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kultur

31.10.2006 - IDEENGESCHICHTE

"Wir sehen uns wieder!"

Eine kleine Sozialgeschichte des himmlischen Lebens

von Josef Tutsch

 
 

Als Dante bei seinem Aufstieg im Paradies beinahe die höchste Ebene, die der Gottesschau, erreicht hat, erblickt er seine früh verlorene Beatrice. "Sie lächelte mir zu und sah mich an; dann wandte sie zum ewigen Born sich wieder." Für Reminiszenzen an das irdische Leben ist in Dantes Himmel wenig Platz. Es gilt die Auffassung des Thomas von Aquin: "Die höchste und vollkommene Glückseligkeit, die uns im künftigen Leben erwartet, besteht in nichts anderem als in der vollkommenen Vereinigung der Seele mit Gott, insofern sie ihn in vollendeter Schau und Liebe vollkommen genießt."

Das war auch im Mittelalter keineswegs unumstritten. Zwei Generationen vor Dante, um 1230 oder 1240, erklärte der Dichter Giacomo da Lentinis, ohne seine Freundin möchte er nicht im Paradiese sein: "Denn ohne sie könnt’ ich mich nimmer freun. Getrennt von ihr? das würde mir’s vergällen." Und erschreckt durch die eigene Kühnheit, fügte er hinzu: "Das sag ich nicht, weil’s mich gelüstet, je der Fleischeslust mich dorten zu ergeben." Genau dieses Gelüste findet sich in dem Traktat "Über die Liebe", den der Kleriker Andreas Capellanus um 1180 verfasste. Ein Ritter schildert seiner Dame das Paradies, das er selbst gesehen haben will, als einen Ort "mit vielen wundervoll gestickten Liegen aus syrischem Tuch und mit purpurnen Ornamenten".

Dante begegnet Beatrice im Paradies
(Sandro Botticelli, Um 1490/95)
 
Die Institution der Ehe spielte in der Ideologie der Troubadour keine Rolle; der fiktive Ritter muss sich also nicht gefragt haben, wie sein Paradies mit den Worten Jesu in Einklang zu bringen wäre, "wenn sie auferstehen von den Toten, werden sie weder heiraten noch geheiratet werden, sondern sie sind wie die Engel im Himmel". 2.000 Jahre Christentum lassen sich als andauernder Kampf gegen die Versuchung beschreiben, den Himmel phantasievoll mit sozialen Beziehungen zu füllen. Die Grundlage bot eine Stelle im Neuen Testament: "Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen." Ähnlich kannte bereits der griechische Dichter Hesiod die Vorstellung, dass sich auf "seligen Inseln, kummerentlasteten Herzens" die großen Heroen nach ihrem Tod ansiedeln.

Den Höhepunkt der Phantasie bildete nicht etwa das Mittelalter, das sich mehr auf Fegefeuer und Hölle konzentrierte, sondern – verwirrend für alle eindimensionalen Konzepte vom Rationalisierungsprozess – das späte 18. und das 19. Jahrhundert. Beispiel: "The Gates Ajar", ein Roman der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Stuart Phelps aus dem Jahr 1868, laut Untertitel "ein flüchtiger Einblick in den Himmel". Ihr längst verstorbener Vater empfängt die Erzählerin in "einem friedlichen kleinen Haus ... Es war von Bäumen umgeben, es gab auch Blumen, ein prächtiger Hund sonnte sich auf den Stufen ..." Ein Zimmer in diesem Bungalow ist für die Mutter reserviert, wenn sie sterben wird; denn – darin liegt wohl die Antwort an Leser, die sich stirnrunzelnd an die Worte Jesu erinnern – "dieser Bund war eine wahre Ehe gewesen und nicht eine jener unvollkommenen Verbindungen, die man auf Erden mit diesem Namen schmückt".

"Flüchtiger Einblick in den
Himmel", von Elizabeth
Stuart Phelps, 1869
 
Es gibt also solche Beziehungen und andere ... In der deutschen Literatur ist diese Unterscheidung aus Goethes "Werther"-Roman bekannt. Der unglücklich Verliebte steigert sich vor dem Selbstmord in eine Fieberidee hinein: "Sie ist mein! Du bist mein! ja, Lotte, auf ewig. Und was ist das, dass Albert Dein Mann ist? Mann! Das wäre denn für diese Welt ... Ich gehe voran! ... bis Du kommst, und ich fliege Dir entgegen und fasse Dich und bleibe bei Dir vor dem Angesichte des Unendlichen in ewigen Umarmungen." Im Himmel kann wirklich werden, was auf Erden nicht möglich ist – dieses zentrale Thema der Romantik hatte Rousseaus Heldin Julie schon 1761, ein Jahrzehnt vor Werther, angeschlagen: "Die Tugend, die uns auf der Erde trennte, wird uns in der Ewigkeit vereinen", schreibt sie ihrem unerreichbaren Geliebten vor dem Tod.

Der Widerspruch zur theologischen Tradition war Rousseau sehr wohl bewusst. Ein Pfarrer trägt Julie "in Ansehung des künftigen Lebens eine entgegengesetzte Lehre vor. Die Unermesslichkeit, die Herrlichkeit und die anderen Eigenschaften Gottes, sagte er, seien der einzige Gegenstand, der der Seligen Herz beschäftige; diese erhabene Betrachtung lösche jedes andere Andenken aus." Julie aber zeigt sich der Diskussion gewachsen: "Ich sage mir, ein Teil meiner Seligkeit werde im Zeugnisse eines guten Gewissens bestehen. Folglich werde ich mich dessen erinnern, was ich auf Erden getan habe, folglich werde ich mich auch derer erinnern, die mir lieb gewesen sind ... Solange ich mich erinnern werde, die Erde bewohnt zu haben, werde ich diejenigen lieben, die ich darauf geliebt habe."

Werthers Tod, zeitgenössische
Illustration zu Goethes Roman

Rousseaus Zeitgenosse Emanuel Swedenborg, schwedischer Naturforscher und Theosoph, wollte in der Ewigkeit mit einer geliebte Dame vereinigt werden, deren Gemahl er unterstellte, die Hölle als jenseitigen Aufenthaltsort vorzuziehen. Swedenborg blieb sein Leben lang unverheiratet; dennoch widmete er ein Großteil seines Werkes dem Nachweis, dass wie im Diesseits so auch im Jenseits "die eheliche Liebe die Grundlage aller Liebesarten" ausmache. Swedenborg konnte sogar die Frage der Sadduzäer im Neuen Testament beantworten, mit welchem Partner eine siebenmal verheiratete Frau im Jenseits vereinigt sein wird: Sie wird dem Ehemann gehören, mit dem sie "wahrhaft" verheiratet war.

Für Menschen, denen eine "wahrhafte" Ehe auf Erden nicht beschieden war, ist in Swedenborgs Himmel eine Trauungszeremonie mit einem geeigneten Partner vorgesehen. "Beide Ehegatten kehren zurück zur Blüte und zu den Freuden ihres jugendlichen Alters, als die eheliche Liebe anfing, ihr Leben durch neue Wonnegefühle zu erhöhen", schreibt der Visionär. "Die Quellen ihrer Liebe fließen ständig, so dass es an nichts fehlt, wenn sie wollen." Woher Swedenborg das alles weiß? Die Engel haben es ihm offenbart. Sie haben ihm auch versichert, dass sie "nach dem Genuss der ehelichen Freude (einer zutiefst geistigen Freude, wie der Autor immer wieder betont) nicht traurig werden, wie manche auf Erden, sondern heiter".

Julie mit ihrem Geliebten
saint-Preux, zeit-
genössische Illuatration
zu Rousseaus Roman
 

Kurzum: Swedenborg hat die Sexualität in den christlichen Himmel eingeführt. In dieser Hinsicht – nicht allerdings, was das Ideal der Monogamie angeht – gibt es eine verblüffende Übereinstimmung mit dem Paradies, wie es muslimische Autoren beschreiben. Tatsächlich wurde Swedenborg von Zeitgenossen vorgeworfen, seine Theologie besitze "mohammedanischen Beigeschmack". Grundlage im Islam sind die Verheißungen des Korans an die Auserwählten: "Bei Huris werden sie wohnen", "schwarzäugigen Jungfrauen mit keusch niedergesenkten Blicken, welche zuvor weder Menschen noch Dschinnen berührt haben". Die Kommentatoren haben dieses Bild mit viel Begeisterung ausgemalt: Jeder Beischlafakt sei "mit einem köstlichen Hochgefühl verbunden, das in dieser Welt hienieden so einzigartig ist, dass man in Ohnmacht fiele, wenn man es erleben würde", der Erwählte sei "ausgestattet mit einem nie ermüdenden Glied und mit Lenden, die der Freuden nie überdrüssig werden".

Dagegen kam sich der christliche Theologe Tertullian um das Jahr 200 vermutlich schon recht kühn vor, als er behauptet, Gott werde "im ewigen Leben diejenigen, die er zusammengefügt hat, nicht trennen". 1504 schrieb der Mönch Celso Maffei einen ausführlichen Traktat über die Freude der Umarmungen und der Küsse im Himmel, betonte jedoch die "verklärte Natur unseres Leibes". 1659 wollte der Philosoph Henry More lediglich zugestehen, es könnte auch im Himmel "einige allgemeine Merkmale geben, die die Schönheit in männlich und weiblich differenzieren". Wenig später paraphrasierte der Puritaner Richard Baxter zur Unsterblichkeit wieder die alte Lehre des Thomas von Aquin: Der Himmel bedeute für einen Heiligen das Genießen Gottes mit ewigem Lobpreisen und Singen.

Swedenborgs Himmel,
gemalt von J. A. G. Acke
 
Immerhin gab es unter den Reformatoren recht vorsichtig auch andere Stimmen. 1599 versicherte der lutherische Pfarrer Philipp Nicolai seiner westfälischen Gemeinde während einer Pestepidemie, die Familien würden sich wiedersehen – jedoch, wohlgemerkt, ohne Geschlechtsleben. Zum Dammbruch kam es um die Mitte des 18. Jahrhunderts, mit Rousseau und Swedenborg; das Zeitalter der Aufklärung war eben auch die Epoche der Empfindsamkeit. Ein halbes Jahrhundert später sangen alle Dichter vom Wiedersehen im Himmel. "Hier umarmen sich getreue Gatten, küssen sich auf grünen samtnen Matten ...", reimte Friedrich Schiller ("Elysium"). "ihre Krone findet hier die Liebe, sicher vor des Todes strengem Hiebe, feiert sie ein ewig Hochzeitsfest." In Novalis’ "Lied der Toten", geschrieben zum Andenken an seine im jugendlichen Alter von 15 Jahren verstorbene Sophie, flüstern Dahingeschiedenen von Liebe: "Leiser Wünsche süßes Plaudern hören wir allein, und schauen immerdar in sel’ge Augen, schmecken nichts als Mund und Kuss."

Nochmals ein paar Jahrzehnte später konnten sich auch strenge Theologen dem Trend nicht mehr verschließen. Der Presbyterianer Robert Patterson behauptete 1877, aus der Bibel gehe klar hervor, "dass Freunde im Himmel rasch von einander wissen und sich begeistert austauschen, was der Herrgott für sie getan hat". 1879 stimmte der katholische Bischof Wilhelm Schneider in den Chor ein: Die Seligkeit des Einzelnen werde "noch tausendmal größer durch den Anblick seiner Gefährten des Glücks, insbesondere derjenigen, die er auf Erden gekannt, verehrt und geliebt hatte". Insbesondere werde "der Bund, der an den Stufen des Altars geschlossen wurde, im Angesicht des Allerhöchsten und in Anwesenheit des gesamten himmlischen Hofes erneut geschlossen und endgültig besiegelt". Schneiders Antwort auf jene Frage der Sadduzäer, die Jesus mit einem Hinweis auf die Engel abgewehrt hatte: "Der Mann, der vielleicht mehrere Frauen gehabt hat, wird sie alle als seine Frauen lieben, jede von ihnen, als wäre sie seine einzige gewesen."

Hans Memling, Das Jüngste
Gerioht, um 1470
In der Kirche der Mormonen ist die Fortdauer irdischer Sozialverhältnisse wie Ehe und Familie im Jenseits bis heute offizielle Lehre. Noch weiter gehen Vertreter des Spiritismus. Laut Gladys Osborn Leonard dürfen Menschen, denen ein geliebtes Tier gestorben ist, darauf vertrauen, dass sich im Jenseits jemand um das Tier kümmert, bis der Besitzer dazu selbst in der Lage sein wird. 1979 sah sich die römische Kongregation für die Glaubenslehre zu einer Warnung veranlasst sah: "Wenn man über das Geschick des Menschen nach dem Tode spricht, muss man sich besonders vor Darstellungsweisen hüten, die sich ausschließlich auf willkürliche Phantasievorstellungen stützen."

Das Geschick des Menschen nach dem Tode ... Im Mittelalter wurde die Frage viel diskutiert, ob die Seligkeit der Erlösten durch das Wissen um die Verdammten in der Hölle irgendwie beeinträchtigt wird – vielleicht handelt es sich dabei ja um Freunde oder Verwandte. Im 12. Jahrhundert erklärte Petrus Lombardus, dessen "Sentenzen" Jahrhunderte lang als Grundlage der akademischen Lehre dienten, hierzu, im Himmel könne es kein Mitleid geben, die Glückseligkeit werde durch den Anblick der Züchtigung vielmehr noch gesteigert. Seit der Aufklärung ist das Interesse an diesem Problem bemerkenswert zurückgetreten. Ein Blick in neuere Umfrageergebnisse lässt ahnen, warum. Danach glaubt in europäischen Ländern fast die Hälfte der Befragten an den Himmel – und viele davon auch an eine Begegnung dort mit Freunden und Verwandten –, aber weniger als ein Drittel an die Hölle.


Auf dem Büchermarkt:
Bernhard Lang, Colleen Mc Dannell: Der Himmel. Eine Kulturgeschichte des ewigen Lebens, Frankfurt am Main 1990
Pierre-Antoine Bernheim, Guy Stavrides: Das Paradies – Verheißungen vom glücklichen Jenseits, Düsseldorf/Zürich 1992




Mehr im Internet:
Himmel 
Totengedenken von Homer bis zur Gegenwart, scienzz 31.10.2005
Ernsthaftes und weniger Ernsthaftes aus der Kulturgeschichte der Grabschrift, scienzz 01.08.2006 








Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 

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