Eine kleine Kulturgeschichte des Trinkens und Betrinkens
von Josef Tutsch
Cheers!
Es gibt Weintrinker und Biertrinker, es gibt solche, die weder noch, und andere, die mal so und mal so. Weitere Möglichkeiten? Aus dem Tagebuch des englischen Beamten Samuel Pepys aus den 1660er Jahren erfahren wir, dass damals in England gern Wein und Bier gemischt getrunken wurden.
Es gibt eben nichts, was es nicht gibt. Der Schweizer Historiker Daniel Furrer hat sich der Kulturgeschichte des Trinkens angenommen (und auch des Betrinkens, aber dazu später). Eine Reihe von Spaziergängen durch die Jahrhunderte, und es wird deutlich: "Dass" wir trinken müssen, hat die Natur vorgegeben; das "Was" und das "Wie" sind Sache der Kultur. Mit einer Ausnahme, vielleicht zwei Ausnahmen: Ganz am Anfang steht die Muttermilch. Dass erwachsene Menschen Milch zu sich nehmen, von Kühen oder früher häufiger von Ziegen, Schafen, Pferden und Eseln, ist aber eine recht junge Entwicklung. Furrer vermutet, dass sich auch die Fähigkeit der meisten Menschen, Milchzucker verdauern zu können, erst seit etwa 8.000 Jahren entwickelt hat, also seit die Viehhaltung aufgekommen ist.
Auguste Renoir: Stillende (1886)
Die zweite Ausnahme ist Wasser. Ohne Wasser kein Leben. Wenn ein Reisender aus dem England des 18. Jahrhunderts berichtet, selbst die Armen wüssten "nicht, was es heißt, seinen Durst mit Wasser zu löschen, in diesem Land wird nichts als Bier getrunken", wird das übertrieben sein. Aber die Klage des französischen Schriftstellers Louis-Sébastien Mercier etwa zur selben Zeit in Paris darf man für bare Münze nehmen: "Die öffentlichen Brunnen sind so selten und so schlecht instand gehalten, das man auf das Flusswasser zurückgreift. Ist der Fluss trübe, trinkt man trübes Wasser. Den Fremden bleibt fast nie die Unpässlichkeit einer leichten Diarrhö erspart." Merciers Rat: Man menge jedem Schoppen Wassers "einen Esslöffel guten weißen Essigs" bei.
Als Gottfried Keller 1840 nach München kam, um Landschaftsmaler zu werden, wurde ihm gesagt, er solle sich ans Biertrinken halten; der Unterleibstyphus befalle fast jeden Neuankömmling. Vier Jahrhunderte zuvor hatte ein Nürnberger Arzt empfohlen, sauren Apfelwein oder Berberitzensirup zuzugeben. Es könnte sein, dass der Rückgang von Typhus und Cholera im 19. Jahrhundert auch auf die Mode des Teetrinkens zurückgeht: Durch das Abkochen wurden die Infektionskeime abgetötet. Solche Infektionen haben immer wieder den Verdacht aufkommen lassen, unliebsame Bevölkerungsgruppen, voran die Juden, hätten die Brunnen vergiftet.
Jean Etienne Liotard, Mädchen mit Schokolade (um 1744)
Getränke machen Geschichte. Im Dezember 1773 enterten einige Dutzend amerikanische Kolonisten im Hafen von Bosten aus Protest gegen die Teesteuer drei englische Handelsschiffe und warfen die 342 Kisten Tee ins Wasser. Es war der Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Und Getränke gefährden die öffentliche Moral, wie über die Jahrhunderte immer wieder zu lesen ist. "Man kann Arbeiter beobachten, die die Straße reparieren und dabei Tee trinken", empörte sich ein gewisser Jonas Hanway 1757 in London.
Was dem Engländer sein Tee, war dem Spanier seine Schokolade – Trinkschokolade, wie sie die Konquistadoren am Hofe des Aztekenherrschers Montezuma kennen gelernt hatten. Prediger entrüsteten sich, die Damen wollten selbst während des Gottesdienstes in der Kirche nicht auf diesen Genuss verzichten. Aber es war ausgerechnet der Heilige Stuhl, der das gesamte katholische Europa für diesen neuen Luxus öffnete: Schokolade wurde als Getränk eingestuft, war also auch während der Fastenzeit erlaubt.
Louis-Marin Bonnet:Dame mit Kaffee (1774)
Dass der Schokolade eine potenzsteigernde Wirkung nachgesagt wurde, wird ihrer Verbreitung nicht abträglich gewesen sein. Andererseits haben alle Gerüchte von einer schädlichen Wirkung auf die Potenz den Siegeszug des Kaffees nicht aufhalten können. Ob es dieses Gerücht war, das Goethe bestimmte, im Alter von 33 Jahren den Kaffeekonsum ganz einzustellen, ist nicht verbürgt. Gehalten hat sich der Dichter an seinen Vorsatz nicht.
Im Orient war der Kaffee Ende des 16. Jahrhunderts zum Volksgetränk geworden. Sultan Murad III. wollte das religiöse Verbot des Weintrinkens durchsetzen, die braune Bohne sollte den berauschenden Alkohol ersetzen. Jedenfalls, was den Kaffee angeht, mit durchschlagendem Erfolg: "Und meinen die Türken, wenn sie einen Tag diesen Trank nicht trinken, so müssten sie krank werden", berichtete ein christlicher Gefangener. Die Frommen werden dennoch nicht zufrieden gewesen sein. Alle Welt sitze nun in den öffentlichen Kaffeehäusern, die Moscheen würden viel weniger besucht, klagten die Imame.
Weinlese (aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry, um 1415)
1716 wird aus Leipzig berichtet, die Stadtknechte müssten zwielichtiges Gesindel und "gemeine Weiber" aus den Kaffeeschenken herausholen. Nicht nur im Frankreich der Revolution standen die Kaffeehäuser im Ruf, Brutstätten des Aufruhrs zu sein. Dabei wurde der Bohnenkaffee oft reichlich mit Wasser oder Milch verdünnt. Mercier berichtet, der Milchkaffee sei das eigentliche Arbeiterfrühstück geworden. "Die Arbeiter halten das Getränk für billiger, kräftigender und wohlschmeckender als jede andere Frühstückskost. Daher trinken sie es auch in fast unglaublichen Mengen." Ebenso unglaublich war der Erfindungsreichtum, wenn es darum ging, den teuren Kaffee billig zu ersetzen: In Deutschland wurden um 1900 420 eingetragene Warenbezeichnungen für Kaffeesurrogate gezählt.
À-propos Erfindungsreichtum: "Der Mensch hat es verstanden, aus den verschiedensten Materialien und mit den verschiedensten Hilfsmitten Alkohol herzustellen", resümiert Furrer. Und allein die Mengenangaben in den historischen Quellen sind erstaunlich. So werden im 16. Jahrhundert in Graz für ein Familienoberhaupt und seine Gattin je 1,5 Liter Wein pro Tag als unbedingt nötige Ration bezeichnet. Dieselbe Menge wurde auch in Spitälern als Stärkungsmittel verabreicht. "Waren die Leute etwa dauernd beschwipst?" fragt Furrer, merkt aber an, dass es sich oft um Wein aus zweiter oder dritter Pressung mit geringerem Alkoholgehalt gehandelt haben wird.
Edgar Degas, Absinttrinker (1876)
Schwer zu sagen, inwieweit das medizinische Argument von der Keimfreiheit des Weins manchmal nur vorgeschoben war. Oft wurde der Wein ohnehin mit Wasser verdünnt – oder auch mit Honig bekömmlicher gemacht, mit allerlei Kräutern geschmacklich verändert. In den nördlichen Breiten war Alltagsgetränk jedoch das Bier (oder, bis ins hohe Mittelalter in Fürstenkreisen, der legendäre Met: gegorener Honigsaft).
Quellen belegen, dass im 15./16. Jahrhundert in der einfachen Bevölkerung Mitteleuropas jeder Mann und jede Frau mehr als einen Liter Bier pro Tag zu sich nahm. Eine Relation zwischen Wein- und Bierkonsum, hat sich, wie Furrer zeigt, durch die Jahrhunderte durchgehalten: "In schweren Zeiten stieg der Verbrauch von Bier, während die Biertrinker in Zeiten des Wohlstands umgekehrt zum Wein übergingen." Welche Bedeutung dem Bier bereits vor fast 4.000 Jahren im alten Babylon beigemessen wurde, geht aus dem Gesetzbuch des Königs Hammurabi hervor: Betrügerische Wirtinnen wurden im Euphrat ertränkt.
William Hogarth, Stahlstich "Bierstraße und Ginpfad" (1751)
"Übernimm dich nicht beim Biertrinken!" zitiert Furrer aus einem altägyptischen Benimmbuch. Die Büchse der Pandora, wie der Historiker sich poetisch ausdrückt, hat jedoch erst die Destillation geöffnet. Wahrscheinlich wurde dieses Verfahren, eine Droge – den Branntwein – künstlich herzustellen, im arabischen Raum erfunden; böse Zungen behaupten (Furrer vermeidet es, darauf einzugehen), weil der Koran den Konsum des Ausgangsstoffes selbst, also des Weins, verbietet. In Europa dagegen gewann der Wein durch das Abendmahlssakrament höchsten Symbolwert. Akademische Urkunden belegen, dass ein Doktorkandidat im 17. Jahrhundert den Examinatoren Wein mitzubringen hatte. In der Theologischen Fakultät der Universität Ingolstadt am 21. April 1665: "Etwa nach zwei Uhr begann die Disputation, wobei der Kandidat durch seinen Geist glänzte, die anderen aber um die Wette tranken."
Neu auf dem Büchermarkt: Daniel Furrer: Zechen und Bechern. Eine Kulturgeschichte des Trinkens und Betrinkens, Darmstadt 2006, Primus Verlag (ISBN 10: 3-89678-323-8, 13: 978-3-89678-323-3), 19,90 €
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.
Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.
Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.
Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.
Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
In einem erloschenen Vulkan auf der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.
Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.
scienzz-partner
... LEUTE in scienzz
03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
wissenswert
17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr