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02.10.2006 - LIMNOLOGIE

Management für belastete Gewässer

Von klaren Seen, gefährlichen Algen und dem Fisch eines Schriftstellers

Annette Ryser

 
 

Stechlinsee - Bild: IGB

Dunkel und ruhig erstreckt sich der Stechlinsee vor Prof. Rainer Koschels Arbeitszimmer. Er befindet sich wie das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) mitten im Naturpark „Stechlin - Ruppiner Land“ bei Neuglobsow. Der Blick in den See reicht viele Meter tief durchs klare Wasser. Es scheint, als würde der See alle seine Geheimnisse offen legen wollen. Koschel, Abteilungsleiter am IGB, sieht das jedoch etwas anders: „Jeder See birgt Überraschungen“, erzählt der Limnologe. Man könne nie alles kennen, was dort unten vor sich gehe.

Der Stechlinsee dient den Forschern des IGB als vorbildliches Referenzgewässer. Denn hier finden sie, was vielen anderen deutschen Seen fehlt: sauberes Wasser und ein gut funktionierendes Ökosystem. In Neuglobsow konzentriert sich denn auch ein großer Teil der Forschung des angesehenen Instituts, welches weltweit Projekte durchführt. Dabei geht es immer ums Gleiche, betont Koschel: den nachhaltigen Schutz von Gewässern.

Ein bedeutender Forschungsschwerpunkt des IGB liegt beim „Gewässer-Management“: Gewässer, die durch menschliche Einflüsse belastet sind, sollen saniert und restauriert werden. Ursachen für diese Verschmutzung gibt es viele: Saurer Regen, Arzneimittel und Hormone aus den Abwässern von Kläranlagen – und vor allem Nährstoffe, die bei Regen aus überdüngten Äckern geschwemmt werden. In der Regel können sich Gewässer selber reinigen. Die schädlichen Stoffe werden abgebaut oder lagern sich im Sediment dauerhaft ab. Doch dies funktioniert nur bis zu einem bestimmten Grenzwert. Liegt der Eintrag der schädlichen Stoffe darüber, kippt das System, der See wird krank.

Mit Nährstoffen verschmutzter Tümpel

Um solche belastete Seen kümmern sich dann die Forscher vom IGB. Das letzte große Projekt beschäftigte sich mit dem Tiefwarensee bei Waren an der Müritz. Der See war stark eutrophiert, das heißt mit Nährstoffen geradezu überfüllt. Das ungewöhnlich große Phosphor-Angebot hatte die Algen wuchern lassen und der klare See hatte sich in einen düsteren unwirtlichen Tümpel verwandelt. Durch das Algenwachstum waren zudem verschiedene Prozesse ausgelöst worden, die zu einem rasanten Rückgang des Sauerstoffs im Gewässer geführt hatten – und damit verbunden zu einem drastischen Fischsterben.

Nach ausgiebigen Voruntersuchungen, die auch das Einzugsgebiet des Tiefwarensees umfassten, begannen die Forscher schließlich 2001 mit der Restaurierung des Sees. Mit großem Erfolg, wie Koschel stolz berichtet. Die Klarheit des Wassers habe sich in den folgenden vier Jahren verdoppelt, heute sei die Sichttiefe mit fünf bis sieben Metern ähnlich groß wie im Stechlinsee. Mit einem speziellen Fällmittel haben die Forscher 90 Prozent des Phosphors gebunden und dauerhaft im Sediment gelagert.

Ausserdem wurde gezielt der Fischbestand beeinflusst. Jedes Jahr wurde der See mit Larven der Kleinen Maräne und des Hechts besetzt. Da die Zahl dieser Raubfische folglich zunahm, sank der Bestand ihrer Beutetiere (kleinere Weißfische wie die Plötze). Durch das Fehlen der Weißfische wiederum verbreitete sich deren Beute, das „Zooplankton“, Kleinstierchen wie Krebse und Insektenlarven, die hauptsächlich von Algen leben - über sie sich nun hermachten.

Kleine Maräne - Bild: angler-fischkunde.de

Der Trick der Forscher: Indem sie das Ökosystem gezielt an der Spitze des Nahrungsnetzes beeinflusst hatten, erreichten sie auf der unterste Ebene – auf derjenigen der Algenplage – eine Veränderung. Dass man gerade die Kleine Maräne ausgesucht habe, sei überdies kein Zufall gewesen, sagt Koschel. Man habe eine Fischart gewählt, die für die hiesigen Angler wirtschaftlich rentabel sei. Gewässerschutzes müsse immer auch nachhaltig sein. Finanziert wurde das Projekt, das über eine Million Euro kostete, von der EU, dem Land Mecklenburg-Vorpommern und der Stadt Waren.

Im Sommer 2005 wurden die Maßnahmen vor Ort abgeschlossen. Seitdem sind die Forscher daran, die Ergebnisse auszuwerten. Langzeituntersuchungen seien unbedingt notwendig, sagt Koschel. „Auch wenn die Restaurierung kurzfristig erfolgreich ist, sagt das nichts darüber aus, wie sich der See längerfristig entwickeln wird“. Das Ökosystem müsse sich ja an die veränderten Bedingungen anpassen, dies könne je nachdem sehr lange dauern.

Am Ende soll der See einen stabilen Zustand erreichen, in dem er sich laufend selbst reinigen kann. Vom Tiefwarensee ist Koschel positiv überrascht: „Tatsächlich hat sich sein Zustand seit 2005 sogar noch verbessert“. Er werde auch zukünftig ein beliebtes Forschungsobjekt des IGB darstellen. Denn man will hier nicht nur „kranke“ Seen behandeln, sondern auch gesunde Seen in ihrem hervorragenden Zustand erhalten.

Hecht - Bild: Sportanglerbund Vöcklabruck

Doch nicht immer sind die Forscher so erfolgreich, und nicht jede Methode eignet sich für jeden See gleich gut. „Jeder See ist anders“, sagt Koschel. Man müsse auf alles vorbereitet sein und laufend aus den Erfahrungen lernen. Einfach zu manipulieren seien kleine, flache Seen mit einer gleichmäßigen Temperatur und einfachen Nahrungsnetzen. Grosse Seen brauchen mitunter komplexe individuelle Maßnahmen. Es sei deshalb unabdingbar, Voruntersuchungen durchzuführen und die Methoden zuerst in Labor und Versuchsanlagen zu erproben.

Immer wieder gebe es aber auch positive Erlebnisse, lacht Koschel. Er erzählt von der Renaturierung des Schmalen Luzin im Feldberger Seengebiet Ende der Neunziger Jahre. Nachdem man das Tiefenwasser von Phosphor gereinigt hatte, seien plötzlich große Populationen des Eiszeitreliktkrebs, der bereits als ausgestorben galt, wieder aufgetaucht. Nur gesunde Seen hätten so sauerstoffreiches Wasser, dass sich der Krebs darin wohl fühle.

Auch zukünftige Projekte sind bereits einige in der Pipeline der IGB-Forscher, darunter auch solche, die sich mit Seen in Mecklenburg-Vorpommern befassen. Vieles sei aber noch unsicher, bedauert Koschel, denn es fehle Kommunen und Ländern an Geld. „Doch,“ fügt er gelassen hinzu, „das ist eben eine politische Sache und geprägt von einem stetigen Auf und Ab“.

Blaualge Spirulina - Bild: University of
California

Am Institut ist kürzlich ein ganz anderes Großprojekt angelaufen, welches zudem unter dem Patronat der UNESCO steht: In Afrika sollen Chancen und Gefahren der tropischen Blaualge Spirulina untersucht werden: Einerseits dient Spirulina dort als Nahrungs- und Arzneimittel, andererseits wurden in gewissen kenianischen Seen bestimmte Sorten gefunden, deren Toxine für Menschen giftig sein könnten. Außerdem sollen eben diese Toxine maßgeblich am Flamingosterben in dieser Region beteiligt gewesen sein.

Auch in Neuglobsow untersuchen Forscher des IGB Blaualgen: sowohl heimische wie auch neu zugewanderte Arten. Seit 1990 beobachtet man immer wieder so genannte Neo-Blaualgen, die aus dem Mittelmeerraum oder den Tropen in deutsche Seen einwandern. Erste Indizien weisen darauf hin, dass die Toxine der Blaualgen nicht nur für afrikanische Flamingos schädlich sein könnten, sondern auch für Badegäste in deutschen Seen. Als Ursache für die Zuwanderung der südlichen Blaualgen vermuten die Forscher die Klimaerwärmung, welche auch die hiesigen Seen betrifft.

Verschmutzungen, Fischsterben, invasive Blaualgen – geht es unseren Seen so schlecht? „Die Belastungen sind groß“, bestätigt Koschel. Mehr als 50 Prozent der deutschen Seen würden die Wasserrahmenrichtlinien der EU nicht erfüllen. Auch die Vergangenheit des Stechlinsees ist geprägt durch massive menschliche Einflüsse. Während der DDR wurde an seinem Ufer ein kleines Atomkraftwerk betrieben, das Wasser aus dem See diente zur Kühlung der Reaktoren. Dies war unter anderem auch der Grund, weshalb sich hier nach der Wende zum ersten Mal ein Forschungsinstitut ansiedelte.

Klares Wasser im Stechlinsee

Heute hat sich der Stechlin sehr gut von diesem Eingriff erholt. „Er hat sich gewehrt“, sagt Koschel. Sogar eine endemische Fischart habe man hier 2003 entdeckt: die „Fontanemaräne“ - benannt nach dem Schriftsteller Theodor Fontane, der den Stechlinsee in einem Roman verewigte. Sie kommt weltweit ausschließlich im Stechlin vor. Mit der Wasserqualität seines Haussees ist Koschel vollauf zufrieden: „Natürlich trinke ich das Wasser!“, sagt er und lacht.


Mehr im Internet:
Sauberer Maränen-Hecht-See, scienzz 27.06.2005
Kreativer Gewässerschutz, scienzz 26.05.2005
Schwarz-grünes Gift, scienzz 16.09.2005

Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Abt. Limnologie Geschichteter Seen
Prof. Rainer Koschel
Der Stechlinsee

Naturpark Stechlin-Ruppiner Land
Wasserrahmenrichtlinie
Eutrophierung
Spirulina


 

 

 

 

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