer noch viel mehr als alles, was im christlichen Europa Jahrhunderte lang Andersgläubigen gewährt wurde; aber "nicht nur missionierende Tätigkeiten, sondern schon das sichtbare Zeigen nach außen, etwa in Gestalt religiöser Symbole, würde das Haus des Islam stören und ist daher untersagt". Zu schweigen davon, dass andere religiöse und erst recht areligiöse Richtungen nicht vorgesehen sind und eine Freiheit für Muslime, sich von ihrer Religion abzuwenden, auch nicht.

"Religionen und Gewalt" – nicht erst dann ein Thema, wenn Terroristen mit religiösem Selbstverständnis Krieg führen wollen. Für die Zukunft warnt Christine Schirrmacher vor Ungeduld: Wenn ein aufgeklärter Islam "an Boden gewinnen will, muss diese Entwicklung aus dem Islam selbst kommen. Von außen kann sie der muslimischen Gemeinschaft mit Sicherheit nicht aufgedrängt werden."


Neu auf dem Büchermarkt
Religionen und Gewalt. Konflikt- und Friedenspotentiale in den Weltreligionen,
herausgegeben von Reinhard Hempelmann und Johannes Kandel,
V & R unipress, Göttingen 2006 (ISBN 3-89971-285-4), 29,90 €


Mehr im Internet:
Benedikt XVI.: Glaube, Vernunft und Universität             
scienzz artikel Religiöse Ethik
scienzz artikel Islam



 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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