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kultur

14.12.2006 - AUSSTELLUNG

Vishnu, Buddha und ihre Könige

Bonner Kunsthalle zeigt Kunst und Kultur aus Kambodscha

von Josef Tutsch

 
 

Der große Tempel Angkor Wat

Es wird eine Premiere für Deutschland: Zum ersten Mal ist hierzulande eine große Ausstellung mit Kunst der Khmer zu sehen. Ein paar Monate lang steht nicht Paris auf dem Reiseplan, wenn man sich für die Kultur Kambodschas interessiert, das Musée Guimet mit seiner Sammlung aus den ehemaligen Kolonien in Hinterindien, sondern Bonn. Vom 15. Dezember an zeigt die Kunst- und Ausstellungshalle fast 140 Exponate aus dem Nationalmuseum in Phnom Penh, ergänzt durch weitere Objekte aus dem Nationalmuseum in Bangkok und dem Pariser Musée Guimet: Steinplastiken, Bronzeskulpturen, Holzfiguren, Silberarbeiten und Malereien. 

Von Kambodscha aus betrachtet, handelt es sich um ein Stück Rückkehr in die Weltöffentlichkeit. Denn die jüngere Geschichte war eine Folge von Katastrophen: der Zweite Weltkrieg mit der japanischen Besetzung, der Indochinakrieg, in dem sich die Staaten Hinterindiens mühsam und blutig von der französischen Kolonialherrschaft befreiten, das Übergreifen des Vietnamkrieges auf die Nachbarstaaten, dann die Terrorherrschaft der Roten Khmer, schließlich der Bürgerkrieg. 

Apsara, himmlische Tänzerin aus
dem Angkor Wat
Ende der 1980er Jahre, während die Kämpfe zwischen den Roten Khmer und der vietnamesischen Armee noch andauerten, arbeiteten Restauratoren des Archaeological Survey of India bereits wieder in Angkor. Heute ist aus Deutschland unter anderem das "German Apsara Conservation Project" der Fachhochschule Köln in Kambodscha tätig. "Apsaras", das sind die "himmlischen Tänzerinnen", die in der Spätzeit der Tempelarchitektur, im 12. und 13. Jahrhundert, ein Hauptmotiv der Reliefs ausmachen. Allein im größten Tempel, dem "Angkor Wat", sollen es 1.850 sein – eine Zahl, die ihre Unwahrscheinlichkeit verliert, wenn man sich die Ausmaße dieses Tempels vergegenwärtigt. Die beinahe quadratische Anlage aus Sandstein misst eine Seitenlänge von 198 Metern. Damit ist dieser Tempel anderthalbmal so lang wie der Kölner Dom und fast dreimal so breit!

Es handelt sich um die größte sakrale Architektur der Welt. "Dieses Bauwerk hat vielleicht nicht, und hatte vielleicht nie, seinesgleichen auf der Erdoberfläche", schwärmte der französische Forscher Henri Mouhout, durch dessen Reisebericht 1868 Angkor in Europa bekannt wurde. Wenige Jahre zuvor hatte sich Frankreich als Kolonialmacht in Kambodscha etabliert. Der wichtigste Unterschied dieser Tempel zu christlichen Kathedralen: Es gibt keine großen Versammlungsräume für die Gemeinde. Ob die europäischen Reisenden, zuerst portugiesische Missionare, die seit dem 16. Jahrhundert die Tempel zu Gesicht bekamen, dennoch etwas vom Zusammenhang dieser Kunst im Urwald Hinterindiens mit der abendländischen Tradition ahnten? Die Kunsthistoriker können heute eine Ahnenreihe von den Buddha-Statuen der Khmer zurück zur hellenistisch-indischen Kunst in der Nachfolge Alexanders des Großen und nochmals zurück ins klassische Griechenland verfolgen.

Königs Jayavarman VII., Ende 12. Jh.,
Nationalmuseum Phnom Penh
Bild: J. Gollings/St. Kilda
Im Mittelpunkt der Bonner Ausstellung steht die "klassische" Periode Kambodschas vom 9. bis zum 13. Jahrhundert, zeitlich entsprechend dem frühen und hohen Mittelalter in Europa. Der Unterschied im Zivilisationsniveau ist aus einer anderen Zahl zu erahnen: Angeblich lebten in der Hauptstadt Angkor 1 Million Menschen; in einer europäischen Metropole wie Paris werden es damals nicht viel mehr als 100.000 gewesen sein. Eine geheimnisvolle Zivilisation – dazu trägt auch bei, dass keine längeren Schriftzeugnisse ihrer Träger überliefert sind, nur Inschriften an Säulen und auf Steinen, die von den Taten der Könige berichten. Schriftlich gibt es ansonsten vor dem Eindringen der Europäer nur Rapporte chinesischer Händler und Diplomaten. 

Die Forscher sind also weitgehend auf die Archäologie verwiesen. Die Ausstellung verspricht eine Bestandsaufnahme: Wie waren die ökonomischen Grundlagen dieser Kulturblüte – Wasserwirtschaft, Reisanbau und Handelsbeziehungen – organisiert? Wie sah die Gesellschaft aus, die zu solchen architektonischen und künstlerischen Leistungen imstande war? Und welche geistigen Voraussetzungen standen dahinter? So ist aus dem Tempelinschriften zwar nachzuvollziehen, zu welchen religiösen Doktrinen des Hinduismus oder Buddhismus sich die Herrscher jeweils bekannten. König Suryavarman II. in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, der den Angkor Wat erbauen ließ, war Hinduist, genauer: ein Vaishnava, ein Anhänger des Vishnu-Kultes. Aber die Forscher sind sich bis heute nicht schlüssig, wie die politische Theologie dieses Kultes zu deuten ist. Galt der König als irdische Verkörperung des Gottes? Oder stand er bloß unter Vishnus besonderem Schutz?

Hevajra, Gottheit des Tantra-
Buddhismus
Nationalmuseum Phnom Penh
Bild J. Gollings/St. Kilda
Ende des 12. Jahrhunderts rief König Jayavarman VII. eine Spielart des Buddhismus, das Mahayana, zur Staatsreligion aus und erbaute als steinernes Glaubenszeugnis den Bayon, den zweiten großen Tempel von Angkor, dessen Türme in die meterhohen Gesichter des Bodhisattva Lokeshvara auslaufen. Bodhisattvas sind zukünftige Buddhas, die aus Mitleid mit den Menschen auf den Eingang in Nirvana verzichten, bis sie allen zur Erlösung verholfen haben, soviel ist aus der buddhistischen Dogmatik bekannt. Welche Stellung die Khmer-Könige in diesem Glaubenssystem beanspruchten, lässt sich jedoch schwer sagen. Noch verwirrender: Über alle religiösen Wechsel hinweg führten sämtliche Könige seit dem Jahre 802 den aus Indien übernommen Titel eines "Chakravartim", eines Weltenherrschers. 

1243 kam dann ein fanatischer Hinduist auf den Thron, viele der Buddha-Statuen wurden zerstört, buddhistische Tempel in hinduistische umgewandelt; 1295 wurde er von seinem Schwiegersohn gestürzt, der wiederum einer buddhistischen Richtung anhing, dem Theravada, einer asketischen Richtung, wie sie heute noch in Hinterindien verbreitet ist. Was bedeutete eigentlich dieses Miteinander und Gegeneinander der Religionen in der Bevölkerung? Jedenfalls kamen kurz nach dieser Wendung zum Theravada die großen Tempelbauten ins Stocken. Sie hatten ihren Sinn verloren, lässt sich rekonstruieren, die Herrscher hatten ihre gottähnliche Stellung eingebüßt. Man kann die Entwicklung aber auch anders lesen: Der Verzicht auf eine religiöse Aura brachte einen Autoritätsverlust, es standen nicht mehr genug Arbeitskräfte zur Verfügung. 

Buddha-Kopf vom Bayon-Tempel´
Gerade zu dieser Zeit müssen auch die Anlagen zur Wasserregulierung verfallen sein, die das wirtschaftliche Funktionieren des Reiches garantiert hatten. Die Wirtschaftshistoriker schätzen, dass die Reisernte zur Blütezeit etwa sieben- oder achtmal so hoch ausfiel wie die Getreideernte im mittelalterlichen Europa. Im 15. Jahrhundert, nach einer Niederlage gegen das Nachbarreich der Thai, verlegten die Könige dann ihre Residenz nach Phnom Penh. Offenbar wurden damals bereits einzelne Kunstwerke aus dem Tempelbezirk entnommen. Das Interesse von Museen und privaten Sammlern in Europa und Amerika seit dem 19. Jahrhundert hat diesen Zerstörungsprozess beschleunigt, die Kriegswirren des 20. Jahrhunderts werden für Kunsträuber erst recht ein goldenes Zeitalter gewesen sein. 

Die verbliebenen Plastiken sind heute großenteils im Museum von Phnom Penh sichergestellt – und manchmal eben auch, sozusagen als Botschafter der kambodschanischen Kultur, auf Weltreise. Und dennoch wird, soweit vor Ort noch etwas vorhanden ist, weiter gestohlen; zum Glück für Kambodscha ist die Monumentalarchitektur nicht transportabel. Angeblich entwenden Kunsträuber und Souvenirjäger sogar die Betonabgüsse, die Restauratoren anstelle von Sandsteinoriginalen platziert haben. 


Ausstellung "Angkor – Göttliches Erbe Kambodschas"
15. Dezember 2006 bis 9. April 2007, Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn; Sonntag, Montag und Donnerstag 9 bis 19 Uhr, Dienstag und Mittwoch 9 bis 21 Uhr, Freitag und Samstag 9 bis 22 Uhr, Heiligabend 9 bis 15 Uhr, Silvester geschlossen. Ab 8. Januar 2007 veränderte Öffnungszeiten: Dienstag und Mittwoch 10 bis 21 Uhr, Donnerstag bis Sonntag sowie an sämtlichen Feiertagen 10 bis 19 Uhr, Montag geschlossen
Eintritt 12 €, ermäßigt 7 €, im Vorverkauf 14/9 €; Katalog 29 €




Mehr im Internet:
Angkor - Göttliches Erbe Kambodschas 
German Apsara Conservation Project   
Kambodscha
scienzz artikel Asiatische Kunst







Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

 

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