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27.10.2006 - GESCHICHTSWISSENSCHAFT

Markierungen im historischen Wandel

Aus Reinhart Kosellecks Begriffsgeschichten

von Josef Tutsch

 
 

Reinhart Koselleck
* 23.4.1923, † 3.2.2006

"Definierbar ist nur das, was keine Geschichte hat", ist in Friedrich Nietzsches Schrift "Zur Genealogie der Moral" zu lesen. Eine Provokation, die den Historiker Reinhard Koselleck niemals losgelassen hat. Jahrzehnte lang widmete er sich der Aufgabe, geschichtliche Begriffe in ihrem Wandel so präzise, wie nur irgend möglich, zu fassen – "Begriffsgeschichten" eben.

Dreiviertel Jahr nach Kosellecks Tod ist jetzt eine Sammlung von Aufsätzen und Vorträgen erschienen, ein Querschnitt durch das Lebenswerk, sozusagen die Parerga neben der Enzyklopädie der "Geschichtlichen Grundbegriffe", die Koselleck vor Jahrzehnten angestoßen und ab 1972 mit herausgegeben hat. Das monumentale Lexikon ist längst ein Standardwerk in jeder großen Bibliothek mit historischer Literatur, der neue Band eher ein Lesebuch für den Hausgebrauch. Bereits ein Blick ins Inhaltsverzeichnis macht deutlich, worauf sich Kosellecks Forscherinteresse eigentlich richtete: die historischen Bewegungsbegriffe wie "Bildung", "Aufklärung", "Fortschritt". Wörter also, die bereits inhaltlich jenen Prozesscharakter signalisieren, der laut Nietzsches Aphorismus der Definition im Wege steht.

Von gleich zu gleich? Kaiser
Joseph  und König Friedrich
(Gemälde von Adolph  Menzel)
Ein Band zum Stöbern und Schmökern. Die lockere Form des Essays oder der Rede erlaubt es, den Wandel von Sprache und Gesellschaft auch einmal jenseits aller strengen Systematik, nämlich in der Anekdote, anschaulich zu machen. Im November 1782, erzählt Koselleck, bewarb sich ein gewisser Baron von Massenbach aus dem Kraichgau bei König Friedrich II., "dem Großen", um eine Offiziersstelle. Bei der Audienz kam das Gespräch auf eine Episode aus dem Siebenjährigen Krieg. Frage des Königs: "In der Gegend von Heilbronn wohnt Sein Vater? Hat Er das Lager gesehen, das die Österreicher in dieser Gegend gehabt haben?" Massenbachs Antwort: "Ja! Eure Königliche Majestät, ... die rechte Flanke war durch den Neckar gedeckt, die linke stand in der Luft. Ein Angriff auf die linke Flanke hätte die Kaiserlichen – ich korrigierte  mich und sagte, die Österreicher in den Neckar geworfen."

Es ist klar, warum der Baron es für tunlich hielt, sich zu korrigieren, und warum der König ihn während des Lapsus "mit durchdringendem, forschem Blicke ansah". Aus preußischer Sicht betrachtet, lief der Krieg nicht zwischen dem Kaiser und einem Reichsfürsten, sondern zwischen zwei gleichberechtigten Staaten. Die Politik der Häuser Habsburg und Hohenzollern hatte dieser geänderten Sprechweise seit Jahrzehnten vorgearbeitet. In Massenbachs Anekdote wird der Zusammenhang von Sprache mit dem sozialen, politischen und rechtlichen Leben ganz handgreiflich. Die meisten Qualitätssprünge sind da viel schwieriger, ein Lieblingsbeispiel Kosellecks ist der preußische "Staat". Ab wann trifft dieses Wort die historische Realität? Rechtlich erst mit der Verfassung vom Januar 1850, politisch-informell wurde der Kollektivsingular bereits im frühen 18. Jahrhundert gebraucht. Das preußische Allgemeine Landrecht von 1794 blieb zwiespältig. Laut Titel wurde es für "die preußischen Staaten" im Plural erlassen, im Text dagegen ist gelegentlich vom "Staat überhaupt" die Rede.

Ein Staat aus Staaten: das große
Wappen des Königreiches Preußen
"Es hieße die Geschichte um ihren systematischen Anspruch bringen, wenn auch ihre Begriffe in den trüben Fluss des ewigen Wandels getaucht würden." In diesem Satz hat Koselleck seine Wissenschaftstheorie zusammengefasst. "Ein Historiker wird sich nicht anmaßen, aus der Geschichte Lehren zu ziehen. Aber er verfügt über ein rational verarbeitetes Erfahrungswissen, das politische Urteile erlaubt" – Urteile im Sinn kartographischer Wegweiser, die darüber aufklären, wohin man gehen kann, wenn man gehen will. Am Begriff des "Bundes", der bereits Ende des 18. Jahrhunderts auch in der Zusammensetzung "Bundesrepublik" auftaucht, hat Koselleck einige der Bedingungen aufgezeigt, unter denen sich Deutschland und Europa organisiert haben oder organisiert werden können. "Der Begriff einer geteilten Souveränität ist nur dann ein Widerspruch in sich, wenn der restlos homogenisierte Nationalstaat als letzte Instanz gesetzt wird."

Aber ein derart letztes Ziel kennt die Geschichte nicht. Koselleck verweist auf das Desaster des sowjetischen Marxismus, die Verrenkungen, die seine Theoretiker unternehmen mussten, um mit dem vorgegebenen Begriffsinstrumentarium zunächst den Nationalsozialismus als höchste Stufe des Kapitalismus, dann die Bundesrepublik Deutschland als irgendwie faschistisch definieren zu können. 1989 brach nicht nur die kunstvoll gefertigte Ideologie zusammen.

Auch ein Stückchen Begriffsgeschichte
des Fortschritts ...
Das banale Hindernis, über das die Sowjetmarxisten stolpern mussten, bestand darin, dass das Fortschreiten der Geschichte niemals den ideologischen Erwartungen entsprach. "Fortschritt": Sind wir uns bewusst, dass das Wort zwar auf Antike und Mittelalter zurückgeht (der Historiker Thukydides setzte als gegeben voraus, dass die Griechen barbarische Lebensumstände weit hinter sich gelassen hätten, die Theologen sprachen von der Annäherung des Menschen an das Gottesreich), aber in seinem emphatischen Singular – "der" Fortschritt – nicht weiter zurückgeht als auf das späte 18. Jahrhundert? Selbst im Englischen und Französischen wurde Fortschritt zuvor fast nur im Plural gebraucht, als Wachstum oder Verbesserung in einzelnen Sektoren.

"Es unterscheidet den neuzeitlichen Fortschrittsbegriff von seinen religiösen Herkunftsbedeutungen, dass er das stets zu erwartende Ende der Welt in eine offene Zukunft verwandelt." Eine ähnliche Vorgeschichte demonstriert der Historiker auch für den so modernen und politischen Begriff der "Revolution". Im Mittelalter wird man dabei an das Wegwälzen des Steins vom Grabe Christi gedacht haben, in der frühen Neuzeit an die kopernikanische Theorie, dass die Erde sich um sich selbst und um die Sonne dreht. Wie kam der Begriff in die Politik? Der Sinnzusammenhang, antwortet Koselleck, wurde zunächst von der Astrologie hergestellt. Johannes Kepler, gleichermaßen Astronom und Astrologe, diagnostizierte dem Feldherrn Wallenstein, der Konstellation der Gestirne entsprechend, eine "stattliche Revolution". 

Die Ermordeten von Auschwitz - in dem-
selben Sinn Opfer wie die Soldaten des
Weltkriegs?
 
Oder die "Bildung". Dass dahinter letztlich theologische Vorstellungen von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen stehen (und neuplatonische Konzeptionen von einer Annäherung des Abbildes an das Urbild), ist der Gegenwart kaum geläufig, noch weniger die Wendungen der spätmittelalterlichen Mystik von einem "Entbilden" der Seele als Ablösung von der irdischen Wirklichkeit. Mit Kosellecks Ausführungen im Gedächtnis gewinnen aktuelle Bildungsdiskussionen eine ganz andere Dimension. Bei Herder klingt die Vorgeschichte des Begriffs noch durch: "Jeder Mensch hat ein Bild in sich, was er sein und werden soll; solange er das noch nicht ist, ist noch Unfriede in seinen Gebeinen."

Die Gegenwart sei immer mehr, als sie selbst von sich weiß, hätte Kosellecks philosophischer Kollege Hans-Georg Gadamer das ausgedrückt. Die Frage nach dem Neuen (und andererseits dem Alten) an der "Neuzeit" zieht sich wie ein roter Faden durch die Essaysammlung. Bemerkenswert, mit welcher Souveränität die Debatte, ob mit diesem Erbe und seiner Verwandlung, Verfremdung irgendwie ein Legitimitätsverlust einhergehen müsste – Stichwort Säkularisierung –, beiseite gelassen ist. 

Bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde
der Universität Paris 7 Denis Diderot in 
der Sorbonne
Dass Koselleck die aktuelle Kontroverse nicht scheute, ist bekannt. Unter dem Stichwort "Patriotismus" ging es 1987 um ein geplantes Denkmal "den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft". Was war eigentlich gemeint, fragte Koselleck, wenn Soldaten des Weltkrieges gleichermaßen wie die Ermordeten der Konzentrationslager als "Opfer" apostrophiert wurden? Eine "semantische Lässigkeit", so der Historiker milde, allerdings mit "gravierenden politischen Folgen". Anders ausgedrückt: Begriffsprobleme können auch moralische und politische Probleme sein.


Neu auf dem Büchermarkt:
Reinhart Koselleck: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache,
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006 (ISBN 3-518-58463-4), 38,- €



Mehr im Internet:
Reinhart Koselleck







Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

 

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