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11.10.006 - POLITISCHE THEORIE

Urteilskraft gegen die totalitären Laboratorien

Zum 100. Geburtstag von Hannah Arendt

von Josef Tutsch

 
 

Hannah Arendt
* 14. Oktober 1906 bei Hannover,
† 4. Dezember 1975 in New York

"Hannah Arendt hat das schlechthin Neue erkannt, das, was im Nationalsozialismus und Bolschewismus mehr ist als Despotie und Tyrannei", schrieb der Philosoph Karl Jaspers 1955, als Arendts Buch über "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" auf Deutsch herauskam. Jaspers konnte nicht ahnen, dass er damit das Verdikt vorformulierte, unter das Hannah Arendts politische Theorie später für eine ganze Generation von Linksintellektuellen fallen sollte. Mit nichts war in den Jahren nach 1968 leichter Entrüstung zu provozieren als mit der Feststellung einer Verwandtschaft der beiden Herrschaftstypen von stalinistischer Sowjetunion und Hitlers Drittem Reich. Arendts diffizile Abhandlung wurde dann gern in die simple Formel gepresst, die beiden Ideologien wären im Grunde dasselbe – was die Autorin natürlich nie behauptet hat.

1928, in Heidelberg, hatte Jaspers die Promotion der jungen Philosophiestudentin betreut. 1906 war Hannah Arendt bei Hannover als Tochter säkularer jüdischer Eltern geboren. Von Haus aus habe sie gar nicht gewusst, dass sie Jüdin war, bekannte sie später, erst angesichts des aufkommenden Nationalsozialismus wurde ihr das zum "politischen Problem". Was geschehen würde, muss sie aber schon früh vorausgeahnt haben. "Für mich ist Deutschland die Muttersprache, die Philosophie und die Dichtung", schrieb sie Anfang Januar 1933 an Karl Jaspers, der ihr Gefühl der Heimatlosigkeit nicht verstehen konnte: "Es ist mir wunderlich, dass Sie als Jüdin sich vom Deutschen unterscheiden wollen."

Vor dem Exil
Während Jaspers, der ihr als väterlicher Freund verbunden blieb, in Deutschland ausharrte, musste Arendt über Frankreich und Portugal in die USA emigrieren. Nach dem Krieg war Arendt eine der ganz wenigen Deutschen, die die Vertreibungspolitik osteuropäischer Staaten nicht billigen, aber doch in ihren Beweggründen nachvollziehen konnten: "Außer Zweifel steht, dass die denjenigen europäischen Völkern, die während des Krieges die mörderische Bevölkerungspolitik Deutschlands zu spüren bekommen hatten, die bloße Vorstellung, mit Deutschen auf demselben Territorium zusammenleben zu müssen, Entsetzen und nicht bloß Wut auslöste."

Mit ihrer Theorie totalitärer Herrschaft, die sie um 1950 ausarbeitete, setzte sich Arendt zwischen alle Stühle. Extremen Konservativismus, sagten Vertreter der linken Faschismustheorie ihr nach, bürgerliche Kollegen hielten ihr gerade umgekehrt Abkehr von der philosophischen Tradition vor. In der Tat, die Theoretikerin sah die überlieferten Kategorien durch die neuen Phänomene des 20. Jahrhunderts gesprengt. Die Gegenüberstellung von gesetzmäßiger Regierung einerseits, tyrannisch-gesetzloser Willkür andererseits versagte. "An die Stelle des positiv gesetzten Rechts tritt nicht der allmächtig willkürliche Wille des Machthabers, sondern das Gesetz der Geschichte oder das Recht der Natur", die Menschen dienen in den Laboratorien des totalitären Experiments als form- und vernichtbares Material, "an dem die übermenschlichen Gesetze von Natur und Geschichte vollzogen und das heißt hier im furchtbarsten Sinne des Wortes exekutiert werden".

Arendt interessierte sich überhaupt nicht dafür, ob die Aktivitäten des einen "totalitären" Systems moralisch irgendwie gut gemeint gewesen sein mochten, ihr ging es um den sachlichen Konnex von totaler Welterklärung und terroristischer Herrschaft. Etwas versteckt lieferte sie ein paar Jahre später, in ihrem Buch über das "tätige Leben", aber dann doch den Ansatz zu einer Analyse der subjektiven Seite des Totalitären, und zwar – das wiederum muss für manche Leser im bürgerlichen Spektrum eine Provokation gewesen sein – ausgerechnet im Rahmen einer Platon-Interpretation.

Mit Ehemann Heinrich Blücher
So neuartig die Herrschaftstypen des 20. Jahrhunderts auch waren, die Gedankenspiele reichten weit in die Ideengeschichte zurück. Platon hatte sich seine Philosophenkönige, denen kraft besserer Einsicht die Herrschaft zukommen sollte, nach Art von Künstlern gedacht; ihre Politik war nicht eigentlich ein Handeln, sondern ein Herstellen oder Machen. Das Handeln der Vielen im Miteinander, kritisierte Arendt, werde "durch eine Tätigkeit ersetzt, für die es nur eines Mannes bedarf, der, abgesondert von den Störungen durch die anderen, von Anfang bis Ende Herr seines Tuns bleibt". Kurzum: Platon habe die Vielheit menschlicher Praxis der ideellen Einheit vernünftiger Theorie zum Opfer gebracht.

Es waren dieselben Motive, aus denen heraus Arendt die Französische Revolution mit Distanz betrachtete. Der Glaube an den Fortschritt, die Umsetzung "philosophischer" Ideale führte am Ende zur Schreckensherrschaft. In der amerikanischen Revolution sah sie ihr Ideal von Machtteilung viel eher verwirklicht, allerdings mit dem beunruhigenden Gedanken im Hintergrund, ob es nicht bloß die glücklicheren Bedingungen waren, nämlich weniger brennende soziale Probleme (jedenfalls im Kreis der herrschenden angelsächsischen Kolonialisten) als im Frankreich des ancien régime.

Mit Karl Jaspers in St. Moritz
"Was immer Menschen tun, erkennen, erfahren oder wissen, wird sinnvoll nur in dem Maß, indem darüber gesprochen werden kann", schrieb Arendt 1958 in "The Human Condition". Was so schlicht ausgedrückt war, bedeutete doch eine Absage an das quasi-platonische Verständnis von Politik als Realisierung von Idealen, wie es kurz darauf bei vielen jungen Marxisten wieder aufkam. "Demokratie, wo niemand regiert und niemand gehorcht, wo die Menschen einander überzeugen", also Politik als Dialog – die Frage, wie das sein kann, hat die Theoretikerin bis in ihre letzten Jahre beschäftigt. Die nachgelassenen Fragmente unter dem Titel "Das Urteilen" bringen, angelehnt an Kants Ästhetik, Ansätze zu einer Theorie der politischen Vernunft, einem Thema, das in zweieinhalbtausend Jahren politischer Philosophie niemals eine große Rolle gespielt hat: entweder weil die Frage von hoher moralischer Warte aus gar nicht theoriewürdig erschien oder weil sie, pragmatisch betrachtet, nicht als theoriefähig galt.

Es war das alte Problem des Sokrates, "als er die Philosophie vom Himmel auf die Erde holte": kein letztgültiges Beweisen ewiger Wahrheiten, wie es später Platon in seinen Ideen anstrebte, sondern ein Rechenschaft ablegen darüber, was in einer gegebenen Situation gut und richtig ist. Arendts Ehrgeiz in ihren letzten Jahren als Professorin in Chicago und New York ging auf nicht mehr und nicht weniger als eine politische Anthropologie, eine Theorie des politisch denken, politisch wollenden und politisch urteilenden Menschen. Wie kann menschliche Existenz, also Existenz in einer politischen Gemeinschaft gelingen?

In dieser Frage lag eine Herausforderung für die geborene Jüdin, die das Gefühl der Heimatlosigkeit wohl auch nach ihrer Einbürgerung in den USA niemals losgelassen hat. Blickt man vom nachgelassenen Fragment zurück auf das längst klassisch gewordene Buch über die totalitäre Herrschaft, wird deutlich, dass es dort bereits um dasselbe Problem geht, im negativen Gegenbild von Ideologie und Terror. "Der Tag, an dem wir von Auschwitz erfuhren", schrieb Hannah Arendt, "das war wirklich, also ob der Abgrund sich öffnet ... Da ist irgend etwas passiert, womit wir alle nicht mehr fertig werden."


Mit Jaspers und Bundespräsident
Heus bei der Verleihung des
Friedenspreises des Deutschen
Buchhandels 1958
Zu Leben und Werk von Hannah Arendt
1906 am 14. Oktober bei Hannover geboren, als Tochter säkularer jüdischer Eltern
1924 Studium der Philosophie, der Theologie und des Griechischen in Marburg, später in Freiburg und Heidelberg (unter anderem bei Martin Heidegger, Nicolai Hartmann, Rudolf Bultmann, Edmund Husserl); Liebesbeziehung mit Heidegger
1928 Promotion bei Karl Jaspers
1929 Heirat mit Günther Stern (Günther Anders)
1933 Emigration nach Frankreich
1937 Scheidung von Günter Stern, Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit
1940 Heirat mit Heinrich Blücher, über Portugal Flucht in die USA
1951 Staatsbürgerschaft der USA, "The Origins of Totalitarianism"
1957 "Rahel Varnhagen. The Life of a Jewess" erscheint, mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Abfassung
1958 "The Human Condition"
1961 Beobachtung des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem
1963 Professorin an der Universität Chicago, "Eichmann in Jerusalem"
1963 "On Revolution"
1968 Professorin an der New School for Social Research in New York,
1975 am 4. Dezember in New York gestorben
1977 ff. das unvollendete Nachlasswerk "The Life of the Mind" erscheint



Mehr im Internet:
Hannah Arendt


 






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

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