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06.12.2006 - LINGUISTIK

Ob Deut, Heller, Groschen oder Mark

Geld regiert die Welt ... und die deutsche Sprache!

Anette Steffen

 
 

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was das Milchmädchen eigentlich mit der Milchmädchenrechnung zu tun hat? Und wo genau ist die hohe Kante, auf die wir etwas legen, um zu sparen? Wussten Sie auch schon, wie sich die Stadt Schwäbisch Hall in unserer deutschen Sprache verewigt hat? Und warum stinkt Geld eigentlich nicht?

Aber bevor wir an dieser Stelle vom Hundertsten ins Tausendste geraten, eine kurze Aufklärung: es geht hier um Geld, genauer um Sprichwörter, Redewendungen und Aussprüche rund um das Thema Geld. In der Tat finden sich derlei Wendungen zuhauf in der deutschen Sprache. Ob Tauschmittel oder Recheneinheit, Geld ist solch ein zentraler Bestandteil in unserem Leben, dass sein Einfluss auf die deutsche Sprache kaum verwundert.

Ganz so einfach lässt sich dieser sprachliche Einfluss des Geldwesens allerdings nicht beschreiben. Denn unterschiedlicher könnten die monetären Sprachphänomene kaum sein. Allein die Vielfalt der Ausdrücke, die die Umgangssprache zur Bezeichnung des Geldes bereithält, ist überwältigend. So sprechen wir, um Geld zu benennen, nicht nur von Kleintieren und Insekten wie Kröten, Mäusen und Mücken, sondern auch von dem Untergrund, auf dem sich diese Kleintiere und Insekten potentiell bewegen, wie Schotter oder Moos. Außerdem ist da die Rede von Kies, Zaster, Asche und Flocken oder von Piepen, Pinke oder Knete. Und dass Bimbes etwas mit Geld zu tun hat, wissen wir spätestens seit der Schwarzgeldaffäre der CDU.

Auch diverse alte, neue und ausländische Münzen haben der deutschen Sprache zu einer Reihe von Redewendungen verholfen. So verdanken wir dem guten alten Pfennig und dem Groschen die Aussprüche "Wer den Pfennig nicht ehrt, ist den Taler nicht wert" oder "der Groschen ist gefallen". Ihre ursprüngliche auf das Geld bezogene Bedeutung haben diese Redewendungen heute weitestgehend verloren. Stattdessen werden sie nur noch im übertragenen Sinn verwendet.

Und woher kommt der Heller (auch Häller), den wir in der Wendung "keinen (roten) Heller wert sein" heranziehen? Der Heller geht auf die Stadt Schwäbisch Hall zurück. Sie mögen nun vielleicht an Bausparverträge und dergleichen denken. Aber die berühmte Bausparkasse ist nicht der älteste Beweis für die Verankerung des Stadtnamens in der deutschen Sprache. Denn der Heller ist ursprünglich der Pfennig der Reichsmünzstätte Schwäbisch Hall und hatte als Kupfermünze nicht nur eine rote Farbe, sondern auch einen sehr geringen Wert. Wenn etwas also keinen roten Heller wert ist, besitzt es sprichwörtlich noch nicht einmal den Wert eines Hellers.

Alte fremdländische Münzen wie der Obolus oder der Deut finden sich ebenfalls noch immer in deutschen Aussprüchen. Wenn Sie zum Beispiel Ihren Obolus entrichten, leisten sie nach heutigem Sprachverständnis einen kleinen Beitrag zu etwas oder Sie zahlen Eintritt. Wem aber ist schon bewusst, dass der Obolus die kleinste Münze im alten Griechenland war? Laut Überlieferung brachte der Fährmann Charon in der griechischen Mythologie die Toten nur dann über den Unterweltfluss Acheron, wenn sich ein Obolus unter der Zunge des Toten befand. Damit war der Obolus das Eintrittsgeld in das Reich der Toten.

Charon fährt die Toten für einen Obolus
über den Acheron
Auch der Deut (aus dem Niederländischen: Duit), der zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert geprägt wurde, hatte einen sehr geringen Wert. Wurde er anfangs noch aus Silber hergestellt, so wurde dieses nach und nach durch das billigere Material Kupfer ersetzt. Einen entsprechend geringen Wert besaß die Münze, und einen ebenso geringen Wert legt heute jemand auf die Meinung anderer, wenn er oder sie sich einen Deut um ihre Meinung schert.

Nicht nur die Münze selbst, sondern auch ihre Beschaffenheit war Ausgangspunkt für die Entwicklung von Redewendungen, die in der heutigen Sprache gang und gäbe sind. Wenn wir heute von einem Menschen sagen, dass er aus echtem Schrot und Korn sei, so bezeichnen wir ihn als einen untadeligen Menschen von gutem und edlem Charakter. Schrot und Korn waren aber in der Tat alte Gewichtseinheiten der Münzpräger: Korn entsprach dem Edelmetallanteil, während Schrot das Gesamtgewicht der Münze meinte. In den Zeiten der Münzverschlechterung wurden deshalb diejenigen Münzen, die aus echtem Schrot und Korn waren, besser bewertet – so wie heute Menschen von echtem und gutem Charakter. Die ursprüngliche Bedeutung dieser Wendung ist heute so gut wie gar nicht mehr bekannt, die übertragene Bedeutung aber sehr wohl.

Neben den Münzen und ihrem Material hatten auch mittelalterliche Zahlungsweisen großen Einfluss auf Redewendungen in der deutschen Sprache. Wer heute jemandem ein X für ein U vormacht, betrügt, täuscht oder belügt sein Gegenüber. Dieser Ausspruch bezieht sich heutzutage auf alle möglichen Arten der Täuschung. Im Mittelalter aber stellte der Wirt, der seinem Gast ein X für ein U vormachte, eine falsche Rechnung aus, indem er die römischen Zahlen X (10) und V (5) manipulierte. Anstelle von 5 Bieren berechnete er 10 Biere, indem er einfach aus einem V ein X machte, ein leichtes Unterfangen. Heute sprechen wir allerdings nicht von einem V, sondern von einem U, da die römische Ziffer V zugleich auch der lateinische Buchstabe U war.

Lafontaines Milchmädchen in
Berlin-Neukölln
 
Eine andere Redensart, die auf eine historische Zahlungsweise zurückgeht, ist "etwas auf dem Kerbholz haben". Hat man sich einmal in die historischen Zahlungsweisen hineingedacht, ist klar, was es mit dieser Wendung auf sich hat: Die mittelalterliche Form der Buchführung war dergestalt, dass Leistungen auf einem Stück Holz verzeichnet oder besser eingekerbt wurden. Jemand, der etwas auf dem Kerbholz hatte, hatte die ihm erbrachten Leistungen also noch zu zahlen und war damit nicht ohne Schuld. Heutzutage ist der Geldgedanke verloren gegangen; stattdessen hat jemand, der etwas auf dem Kerbholz hat, auch etwas auf dem Gewissen.

Nicht nur Wirte rechneten im Mittelalter manchmal zu ihren Gunsten. Auch Milchmädchen wurde nachgesagt, dass sie versuchten, Profit aus dem Milchverkauf zu schlagen, nämlich immer dann, wenn sie eine Milchmädchenrechnung aufmachten. Diese Redewendung geht zurück auf Johann W. L. Gleims belehrendes Gedicht "Die Milchfrau", das wiederum auf einer Fabel von Jean de La Fontaine fußt. Darin rechnet sich das Milchmädchen noch vor Verkauf der Milch aus, was es aus dem Erlös der Milch machen kann. Aus Freude über diese Erkenntnis hüpft das Milchmädchen herum und verschüttet dabei unglücklicherweise die Milch. Der ausstehende Ertrag ist damit verloren und die Rechnung des Milchmädchens ist nicht aufgegangen. Eine andere Deutung dieser Redewendung bezieht sich auf die Vermutung, dass Milchmädchen ihre Milchkannen häufig mit Wasser aufgefüllt haben sollen. Weil sie aber den vollen Preis für die Milch verlangten, richtete sich ihr Betrug nicht gegen sich selbst, sondern gegen andere. Heute bezeichnet man mit einer Milchmädchenrechnung einen finanziellen Plan, der keinen Ertrag bringen wird, da er auf falschen Schlüssen beruht.

Auch die Redewendung "vom Hundertsten ins Tausendste kommen" hat ihren Ursprung im Geld- und Rechnungswesen. Vom 15. bis zum 17. Jahrhundert verwandte man Rechenbänke, um Geld zu zählen. Dabei wurden die Geldstücke auf verschiedene waagerechte Linien gelegt. Legte man die Rechenpfennige falsch, also etwa auf die Tausender-Linie statt auf die Hunderter-Linie, kam man vom Hundert ins Tausend und stiftete somit große Verwirrung. Diese Verwirrung entsteht heute auch noch, wenn jemand abschweifend über etwas spricht. Mit Geld hat diese Redewendung jedoch heute nichts mehr zu tun.

Geld stinkt nicht
So lautet ein berühmter und bis heute gebräuchlicher Ausspruch von Benjamin Franklin zur Zeit der ersten Fließbandproduktionen. "Time is money" oder zu Deutsch "Zeit ist Geld" ist nur ein Beispiel unter vielen Zitaten zum Thema Geld. Schon die Römer äußerten sich über das Geld und übten damit nachhaltigen Einfluss auf die deutsche Sprache aus. Der Ausspruch "Geld stinkt nicht" des römischen Kaisers Vespasian zum Beispiel entstand, nachdem er eine Steuer auf die öffentlichen Bedürfnisanstalten erhoben hatte und dafür von seinem Sohn getadelt wurde. Doch Vespasian machte sich nichts aus diesem Tadel. Stattdessen hielt er seinem Sohn das eingenommene Geld unter die Nase und prägte mit dem Ausspruch "Peculia non olet" die deutsche Sprache.

Fragt man sich dies nicht unweigerlich, wenn man die Redensart "etwas auf die hohe Kante legen" hört? Geht man dieser Frage nach, stellt man fest, dass die hohe Kante im Allgemeinen einen Platz auf einer höheren Ablage meint. Manche meinen, der Platz in oder auf dem Baldachin eines Bettes sei eine solche Ablage gewesen, weil sie ein gutes Versteck für Bargeld gewesen sei. Dadurch erklärt sich auch, warum die Redensart heute in der Bedeutung "sparen" verwendet wird. Je unzugänglicher das Geld war, desto unwahrscheinlich war es, dass man darauf zugriff.

Egal ob wir Geld auf den Kopf hauen, jemandem etwas abknöpfen, etwas als recht und billig empfinden oder für bare Münze nehmen oder ob wir die Mark dreimal umdrehen oder einen falschen Fuffziger vor uns haben, eins ist klar: Geld regiert nicht nur die Welt, sondern auch die deutsche Sprache. Vielleicht ist nun auch bei Ihnen der Groschen gefallen!


Mehr im Internet:
Rechtssprichwörter - Folge 1     
Redensarten 


Das Manuskript wurde uns freundlicherweise von der Online-Zeitschrift Lingua et Opinio zur Verfügung gestellt



 

 

 

 

 

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