Berlin, den 10.02.2012 Link Home Link Ticker Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

02.01.2007 - MEDIZIN

Genforschung beim Sippentreffen

Mutation im Erbgut einer weitläufigen Mennonitenfamilie entdeckt

Frank Luerweg

 
 

Es liest sich wie ein Wissenschaftskrimi: Im Jahr 2001 wurde eine schwangere Frau in das Universitätsklinikum Bonn eingeliefert, die unter extrem starkem Juckreiz litt. Die Mediziner diagnostizierten eine Schwangerschafts-Cholestase - eine Krankheit mit genetischem Hintergrund, die zu Fehlgeburten führen kann. Eine junge Ärztin spürte in den folgenden Monaten 97 Verwandte der Schwangeren auf. Sie reiste zu Familientreffen nach Paraguay und Kanada und entnahm 55 Familienmitgliedern Blutproben. Zusammen mit Kollegen vom Universitätsklinikum gelang es ihr, einen unbekannten Gendefekt zu identifizieren, der die Erkrankung auslöst.

Augenfälligstes Symptom der Krankheit ist der extreme Juckreiz. Manche Patientinnen lassen sich nachts von ihren Angehörigen ans Bett fesseln, um sich nicht blutig zu kratzen. Betroffen sind ausschließlich Frauen. Die Symptome treten meist nur im letzten Drittel der Schwangerschaft auf - warum, ist unbekannt. Besonders gravierend: Das Risiko einer Totgeburt ist deutlich erhöht. Die Patientin, die in die Universitätsklinik Bonn eingeliefert wurde, kannte die Anzeichen: Ihre Tanten, ihre Schwester, viele Kusinen - sie alle hätten während der letzten Schwangerschaftsmonate unter starkem Juckreiz gelitten, sagte sie bei der Untersuchung. "Da wurden wir natürlich hellhörig", erinnert sich Gudrun Schneider.

Die junge Ärztin stand damals kurz vor Abschluss ihres Studiums und hatte gerade in der Medizinischen Klinik I mit ihrer Doktorarbeit begonnen. "Wir wollten herausfinden, ob die Schwangerschafts-Cholestase genetische Ursachen hat - und wenn ja, welche", sagt sie. Kein einfaches Unterfangen, denn für Vererbungs-Untersuchungen benötigt man viele Betroffene, die am besten noch miteinander verwandt sein sollten. Die Patientin entpuppte sich in dieser Hinsicht als wahrer Glücksfall: Sie stammt aus einer weitläufigen Mennoniten-Familie in Paraguay. "Mennoniten haben oft sehr große Familien, deren Angehörige traditionell einen engen Kontakt pflegen", erläutert Gudrun Schneider, die heute an der Universität Zürich arbeitet. "Die Familie unserer Patientin umfasst drei Generationen mit knapp 100 Mitgliedern in Kanada, Paraguay, Deutschland und Kasachstan."

Schon seit einiger Zeit wird vermutet, dass die Krankheit genetische Ursachen hat. "Man kennt sogar schon Kandidatengene, die vermutlich im Falle einer Mutation die Krankheit auslösen können", sagt ihr Doktorvater Dr. Christoph Reichel. Die Betonung liegt auf "vermutlich": Die bisherigen Familienstudien kranken alle an der kleinen Patientenzahl, die ihre Aussagekraft einschränkt. Mit Unterstützung der Herbert-Reeck-Stiftung machte sich Gudrun Schneider daher zu einem Sippentreffen nach Paraguay auf, um Material für eine genetische Untersuchung zu sammeln. "Extrem gastfreundliche Menschen", erinnert sie sich, "aber Blut spenden wollten sie nicht." Erst nach vielen Gesprächen erklärten sich schließlich 26 Angehörige bereit, eine Blutprobe abzugeben. Bei einer zweiten Feier in Kanada ließ sie weitere 29 Familienmitglieder zur Ader.

Menno Simmons, 1496 - 1561
Mit mehr als 50 Proben kam sie zurück nach Bonn - darunter das Blut von sechs Frauen, die in früheren Schwangerschaften über starken Juckreiz geklagt hatten. Damit hatten die Wissenschaftler genügend Material für eine genetische Analyse. Und sie wurden fündig: Sie entdeckten im Blut aller Betroffenen eine unbekannte Mutation im so genannten MDR3-Gen. "MDR3 galt schon lange als möglicher Kandidat", erläutert Reichel. "Das Gen enthält die Information für ein bestimmtes Transportprotein in der Leber. Die von uns gefundene Mutation führt wahrscheinlich dazu, dass dieser Transporter nicht richtig arbeitet." Jeder Mensch trägt in seinem Erbgut zwei Kopien dieses MDR3-Gens mit sich. Ist nur eine dieser Kopien mutiert, kompensiert die zweite diesen Defekt - allerdings eben nicht in der letzten Phase der Schwangerschaft.

Wahrscheinlich gibt noch weitere Erbfaktoren, die eine Schwangerschafts-Cholestase auslösen können. In der Schweiz scheint aber immerhin bei jeder fünften Betroffenen eine Mutation im MDR3-Gen der Grund für die Erkrankung zu sein. "Die Glaubensgemeinschaft der Mennoniten hat ihre Wurzeln in der Schweiz", erklärt Christoph Reichel. "Auch die Vorfahren unserer Patientin sind vermutlich von dort ausgewandert; viele von ihnen sprechen heute noch deutsch. Und diese Herkunft spiegelt sich augenscheinlich noch in ihren Erbanlagen."


Mehr im Internet:
SchwangerschaftsCholestase
Medizinische Klinik I des Universitätsklinikums Bonn
Mennoniten
Mennoniten in Paraguay


 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
kurz gemeldet

First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.

Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.

Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.

Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.

Goldmann Environmental Prize

scienzz dossiers aktuell     

Philosophie und Wissenschaftstheorie > mehr

Gesichter der Goethezeit > mehr

Klassische Denker der Politik und Soziologie
> mehr

Das Papsttum - Glanz und Elend einer zweitausend- jährigen Geschichte
> mehr

Bilder, Worte, Wirklich- keiten > mehr

kurz gemeldet

Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.

Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.

Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.

Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.

In einem erloschenen Vulkan auf  der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.

Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.

scienzz-partner

... LEUTE in scienzz

03.08.2009 - MATHEMATIK
Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin

 "Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr

wissenswert

17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE

EVIDENCE
how do we know what we know?

"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr


Anzeige 

fahrrad.de Standard Banner ohne Bild 125x125