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04.12.2006 - PHILOSOPHIE

Gewebe von Unsinn für den höheren Denker

Geschichte in der Kritik - ein Dresdner Philosoph über die Philosophiegeschichte seit 1800

von Josef Tutsch

 
 

Es ist erst wenige Jahrzehnte her, dass unter den Intellektuellen Westeuropas viele von einer nahe bevorstehenden Revolution als Erfüllung der Weltgeschichte überzeugt waren. Da ist es schon erstaunlich, wenn der Dresdner Philosoph Jürgen Große jetzt nüchtern feststellt: "In der gegenwärtigen (akademischen) Philosophie gehört ‚Geschichte’ nicht zu den prominenten oder umstrittenen Themen." Geschichtsphilosophie gilt nämlich, so erläutert Große, "seit längerem als eine bestimmte Weise, Geschichte zu denken und dadurch auch zu erfahren und zu machen, die obsolet geworden ist, da in ihren Vermittlungen von gelebtem und gedachtem Geschehen gescheitert."

Beides muss nicht einmal ein Widerspruch sein, es kommt darauf an, wie weit man den Begriff einer "akademischen Philosophie" (im Unterschied zu dem, was man früher "Popularphilosophie" nannte) fasst. Großes Thema ist eine Kehrseite der Geschichtsphilosophie, die "Kritik der Geschichte", und zwar "seit 1800". Das runde Datum meint die Französische Revolution, den ersten Fall in der Geschichte, "dass der Mensch sich auf den Kopf, d.i. auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut", wie Hegel später urteilte.

Johann Wolfgang von Goethe

Aber abseits von Hegel (und Marx) haben viele Philosophen zur "Geschichtsphilosophie" Abstand gehalten. "Geschichtskritik" statt dessen, ein radikales Infragestellen dessen, was unter dem Begriff der Geschichte gleichzeitig doch das beherrschende Denkschema bildete. Vielleicht weil der Eindruck unausweichlich wurde, dass auch die irgendwie von Menschen gemachte Geschichte der Revolutionen den geforderten Sinn nicht bieten kann? Man möchte darüber spekulieren, ob das eine deutsche oder mitteleuropäische Besonderheit ist, aufgrund besonderer historischer Erfahrungen. Große geht darauf nicht ein, seine Studie hält sich streng in den Grenzen der Philosophiehistorie.

Mit einer Ausnahme, Goethe. Die klassischen, in Deutschland traditionsprägenden Formeln von Geschichtskritik stammen von Goethe: "Die Weltgeschichte ist eigentlich nur ein Gewebe von Unsinn für den höheren Denker, wenig aus ihr zu lernen." Große nennt diesen Standpunkt "überhistorisch". Systematisch hat ihn Arthur Schopenhauer formuliert: "Die Geschichte zeigt auf jeder Seite nur dasselbe unter verschiedenen Formen ... Die Kapitel der Völkergeschichte sind im Grund nur durch die Namen und Jahreszahlen verschieden; der eigentlich wesentliche Inhalt ist überall derselbe."

Georg Wilhelm Friedrich
Hegel

Es wäre reizvoll, sei es bloß als Provokation für unser heutiges, durch zwei Jahrhunderte Geschichtsbewusstsein hindurchgegangenes Denken, solche zweifellos befremdlichen Aussagen einmal zur Diskussion zu stellen. Aber das ist heutzutage wohl allenfalls ein Thema für den gymnasialen Deutschaufsatz, nicht für die akademische Philosophie. "Überhistorisch" nennt Große diesen Standpunkt, weil als Grund des geschichtlichen Wandels ein übergeschichtliches Sein vorausgesetzt wird, dessen Ausdruck oder Abbild bloß die Geschichte ist. Zu ihrer Charakterisierung liegen dann Ausdrücke wie "Schein" und "Lüge" nahe.

Große setzt, um dem Leser einen Weg durch das Dickicht der Philosophiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zu ermöglichen, drei andere Typen möglicher und realisierter geschichtskritischer Standpunkte daneben oder dagegen: den transhistorischen, den unhistorischen und den antihistorischen. Eine Terminologie, die für den Leser zunächst einmal etwas undurchsichtig wirkt. Mit einigem Mut zur Simplifizierung könnte man sagen: Das "Eigentliche" – Geschichtskritik ist nolens volens immer auch ein wenig Metaphysik – kann statt "über" der Geschichte auch vor ihrem Beginn gesucht werden oder in dem, was als praktische Aufgabe ansteht (also in einer nahen Zukunft), oder schließlich in einer quasi-geschichtslosen Gegenwart.

Arthur Schopenhauer

Natürlich kann eine solche Typologie nur als Hilfsmittel sinnvoll sein, wenngleich sich in dieser so instruktiven Studie gelegentlich doch ein Satz findet, wo es leise zu klappern beginnt: "Die transhistorische Kritik an der Geschichte bildet systematisch, z.T auch historisch den Übergang von der supra- zur ahistorischen Position." Als Paradefall für die Suche nach einer mythischen Vorvergangenheit, die der Ursprung der Geschichte sein mag, aber vor allem ihr Anderes ist, wird Schelling analysiert. Als Repräsentant eines durch und durch "präsentischen", in diesem Fall existentiell verstandenen Denkens tritt Kierkegaard auf.

Ein Beispiel für un- oder ahistorisches Denken findet Große ausgerechnet bei Ludwig Feuerbach, dem Großvater des Marxismus, wenn man so will. Vor den anstehenden Aufgaben wird alles Vergangene radikal verneint: "Woher der Kampf der Gegenwart?", schrieb Feuerbach: "Die Menschheit muss, wenn sie eine neue Epoche begründen will, rücksichtslos mit der Vergangenheit brechen; sie muss voraussetzen, das bisher Gewesene sei nichts." Das revolutionäre Geschichtspathos, wie es im populären Marxismus bis in die jüngere Vergangenheit das Denken beherrscht, hat, von der Warte dieses typologischen Schemas her betrachtet, eben auch sehr unhistorische Obertöne ... Das könnte noch deutlicher werden, wenn Große die Endzeiterwartungen in dieser Populärphilosophie der Geschichte (irgendwo "zwischen Totalitarismusvorwurf und Prophetieverdacht") nicht weitgehend ausgeklammert hätte.

Ausgeklammert sind auch die radikal geschichtskritischen Reflexionen bei modernen Dichtern wie Gottfried Benn oder Stefan George. Manches ließe sich dort anschaulicher machen als bei den strengen Philosophen. Große verweist jedoch zu Recht darauf, dass poetische Expressivität ihre eigenen Gesetze hat. Grenzen, die sich freilich verschieben können, wie Große selbst in seinem Buch praktisch vorführt: Positionen, die damals sehr außerakademisch waren, von Goethe über Schopenhauer und Kierkegaard bis Nietzsche, werden mit derselben Ernsthaftigkeit diskutiert wie jene der beamteten Universitätsphilosophen.

Dass die Positionen geschichtskritischen Denkens im 19. Jahrhundert im 20., miteinander und gegeneinander variiert, aktuell geblieben sind, wird, sozusagen von der Kehre her, aus dem berühmten Vortrag Benedetto Croces 1930 deutlich, mit seiner Argumentation gegen "antihistorische"Denkarten. Antihistorisch nannte Croce sowohl den Aktivismus, der nur eine künftige Geschichte gelten lassen will, als auch sein Gegenstück, dem es um Ruhe vor dem Wechsel des Zufälligen geht. Zweites Beispiel: "Geschick" wurde zu einem Schlüsselbegriff des späten Heidegger im Versuch, das "Wesen der Geschichte" zu bestimmen. Menschliches Tun, behauptete Heidegger, werde "geschichtlich erst als ein geschickliches". Welch ein Abstand zu Hegels hymnischer Würdigung der Vernunft in der Geschichte!

Neu auf dem Büchermarkt:
Jürgen Große, Kritik der Geschichte. Probleme und Formen seit 1800,
Mohr Siebeck, Tübingen 2006 (ISBN 3-16-149023-1), 74,00 €



Mehr im Internet:
Geschichtsphilosophie


 



 

 


Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur


 

 

 

 

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