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19.02.2005 - MELANCHOLIE

Die Krankheit zur ewigen Verdammnis

Das Volksbuch vom Doktor Faustus -
eine Beschreibung der Melancholie

von Josef Tutsch

 
 

"Engel, schwebend in der höhern Atmosphäre, Faustens Unsterbliches tragend.“ Goethes "Faust“, das Schlusstableau. Welch ein Abstand zum alten Volksbuch, der  "Historia von Doktor Johann Fausten“ von 1587! Die Studenten, ist dort zu lesen,  fanden keinen Faustus mehr und nichts als die Stube voll Blut gespritzt, das Hirn  klebte an der Wand, weil ihn der Teufel von einer Wand zur anderen geschlagen  hatte. Es lagen auch seine Augen und etliche Zähne da ... Letztlich aber fanden sie  seinen Leib draußen auf dem Mist liegen ...“

Die ewige Verdammnis des Teufelsbündners wird in diesem schrecklichen Ende  sichtbar vorweggenommen. Faust, daran lässt die Historia keinen Zweifel, ist selbst  schuld an seinem Schicksal – er hätte sich an die Mahnung des 1. Petrusbriefs  halten sollen: "Widerstehen fest im Glauben!“ Wem widerstehen? Den Versuchungen des Teufels, natürlich, aber auch einer Krankheit: der Melancholie. Dieser  Zusammenhang will uns nicht ohne weiteres einleuchten; aber Martin Luther hat es  klipp und klar ausgesprochen: "Wo ein  elancholischer und schwermütiger Kopf ist, da hat der Teufel sein Bad zugerichtet.“

Die "Melancholie“ als eine Krankheit zur ewigen Verdammnis: Die HU-Germanistin Marina Münkler ist dieser Frage in ihrem Aufsatz Martina Münkler, Ubi Melancholicus – Ibi Diabolus - Die Historia von D. Johann Fausten (Humboldt-Spektrum 2/2004) nachgegangen. Neuartig ist dort bereits die Verdammnis selbst. Frühere Poeten pflegten ihre A. Dürer, Melancholie"Teufelsbündner“ durch die Fürbitte der heiligen Jungfrau und  Gottesmutter zu erlösen. Zum Beispiel Dietrich Schemberg 1480 in seinem "Spiel  von Frau Jutten“. Mit Hilfe des Teufels war Jutta, die sich als Mann ausgab, zum Papst gewählt worden; von dem zürnenden Christus erreichte Maria ihre Begnadigung.

Dem Doktor Faustus hundert Jahre später war ein solcher Ausweg versperrt. Mit  Luthers Reformation hatten die heiligen Mittlergestalten ihre Kraft verloren, das  Individuum war auf sich selbst gestellt. Die Sünde, die diesen Faust zur Hölle brachte, benennt der Verfasser als "Schelmerei, Fürwitz und Zauberei“. Faust wollte "alle Gründe im Himmel und auf Erden erforschen“ – und im Gegensatz zu  modernen Vorstellungen von einer Tragödie des Intellektuellen bewertet das  Volksbuch solches Streben eindeutig negativ.

Faustens Neugier richtet sich in heftigen Pendelschlägen auf technische  Weltbeherrschung einerseits, Ausforschung der jenseitigen Geheimnisse  andererseits. Der moderne Leser muss das verwirrend finden: Wundernswerte  magische Verrichtungen finden sich unvermittelt neben tiefschürfenden Diskussionen  über Himmel und Hölle. Genau dieses jähe Schwanken, zeigt Münkler, wird in den Traktaten der zeit als melancholische Krankheit im fortgeschrittenen Stadium beschrieben: manisch-ekstatischer Wahnsinn einerseits, grüblerischer Zweifel, tiefe  Traurigkeit, finsterer Trübsinn andererseits. Zum Beispiel Simon Musaeus in seinem  "Melancholischen Teufel“ von 1569: "Der Holzweg zur Rechten ist vermessene  Sicherheit, der Holzweg zur Linken ist trostlose Furcht, Traurigkeit und Verzweiflung.“

Letzlich geht dieses Bild auf eine antike Schrift zurück, die lange dem Aristoteles zugeschrieben wurde: Melancholisch veranlagte Menschen seien durch eine  eigentümliche Erregbarkeit ihres Verstandes gekennzeichnet und deshalb entweder  tiefster Niedergeschlagenheit oder übergroßer Aufgeregtheit unterworfen.  Ausgearbeitet wurde das Konzept in der Lehre des griechischen Arztes Galen von  den vier Temperamenten. Das Übergewicht jeweils eines besonderen "Saftes“, sagte  Galen, würde diese Temperamente hervorbringen. Danach wäre "schwarze Galle“ für das melancholische Temperament verantwortlich. In der frühen Neuzeit wurde  Melancholie zum Modethema, von Albrecht Dürers bekanntem Kupferstich 1514 bis  zu Robert Burtons "Anatomie der Melancholie“ 1621, einem Unterhaltungs-Bestseller der frühen englischen Literatur.

Ein medizinisches Phänomen also; was hat das mit Sünde, Hölle und Teufel zu tun? Münkler macht darauf aufmerksam, das die mittelalterliche Moraltheologie unter der Bezeichnung "Trägheit“ oder "Traurigkeit“ ein ganz ähnliches Phänomen abhandelte - aber nicht als Krankheit, sondern als Todsünde, die vom Teufel hervorgerufen wurde.  Beide Konzeptionen, die medizinische und die theologische, wurden nebeneinander behandelt. Wo versucht wurde, beides miteinander zu verbinden, etwa durch  Bonaventura, konnten die natürlichen Ursachen der "Melancholie“ als mildernder  Umstand für eine an sich sündhafte "Trägheit“ gelten.

D. Faustus, TitelLuthers Reformation machte diesem Einerseits-Andererseits ein Ende. Die Lehre von  den sieben Todsünden wurde als fruchtlose Vernünftelei über Gottes Gerichtsbarkeit  gestrichen, mit dem Ergebnis, das die Sünde der Trägheit und die Krankheit der  Melancholie in eins verschmolzen. Und was nach den medizinischen Traktaten mit  Diäten und Kuren zu heilen war, erwies sich in der "Historia von Doktor Johann Fausten“ als unheilbar, als eine Krankheit, die unweigerlich zur Hölle führen musste. 

Einen "dummen, unsinnigen und hoffährtigen Kopf“ nennt die Historia den Doktor  Faustus. Das steht nicht im Widerspruch zu der Formulierung vom "gelehrigen und  geschwinden Kopf“ einige Zeilen zuvor; es bedeutet vielmehr, dass diese große  Talent zum Bösen ausgerichtet ist. Wie Münkler aufweist, ist auch das Motiv der  hohen Gaben bereits bei Pseudo-Aristoteles vorgezeichnet: die Melancholiker hätten aufgrund ihrer Erregtheit besondere Geisteskräfte. Im 15. Jahrhundert griff Marsilio  Ficino diesen Gedanken auf: beim richtigen Zustand der schwarzen Galle bringe die Melancholie einzigartige Philosophen hervor.

Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky hat diesen Prozess prägnant zusammengefasst: "Bald wurde die aristotelische Meinung, dass alle großen Männer Melancholiker  seien, zu der Behauptung, dass alle Melancholiker große Männer wären.“ Die Idee  vom "Genie“ war geboren, mit allen Verbindungen zu Krankheit, Wahnsinn und Verbrechen, die dort gemutmaßt worden sind. Dreieinhalb Jahrhunderte nach der Historia hat Thomas Mann in seinem "Doktor Faustus“ diese Tradition zu Grabe  getragen.


Mehr im Internet:
M. Münkler, Ubi Melancholicus – Ibi Diabolus, Humboldt-Spektrum 
Dr. Mariona Münkler, HU Berlin  
Der geschichtliche Faustus 


 

 


 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

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