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03.11.2006 - SITTENGESCHICHTE

Wenn die Seelen sich vermischen...

Eine Kulturgeschichte des Kusses

von Josef Tutsch

 
 

Ein Bussi in Ehren - Politik oder
Jetset?

"Küssen verboten" hat der Gesetzgeber in manchen Staaten der USA festgeschrieben, zumindest dann, wenn diese Küsse in der Öffentlichkeit vollführt werden, gar am Tag des Herrn, und länger als einen kurzen Augenblick andauern. Den Kürzerekord hält Maryland mit dem Limit von einer einzigen Sekunde – das reicht allenfalls für ein Begrüßungsbusserl. In der Tat können Küsse ja geradewegs in die Hölle führen, wie in Dantes "Göttlicher Komödie" nachzulesen ist. Auf seiner Jenseitswanderung begegnete der Dichter Francesca und ihrem Schwager Paolo, die sich gemeinsam in einen Roman von ehebrecherischer Liebe vertieft hatten. "Die eine Stelle war’s, die uns besiegte. Dort, wo wir lasen, wie der Held der Liebe das holde Lachen ihr vom Munde küsste." Folge des gemeinsamen Lesens: "Da küsste er, der ewig mir gehört, den Mund mir zitternd mit dem Munde." Und aus dem Kuss folgte die Sünde: "Wir lasen weiter nicht in jener Stunde."

Alain Montandon, Literaturwissenschaftler an der Universität Blaise-Pascal in Clermont-Ferrand, hat eine kleine Kulturgeschichte des Kusses vorgelegt. "Kulturgeschichte", wie der deutsche Untertitel sagt, ist vielleicht etwas übertrieben. Vor dem Wirbel durch die Welt der Beispiele – vom Hohen Lied der Bibel bis zu Knigges "Umgang mit Menschen" – treten analytische Partien zurück. Und es gäbe viel zu erklären, erst recht bei Beobachtungen aus fremden Kulturen. Ethnologen haben berichtet, dass Chinesen, wenn sie sahen, wie Europäer einander auf den Mund küssten, mit Entsetzen reagierten: Sie glaubten, eine kannibalische Übung wahrzunehmen.

Dantes Paolo und Francesca
(Aquarell von Dante Gabriel
Rossetti, 1856)
Befremdliches findet sich aber auch in der abendländischen Tradition. Für den französischen Schriftsteller Théophile Gautier, Mitte des 19. Jahrhunderts, war das Küssen mit Vampir-Ideen verbunden: "Zwei solcher Küsse saugten alle Säfte aus seinem ganzen Leben und entleerten völlig Seele und Leib." Montandon hat sich auf die französische Literatur konzentriert. So zitiert er nicht Kleists Amazonen-Heldin Penthesilea, der das liebende Küssen mit einem tödlichen Beißen in eins gerät. Auch nicht Oscar Wildes kussbegierige Salome, die dank Richard Strauss beim deutschen Opernpublikum berühmt geworden ist: "Ah! Du wolltest mich deinen Mund nicht küssen lassen, Jochanaan. Wohl! Ich will ihn jetzt küssen. Ich will mit meinen Zähnen hineinbeißen, wie man in eine reife Frucht beißen mag."

Für den liebesunwilligen Täufer Johannes endete die Affäre tödlich, wie man bereits aus der Bibel erfährt. Zwar anstrengend, aber bloß komisch sind dagegen die neuerdings so beliebten Wettbewerbe im Dauerküssen. Ohne Pause (wie immer man sich das vorstellen darf) soll der Rekord inzwischen bei 17 Tagen und 9 Stunden liegen. Mit Erotik hat das vermutlich nicht viel zu tun, ebenso wenig wie jene Küsse aus Nächstenliebe, von denen in den Heiligenlegenden erzählt wird. So heilte der heilige Martin einen Aussätzigen, indem er ihn auf den Mund küsste: "Kaum berührte der Speichel aus dem Mund des Heiligen den Aussätzigen, befreite ihn dieser duftende Balsam von dem Übel, das ihn geplagt hatte."

Der hl. Antonius von Padua (Zeichnung 
von Wilhelm Busch, 1870)
Bei der Nächstenliebe wie bei der alltäglichen Begrüßung geht es auch darum, einander "riechen" zu können, bilanziert Montandon. Der römische Lyriker Catull gab seiner Abneigung, einen Zeitgenossen mit dem üblichen Kuss zu begrüßen, unverhüllt Ausdruck: "Nein, bei den Göttern – nie hätt’ ich geglaubt, dass ein Unterschied wäre, ob des Aemilius Maul oder den Hintern man riecht." Andere Länder, andere Sitten. "Der Kuss, der in der Türkei, in Italien und in Spanien der Anfang des Ehebruchs ist, ist in Paris nichts anderes als eine Höflichkeit", stellte im 16. Jahrhundert Montaigne fest, dem diese Sitte offenbar missfiel.

"Wenn sich zwei auf der Straße treffen", schrieb zwei Jahrtausende zuvor der Historiker Herodot über die Perser, "kann man an ihrem Gruß erkennen, ob beide gleichen Ranges sind. Statt sich gegenseitig anzureden, küssen sie sich auf den Mund. Ist einer der beiden von geringerem Stand, küssen sie sich auf die Wangen. Bei großem Standesunterschied fällt der geringere nieder und verehrt den Höherstehenden durch Fußfall." Etwa im 17. Jahrhundert kam in Westeuropa der Brauch, einander zur Begrüßung auf Mund oder Wangen zu küssen, aus der Mode; inzwischen ist er wohl wieder da, jedenfalls im Jetset. Der Handkuss – oder die Andeutung eines Handkusses – hielt sich gegenüber den Damen länger, war aber schon bei Molière ein unerschöpflicher Quell der Komik. Ausruf eines Moralisten: "Sich von Kavalieren die Hände küssen lassen, dass es wie Feuer brennt, dass Schauer dich erfassen, das ist die allergrößte, die allerschwerste Sünde!"

Der Judaskuss (Fresko von
Giotto, um 1305, in Padua)
In Osteuropa ist der Kuss bis heute ein gängiges Begrüßungsritual, dort ging er auch ins politische Protokoll ein. 1968 küsste der sowjetische Ministerpräsident Kossygin dem Parteichef der tschechoslowakischen Kommunisten, Alexander Dubcek, vor laufenden Kameras auf den Mund, wenige Tage, bevor er seine Panzer nach Prag rollen ließ. Wahrscheinlich kannte weder der eine noch der andere Racines Drama "Britannicus", worin Kaiser Nero frank und frei bekundet "Ich küsse meinen Gegner, um ihn zu ersticken." In der christlichen Tradition ist der arglistige Kuss durch den Verrat des Judas geläufig: "Der, den ich küssen werde, der ist’s, den greifet."

Dabei geht der Friedenskuss ebenfalls auf Weisungen im Neuen Testament zurück: "Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss." Durch die Papstreisen der letzten Jahrzehnte wurde er symbolisch auf den Erdboden ganzer Länder ausgeweitet; aber nicht erst kommunistische Politiker haben die Sitte verweltlicht. 1792 hielt Erzbischof Lamourette, als österreichische und preußische Armeen auf Paris zumarschierten, eine flammende patriotische Rede, die zerstrittenen Abgeordneten waren so berauscht, dass sie einander in die Arme fielen und sich küssten. Dass zwei Jahre später Lamourette seinen Kopf unter der Guillotine verlor, hat die französische Sprache um eine Redewendung bereichert: "un baiser de Lamourette" bezeichnet eine allzu schnelle Versöhnung.

Sozialistischer Bruderkuss
Mittelalterliche Mystik übertrug den Friedenskuss in ganz andere Sphären. Abt Rupert von Deutz, der im Traum von Jesus Christus geküsst wurde: "Ich umarmte ihn und küsste ihn ganz lange. Ich fühlte, wie er gern dieses Zeichen der Liebe zuließ, da er selbst unter Küssen seinen Mund öffnete, damit ich tiefer küssen konnte." Verbreiteter ist die Vorstellung von der büßenden Maria Magdalena. Rainer Maria Rilke: "Sie verlangt nach seinen Füßen: er gibt sie; sie will sie küssen: er überlässt sie ihr." Es mag diese Szene aus dem Lukasevangelium gewesen sein, die den Brauch hat aufkommen lassen, dem Stellvertreter Christi den Fuß zu küssen oder einen solchen Fußkuss wenigstens anzudeuten.

Auch das Trinken aus demselben Glas (oder, noch zurückhaltender, das gegenseitige Annähern oder Anstoßen der Gläser) zeigt ein Küssen an. Zum Beispiel in Richard Wagners "Tristan und Isolde" (worauf der Forscher nicht eingeht): Am Ende des 1. Aktes steht der versehentliche Genuss des Liebestrankes durch die beiden ("Er setzt an und trinkt. Sie entwindet ihm den Becher. Sie trinkt ..."), am Ende des 2. Aktes, nachdem die Liebesnacht durch das Eindringen der Hofgesellschaft so abrupt abgebrochen wurde, die an sich so harmlose und doch so ausdrucksstarke Geste "Tristan neigt sich langsam über sie und küsst sie sanft auf die Stirn."

Der Kuss (Gemälde von Gustav Klimt,
1908)
Oft allerdings geht es beim Küssen ohne viel Symbolik zur Sache. "Lamélie schloss die Augen und widmete sich fromm der Zungenakrobatik". So der französische Erzähler Raymond Queneau. Zwei Jahrhunderte früher sein Kollege Gervais de Latouche: "Meine Hände lagen auf ihrem Hintern, ihre auf meinem, ich presste sie verzückt an mich, sie tat das gleiche, unsere Münder klebten aufeinander, sie waren wie zwei Fotzen, unsere Zungen fickten sich." Es müssen beim "Kuss" nicht unbedingt nur die beiden Münder und Zungen beteiligt sein. Marguerite Duras in einer konjunktivisch verfassten Erzählung: "Sie hätte sich langsam voranbewegt, hätte ihre Lippen geöffnet und auf einmal sein weiches, glattes Ende ganz in den Mund genommen."

Bei Pygmäen und Eskimos dagegen seien Mund und Zunge ganz anderen, völlig unerotischen Tätigkeiten vorbehalten, versichern die Ethnologen, vom Zerkleinern des Fleisches bis zum Säubern der Kinder. Montandon zitiert auch den Aberglauben, man könne die Seele durch den Mund aussaugen, womöglich die Seele des Partners versehentlich verschlucken – ein merkwürdiges Gegenstück zur Vorstellung in der europäischen Literatur, der Lebensatem würde beim Küssen ausgetauscht. Diese Idee tritt nicht etwa erst in der Romantik auf; Montandon hat sie bereits in Baldassare Castigliones "Buch vom Hofmann" aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts gefunden: Der Kuss eröffne "den Seelen einen Weg, auf dem sie sich, von Sehnsucht getrieben, wechselseitig von einem Körper in den anderen ergießen und so miteinander mischen."

So kam das Böse in die Welt:
Roman Polanski, Tanz der Vampire
Mit irgend etwas müsse man schließlich anfangen, soll der Dramatiker Sacha Guitry lakonisch bemerkt haben. Im "Satyrikon" des Petronius aus dem 1. Jahrhundert nach Christus ist das Liebespaar dagegen der Meinung, dass es nicht einmal unbedingt weitergehen müsse. Die Lust beim Kopulieren sei "hässlich und von kurzer Dauer. Wir machen es anders. Wenn du und ich beieinander liegen und uns küssen, feiern wir ein berauschendes Fest, Lust, die nicht abflaut, sondern immer wieder von neuem beginnt". Repräsentativ ist das allerdings nicht. Ovid erklärte in seiner "Liebeskunst" kategorisch: "Wer bereits Küsse sich nahm und das übrige nun nicht dazunimmt, der verdient, auch noch das, was er schon hat zu verlieren." Was übrigens das "Nehmen" betrifft, dazu hat sich Mark Twain abschließend geäußert: "Kein ehrlicher Mann wird einen geraubten Kuss für sich behalten. Er wird ihn sofort zurückgeben."


Neu auf dem Büchermarkt:
Alain Montandon: Der Kuss. Eine kleine Kulturgeschichte,
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2006 (ISBN 3-8031-2549-9), 10.90 €


Mehr im Internet:
Kuss








Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur


 

 

 

 

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