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27.12.2006 - AUFKLÄRUNG

Doppelte Wahrheit und universale Toleranz

Vor 300 Jahren verstarb der Aufklärer Pierre Bayle

von Josef Tutsch

 
 

Pierre Bayle
* 18. November 1647 Le Carla (Ariège)
† 28. Dezember 1706 Rotterdam

Für moderne Ohren klingt es selbstverständlich: "Drohungen, Gefängnisse, Geldbußen, Verbannungen, Stockschläge, Todesmartern und überhaupt alles, was man unter Zwang versteht, bringt nicht jene Regungen des Willens hervor, welche das Wesen der Religion ausmachen." Aber vor 300 Jahren war das eine revolutionäre Erkenntnis. Der Philosoph Pierre Bayle, aus dessen Feder dieser Satz stammt – er starb am 28. Dezember
1706 –, überwarf sich mit seinen calvinistischen Glaubensgenossen, weil er Toleranz nicht bloß für alle Varianten des Protestantismus forderte, sondern auch für Katholiken, Juden, Muslime und Atheisten. Nach französischen Gesetzen hatte sich Bayle, 1647 als Spross einer calvinistischen Pastorenfamilie in einem Pyrenäendorf geboren, sogar strafbar gemacht. Unter dem Eindruck seiner Lehrer im Jesuitenkolleg war er 21-jährig zum Katholizismus übergetreten, kehrte jedoch anderthalb Jahre später nach heftigen Vorhaltungen aus seinem Elternhaus zum Calvinismus zurück. Gerade damals nahm König Ludwig XIV. die Verfolgung der Protestanten, die sein Vorgänger Heinrich IV. eingestellt hatte, wieder auf. Bayle musste nach Genf fliehen und ließ sich später in Rotterdam nieder.

Von dort aus erschien 1683 das Buch, das ihn auf einen Schlag berühmt machte. Es ging um ein Thema, das nach heutigem Verständnis mit Toleranz und Religion gar nichts zu tun hat, um einen Kometen. Doch ohne den Schweifstern , der Ende 1680 Europa beunruhigte, wäre die Geistesgeschichte vielleicht anders verlaufen. Denn anders, als die Astrologen viele Jahrhunderte lang gelehrt hatten, folgte diesem Kometen kein großes Unglück. Europa erlebte einige der friedlichsten Jahre seiner Geschichte. Dem angeblich unheilbringenden Stern fielen auch keine großen Herrschaften zum Opfer. Die Annalen verzeichnen lediglich, dass in Rom, fast 82 Jahre alt, der Baumeister und Bildhauer Gianlorenzo Bernini verstarb.

Komet 1618 über Heidelberg - zu Beginn
des Dreißigjährigen Krieges
(von Matthäus Merian)
Ein Komet, der nicht das tat, was er nach Meinung vieler Zeitgenossen, auch vieler gebildeter, hätte tun müssen ... Auf dem Pariser Büchermarkt hatten Abhandlungen zur Astronomie Konjunktur; darunter war auch Bayles Schrift mit dem umständlichen Titel "Vermischte Gedanken, geschrieben an einen Doktor der Sorbonne aus Anlass des Kometen, der im Dezember 1680 erschien". Der Philosoph argumentierte nicht bloß gegen die Annahme, dass Kometen auf der Erde irgendetwas hervorbringen oder wenigstens anzeigen. Er demontierte zugleich die Astrologie insgesamt, die damals noch als seriöse Wissenschaft diskutiert wurde; erst 1666 hatte die Académie des Sciences sie auf Druck von Minister Colbert aus der Liste der geförderten Disziplinen gestrichen. Und im Grunde richtete sich die Argumentation gegen den Wunder- und Aberglauben überhaupt – Bayle brandmarkte ihn als "heidnisch".

Es war keine trockene Wissenschaft, die Bayle da auf 500 Seiten darbot, sondern ein Lesevergnügen. Selbst der Leipziger Professor Gottsched, der später eine deutsche Übersetzung herausgab, war begeistert: Bayle "dichtete sich einen Doktor von der Sorbonne zu Paris, an den er seine Gedanken richten könnte. Hierdurch erhielt er nun die beste Gelegenheit, auf eine ungebundene Art alles zu sagen, was ihm bei dieser Sache Anmutiges und Lehrreiches einfiel, und er durfte sich kein Gewissen machen, seine Kometen bisweilen zu verlassen und von nützlichen und artigen Sachen zu reden, die sowohl gelehrten als unstudierten Lesern gefallen können".

In Fontainebleau erklärte
Ludwig XIV 1685 die
Toleranz gegenüber den
französischen Hugenotten
für aufgehoben
.
1697 erschien Bayles Hauptwerk, das "Historisch-kritische Wörterbuch". Zu allerlei historischen, biblischen und mythologischen Eigennamen wie auch zu geographischen und naturwissenschaftlichen Themen bot diese "Rüstkammer der Aufklärung", wie der Kulturhistoriker Wilhelm Dilthey das Buch genannt hat, eine kritische Diskussion der Quellen, untersuchte tradierte Vorurteile auf ihre Wahrheit hin und diskutierte aktuelle Streitfragen. Bayle blieb auch im Wörterbuch bei jener "ungezwungenen Art, seine Gedanken zu entwerfen". Heutige Wissenschaftler-Kollegen würde eine solche Schreibart vermutlich als unseriös abweisen. Damals waren vor allem die Zensoren durch diesen Anschein eines Sammelsuriums überfordert. So brachte Bayle seine Stellungnahme zum heiß diskutierten Leib-Seele-Problem ganz unauffällig im Artikel über einen ziemlich unbekannten lutherischen Theologen der Reformationszeit unter.

Die zwei, später drei umfangreichen Bände wurden wiederum ein europäischer Bestseller. Als Gottsched auch von dieser Schrift eine deutsche Übersetzung erstellte, glaubte er dennoch, einiges überarbeiten zu müssen – in Deutschland waren manche Stellen denn doch zu "anstößig". Inhaltlich ging es in Bayles Wörterbuch um dasselbe Thema, das bereits in den "Vermischten Gedanken" angeschlagen war: die "Neigung zum Aberglauben, die der Teufel in dem Gemüt der Menschen gefunden" habe. "Das Beste, was wir Menschen in der Welt haben, ist die Religion. Dieses Gut hat der Teufel in das ärgste Übel verwandelt, da er in eine Sammlung ungereimter Dinge, läppischer Possen und entsetzlicher Laster daraus gemacht, und durch Hilfe unserer Neigungen hat er uns in die allerlächerlichste und abscheulichste Abgötterei, die man sich nur vorstellen kann, gestürzt."

Widmung des Dictionnaire an den
französischen Regenten Louis-Philippe
Reinigung des Christentums also von allen "Irrtümern des Heidentums". Was Bayles Meinung zufolge nach dieser Reinigung übrig bleiben sollte oder konnte, ist unter den Interpreten jedoch bis heute umstritten. Ausgangspunkt war die Feststellung gewesen, die Astrologie sei "die lächerlichste Sache der Welt". Von da kam Bayle auf das Lächerliche des Aberglaubens insgesamt, das "Lächerliche der heidnischen Religion". Aber die Christen hatten vieles von dem heidnischen Aberglauben übernommen, die Kirche – die katholische Kirche, vom Calvinismus her betrachtet – hatte ihn eher noch vermehrt. Es hat nur wenige Jahrzehnte gedauert, bis Bayles Nachfolger, zum Beispiel Voltaire, das Verdikt über die Voraussagen der Astrologie ausdrücklich auch auf die Prophezeiungen der Bibel ausdehnten: "Der erste Prophet war der erste Schurke, der einem Dummkopf begegnete."

Zusammenfassung reformatorischer Kritik an der "alten" Kirche oder Neubeginn einer prinzipiell religionskritischen Aufklärung? Tatsächlich findet sich im Wörterbuch viele radikal rationalistische Aussagen, etwa in einem Artikel über einen antiken Philosophen: "Man muss notwendig wählen zwischen der Philosophie und dem Evangelium; wollt ihr nur glauben, was deutlich und den allgemeinen Begriffen gemäß ist, so ergreift die Philosophie und lasst das Christentum; wollt ihr aber die unbegreiflichen Mysterien der Religion glauben, so ergreift das Christentum und lasst die Philosophie; denn es ist ebenso unmöglich, die Deutlichkeit und die Unbegreiflichkeit zu verbinden, wie es unmöglich ist, die Bequemlichkeit eines viereckigen und eines runden Tisches zu vereinigen."

F. M. A. de Voltaire, Büste von
Jean-Antoine Houdon (1778)
Bayle habe "alle Metaphysik theoretisch um ihren Kredit gebracht", schrieb der junge Karl Marx begeistert in seiner "Deutschen Ideologie" . Hegel, als er in seiner Philosophiegeschichte dem frühen Aufklärer einige Zeilen widmete, hatte größere Deutungsschwierigkeiten. Denker wie Bayle, bilanzierte Hegel, hätten "zwar durch die Vernunft diese oder jene Dogmata bewiesen, die dem christlichen Glauben gerade widersprechen", nachher aber immer erklärt, "dass sie ihre Überzeugung der Kirche unterwerfen". Eine "doppelte Wahrheit" also – bereits im hohen Mittelalter gab es Philosophen, die mit dieser Formel das System des Aristoteles und die kirchliche Dogmatik nebeneinander gelten lassen wollten, aller Widersprüche ungeachtet. Ihre Gegner verdächtigten sie, das Etikett "Wahrheit" in Bezug auf die Kirchenlehre nicht ganz ehrlich zu gebrauchen.

Nicht bloß die Repräsentanten der katholischen Kirche in Frankreich, auch Bayles calvinistische Glaubensgenossen mögen geahnt haben, dass mit dieser radikalen Skepsis ein Weg beschritten war, auf dem sich schwer Halt machen ließ. Es waren ja auch nicht rein theoretische Fragen, am rechten Glauben hingen nach Meinung nicht bloß des allerchristlichsten Königs auch die staatliche Autorität und die gesellschaftliche Ordnung. In dieser Hinsicht brach Bayle am entschiedensten mit den traditionellen Denkvoraussetzungen. Religiöse Dogmen seien als Stütze für moralisches Verhalten weder tauglich noch überhaupt nötig: "Es ist nicht seltsamer, wenn ein Atheist tugendhaft lebt, als es seltsam ist, wenn ein Christ sich zu allerhand Verbrechen hinreißen lässt."

Titelblatt des
Dictionnaire
Zur Zeit des Sonnenkönigs war diese Meinung wahrhaft revolutionär. Noch 200 Jahre später quälten sich Dostojewskis Romanhelden mit der Frage, ob es Tugend geben könnte, ob womöglich alles erlaubt wäre, wenn es keine Unsterblichkeit der Seele gäbe. Es wird Bayles feste Überzeugung von der Geltung praktischer Normen gewesen sein, die es ihm – ähnlich wie später Immanuel Kant – erlaubte, alle theoretischen Voraussetzungen einer radikalen Kritik zu unterziehen. "Es gibt kein Drittes", schrieb er über den biblischen König David, Jahrhunderte lang das maßgebliche Vorbild aller Könige im christlichen Europa: Entweder seien viele seiner Handlungen ganz und gar nichtswürdig oder aber ähnliche Handlungen von anderen, nicht durch den biblischen Zusammenhang geheiligter Personen könne man ebenso wenig verdammen. Schwer vorstellbar, dass ihm die Tragweite dieses Arguments nicht bewusst gewesen sein soll. 



Mehr im Internet:
Pierre Bayle  
Blütezeit und Niedergang der "wissenschaftlichen" Astrologie in Europa, scienzz 01.01.2006






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

 

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