Ende Dezember, Anfang Januar - ein Blick in den mittelalterlichen Festkalender
von Josef Tutsch
Esel aus einer Weihnachtskrippe
der Künstlerfamilie Graziani
(Vicenza/Venetien)
Was haben der 1. Januar, der 1. März, der 25. März, der 1. September, das Weihnachts- und das Osterfest gemeinsam? An all diesen Tagen wurde einmal der Jahresanfang begangen, und zwar nicht in Übersee, sondern mitten in Europa, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Es gab keine zentrale Instanz, die daran interessiert gewesen wäre, den Jahresanfang – ähnlich wie den Weihnachts- und den Ostertermin – einheitlich zu regeln. Kirchlich-traditionell wird am 1. Januar nicht das neue Jahr begangen, sondern die Beschneidung Jesu, laut Lukas-Evangelium acht Tage nach der Geburt. Und beim Vortag ist heute kaum noch gegenwärtig, dass "Silvester" ein Papst war, der immerhin durch die Ereignisse während seiner Amtszeit in die Geschichte eingegangen ist: Gerade damals beschloss Kaiser Konstantin, das Christentum von Staats wegen zu tolerieren.
Im Mittelalter war zu unserem Jahreswechsel aber noch ein anderes Fest üblich. Oder, der Termin schwankte von Ort zu Ort und von Region zu Region, gleich in den ersten Tagen nach Weihnachten oder auch erst am 6. Januar. Die Geistlichen setzten sich zum Gottesdienst Masken auf, tanzten als Frauen oder Musikanten oder Tiere verkleidet im Chorgestühl herum, spielten im Kirchenschiff Ball und auf dem Altar mit Würfeln und Karten; man sang unzüchtige Lieder und verspeiste Würste, anstelle von Weihrauch wurden Exkremente und Schuhsohlen verbrannt. Statt des Priesters amtierte ein "Narrenbischof" oder "Narrenpapst", der aus dem Kreis der Nachwuchskleriker erwählt worden war. Die anderen, heißt es in einem Bericht, "erwiesen ihm, so gut sie konnten, die Anerkennungen und Ehrerbietungen, die ein wirklicher Bischof verdient".
flucht nach Ägypten, Kapitell in der Kirche von Saulieu (Burgund)
Das war das "Narrenfest", auch "Eselsfest" genannt, weil der priesterliche Segen mit viel "Iah!"-Geschrei beantwortet wurde. Ein junges Mädchen, mit Säugling auf einem Esel sitzend, wurde feierlich durch die Kirche geführt. Spätere Jahrhunderte, mit einem anderen Verständnis von Religiosität, fanden dergleichen ungehörig; aber als Blasphemie war es keineswegs gemeint. Der Esel hatte sein biblisches Vorbild in jenem Grautier, das die heilige Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten trug und das, einem apokryphen Evangelium zufolge, bereits in Bethlehem an der Krippe gestanden hatte; weniger sichtbar wohl auch im Esel, auf dem Jesus, vom Volk bejubelt, zur Passion ins Jerusalem einzog. Es gehört zu den Schwierigkeiten unseres Verständnisses vom Mittelalter, dass der Esel zugleich das Emblem des verachteten jüdischen Volkes war, das den Messias verkannt hatte.
"Abscheuliche Entweihungen in Form schändlicher und strafbarer Handlungen, gemischt mit zahllosen mutwilligen und vermessenen Scherzen; wahrlich, wenn alle Teufel der Hölle sich vorgenommen hätten, ein Fest in unseren Kirchen zu feiern, wüssten sie es nicht anders zu gestalten, als es damals üblich war." So entrüsteten sich kirchliche Autoritäten seit dem 15. Jahrhundert über dieses Brauchtum. Die Ernsthaftigkeit, die spätere Historiker gern mit der Reformation in Verbindung gebracht haben, ist bereits Jahrzehnte zuvor eingekehrt. 1444 beschloss die Pariser Universität, das Fest der Narren sei "ein heidnischer Überrest, Zeichen einer verdammungswürdigen und schädlichen Verderbnis."
Narrenzug mit Narrenbischof, Illustration zu Victor Hugos Roman "Notre-Dame"
Vielleicht waren es solche Stimmen, die in der historischen Forschung zu der Annahme führten, im Narrenfest (ebenso wie im Karneval einige Wochen danach) setzten sich die römischen Saturnalien oder irgendwelche Bräuche der alten Germanen fort. 1445 bedrohte das Domkapitel von Rouen Geistliche, die es wagten, solche Belustigungen zu veranstalten, mit der Exkommunikation. Chordiener, die sich daran beteiligten, sollten ihr Handgeld an jene unter den Kollegen verlieren, "die sich anständiger verhalten haben".
Der Erfolg solcher Maßnahmen muss bescheiden gewesen sein. Noch 1566 hielt die Synode von Toledo es für angebracht, das Narrenfest in aller Form zu verbieten, weil es "die Bischofwürde aufs äußerste beleidigt und zahlreiche andere Missbräuche fördert, die der Kirchendisziplin, der Erhabenheit des Gottesdienstes und der Verehrung des Hauses unseres lebendigen Gottes in keiner Weise angemessen sind". À la longue setzten sich die Sittenreformer – auf katholischer wie auf protestantischer Seite – durch: Heute sind uns vom mittelalterlichen Narren- oder Eselsfest vor allem die Verdammungsurteile seiner Gegner bekannt. Als Victor Hugo seinen Roman "Notre-Dame von Paris" mit einem Narrenfest eröffnete (er wählte den Termin am 6. Januar), konnte er kaum auf historische Quellen zurückgreifen.
Pieter Brueghel, Kampf zwischen Karneval und Fasten (Ausschnitt), 1559 (Wien)
Nur vereinzelt sind Zeugnisse erhalten, die das Fest in seiner Blütezeit dokumentieren. Eine Handschrift des 13. Jahrhunderts aus Besancon bekräftigt, "das jeder Bewohner dem Narrenpapst nach altem Brauch Brot und Wein schuldig" sei. In Le Mans hatte der Knabenbischof Anspruch auf 40 Pinten Wein aus dem Beständen des Domkapitels, damit er den Festschmaus der Kinder bestreiten konnte. Um 1240 scheinen sich dort einige Klöster gegen solche Tributzahlungen gesperrt zu haben. Das Kathedralkapitel griff energisch durch: Eine Äbtissin wurde vermahnt, weil sie dem Narrenzug nichts zu trinken gegeben wollte, ein Abt zur Ordnung gerufen, weil er bemerkt hatte, er tue das nur aus gutem Willen. Nein, nein, gab ihm das Kapitel Bescheid: Es war seine Pflicht. Ein anderer Abt musste sich entschuldigen, weil er sich geweigert hatte, den kleinen "Bischof" ehrerbietig zu empfangen.
Offenbar eine Umkehr aller Hierarchien, ein bisschen subversiv und mit einer Menge Ventilfunktion, wie man vermuten darf. Über einen Ursprung dieser Bräuche aus den kirchlichen Festen zwischen Weihnachten und Silvester ist viel spekuliert worden: Am 26. Dezember wird des heiligen Stephanus gedacht, der nicht nur der erste Märtyrer der Kirche war, sondern der Apostelgeschichte zufolge auch so etwas wie ein erster Nachwuchskleriker; der 28. Dezember gilt den Unschuldigen Kindern, die auf Befehl von König Herodes in Bethlehem ermordet wurden. Eine ganz wörtliche Formulierung dieser Umkehr findet sich im vorweihnachtlichen Lobgesang Mariens aus dem Lukasevangelium: "Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Elenden, die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer."
Hieronymus Bosch, Nar- renschiff, um 1495
Trotz aller Versuchung zur Posse, die darin angelegt war: Das Eselsfest war Jahrhunderte lang ein anerkannter Teil des Festkalenders. Sein Ablauf, konstatiert der Kulturhistoriker Jacques Heers in einem Buch über europäische Festkultur im Mittelalter, "wird in den für die Kanoniker und den Bischof bestimmten Missalien, Ordinarien und Breviarien genau beschrieben, jede Sequenz ist festgelegt, jedes Lied, jeder Wechselgesang, jedes Wort wird schriftlich festgehalten." In Besancon ist ein solches Missale aus dem 15. Jahrhundert erhalten, mit Illustrationen, die an antike Mythologie anklingen – offenbar ein Werk gebildeter Schreiber.
Die Lizenzen zur Komik waren im Mittelalter größer, als wir uns das heutzutage leicht vorstellen. Eine Ahnung vermitteln Bilder, die sich manchmal auf Kannen oder Schüsseln finden: etwa ein Affe mit Mitra, der in der Linken ein Kreuz hält, während er mit der Rechten den Segen erteilt; oder ein Fuchs auf der Kanzel, vor einer Gemeinde von Gänsen. Auch die Literatur bietet manche sehr humorige Episode: In einer Farce aus der Zeit um 1300 wird erzählt, wie ein Quacksalber seinem Publikum eine Engelsfeder als Reliquie präsentiert. Kommentar einer Zuschauerin: "Himmel, es ist ja nur die von der Gans, die er zu Abend verspeist hat."
Illustration aus Sebastian Brants "Narrenschiff", 1494/99)
Der Vers aus dem Messformular zum Eselfest "Esel, schon berauscht vom Korn, Amen! nochmals Amen! sprich, hüte vor dem Alter dich!", mitsamt seiner unverhohlen sexuellen Anspielung, fällt also nicht ganz und gar aus dem Rahmen. Ein Erzbischof von Sens versuchte Anfang des 13. Jahrhunderts in einer Predigt zum 1. Januar den Bogen zwischen Frömmigkeit und Klamauk zu schlagen: "Jedes Jahr feiert die Stadt Sens das Narrenfest, wie es den hiesigen Bräuchen entspricht und wie es den Kantor sehr erfreut. Doch die ganze Ehre soll ungeteilt der Beschneidung Christi gelten!"
Dass das "Establishment" dennoch versuchte, das Fest in Grenzen zu halten, ist nachvollziehbar. 1479 untersagte das Kathedralkapitel von Reims den Chorknaben, Krummstab und Mitra zu tragen; Instrumentenlärm und ein Umzug durch die Stadt müssten unterbleiben. Andere Autoritäten nahmen einen radikaleren Standpunkt ein, wie er sich zur Zeit der Reformation auch langsam durchsetzte: "Niemand kann gefahrlos sein Spiel mit der Schlange treiben, niemand vergnügt sich ungestraft mit dem Teufel." Bereits 1494 hatte der Dichter Sebastian Brant in seinem "Narrenschiff" geklagt, viele Priester machten sich bei solchen Festen zu Anführern wüster Rotten. Die Trennung der lebendigen Religion von jeder Art Komik war eingeläutet, statt des Esels der Flucht nach Ägypten wurde nunmehr die Austreibung der Händler aus dem Tempel beschworen: "In Gottes Haus sei Heiligkeit, für Gott, den Herrn, sei es bereit."
Auf dem Büchermarkt: Jacques Heers: Vom Mummenschanz zum Machttheater. Europäische Festkultur im Mittelalter, Frankfurt am Main 1986 Michail Bachtin, Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur, Frankfurt/Main 1995
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