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29.09.2006 - WISSENSCHAFTSPOLITIK

Masterplan der europäischen Forschungsförderung

Das 7. Forschungsrahmenprogramm der EU startet am 1. Januar

Sicco Lehmann-Brauns

 
 

Am 1. Januar 2007 startet das 7. Forschungsrahmenprogramm (FRP), das bis 2013 annähernd so viel europäische Forschungsfördermittel zur Verfügung stellen wird, wie seit Beginn der europäischen Forschungsförderung vor über zwanzig Jahren geflossen sind: mehr als 50 Milliarden Euro!

Ursprünglich waren sogar eine Verdopplung des europäischen Forschungsbudgets und damit ein Gesamtetat von 72 Milliarden vorgesehen gewesen, die EU-Forschungskommissar Janez Potocnik jedoch nicht erreichen konnte. In den Budgetverhandlungen der Regierungschefs wurde die EU-Forschungsförderung zugunsten herkömmlicher Agrar- und Regionalförderprogramme wieder abgeschmolzen. Übrig geblieben ist aber immerhin noch eine Aufstockung von 75 Prozent gegenüber dem 6. Rahmenprogramm.

Die kontinuierliche Erhöhung der EU-Forschungsmittel setzt sich mit dem 7. FRP fort; zwar langsamer als erhofft, aber dennoch weiter in einem Umfang, der auf nationaler Ebene undenkbar wäre. Forschungsförderung wird mehr und mehr zu einer europäischen Angelegenheit, so dass – wie bereits in den „Eckpunkten für ein zukunftsfähiges deutsches Wissenschaftssystem“ (Hannover, Mai 2005) empfohlen – die international wahrnehmbare Profilierung deutscher Forschungseinrichtungen zum vorrangigen Ziel werden muss, wenn Deutschland von dieser Entwicklung angemessen profitieren will.

Steigerung der Forschungsförderung der EU
Die massive Steigerung der Forschungsförderung ist auch dringend geboten, um das Ziel zu erreichen, das sich die Regierungschefs der EU-Länder bereits im Jahr 2000 in Lissabon gesetzt hatten: Die EU bis 2010 zum leistungsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsraum weltweit auszubauen. Auf diesem Weg soll durch eine Stärkung der europäischen Forschung und Technologie der Übergang von der Produktions- in eine Wissensgesellschaft erreicht und damit dauerhaft der hohe Lebensstandard in Europa gesichert werden.

Diesem hehren Ziel dient nun also das 7. FRP, gleichsam Europas Masterplan der Forschungsförderung. Auf nationaler Ebene wird es flankiert durch die in Barcelona im März 2002 beschlossene Steigerung der Forschungsaufwendungen der einzelnen Mitgliedsstaaten auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der EU – eine Steigerung, die jedenfalls in Deutschland durch die zusätzlichen Mittel des „Paktes für Forschung und Innovation“ und der „Exzellenzinitiative“ erreicht werden kann, wenn denn alle Bundesländer mitziehen (können).

Gegenwärtig werden noch die letzten Feinjustierungen des Rahmenprogramms vorgenommen, das im Herbst vom Europäischen Parlament beschlossen werden soll. Auch die Beteiligungsregeln und die Finanzierungsbedingungen sind noch in der Diskussion. Die Architektur des Rahmenprogramms aber steht seit der Vorlage des überarbeiteten Kommissionsentwurfs im Juni 2006 fest. Sie ist geprägt durch vier spezifische Programme: Zusammenarbeit, Ideen, Menschen und Kapazitäten.

Alle vier Programme beinhalten bereits bekannte Förderinstrumente, etwa „Integrated Projects“ oder „Network of Excellence“. Ein wichtiges Anliegen von Forschungskommissar Potocnik war es, künftig trotz steigender Komplexität des gesamten Rahmenprogramms die Formalitäten der Antragsprozedur zu vereinfachen und zu beschleunigen und damit die EU-Forschungsförderung benutzerfreundlicher zu machen. Ob das gelungen ist, bleibt freilich abzuwarten.

Das umfangreichste der spezifischen Programme heißt „Zusammenarbeit“. Es erhält mehr als die Hälfte des Gesamtbudgets (ca. 32 Milliarden Euro) und hat das Ziel, multinationale Verbundprojekte zu initiieren. So sollen in den thematischen Prioritäten Forschungsthemen über Ländergrenzen hinweg sinnvoll vernetzt und die Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, insbesondere mit wissensintensiven klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) weiter gestärkt werden. Die Verbundforschung stellt den konzeptionellen Kern der Förderung im siebten Rahmenprogramm dar. Die neun zentralen Themenfelder, in denen Kooperationen gefördert werden sollen, sind Gesundheit (1), Lebensmittel, Landwirtschaft und Biotechnologie (2), IuK-Technologien (3), Nanowissenschaften, Werkstoffe und neue Produktionstechnologien (4), Energie (5), Umwelt (einschließlich Klimaänderung) (6), Verkehr (einschließlich Luftfahrt) (7), Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften (8) und Sicherheit und Weltraum (9).

Gentechnik im Labor
Innerhalb dieser thematischen Bandbreite liegt der Fokus klar auf der Förderung von Projekten, die auf die Verbesserung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit ausgerichtet sind. Die Hervorhebung der Anwendungsorientierung innerhalb des Kernstücks des 7. FRP wird durch die Akzentuierung der „Grundlagenforschung“ und durch den Aufbau eines „European Research Councils“ (ERC) im Programm „Ideen“ komplementär ergänzt.

„Ideen“ will mit ca. 7,4 Milliarden Euro streng nach wissenschaftsintrinsischen Qualitätskriterien bewertete Pionierprojekte in „Grenzbereichen des Wissens“ fördern. Zur Koordinierung und Auswahl dieser Projekte wird der ERC als unabhängiger Forschungsrat geschaffen. Dessen Aufgabe ist nach Vorstellungen der Kommission nichts geringeres als der Aufbau einer europaweiten wettbewerbsorientierten Förderungsstruktur für Wissenschaft und Technologie. Die Themen sollen aus den aussichtsreichsten und produktivsten Forschungsbereichen stammen und sind ausdrücklich unabhängig von den thematischen Prioritäten der anderen Teile des Rahmenprogramms.

Ein Vorbild für den ERC ist die DFG mit ihrer Fähigkeit, die Bewertung von Forschungsanträgen ausschließlich nach wissenschaftlichen Kriterien durch ein komplexes Peer-Review System zu gewährleisten. Der langjährige DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker wird denn auch als erster Generalsekretär die Anfangsphase des ERC und damit den Aufbau dieser ausdrücklich nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung der nationalen Forschungsförderung geplanten Institution begleiten. Spätestens 2010 soll der ERC dann seinerseits auf wissenschaftliche Kompetenz, Unabhängigkeit und Effizienz geprüft werden.

Das dritte Programm „Menschen“ (4,7 Milliarden) will den europäischen Forschungsraum für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler attraktiv machen und so dem berüchtigten „brain drain“ in andere Regionen der Welt entgegenwirken. „Menschen“ spricht auf der Grundlage des Erfolges der Marie-Curie-Maßnahmen der zurückliegenden Forschungsrahmenprogrammme einzelne Forscher an, denen in allen Stadien ihrer wissenschaftlichen Laufbahn attraktive Angebote gemacht werden sollen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Förderung des Nachwuchses.

Teleskop zur Weltraum-
forschung, La Palma (im Bau)
Das vierte Programm „Kapazitäten“ (4,2 Milliarden) schließlich konzentriert sich auf die Verbesserung der Nutzung der Forschungsinfrastruktur in einem gemeinsamen europäischen Forschungsraum. Vorhandene Kapazitäten sollen effizienter genutzt und der Aufbau künftiger Infrastrukturen innerhalb des Forschungsraumes weitgehender abgestimmt werden. Das „Europäische Strategieforum für Forschungsinfrastrukturen“ (ESFRI) wird dabei den Bedarf an Infrastrukturmaßnahmen ermitteln und den Prozess ihres Aufbaus koordinieren. Auch dieses Programm umfasst spezielle Maßnahmen für KMU, deren Innovationskraft gestärkt werden soll. Ein Instrument dazu ist die auch durch nationale Förderprogramme angeregte Schaffung regionaler Cluster, die auf der Zusammenarbeit von Forschungseinrichtungen, Universitäten und KMU basieren.

Angesichts des gewachsenen Finanzvolumens bietet das 7. FRP also mannigfache Chancen, europäische Fördermittel für die wissenschaftliche Arbeit an deutschen Forschungseinrichtungen einzuwerben. Dabei kann an die Erfolge im 6. FRP angeknüpft und auf den bereits gewonnenen Erfahrungen aufgebaut werden: Der Anteil der von deutschen Einrichtungen eingeworbenen Fördermittel liegt mit 20 Prozent vor dem aller anderen Staaten. Der Anteil der von außeruniversitären Forschungszentren in Deutschland eingeworbenen Mittel liegt jedoch im 6. FRP hinter dem der Wirtschaft und der Hochschulen.

Für die Institute des FVB, deren Arbeitsgebiete weitgehend innerhalb der thematischen Prioritäten liegen, eröffnen sich also auch im neuen Rahmenprogramm weit reichende Fördermöglichkeiten. Angesichts der Umstellung von einer pauschalierten Zusatzkosten- zur Vollkostenerstattung lohnt sich die Beantragung von EU-Projekten künftig noch mehr – zumal die Institute auf der Basis ihrer KLR zu einer präzisen, alle tatsächlich anfallenden Kosten berücksichtigenden Berechnung (im Unterschied zu mancher Hochschule) fähig sind.

Die ersten Ausschreibungen („calls“) sind innerhalb des nächsten halben Jahres zu erwarten. In themenspezifischen Workshops zu den Fördermöglichkeiten des 7. FRP sollen die Wissenschaftler an den Instituten des Forschungsverbundes auf die Beantragung von EU-Projekten vorbereitet werden. Dabei gibt es innerhalb des Forschungsverbundes schon einen beträchtlichen Erfahrungsschatz hinsichtlich der erfolgreichen Beantragung und Durchführung von EU-Projekten, von dem alle profitieren können. Seit der Gründung des EUBüros der Leibniz-Gemeinschaft im Juni 2006 steht eine zusätzliche Anlaufstelle in Brüssel zur Verfügung. Der Wettbewerb um Mittel des 7. FRP kann also beginnen.


Mehr im Internet:
Kompromiss in Brüssel, scienzz ticker 29.05.2006
Vorbereitung des 7. Europäischen Forschungsrahmenprogramms
Beratungsstellen der Bundesregierung zum europäischen Forschungsrahmenprogramm


Das Manuskript wurde uns freundlicherweise vom Verbundjournal des Forschungsverbundes Berlin e.V. zur Verfügung gestellt.


 

 

 

 

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