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19.12.2006 - RELIGION

Auf den Spuren von Abraham und Mohammed

Wenn andere Silvester feiern - die Pilgerfahrt nach Mekka

von Josef Tutsch

 
 

Die Kaaba in Mekka

Was feiern wir eigentlich am 31. Dezember? Dumme Frage, Silvester natürlich, also den Jahreswechsel. Aber auf den 31. Dezember fällt in diesem Jahr auch das "Opferfest", der höchste Festtag für 1,4 Milliarden Muslime in der Welt. Und wie in jedem Jahr werden viele tausend Muslime zu diesem Fest nach Mekka pilgern. Der Brauch geht auf den Propheten Mohammed selbst zurück, auf seinen triumphalen Einzug in Mekka im Jahre 630. 

Nichtmuslimen ist die Teilnahme an der "Hadsch", wie die Wallfahrt genannt wird, von jeher verwehrt. Westliche Interessenten sind also auf die Lektüre von Reiseberichten oder Reiseführern angewiesen, wie gläubige Muslime sie in großer Zahl verfasst haben. Seit dem Mittelalter sind solche Führer zu Mekka und seiner Umgebung eine eigene Literaturgattung. Sie enthalten neben allerlei praktischen Hinweisen auch viel an Historie und Legende über das Leben des Propheten und der frühen Kalifen. 

Der Prophet Mohammed
vor der Kaaba, türkische
Miniatur des 16. Jh.
Den wohl berühmtesten dieser Führer verfasste Ende des 12. Jahrhunderts ein Muslim aus Andalusien, Abu’lHusayn Muhammad Ibn Djubayr. Er muss ein lebenslustiger Mensch gewesen sein. In Granada arbeitete er als Sekretär an einem Fürstenhof, und beim Feiern sprach er gern und oft dem Wein zu. Irgendwann jedoch überkam ihn heftige Reue über diesen Bruch eines Prophetengebotes und er bat seinen Gönner um Urlaub. Eine Wallfahrt nach Mekka sollte seinen Hoffnungen auf das Paradies wieder aufhelfen.

Dieser Gedanke, dass sich durch eine Wallfahrt größere oder kleinere Verstöße gegen die Moral abbüßen lassen, ist auch in anderen Weltreligionen verbreitet. Im christlichen Mittelalter galt Jerusalem, der Ort von Jesu Passion, als das verdienstlichste aller Ziele und wurde den Sündern oft zur Buße aufgegeben; ersatzweise, da leichter erreichbar, kamen Rom und Santiago de Compostela, die Begräbnisstätte des Apostels Jakobus, in Frage. Dass der Weg nach Jerusalem auch durch die islamische, also – vom Christentum aus gesehen – "ungläubige" Herrschaft über das Heilige Land behindert war, hat dazu beigetragen, die abendländische Ritterschaft zu den Kreuzzügen zu motivieren.

Mekka während der großen Hadsch
Von einer Pflicht jedes Gläubigen, nach Jerusalem zu ziehen, war jedoch im Christentum nie die Rede. Dagegen gehört die Pilgerfahrt nach Mekka, die "hadsch". zu den fünf Grundpflichten jedes Muslimen. Andere Stätten, allen voran das tunesische Kairouan, haben dagegen nie ankommen können. Wenigstens einmal im Leben sollte jeder Gläubige nach Mekka fahren, vorausgesetzt die materiellen Mittel stehen zur Verfügung. Ohne diese Einschränkung wäre das Gebot bereits wenige Jahrzehnte nach Entstehung des Islam illusorisch geworden. 

Der Reiseweg muss oft ein Abenteuer gewesen sein. Ibn Djubayr, der sich 1183 auf den Weg machte, ging zunächst ins marokkanische Ceuta und bestieg dort ein genuesisches Schiff, das ihn nach Alexandria in Ägypten brachte. Es war die Zeit der Kreuzzüge mit oft heftigen Konfrontationen zwischen Christentum und Islam, wenige Jahre zuvor war jener byzantinische Kaiser Manuel gestorben, mit dessen abfälligen Worten über den Propheten Mohammed Papst Benedikt XVI. unlängst soviel Aufruhr erregt hat. Aber unter genuesischer Flagge fühlte sich Ibn Djubayr relativ sicher vor Piraten.

Zwischen Safa und Marwa
Vom oberägyptischen Hafen Aydhab ging es übers Rote Meer. Das war der gefährlichste Abschnitt der Reise, da die Besitzer der Schiffe an den Pilgern viel verdienen, in die Fahrtüchtigkeit ihrer Schiffe aber nicht investieren wollten. Für die Rückreise wählte Ibn Djubayr deshalb lieber den weiten Umweg durch die Arabische Wüste über Bagdad und Syrien. Auf der Halbinsel selbst war es aber auch nicht sehr behaglich. Die Einwohner, schimpfte Ibn Djubayr, wollten die Pilger gründlich ausnehmen. Es handelte sich im übrigen um Shiiten – in den Augen des andalusischen Sunniten also Häretiker.

Besonders schlimm tat sich in Sachen Habgier ausgerechnet der Emir von Mekka hervor. Da die Gelder und Weizenlieferungen, die Ägyptens Sultan ihm zugesagt hatte, sich verzögerten, nahm er den wohlhabenden Reisenden aus dem fernen Westen kurzerhand als Geisel. Als Ibn Djubayr wieder freikam, blieb er mit seinen Vorwürfen dennoch zurückhaltend: Dem Emir als Nachkommen des Propheten gebührte trotz alledem Respekt. Er war wohl auch als einziger im Stande, die Pilger vor marodierenden Beduinenstämmen zu schützen.

Am Berg Arafat
Es waren unsichere Zeiten, die manchmal auch die Kaaba selbst nicht verschonten. Gelegentlich wurde sie niedergebrannt und musste wieder aufgebaut werden. 930 hatte die kriegerische Sekte der Karmaten sogar den heiligen Stein entführt. Unser Reisender berichtet, dass der Stein inzwischen versetzt worden war, um ihn in Straßenkämpfen besser schützen zu können. Ibn Djubayr sah das Gebäude mit Weihegeschenken reich geschmückt. Tür und Türpfosten bestanden aus vergoldetem Silber, der Türbalken aus purem Gold. Innen war der Raum mit farbigem Marmor ausgekleidet, außen waren Dach und Wände mit Tüchern aus grüner Seide behängt.

Die Kaaba zu umschreiten, bildete damals wie heute den Kern der "kleinen" Wallfahrt, die zu jeder Zeit im Jahr absolviert werden kann. Ibn Djubayr kam mehrere Monate vor dem Opferfest in Mekka an, er absolvierte also zunächst diese kleine Hadsch. Wie alle anderen hatte er auf dem Weg vom Hafen Jiddah nach Mekka das Pilgerkleid angelegt: ein ungesäumtes Gewand aus zwei weißen Tüchern, das untere um die Hüften geschlungen, das obere als Schultertuch. Und er hatte die Verhaltensmaßregeln des Pilgerstandes angenommen: kein Schneiden von Haaren und Nägeln, kein Sexualverkehr.

"Steinigung des Teufels"
Um den Termin für die große Hadsch mit dem Opferfest gab es in diesem Jahr 1184 wieder einmal Streit. Das Schlachten der Schafe und Ziegen ist auf den 10. Tag des Monats Dhu-al-hijja festgelegt. Grundlage für die Monatseinteilung im islamischen Mondjahr ist traditionell aber keine astronomische Berechnung, sondern die Beobachtung der neuen Mondsichel durch glaubwürdige Zeugen – auch im regenarmen Arabien keine sehr verlässliche Regel. Einige Fromme, berichtet der Pilger aus Granada, wollten die Sichel zu einem Zeitpunkt gesehen haben, wo es astronomisch noch ganz ausgeschlossen war. Aus leicht erklärlichen Gründen: Der religiöse Verdienst soll größer sein, wenn der Vortag des Opferfestes, den die Pilger auf der Hochebene von Arafat östlich von Mekka zu verbringen pflegen, auf einen Freitag fällt.

Der Ablauf ist heute derselbe wie bereits zu Zeiten der Kalifen. Auch die große Hadsch beginnt, für jeden Pilger individuell, mit dem siebenmaligen Umwandern der Kaaba und einem siebenmaligen Lauf zwischen den Hügeln Safa und Marwa – das soll daran erinnern, wie Hagar, die verstoßene Nebenfrau des Urvaters Abraham, für sich und ihren Sohn Ismael in der Wüste nach Wasser suchte. Darauf folgt der kollektive Teil: Nach einer Predigt in der großen Moschee begibt sich die ganze Pilgerschar durch ein Wüstental zum Berg Arafat, wo sich jeder mit dem Ruf "Da bin ich" ganz unter die Allgewalt Gottes stellt. Auf der Rückkehr wird im Orte Mina das Ritual des Steinewerfens absolviert: Jeder Pilger wirft sieben kleine Steine auf eine Säule, die den Teufel symbolisieren soll. 

An den heilbringenden Wassern von
Zamzam
Mit dieser Reinigung vom Bösen ist der Weg frei für das Opferfest, mit dem an das Opfer Abrahams erinnert werden soll: Gott befahl dem Urvater, seinen Sohn zu opfern; als Abraham sich bereit fand, wies ihn ein Engel an, statt des Sohnes einen Widder zu opfern. Die islamischen Koran-Interpreten sind sich nicht einig: Manche sehen in dem Sohn, der geopfert werden soll, dem Text des Alten Testaments entgegen Ismael, andere Isaak. Nach dem Opfer dürfen die Pilger sich rituell rasieren und die Haare schneiden lassen. Die Pilgerfahrt schließt in Mekka mit dem erneuten Umschreiten der Kaaba und dem erneuten Lauf zwischen den beiden Hügeln. Viele Gläubige allerdings gehen nochmals nach Mina und erneuern das Ritual des Steinewerfens.

Wenigstens in diesem Punkt sind sich die islamische Tradition und westliche Religionswissenschaft einig: Vieles an der Wallfahrt geht weit in vorislamische Zeiten zurück. Dem Koran zufolge gelten Abraham und Ismael als die Gründer der Kaaba; Ismael wird von den Arabern als ihr Stammvater betrachtet, wie sein Halbbruder Isaak von den Juden als der ihre. Profane Historiker denken bei den Gebräuchen der Hadsch eher in den Kategorien volkstümlicher Religiosität, wie man sie auch in anderen Religionen kennt – etwa wenn von einem Trunk aus dem Brunnen Zamzam segensreiche Wirkung erwartet wird oder viele Pilger sich ein Täschlein voll Mekkaner Erde mit in die Heimat nehmen. Manches davon haben rationalistisch Denkende unter den islamischen Theologen von jeher befremdet zur Kenntnis genommen.

Beliebter touristische Abstecher:
Medina mit dem Grab des Propheten
Ibn Djubayr scheint von solchen Details am Rand seiner großen Wallfahrt eher belustigt gewesen zu sein. So konnte er beobachten, wie viele Pilger sich durch den engen Spalt einer Grotte zwängten, weil von dieser Handlung Segen erwartet wurde: "Derjenige, der stecken bleibt, ohne durchzukommen, erleidet dabei Schimpf und Lächerlichkeit, ganz abgesehen von den körperlichen Schmerzen, die er in diesem engen Gange empfindet." Oder über Pilgerinnen, die sich durch die Menschenmenge ins Innere der Kaaba drängten: "Wenn sie wieder herauskamen, war ihre Haut wie gebacken in einem abgeschlossenen feurigen Ofen, beheizt von der Kraft des religiösen Glaubens." Und dann folgt der sehr ernsthafte Nachsatz: "Gott in seiner Allmacht wird sie für ihren Glauben und ihre guten Absichten belohnen."


Mehr im Internet:
Hadsch  
Neujahr im Herbst - ein Blick auf den Festkalender der Religionen und Kulturen, scienzz 12.09.2005







Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

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