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21.11.2006 - POLITIK

Fromm gekämpft und fromm belogen

"Christian Right" in den USA - Einblick in eine fremde Welt

von Josef Tutsch

 
 

War Saddam Hussein der Antichrist, wie er in der Bibel vorausgesagt ist? In Europa würde eine solche Frage Zweifel an der intellektuellen Ernsthaftigkeit ihres Urhebers aufkommen lassen. In den USA wurde sie im Vorfeld des Irak-Krieges in christlich-fundamentalistischen Kreisen heiß diskutiert. Ein profaner Umstand der Geographie kam den Endzeitpropheten zu Hilfe: Der heutige Irak deckt sich weitgehend mit dem Gebiet des alten babylonischen Reiches.

Anhand der Begründungen, die in den letzten Jahren für den Irak-Krieg vorgelegt wurden, hat die junge Politikwissenschaftlerin Veronika Schwediauer (Universität Wien) die politischen Aktivitäten der "Christlichen Rechten" in Amerika analysiert. Ergebnis, bezogen auf den konkreten Fall: Konzeptionell hat die Christian Right bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt. Die Außenpolitik der Regierung Bush wurde von einer anderen, durch und durch weltlichen Gruppe formuliert, den "Neokonservativen". Beide Strömungen ergänzten einander in einer Art Koalition: die Neokonservativen als intellektuelle Bewegung zur Ideenproduktion, sozusagen als "Kopf ohne Körper", die Christian Right als soziale Bewegung, die ein enormes Wählerpotential mobilisieren kann – eine Wahlwerbemaschine für die Republikanische Partei, ein "Körper ohne Kopf".

Plakat der Presbyterianischen
Kirche in Amerika

Die Frage liegt nahe, was aus dieser Allianz wird, wenn der "christlichen" Fraktion ihre dienende Rolle in der Arbeitsteilung irgendwann einmal bewusst werden sollte. Aber in Enttäuschungen durch die Politik sind die Fundamentalisten geübt. Schwediauer bringt einen knappen Abriss der jüngeren Zeitgeschichte – ein kleiner Einblick in eine für Europäer ganz und gar ungewohnte politische Mentalität. In den 1970er Jahren richteten sich große Hoffnungen auf den streng religiösen Jimmy Carter und seine Demokratische Partei; aber Carter verstand sein "evangelikales" Glaubensbekenntnis anders, er setzte sich für eine strikte Trennung von Religion und Politik ein.

Enttäuscht wandten sich die christlichen Fundamentalisten der Republikanischen Partei zu. 1980 mobilisierte die Christian Right zum ersten Mal ihr Wählerspektrum systematisch für eine Präsidentenwahl. Als Gegenkandidat zu Carter schien sogar Ronald Reagan – ein geschiedener Filmschauspieler, der nicht in die Kirche ging – akzeptabel. Doch die Erfahrungen mit dem gewählten Präsidenten waren niederschmetternd. Reagan rief zwar ein "Year of the Bible" und einen "National Prayer Day" aus, ließ die Anliegen seiner religiösen Anhänger ansonsten aber rechts liegen. Nicht zu vergessen die Skandale, von denen gerade Führungsfiguren der fundamentalistischen Organisationen immer wieder eingeholt wurden, zum Beispiel wenn Prostituierte der Öffentlichkeit preisgaben, dass ihnen dieser oder jener Moralprediger nicht nur von seinen Predigten her bekannt sei.

Jerra Falwell

Um 1990 wurde die "Christian Right" von vielen Beobachtern bereits totgesagt. Ihr Wiederauferstehen erklärt Schwediauer mit drei Reformen. Erstens wurde das Schwergewicht von der nationalen auf die regionale oder lokale Ebene verschoben; argumentativ lernte man ausgerechnet von den Bürgerrechtsaktivisten. So werden zum Beispiel Schulgebete heute nicht mehr als Fortführung christlicher Tradition gefordert, sondern als ein Recht der Kinder. Zweitens wurde die Bewegung säkularisiert, verweltlicht. Die Rhetorik dreht sich also nicht mehr um die Rückkehr zu einem christlichen Amerika, sondern um traditionelle Werte, vor allem Familienfreundlichkeit. Und drittens wurden Organisationsformen, Finanzgebaren und politische Aktivitäten professionalisiert.

Aktuell ist an diesem "Reformprozess" vor allem das gewandelte Verhältnis zur Republikanischen Partei relevant. Die Fundamentalisten haben eingesehen, dass sie mit einer Arbeit bloß am Rande der Politik nicht weitergekommen sind. Das neue Konzept lautet: Integration in die Republikanische Partei. Das eröffnet Einflussmöglichkeiten, andererseits wird die Bewegung gleichzeitig "domestiziert". Schwediauer: "Mit der Eingliederung in die Partei hat die Christliche Rechte zugleich ihre Eigenständigkeit eingebüßt, als Bestandteil der Partei muss sie sich an die politischen Spielregeln halten und für Kompromisse offen sein."

Fundamentalistischer Protest gegen
die Theromodynamik

Detail am Rande: Auch Bush verdankt, wenn Schwediauers Analyse zutrifft, sein Präsidentenamt einem solchen Kompromiss mit den Umständen. Im Jahr 2000 gab es republikanische Kandidaten, die christlich-konservativen Vorstellungen besser entsprachen; aber Bush – als Mitglied der methodistischen Kirche selbst kein Fundamentalist – wurden die größeren Chancen eingeräumt. Eine Bilanz der ersten sechs Bush-Jahre zeigt, dass sich die Enttäuschung durch die Präsidenten Carter und Reagan innenpolitisch wiederholt: "Bush tritt zwar öffentlich religiös auf, veranstaltet Prayer Luncheons und hält seine Mitarbeiter zur Teilnahme an Bibelkreisen und Gottesdiensten an, die Kernthemen der Christlichen Rechten hat er aber, über Lippenbekenntnisse hinaus, politisch nicht angerührt."

In der Reaktion auf den 11. September wird sogar eine potentielle Bruchstelle sichtbar. Während fundamentalistische Prediger gern und oft vom Islam als "very evil and wicked religion" reden und den Terrorismus als Ausfluss islamischer Tradition begreifen, hebt die Regierung den Unterschied zwischen friedlicher Religion und militanten Extremisten hervor. Nahtlose Übereinstimmung gibt es dagegen bei der Unterstützung der israelischen Politik. "Die Absetzung Saddams und die Installierung einer pro-amerikanischen Regierung liegen im Interesse Israels", erläutert Schwediauer die Position der "Christlichen Rechten". (Schwer verständlich bleibt in diesem Zusammenhang allerdings, wie die Autorin zu der Aussage kommt, Israel teile "eine lange Grenze mit dem Nachbarstaat Irak". Bei einem flüchtigen Blick in den Atlas hätte ihr und den wissenschaftlichen Betreuern wie auch dem Verlagslektor auffallen müssen, dass da etwas nicht stimmen kann.)

Pat Robertson

Die Argumentation der amerikanischen Fundamentalisten ist allerdings – nun ja, Europäer würden sagen, nicht von dieser Welt. Der Bund Amerikas mit Israel sei biblisch gefordert, so einer der Vordenker der Christian Right, Jerry Falwell, ein anderer, Pat Robertson, stellt den Palästina-Konflikt in eschatologische oder apokalyptische Dimensionen: Da die Herrschaft der "Heiden" über Jerusalem seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 vorbei sei, dürfe mit einem baldigen Anbruch der Endzeit gerechnet werden; die Existenz des Staates Israel in den biblischen Grenzen – wie vor 3.000 Jahren – gilt als Anzeichen für eine bevorstehende Wiederkunft des Messias.

Eine dualistische Weltsicht, Gut gegen Böse, und das verbindet die Christliche Rechte mit den "neokonservativen" Denkern im Umkreis der Regierung Bush und der Republikanischen Partei; als intellektueller Vater gilt der deutsche Emigrant Leo Strauss. Das politische Konzept dieser "Neocons" ist jedoch mindestens ebenso schwer nachzuvollziehen wie das der Christian Right. Auch Schwediauer, in deren Arbeit das ein Nebenthema ist, löst das Rätsel nicht. Im Grunde ist es ein Rätsel, das die abendländische Philosophiegeschichte seit Platon verfolgt. Die Eliten müssten zu "frommen Lügen" greifen, um die moralische Ordnung in der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, hatte Platon geschrieben.

Das "Jesus Film Project"

Wie das funktionieren soll, bleibt offen. Strauss, der den Gedanken übernommen hat, bezeichnete sich selbst offen als Atheisten, befürwortete aber zugleich Religion, sozusagen als sozialen "Klebstoff". Klar wird immerhin das neokonservative Konzept der äußeren Politik. Die USA sollen eine "benevolent hegemony" einnehmen und in diktatorisch geführten Staaten einen Regimewechsel herbeiführen, notfalls militärisch, um Demokratie und Kapitalismus voranzutreiben. Bleibt abzuwarten, ob die Realitäten im Irak da etwas ändern werden; angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände, die die Invasion hervorgerufen hat, können die Neocons offenbar ebenso wenig wie sonst jemand in den USA ein Konzept vorweisen.

Vor fünf Jahren muss die Erschütterung durch die Terroranschläge in der politischen Elite Amerikas eine ideologische tabula rasa geschaffen haben – einen freien Raum, den die Neokonservativen besetzen konnten. Schwediauer: "Die neokonservativen Ideen wurden zum neuen Konsens, auf den sich die meisten Mitglieder der Administration einigten". Einschließlich des Präsidenten, dem die intellektuellen Konstruktionen von Strauss und Co. zunächst einmal fremd gewesen waren. Schwediauers Leser ertappen sich vielleicht bei der Grübelei, wo die neokonservativen Vordenker selbst eigentlich Bush jr. einordnen werden: etwa als Mitglied der politischen Elite, die, wenn es gerade angeraten ist, mit frommen Lügen die Massen hinters Licht führen soll?


Neu auf dem Büchermarkt:
Veronika Schwediauer:
Der Kreuzzug im Irak. Christian Right und Neokonservatismus als symbiotische Herrschaftsideologien für den US-Krieg im Irak,
Peter Lang Verlagsgruppe, Frankfurt 2006 (ISBN 3-631-55618-7), 34,- €



Mehr im Internet:
Christian Right
Das Freund-Feind-Denken in der amerikanischen Politik







Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur



 

 

 

 

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