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22.12.2006 - LITERATUR

Schneetreiben, Marzipanschlösser, Zwerge aus Glas

Eine Tour d'horizon durch die Weihnachtspoesie

Josef Tutsch

 
 

Weihnachtsengel aus Marpingen
(Saarland)

"Aber doch bleibt das Weihnachtsfest der seligste Abend des Jahres. Mit wahrhaft überseliger Freude harrte ich schon lange darauf, aber die letzten Tage konnte ich kaum mehr warten, Minute für Minute verging, und so lang kamen mir die Tage wie im ganzen Jahr nicht vor." Jugenderinnerungen eines alten Mannes, meint der Leser. Doch nichts da, die Stelle stammt von einem 14-Jährigen. "Aus meinem Leben", ist der Text reichlich altklug überschrieben; ein paar Sätze später wird eine "kleine Festschrift" zitiert, die der Knabe verfasst haben will: "An der Wurzel des Baumes das Christkindlein in der Krippe; umgeben von Josef und Maria und den anbetenden Hirten! Wie doch jene den Blick voll inniger Zuversicht auf das Kindlein werfen! Möchten doch auch wir uns so ganz dem Herrn hingeben!"

Der Verfasser heißt – Friedrich Nietzsche. Zwei Jahrzehnte später legte er seinem "tollen Menschen" den verzweifelten Schrei in den Mund: "Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?" Ob er sich noch an die "überselige Freude" bei den Weihnachtsfesten seiner Kindheit erinnerte? Wie der Pfarrerssohn Nietzsche Mitte des 19. Jahrhunderts den Heiligen Abend kaum abwarten konnte, so konnte Heinrich Bölls Tante Milla Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem Weihnachten Feiern nicht mehr aufhören. Die bekannteste deutsche Weihnachtsgeschichte aus jüngerer Zeit spielt gar nicht zu Weihnachten oder jedenfalls "nicht nur zur Weihnachtszeit". Wenn der Baum abgeschmückt, die Stimmung beendet werden soll, verfällt Milla in einen Schreikrampf, so dass die Familie um des lieben Friedens willen das Fest jahraus, jahrein begehen muss, akustisch begleitet von den gläsernen Zwergen am Baum, "die in ihren hocherhobenen Armen einen Korkhammer hielten und zu deren Füßen glockenförmige Ambosse hingen. Sie schlugen wie irr mit ihren Korkhämmern auf die Ambosse und riefen so ein konzertantes, elfenhaft feines Gebimmel hervor."

Weihnachten als Briefmarke
"Und an der Spitze des Tannenbaumes hing ein silbrig gekleideter rotwangiger Engel, der in bestimmten Abständen seine Lippen voneinander hob und 'FRIEDEN' flüsterte." Da ahnt der Leser, dass nicht allein Tante Milla verrückt ist, sondern eine ganze Welt, die von Frieden flüstert oder flüstern lässt und Krieg führt – die Geschichte spielt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute fallen äußere Zeichen und innerer Sinn noch in anderer Weise auseinander. Unser öffentliches Leben verhält sich ähnlich wie Tante Milla, zwar nicht nach Weihnachten, wenn die Sylvesterböller und bald der Osterhase auf dem Programm stehen, aber in den Wochen und Monaten zuvor, mit Weihnachtsgebäck ab September und Weihnachtsdekoration ab Mitte November.

Die Rituale haben sich vom kalendarischen Anlass gelöst und erst recht von ihrem religiösen Sinn. Das kann man bedauernd als Säkularisierung verbuchen, aber auch als Gewinn an individuellen Möglichkeiten. Wer will, hört im Frühling Bachs Weihnachtsoratorium, in der eigenen Wohnstube und gelegentlich auch im öffentlichen Konzert. Umgekehrt ist der Weihnachtsabend en famille, wie ihn Tante Milla zur Zwangshandlung verstetigt, längst nicht mehr die pure Selbstverständlichkeit. In einer Metropole wie Paris war das bereits im 19. Jahrhundert gang und gäbe. Guy de Maupassant ließ einen Schriftstellerkollegen mit der gehörigen Portion Zynismus von einem kleinen Abenteuer erzählen, das er für die „heilige Nacht“ eingeplant hatte. "Paris ist voll von armen und hübschen Mädchen, deren Tisch nicht gedeckt ist, und die sich auf der Suche nach einem großzügigen Burschen die Beine vertreten. Ich will für eine dieser Verlassenen den Weihnachtsengel spielen."

Weihnachten im Buch: E.T.A.
Hoffmann, "Nussknacker und
Mäusekönig"
Die Affäre endet damit, dass das Mädchen zur Überraschung des "Weihnachtsengels" just in dessen Bett entbindet ... "Noch heute kostet sie mich jeden Monat fünfzig Francs. Da ich anfangs bezahlt habe, muss ich die Zahlungen nun bis zu meinem Tod fortsetzen. Später wird das Kind mich für seinen Vater halten." Dagegen geht es ein paar Jahrzehnte zuvor in E. T. A. Hoffmanns Märchen "Nussknacker und Mäusekönig" noch sehr brav zu: eine Weihnachtsbescherung in gutbürgerlichem Hause, nur dass die Wunderdinge, mit denen sich die kleine Marie bis in die Nacht hinein beschäftigt, Schlag zwölf lebendig werden. Ein Märchen eben: Der tapfere Nussknacker errettet die Prinzessin aus der Zaubermacht des grauslichen Mäusekönigs, wird dann jedoch zum Krüppel verwandelt, die Prinzessin will ihren Retter nicht heiraten.

Eine ideale Vorlage für Peter Tschaikowskys "Nussknacker"-Ballett, heute ein fester Bestandteil des Weihnachtsprogramms in Stadttheatern und im Fernsehen. Moderne Inszenierungen geben die Geschichte gern so, wie Kinder sich das Fest nach dem Wunsch ihrer Eltern vorstellen sollten. Den Hintersinn von erwachender Erotik begreifen Hoffmanns Leser spätestens in dem Augenblick, wenn Marie, aus ihren Träumen und Alpträumen vom Zuckerbäckerreich erwacht, zu dem Schluss kommt, dass sie selbst keineswegs so undankbar gewesen wäre wie die Prinzessin. Der junge Freiersmann, gar nicht missgestaltet, steht denn auch bald parat. "Nach Jahresfrist hat er sie, wie man sagt, auf einem goldenen, von silbernen Pferden gezogenen Wagen abgeholt ... und Marie soll noch zur Stunde Königin eines Landes sein, in dem man überall funkelnde Weihnachtswälder, durchsichtige Marzipanschlösser, kurz, die allerherrlichsten, wunderbarsten Dinge erblicken kann, wenn man nur danach Augen hat." 

Weihnachten im Ballett
Skizze zu Tschaikowskys
"Nussknacker", von Ivan
Vsevolozhksy, 1882
Das Glück, von dem Marie träumt, folgt mit märchenhafter Selbstverständlichkeit auf ihr mitmenschliches Empfinden. Ob Hoffmann sich der religiösen Ursprünge dieser altruistischen Ethik von Liebe und Hoffnung bewusst war? Bei Adalbert Stifter ein paar Jahrzehnte später muss das Ethische, Humane ohne solche Stützen auskommen. "Es gab kein Jenseits", heißt es klipp und klar in der Erzählung "Bergkristall". Der Satz könnte provokant klingen, wenn er nicht nahtlos in die Schneewanderung der beiden Kinder eingepasst wäre: Sie "arbeiteten sich mit ihren leichten Körpern hinauf, bis sie die Seite des Walles überwunden hatten und oben waren. Jenseits wollten sie wieder hinabklettern. Aber es gab kein Jenseits. So weit die Augen der Kinder reichen konnten, war lauter Eis."

Nachdem die Kinder, die sich im Schnee verirrt haben, gerettet sind, werden sie "von nun an nicht mehr als Auswärtige, sondern als Eingeborne betrachtet, die man sich vom Berge herab geholt hatte. Auch ihre Mutter war nun eine Eingeborne ..." Frieden steht am Ende dieser Erzählung – Weihnachtsfrieden, in der ersten Auflage war die Erzählung noch "Der Heilige Abend" überschrieben. Dutzende und Aberdutzende Dichter von geringerem Format haben Winter und Schnee als Gegenmetapher zur Weihnachtsstimmung aufgeboten, ein Maxim Gorki empfand diese Bilderwelt bereits als höchst abgeschmackt. "In den Weihnachtserzählungen ist es von altersher üblich, jährlich mehrere arme Knaben und Mädchen erfrieren zu lassen. Der Knabe oder das Mädchen einer angemessenen Weihnachtserzählung steht gewöhnlich vor dem Fenster eines großen Hauses, ergötzt sich am Anblick des brennenden Weihnachtsbaumes in einem luxuriösen Zimmer und erfriert dann, nachdem es viel Unangenehmes und Bitteres empfunden hat."

Weihnachten im Film: "Bergkristall"
nach Adalbert Stifter, von Joseph Vils-
maier (2004)

Bertolt Brecht hat die "realistische" Destruktion dessen, was unsere Tradition als Nächstenliebe bezeichnet, in einem kleinen Gedicht über den heiligen Martin vorgeführt: "Der heilige Martin, wie ihr wisst, ertrug nicht fremde Not. Er sah im Schnee ein’ armen Mann und er bot seinen halben Mantel ihm an. Da frorn sie alle beid zu Tod." Sozusagen ein Dementi zu Charles Dickens "Weihnachtsmärchen in Prosa", das den herzlosen Geizhals Ebenezer Scrooge bloß durch den Anblick des Weihnachtsfriedens in fremden Haushalten wie durch ein Wunder zu einem gütigen, hilfsbereiten Menschen sich wandeln lässt.

Jene Gestalt, die in den mittelalterlichen Mysterienspielen der Weihnachtszeit das Urbild alles Bösen abgab, hätte wohl auch Dickens nicht zur Güte bekehren können: König Herodes, den grausamen Herrscher, der aus Furcht um seinen Thron die unschuldigen Kinder von Bethlehem ermorden ließ. Beim Publikum müssen gerade diese Szenen besonders beliebt gewesen sein. In der Bearbeitung, die Max Mell in den 1920er Jahren einem solchen Spiel gab, ist davon nur noch ein leiser Reflex zu spüren. "Die Kindlein sind alle umgebracht" rühmen sich die Kriegsknechte. "Wir habens zerstochen und zerhaut, an meinem Schwert hängt noch die Haut. Wir habens gerissen aus Mutters Hand, wir habens geschmissen an die Wand."

Weihnachtskrippe von Johann Giner d. Ä.
von Thaur, um 1800

Ganz anders dagegen – und sehr modern – der Umgang mit Weihnachten, den Thomas Mann einen seiner Buddenbrooks vorführen lässt. "Christian fehlte! Wo war Christian?" "Gleich darauf erschien Christian. 'Donnerwetter, Kinder’, sagte er, ‘das hätte ich beinahe vergessen!’ ‚Du hättest es ...’, wiederholte seine Mutter und erstarrte ... ‚Ja, beinahe vergessen, dass heut’ Weihnacht ist ... Ich saß und las ... in einem Buch, einem Reisebuch über Südamerika ... Du lieber Gott, ich habe schon andere Weihnachten gehabt ...’, fügte er hinzu und war soeben im Begriff, mit der Erzählung von einem heiligen Abend anzufangen, den er zu London in einem Tingeltangel fünfter Ordnung verlebt ..."

Womit wir wieder bei Maupassant wären. Manns Roman rettet die Stimmung, indem die Chorknaben ihr "Tochter Zion" zu singen anheben, und der Erzähler geht bald auf die Weihnachtsgeschenke für den kleinen Hanno über, das Puppentheater und das Harmonium. Auch das ist keineswegs so harmlos, wie der unbefangene Leser glauben möchte. Hanno, der ersehnte Stammhalter des Hauses Buddenbrook, ist todgeweiht, die Ingredienzien des Musiktheaters werden auf seine Nerven wie ein Opiat wirken, das ihn dem Tode näher bringt. Aber davon ahnt Familie Buddenbrook bei der Weihnachtsfeier nichts, sie hält sich fest in jenen Gewohnheiten, die Stifter mit den Worten beschrieb: "Es hat sich in fast allen christlichen Ländern verbreitet, dass man den Kindern die Ankunft des Christkindleins – auch eines Kindes, des wunderbarsten, das je auf der Welt war – als ein heiteres, glänzendes, feierliches Ding zeigt, das durch das ganze Leben fortwirkt, und manchmal noch spät im Alter bei trüben, schwermütigen oder rührenden Erinnerungen gleichsam als Rückblick in die einstige Zeit mit den bunten, schimmernden Fittichen durch den öden, traurigen und ausgeleerten Nachthimmel fliegt."

Weihnachten in der Oper: Hans
Pfiltzners "Christelflein" (in der
Hochschule für Musik Berlin)

Wenn das nicht so poetisch formuliert wäre, könnte man Stifter (ebenso wie Thomas Mann mit seinem Familienroman) für einen Theoretiker des modernen Säkularisierungsprozesses halten. Es sind, näher betrachtet, nicht alles weihnachtliche Geschichte, die sich in den Anthologien mit Weihnachtspoesie wiederfinden. Aber 2.000 Jahre Abendland sind voll von solchen Deutungen und Umdeutungen. Eines der beliebtesten "Weihnachtsgedichte" des christlichen Mittelalters waren die Verse des heidnischen Dichters Vergil über die Geburt eines göttlichen Kindes, mit den sich anschließenden Hoffnungen auf ein Reich des Friedens und des Wohlstandes: "Er macht ein Ende der eisernen Zeit; eine goldene Menschheit wird die Erde dann füllen ... Er wird beherrschen die Welt, die des Vaters Tugend befriedet ... Dann überflutet mit Gold die Felder die schwankende Ähre, purpurne Trauben hängen dann schwer von dornigen Büschen, Honigtau tröpfelt hervor aus hartem Stamme der Eiche ..."

Von solcher Üppigkeit konnte Bölls Tante Milla allenfalls träumen. Vom Feiern ließ sie sich aber nicht abhalten, so wenig wie die Besucher jenes "Weihnachtsschwarzmarktes" kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin, von dem Erich Kästner berichtete: "Man will und wird Weihnachten feiern. Trotz alledem. Mit zusammengebissenen Zähnen, ohne Rücksicht auf Verluste. Man wird einander beschenken. Auch wenn man nichts hat. Auch wenn es nichts gibt. Windschiefe Puppen kann man kaufen. Sie sind aus alten Soldatenmänteln und Strumpfresten zusammengeschustert, nein geschneidert. Parfüm steht in den Schaufenstern, bunt, in hübschen Flakons. Zu hässlichen Preisen. Reizende Lampenschirme locken das Auge. Glühbirnen, Schnur und Stecker sind allerdings nicht dabei."

Weihnachtsmarkt in Sterzing (Südtirol)

Weihnachtsfreude dennoch und trotz alledem. Martin Luther hat seine Begründung dafür in eine kleine Geschichte gefasst: "Es sei der Teufel in eine Kirche zur Messe gekommen, und da man die Worte gesungen habe 'Gottes Sohn ist Mensch geworden', und die Leute gestanden und nicht haben niedergekniet, hat er einen aufs Maul geschlagen und ihn gescholten und gesagt: 'Du grober Schelm, schämst du dich nicht, dass du so stehst wie ein Stock und nicht vor Freuden niederfällst? Wenn Gottes Sohn unser Bruder geworden wäre wie euer, wüssten wir nicht, wo wir vor Freuden bleiben sollten.'"


Mehr im Internet:
Ein Heiliger und seine Konkurrenz, scienzz 5.12.2005  
Der Apfel der Sünde am Baum der Erlösung, scienzz 21.12.2005 
Maria mit Schnürmieder und Josef ohne Hosen, scienzz 22.12.2005 
Aus der Kindheit der Götter und Heroen, scienzz 06.01.2006 
Wertvoller als Gold, scienzz 06.01.2005 
Damit erfüllt würde, was gesagt ist ..., scienzz 20.12.2004






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur



 

 

 

 

 

 

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