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28.09.2006 - ARCHÄOLOGIE

Der Bandit, den die Nachwelt zum König machte

Israelische Archäologen entzaubern die Geschichte von David und Salomo

von Josef Tutsch

 
 

Jonathan Price als David in dem
Bibelfilm von Robert Markowicz,
1997

Aus dem späten 10. Jahrhundert v. Chr. ist im Amun-Tempel von Karnak in Oberägypten ein riesiges Relief erhalten, auf dem Pharao Scheschonk I. seinen siegreichen Eroberungszug in Palästina feiert; es sind eine ganze Reihe von Orten genannt, die Scheschonk erobert haben will. Das Relief gilt als der vermutlich älteste Fall, wo der Bibeltext eine genaue Entsprechung in der Archäologie findet. Im 1. Buch der Könige ist zu lesen: "Im fünften Jahr des Königs Rehabeam zog Schischak, der König von Ägypten, herauf gegen Jerusalem und nahm die Schätze aus dem Hause des Herrn und aus dem Hause des Königs, alles was zu nehmen war."

Ein winziger Umstand macht Archäologen und Bîbelwissenschaftlen bis heute Kopfzerbrechen: Unter den Ortsnamen, die das ägyptischen Relief aufführt, kommt Jerusalem nicht vor. Sollte der siegesstolze Pharao ausgerechnet Jerusalem, wo als Vorgänger jenes Rehabeam die großen Könige David und Salomo herrschten, vergessen haben? Die beiden israelischen Archäologen Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman liefern eine andere Erklärung: Die archäologischen Daten zeigen, "dass die Siedlung Jerusalem im 10. Jahrhundert v. Chr. nur ein kleines, armseliges Bergdorf war", etwaige Tempelschätze "waren gewiss nicht wertvoll genug, um einen ägyptischen Pharao zufrieden zu stellen".

Aus dem Relief von Pharao
Scheschonk I: in Karnak:
Gefangene mit palästinensischen
Ortsnamen
 
Von Mitteleuropa aus ist schwer nachzuvollziehen, welche Provokation eine solche These in Israel bedeuten muss. Denn wenn eine königliche Residenz Jerusalem vor 3.000 Jahren archäologisch nicht aufzufinden ist, wie steht es dann mit dem großen König David, der dem Bibeltext zufolge dieses Jerusalem zum Zentrum seines Reiches machte? Und mit seinem Sohn Salomo, der dort, wenige Jahre oder Jahrzehnte vor der Plünderung durch Schischak oder Scheschonk, den Tempel erbaute, "ganz mit Gold überzogen", wie die Bibel betont?

Mit diesen Geschichtslegenden räumen Finkelstein und Silberman gründlich auf. "David und Salomo sind zwar aller Wahrscheinlichkeit nach historische Gestalten, aber sie haben keine Ähnlichkeit mit ihren biblischen Porträts." Ein vereinigtes Königreich Israel, wie es die Bibel beschreibt, hat nie existiert, und Jerusalem war "die schlichte Bergfestung einer lokalen Dynastie bäuerlicher Stammesführer". Um so erstaunlicher, dass diese Legenden bis heute "das Denken und die religiösen und politischen Traditionen des Westens prägen".

David als kühner Held: der
Kampf gegen Goliath (Peter Paul
Rubens, um 1630
 
These der beiden Archäologen: Die Geschichte, wie wir sie in der Bibel lesen können, ist erst im späten 8. Jahrhundert entstanden, mehr als 200 Jahre nach jener Zeit, wo die beiden Stammesführer (vielleicht) wirklich gelebt haben. Damals bestand unter König Hiskia der Bedarf nach einem "einigenden Nationalepos"; alte Volkserzählungen im Stamm Juda, die mit dem Namen "David" verbunden waren, wurden mit den Traditionen anderer israelitischer Stämme zu einer durchgängigen Erzählung verbunden. Damals bereits, erst recht ein Jahrhundert später unter König Josia, diente die Berufung auf David auch dazu, die judäische Hauptstadt Jerusalem und ihren Tempel als legitimen Mittelpunkt Israels zu bekräftigen.

Hiskia nutzte die Gunst der Stunde. Der viel größere Nachbarstaat im Norden, der den Namen "Israel" für sich beanspruchte, war gerade untergegangen, die Assyrer hatten seinen Aufstandsversuch mit der Vernichtung bestraft. Die Flüchtlingswelle aus dem Norden scheint Jerusalem, die Hauptstadt eines kleinen assyrischen Vasallenstaates, mit einem Schlag zum bedeutenden Wirtschaftszentrum gemacht zu haben.

Der "salomonische Tempel", einer von
vielen Rekonstruktionsversuchen
Wann genau der große Tempel gebaut wurde, lässt sich nicht sagen, da auf dem Areal heute zwei große islamische Heiligtümer stehen und keine Ausgrabungen möglich sind. Aber Finkelsteins und Silbermans These scheint plausibel: Der Bau des 8. Jahrhunderts wurde ins 10. Jahrhundert zurückprojiziert und unter den großen Namen "Salomo" gestellt. Ideologisch wollte die Dynastie ihre Legitimität durch die heroische Geschichte vom Gründer "David" festigen.

Andere Geschichten, die die Emigranten aus dem Norden mitbrachten, konnten dabei jedoch nicht einfach unter den Tisch fallen. Das erklärt, warum der Leser bei der Bibellektüre streckenweise im Unklaren bleibt, ob David, der Schafhirt aus Bethlehem, nun als legitimer König gesehen wird oder als Usurpator gegen König Saul. Historisch, im Sinne der Fakten des 10. Jahrhunderts, mag dieser David ein – Originalton Finkelstein und Silberman – Banditenchef gewesen sein, der sich zum Stammesführer aufschwang. Oder, im Sinne seiner Anhänger, ein kühner Rebell.

Salomo als weiser Richter
(Bartholomäus Bruyn d. Ä., 1532)
 
Bei soviel Mut zur Provokation mag die israelische Öffentlichkeit froh sein, dass eine Veröffentlichung der beiden Autoren zur Patriarchengeschichte oder zum Auszug aus Ägypten nicht zu erwarten ist: Dort steht es mit archäologischen Entsprechungen eben noch viel schwieriger. Mit ihrer These zu David löst sich jedenfalls eines der großen Rätsel der israelischen Geschichte in Luft auf: Warum eigentlich zerfiel das Reich nach Salomos Tod so sang- und klanglos, wobei dem ruhmreichen "Hause Davids" nur das kleinere der beiden Teilreiche blieb?

Der Bibeltext, wie er heute vorliegt, gibt auf solche Fragen bekanntlich die Antwort: Die Ereignisse wurden durch Gottes Willen gelenkt. Mit wachsendem Abstand zu den Ereignissen wurden die alten Volkserzählungen, wie die europäische Bibelphilologie längst festgestellt hat, immer stärker einem theologischen Programm unterworfen. Diese Erkenntnis wird nun durch die Archäologie bestätigt.

David als Ehebrecher mit der Frau des
Urias (Jan Massys, 1562)
 
Mit ihrer These, dass das davidische Reich des 10. Jahrhunderts durch die Geschichtsschreiber des 8. Jahrhunderts "erfunden" wurde, sind Finkelstein und Silberman nicht einmal radikal. Andere Forscher unterstellen, dass das goldene Zeitalter mitsamt den Figuren David und Salomon eine Fiktion noch viel späterer Zeit darstellt, nach der Babylonischen Gefangenschaft, also irgendwann ab dem späten 6. Jahrhundert v. Chr. Gegen solchen "Minimalismus" spricht wiederum ein archäologischer Fund: In einer aramäischen Inschrift um 835 rühmt sich ein gewisser Hasael, er hätte einen König aus dem "Hause Davids" getötet. Es muss also eine Dynastie gegeben haben, die sich auf "David" zurückführte.

Ein wenig hat die Bibel also doch recht, könnte man, bescheiden geworden, mit einem Buchtitel aus den 1950er Jahren sagen. Ihre welthistorisch bedeutsame Karriere machten die beiden Stammeshäuptlinge erst Jahrhunderte nach ihrem Tod. In den Evangelien ist zu sehen, was die Formel "aus dem Hause und Geschlechte Davids" im Judentum zur Zeit Jesu bedeutete. Jesus musste in Bethlehem geboren werden – weil es die Stadt Davids war. Von den römischen Kaiser Vespasian und Domitian wird behauptet, sie hätten die (wirklichen oder angeblichen) Nachkommen Davids hinrichten lassen, aus Furcht, der jüdische Widerstand könnte sich um sie sammeln.

David mit der Leier
(Rembrandt, um 1655/1660)
 
Schwer zu sagen, inwieweit damals mit solchen dynastischen Ansprüchen noch ernsthaft Politik zu machen war. Die Notiz beim Historiker Hegesippus scheint der Geschichte vom bethlehemitischen Kindermord nachempfunden, auch König Herodes wollte sich seine Herrschaft nicht von einem "Davididen" streitig machen lassen. "The Roots of the Western Tradition", haben Finkelstein und Silberman dieses Nachleben der Legende im englischen Originaltitel angedeutet. "Westlich" ist im Grunde zu eng gefasst; nicht nur in Judentum und Christentum, auch im Islam wurden David und Salomo zu Vorbildern gerechter Herrschaft. Zwei Jahrtausende lang stilisierte sich so mancher König als neuer David oder zweiter Salomo. Da zeigten dann auch die Skandale in der biblischen Geschichte, von ehebrecherischen Affären bis zu religiösen Abtrünnigkeiten, ihren Nutzen: Wenn die großen Vorbilder der Vergangenheit ihre Schwächen hatten, konnte man auch der Gegenwart manches nachsehen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman: David und Salomon. Archäologen entschlüsseln einen Mythos,
Verlag C. H. Beck, München 2006 (ISBN-10: 3 406 54676 5, ISBN-13: 978 3 406 54676 1), 24,90 €


Mehr im Internet:
König David







Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur


 

 

 

 

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