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15.11.2006 - HUMANISMUS-FORSCHUNG

Vom Nutzen humanistischer Ideale

Historiker fragen nach den Funktionen des Neuen im Aufgang der Neuzeit

von Josef Tutsch

 
 

Der Reíz des Neuen: Brunelleschis
Domkuppel in Florenz (Entwurf
1417)

Im Mittelalter wurde die naturwissenschaftliche und medizinische Forschung unterdrückt, erst Humanismus und Renaissance haben die Fesseln gesprengt. Dieses bis heute populäre Geschichtsbild entspricht zwar dem Selbstverständnis der Intellektuellen zu Beginn der Neuzeit. Aber mit der realen Wissenschaftsgeschichte hat es wenig zu tun.

Und mit dem "Humanismus" noch viel weniger. Der Kölner Medizinhistoriker Klaus Bergdolt zeichnet ein ganz anderes Bild. Im 14. Jahrhundert hatten Medizin und Naturwissenschaft bereits ein beachtliches Niveau erreicht, eine neue Blütezeit setzte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein. Ausgerechnet in der Zwischenzeit – es war jene Epoche, die wir im Rückblick als "Humanismus" bezeichnen – standen die Intellektuellen diesen Disziplinen mit Distanz gegenüber. Bereits der Dichter Petrarca, der mit seiner Begeisterung für die Antike die Bewegung begründete, klagte wortreich, die naturwissenschaftlich Gelehrten wüssten "wie viel Haare der Löwe auf dem Scheitel hat und wie viel Federn der Falke im Schwanz, mit wie viel Windungen der Krake den Schiffbrüchigen umklammert und dass sich die Elefanten von hinten begatten", doch machten sie sich über den Sinn (oder vielmehr Unsinn) solcher Kenntnisse keine Gedanken.

Petrarca, Vater der
Neuzeit? Statue in den
Uffizien, Florenz
Es war keine vereinzelte Äußerung. Eine Generation später fragte der Florentiner Staatskanzler Leonardo Bruni, was der Mensch eigentlich davon habe, wenn er die Entstehung des Reifs, des Schnees oder des Regenbogens erklären könne. Kurz und gut: Die Protagonisten des Humanismus kämpften zunächst gegen die naturwissenschaftliche oder medizinische Forschung an; statt dessen wurden Grammatik, Rhetorik, Dichtkunst, alte Geschichte und Moralphilosophie, vor allem aber das Gefühl für die Sprache propagiert.

Bei einer Tagung des Projekts "Forschungen zum Humanismus" in Kloster Weingarten hat Bergdolt dieses Streiflicht auf die Wissenschaftsgeschichte zu Beginn der Neuzeit geworfen. Die Tagung stand unter der Frage nach dem "Nutzen des Neuen in der humanistischen Kultur". Nutzen des Neuen? Es wirkt ein wenig unkoordiniert, dass Bergdolt gar nicht fragt, worin damals eigentlich der "Nutzen" dieser humanistischen Abwendung von der scientia naturalis gesehen wurde. Der Medizinhistoriker verweist nur auf den Florentiner Kanzler Coluccio Salutati: Die Erforschung der Natur und des menschlichen Körpers sei sinnlos, weil der Mensch in seiner Begrenztheit Gottes Schöpfung doch niemals durchschauen könne.

Platon (zum Himmel weisend)
und Aristoteles (mit dem Finger
zur Erde): Fresko von Raffael,
im Vatikan
Das klingt, populär gesprochen, sehr "mittelalterlich". Die zeitweise so beliebte Interpretation einer "heidnischen" Renaissance, wie sie auch das Werk des Klassikers Jacob Burckhardt durchzieht, hat der neueren Forschung eben nicht standhalten können. Die differenzierte Aussage des Heidelberger Historikers Thomas Maissen dürfte der historischen Entwicklung am ehesten gerecht werden: Die heidnische Antike wurde "gleichsam als Matrix benutzt, um die eigene Gegenwart in ihrer die scholastische Systematik sprengenden Vielfalt und Widersprüchlichkeit zu verstehen, aber auch, um sie vergleichend in Frage zu stellen".

Ein "Nutzen", vorausgesetzt, man verengt dieses Wort nicht auf materielle Aspekte. In Bezug auf die katholische Klosterkultur spricht der Berliner Historiker Harald Müller von einem "Bibelhumanismus", der die an der Antike gewonnene philologische Schulung auf christliche Texte anwendete. Diese Funktionalität muss jedoch einen permanenten Legitimationsdruck erzeugt haben, im Grunde ähnlich der Situation in der Spätantike, wo ein Kirchenvater Hieronymus träumte, er würde für seine übermäßige Liebe zu Cicero als dem Symbol heidnischer Bildung von den Engeln gezüchtigt.

Erasmus von Rotterdam
(Gemälde von Hans Holbein,
1523, Paris
 
Dass die Entwicklung im lutherischen Bereich weniger konfliktträchtig verlief, scheint, wie die beiden Leipziger Historiker Manfred Rudersdorf und Thomas Töpfer ausführen, vor allem ein Verdienst Philipp Melanchthons zu sein, der in seinem neuen Universitätskonzept der menschlichen Vernunft und Erfahrung ihren legitimen Platz zuwies. Von Luther wurde Melanchthon dabei wohl mehr geduldet als unterstützt, ihren Dissens in der Auslegung des paulinischen Kolosserbriefs ("Sehet zu, dass euch niemand beraube durch die Philosophie und lose Verführung") haben die beiden nie ausgetragen.

Jedenfalls erhielten im protestantischen Bildungswesen die vorgeblich "heidnischen" Disziplinen ihr Eigenrecht. Von einem solchen Eigenrecht kann auf Seiten der Gegenreformation nicht die Rede sein. Der Augsburger Geschichtswissenschaftler Peter Wolf arbeitet jedoch Intentionen heraus, die die humanistische Bewegung ausgerechnet mit dem schlagkräftigsten katholischen Orden, den Jesuiten, verbanden: "Wenn Humanismus im wesentlichen Sprachkultur ist und die Klarheit und Klassizität der Sprache als Ausweis moralischer Qualität erhoben wird, dann erfüllen die Jesuitenschulen genau den Anspruch, Menschen zu litterae und eloquentia zu erziehen." Nicht zuletzt dank der allgegenwärtigen Rhetorik war den humanistischen Gelehrten das Kriterium der Brauchbarkeit von Anfang an vertraut. Das machte die Schulen, und zwar in allen Konfessionen, zu Pflanzstätten von Kirche und Staat. Wolf: "Aus dem Allgemeinbildungs- wurde ein Ausbildungsauftrag".

Philipp Melanchthon, Holz-
schnitt von Albrecht Dürer,
1526
 
Anders gesagt: Das "symbolische Kapital" ließ sich bei Bedarf in handfeste Vorteile ummünzen. Wenigstens dieser Vorgang ist dem europäischen Humanismus am Beginn der Neuzeit mit dem deutschen Neuhumanismus drei, vier Jahrhunderte später gemeinsam. Die Weingartener Historikerrunde hat sich solche gegenwartsnäheren Seitenblicke nach dem "Nutzen" des Neuhumanismus (und dann des "humanistischen" Gymnasiums) in Deutschland versagt.

Zurück zur frühen Neuzeit. Der Humanismus siegte, "weil er die  herrschende, kirchlich-theologische Kultur radikal vereinfachte, verflachte und verweltlichte, um sie dilettantischen Laien verfügbar zu machen", erklärt der Historiker Gerrit Walther (Wuppertal) den Erfolg der Bewegung. Das klingt plausibel: Durch die Neudefinition von Bildung erhielten breitere Bevölkerungsschichten, außerhalb des Klerus, die Chance, zur gesellschaftlichen Elite aufzusteigen. Weniger einleuchtend scheint die Rigorosität, mit der Walthers andere Perspektiven für unmöglich erklärt: "Es gab keine fertige humanistische Doktrin, die jemals in die Praxis umgesetzt worden wäre. Vielmehr realisierte sich Humanismus ausschließlich als Praxis und kann daher nur als solche beschrieben werden. Kurz: historisch betrachtet ist Humanismus die Summe seiner Funktionen."

 
Konrad Celtis, Büste
in der Münchner
Ruhmeshalle
Noch schärfer formuliert: "Die Funktion des Humanismus war es, Humanisten an die Macht zu bringen, das Ziel der Humanisten, sich selbst zur tonangebenden Partei zu machen." Derart zugespitzt, hinterlässt der neue Funktionalismus in der Humanismus-Forschung doch ein Ungenügen. Offenkundig hatte diese "Bewegung", deren Organisation im Grunde ja bloß in einem regen Briefverkehr bestand, ein gemeinsames Selbstverständnis, über fünf oder sechs Generationen hinweg – eben als Humanisten, im Sinne ihrer "Ideale der humanitas, der Eleganz und des guten Stils", wie Walther selbst ausführt. Dass ein solches Selbstverständnis sich bloß über einen gemeinsam erhofften sozialen Aufstieg definiert hätte, bleibt schwer vorstellbar.

Die Forschung ist im Fluss, das zeigt die Relativierung von Walthers Thesen durch den Heidelberger Kollegen Thomas Maissen: "Mir scheint, dass sich der Erfolg des Humanismus nicht allein durch seine Funktionen erklären lässt, sondern eben doch auch mit seinen Inhalten zusammenhängt, so schwer sie auf einen Nenner zu bringen sind." Der eine oder andere Beitrag in Weingarten macht klar, dass dieses Sichselbsterzeugen einer neuen Elite – neben dem etablierten Klerus, an der Seite der weltlichen Machthaber – von den Humanisten einige Raffinessen und auch Verrenkungen erforderte. Dieter Mertens (Tübingen) zitiert Erasmus von Rotterdam, der zu seiner Rechtfertigung so paradoxe Formeln wie "fromme Schmeichelei" und "wohlmeinende Lügen" anführte.

 
Locus classicus für die Sittenstrenge
der alten Germanen: die wieder-
entdeckte "Germania" des Tacitus
Ein paar Jahrzehnte zuvor, referiert Mertens, schlug der Dichter Konrad Celtis eine wohlkalkulierte Doppelstrategie ein: Am Hof Kaiser Friedrichs III. trug er seine Gedichte in einer sozusagen opportunistischen Version vor, die der unterstellten Unbildung seiner Hörer entgegenkam und das erwartete Herrscherlob gegenüber der eigenen Dichtergestalt in den Vordergrund rückte. Der Dichter beugte sich ein Stück weit der Macht – und nahm, als es an den Druck seiner Werke, also um den eigenen Nachruhm ging, diese formalen und inhaltlichen Zugeständnisse wieder zurück.

Der Heidelberger Historiker Caspar Hirsch kommt zu dem Schluss, dass auch die Diskurse deutscher Humanisten über die ruhmreiche Vergangenheit der Deutschen oder Germanen in diesem Sinne "funktional" zu sehen sind, nämlich in ihrer Funktion für die Humanisten selbst: Die Humanisten leisteten, indem sie die nationalen Ruhmestaten verkündeten, "einen wichtigen Beitrag zur eigenen Ehrakkumulation und zur Durchsetzung der eigenen Rangansprüche". Da könnte in der Tat ein Ansatz liegen, diese heute so irritierenden "Ehrdiskurse" richtig zu deuten.

Pico della Mirandola,
Verfasser der Programm-
schrift "Von der Würde des
Menschen"
Irritierend, weil die Berufung auf das klassische Altertum mit einem Lobpreis der alten Germanen doch ebenso wenig verträglich scheint wie die christliche Tradition. (Im deutschen Neuhumanismus sind, um noch einmal den Seitenblick zu wagen, ähnliche Irritationen zu finden.) Immerhin brachte Celtis das logische Kunststück zustande, in einem einzigen Absatz seiner Huldigung an die bayerischen Herzöge einerseits "Italiens Blüte" als Vorbild auf dem Weg zu neuer Größe anzupreisen und andererseits "Italiens Luxus" für den aktuellen deutschen Sittenverfall verantwortlich zu machen. Inwieweit solche Ausführungen ganz ernst gemeint waren, diese Frage allerdings entzieht sich funktionalistischer Behandlung.


Neu auf dem Büchermarkt:
Funktionen des Humanismus. Studien zum Nutzen des Neuen in der humanistischen Kultur,
herausgegeben von Thomas Maissen und Gerrit Walther
Wallstein Verlag, Göttingen 2006 (ISBN 3-89244-0025-3), 30,- €



Mehr im Internet:
Humanismus







Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

 

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