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kultur

20.10.2006 - MALEREI

Licht ohne Schatten, Welt ohne Zeit

Zum 100. Todestag von Paul Cézanne

von Josef Tutsch

 
 

Paul Cézanne, * 19. Januar 1839 Aix-en-
Provence; † 22. Oktober 1906 ebenda
(Selbstporträt mit weißem Turban, 1882)

Die gotische Architektur wurde in der Ile-de-France geboren, die Renaissance-Malerei in Florenz, der Barockstil in Rom. Und die moderne Malerei? In der Provence, und zwar in Aix. In diesem Fall lassen sich, mit einigem Mut zur Metaphorik, auch die "Eltern" benennen: Paul Cézanne, ein, wie man so sagt, "abgebrochener" Jura-Student aus wohlhabender Bankiersfamilie, und das Licht des französischen Südens.

Es war dieses Licht seiner provenzalischen Heimat, das Cézanne irgendwann um 1880 vom impressionistischen Stil Abschied nehmen ließ. Seine Freunde und Kollegen Monet oder Renoir arbeiteten im Wald von Fontainebleau oder an der Seine-Mündung oder an der Kanalküste; wenn ihre Bilder die feste Kontur der Gegenstände in ein flüchtiges Farbenspiel auflösten, dann entsprach das der nordfranzösischen, mitteleuropäischen Luft – immer ein wenig dunstig. Cézanne liebte die Klarheit, seine Objekte haben wieder Plastik und Volumen, eine nahezu handfeste Körperlichkeit.

Cézanne, Mont Sainte-Victoire (1894)

"Poussin nach der Natur" pflegte Cézanne seine Vorstellung von idealer Malerei zu benennen. Nicolas Poussin, der klassischste aller klassischen Maler Frankreichs, mitten im 17. Jahrhundert ... Der Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich über das Rätsel, das Cézanne lösen wollte : "Er sah seine Aufgabe darin, nach der Natur zu malen, das heißt sich der Entdeckungen der Impressionisten zu bedienen und dennoch gleichzeitig die innere Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit wiederzugewinnen, die die Kunst Poussins ausgezeichnet hatte."

Für diese Harmonie war Cézanne bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Beinahe nebenbei setzte er eine Konvention außer Kraft, die ein halbes Jahrtausend lang das Selbstverständnis neuzeitlicher Malerei gegenüber dem Mittelalter ausgemacht hatte: die Zentralperspektive, die perfekte Illusion. Seit der Frührenaissance waren die Maler darauf aus, einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit exakt so wiederzugeben, wie er sich den Gesetzen der Optik zufolge von einem bestimmten Augenpunkt her darstellen musste. Inzwischen konnte die Fotografie das viel besser. Aber die Impressionisten trieben ihren Ehrgeiz noch weiter: Die Atmosphäre, die den Blick auf die Gegenstände färbte oder trübte, sollte mit abgebildet werden.

Cézanne, Stillleben (1900)

Damit war das künstlerische Programm der Neuzeit so radikal wie nur möglich zu einem Ende gekommen. Cézanne wagte einen neuen Anfang: Die Gegenstände sollten, sozusagen, nicht mehr vom Standpunkt eines Betrachters, sondern aus sich selbst heraus dargestellt werden, in vormodernen Zeiten hätte man gesagt, mit den Augen des Schöpfers. Im späten 19. Jahrhundert war das Ergebnis jedoch ganz und gar unmittelalterlich: Die Bildwelt wurde autonom, "das Gemälde ist etwas anderes als die Wirklichkeit", pflegte Cézanne zu sagen.

Über die Schwierigkeiten seines künstlerischen Programms wird er sich keine Illusionen gemacht haben. Vermutlich empfand er selbst viele seine Bilder, die wir heute so bewundern, als nur halb und halb gelungene Experimente. Das mag der Grund sein, dass er dieselben Motive immer und immer wieder gemalt hat, zum Beispiel den Mont Sainte-Victoire vor den Toren von Aix-en-Provence. Seit hundert Jahren haben die Kunsthistoriker diese Gemälde gern mit Fotografien verglichen, nach Möglichkeit so, dass die markante Bergkuppe dasselbe Relief aufweist. Mit dem Pinsel konnte der Maler ein Maß an Ordnung und Harmonie erreichen, das der äußeren Natur von vornherein unmöglich ist.

Cézanne, Badende (1905)

Es ist die Harmonie einer stillstehenden Zeit. Bezeichnend, dass sich Cézanne beinahe ganz auf unbewegte Motive beschränkte: Landschaften, Stillleben, Porträts. Nur eine einzige Sujetgruppe zeigt wenigstens die Möglichkeit von Veränderung – Menschen in der Natur, Gruppen von Badenden. Der Kunsthistoriker Oskar Bätschmann hat Cézannes "Badende" mit Edouard Manets ebenso berühmtem "Frühstück im Freien" verglichen, einem Bild, das Cézanne selbst wegen seines Mangels an Harmonie zwischen den Menschen und der Natur kritisiert haben soll. Daran ist jedenfalls richtig, dass Manet ein sehr zeitgenössisches, großstädtisches Verhalten zur Natur wiedergegeben hat: zwei Pariser mit einer Prostituierten beim Picknick im Bois de Boulogne.

Bei Cézanne dagegen fehlt jedes Moment von Erotik, gar Frivolität. Die Figuren verhalten sich nicht – sie sind ganz einfach da. Während Manets nackte Frau den Betrachter herausfordernd anblickt, sind die Augen von Cézannes Badenden bloß farbige Flecken. "Cézanne hat aus seinen arkadischen Bildern die Zeit entfernt", sagt Bätschmann. Also alles, was Veränderung und Flüchtigkeit anzeigen würde: In dieser Welt voll Licht gibt es keine Schatten! Übrigens auch kein Schwarz, nicht einmal den Hell-Dunkel-Kontrast, die Objekte sind bloß durch die Farbe voneinander abgesetzt.

"Das Gemälde ist etwas anderes als die Wirklichkeit ..." So haben es auch Cézannes Nachfolger empfunden. Picasso: "Wenn du Cézannes Äpfel betrachtet, siehst du, dass er nicht wirkliche Äpfel als solche gemalt hat. Er hat vielmehr das Gewicht des Raumes auf der Oberfläche einer runden Figur dargestellt." Und Kandinsky: "Nicht ein Mensch, nicht ein Apfel, nicht ein Baum werden dargestellt, sondern das alles wird von Cézanne zu einer innerlich klingenden Sache gestaltet, die Bild heißt."


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Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

 

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