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05.01.2007 - MYTHOLOGIE

Wenn der Traum sich in Stein auflöst

Historiker gehen dem Mythos "Troia" auf den Grund

von Josef Tutsch

 
 

Der Mythos im Kino: Brad Pitt
als Achilleus

Das hätte sich keine Werbeagentur besser einfallen lassen. Während der Dreharbeiten zu Wolfgang Petersens "Troia"-Film verletzte sich der Darsteller des Achilleus, Brad Pitt, an der Achillesferse, jenem Körperteil, wo den griechischen Helden die tödliche Wunde ereilt haben soll. Und dann wurde auch noch das Gerücht gestreut, mit dem Anführer der griechischen Armee, Agamemnon, wäre "eigentlich" der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, George W. Bush, gemeint. Im Jahr zuvor hatte Bush die Invasion im Irak begonnen. Das Drehbuch legte einem der Helden einen politisch höchst korrekten Kommentar in den Mund: "Krieg bedeutet, dass junge Männer sterben und alte Männer reden."

Solche Erzählstoffe, in denen sich über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg die Gegenwart immer wieder neu spiegelt, nennt man "Mythen". Die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität hat in einer interdisziplinären Ringvorlesung den Mythos unter die Lupe genommen, mit dem vor 2.800 Jahren der Dichter Homer die europäische Literatur begründete, die Geschichte von der Eroberung Troias. Vor fast 140 Jahren setzte Heinrich Schliemann am Hügel Hisarlik im Nordwesten der Türkei den Spaten an; aber die Rätsel um Troia sind, das machen die Beiträge deutlich, auch heute noch keineswegs gelöst.

Die Mauern von Troia heute
Wie lebenskräftig der Mythos "Troia" nach wie vor ist, zeigte sich, als der Archäologe Manfred Korfmann 2001/2002 in mehreren deutschen Städten seine neuen Grabungsergebnisse in einer Ausstellung präsentierte. In der deutschen Presse entbrannte ein Historikerstreit. Korfmann und seine Anhänger behaupteten, in der Bronzezeit Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus sei "Troia" eine bedeutende Handelsmetropole und Residenzstadt gewesen; dass die Stadt bei Homer "Ilion" genannt wurde, gab Gelegenheit, sie mit dem in hethitischen Quellen genannten "Wilusa" zu identifizieren. Die Kritiker konnten dagegen halten, bisher seien weder ein Palast noch irgendwelche Handelsdokumente gefunden worden.

Gregor Weber, Althistoriker in Augsburg, hat die spannende und über weite Strecken auch komische Kontroverse nachgezeichnet. Der Höhepunkt war erreicht, als der Troia-Forscher Frank Kolb seinem Kollegen Korfmann den Titel "Däniken der Archäologe" verlieh. In einer Randbemerkung der "Welt" wurde der Mechanismus, der solche Pressekriege in Gang hält, treffend analysiert: Die Behauptung, in Schliemanns Entdeckung liege die eigentliche Wiege Europas, sei eben "viel spannender" als jede ernüchternde Bilanz. Tatsächlich ging es nicht bloß um Erkenntnis oder Wahrheit. Der türkische Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer bekräftigte in seinem Vorwort zu einem Ausstellungskatalog, "dass sich die stärksten Wurzeln der europäischen Kultur in Anatolien befinden" – geschrieben im Vorfeld der Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der Europäischen Union.

Der Mythos im antiken Vasenbild:
Achilles im Kampf gegen Hektor (um
590 v. Chr.)
"Aktualisierungen" des Mythos, über die sich trefflich streiten lässt. Barbara Patzek, Althistorikerin an der Universität Duisburg-Essen, macht deutlich, dass es bereits in der Antike nicht anders war. Beim Geschichtsschreiber Herodot ist von einem Streit zwischen den Städten Athen und Mytilene auf Lesbos zu lesen. Die Athener beriefen sich auf die Schilderung bei Homer: Alle griechischen Städte, die beim Feldzug gegen Troja dabei gewesen seien, hätten dasselbe Recht auf den Besitz des historischen Geländes. Die gemeinsame Abwehr der Perser im frühen 5. Jahrhundert wurde quasi zu einem neuen Trojanischen Krieg stilisiert. Der Historiker Thukydides bemängelte an Homer, dass in seinem Gedicht die Trojaner nicht als "Barbaren" gekennzeichnet waren.

Bei Herodot heißt es auch, der Perserkönig Xerxes habe seinen Heerzug gegen Griechenland mit einem Opfer an den Ruinen von Troia begonnen; sollte das richtig sein, hätten auch die Perser diese mythische Rollenverteilung aufgenommen. Anderthalb Jahrhunderte später opferte Alexander der Große, der sich als Nachkömmling des Achilles betrachtete, zur Eröffnung seines Asienfeldzuges in Troia. Die Entstehung des römischen Troia-Mythos – einer der trojanischen Helden, Aeneas, hätte sich vor Eroberung der Stadt nach Westen geflüchtet –, liegt bis heute im Halbdunkel der Geschichte. Der Würzburger Archäologe Ulrich Sinn referiert, dass Aeneas bereits von den Etruskern und schon im 4. Jahrhundert auch von den Römern als Gründungsheros betrachtet wurde. Der Althistoriker Uwe Walther (Bielefeld) betont dagegen, dass solche Herleitungen zunächst allenfalls den Wert einer genealogischen Spielerei hatten.

Von Kollegen heftig kritisiert: Korfmanns
Troia-Modell
Ernst wurde es erst, als Kaiser Augustus seine Abstammung von Aeneas (und von dessen Mutter, der Göttin Venus) zur ideologischen Grundlage des römischen Staates machte. Dass die Griechen Troia seit den Perserkriegen als "barbarisch" betrachtet hatten, wurde lässig beiseite geschoben – wie man mit Mythen nun einmal umgehen muss, wenn man sie aktualisieren will. In einem genialen Einfall ließ der Dichter Vergil, der dem neuen Mythos die klassische Gestalt gab, seinen Helden beim Zwischenaufenthalt in Karthago gerührt feststellen, dass die Ereignisse des Trojanischen Krieges im Apollon-Tempel bereits auf Reliefs wiedergegeben waren.

Vergils Gedicht erwies sich als dauerhafter denn solche Bilder von Erz. Mittelalterliche Chronisten führten ihre Völker, nach dem Vorbild des alten Rom, gern auf trojanische Helden zurück, noch im 16. Jahrhundert ließ sich Franz I. von Frankreich als 64. Nachfolger Hektors feiern. Xanten am Niederrhein, lateinisch "Colonia Traiana", wurde auf Silberpfennigen des 11. Jahrhunderts als "heiliges Troia" bezeichnet. Aufgrund eines solchen Lautanklangs – ob Präsident Sezer davon gewusst hat? – wurden in mehreren mittelalterlichen Chroniken auch die Türken oder "Turci" als Trojaner-Abkömmlinge aufgefasst. Sultan Mehmed II., der Eroberer von Konstantinopel, soll 1462 vor den Ruinen von Troia erklärt haben, ihm sei es durch Gottes Gnade vorbehalten gewesen, die Stadt an den Griechen zu rächen.

Der Mythos privat.
Schliemanns Frau Sophia
mit Schmuck aus den
Ausgrabungen von Hisarlik
 
Genau dieser trojanische Anspruch der Türken, so ist in mehreren Beiträgen des Bandes zu lesen, wurde von Papst Pius II. entschieden bestritten: Er wollte die Christenheit zu einem Kreuzzug einigen und griff, humanistisch gebildet, auf Herodots Unterscheidung zwischen Europa und Asien zurück. Der heutigen Öffentlichkeit in Mitteleuropa ist das Thema Troia aber weniger durch die Lektüre der homerischen "Ilias" oder der vergilschen "Aeneis" oder des altfranzösischen "Roman de Troie" bekannt und auch nicht durch Filme wie den von Petersen, sondern vor allem durch C. W. Cerams "Götter, Gräber und Gelehrte", seit seinem Erscheinen 1949 die Jugendlektüre ganzer Generationen. Ceram brachte Heinrich Schliemanns Entdeckung auf den Punkt: "Was als Sage und Mythos gegolten hatte, zugeschrieben der Phantasie des Dichters, war bewiesen worden in seiner Existenz!"

Bei näherem Hinsehen erweist sich diese "einfache Gleichung zwischen Text und Ruine" (so der Althistoriker Justus Cobet, Duisburg-Essen) doch als reichlich kurzschlüssig: Die ausgegrabenen Steine bedürfen, wenn sie historisch etwas aussagen sollen, der Interpretation, wie andere Fakten auch. Cobet: "Der Spaten verleiht dem Epos den falschen Schein einer banalen Wirklichkeit. Der Traum von Troia löst sich in Realität auf." Es ist derselbe scheinbar zwingende Augenschein, mit dem bereits in der Antike die Bewohner am Ort des ehemaligen Troia die Touristen zu fesseln versuchten. Man zeigte, so der Münchner Professor für alte Geschichte Martin Zimmermann, nebst zahlreichen Heroengräbern die Lyra, mit deren Klang der trojanische Prinz Paris die schöne Helena betörte, das steinerne Spielbrett, an dem die griechischen Kämpfer während der langen Belagerung ihre Moral hoben, und das Werkzeug, mit dem das hölzerne Pferd gezimmert wurde.

Der Mythos politisch: Türkische Münze
mit dem Trojanischen Pferd
"Mythen zu zertrümmern, hat schon Thukydides als Aufgabe des Historikers angesehen und praktiziert", stellt sein heutiger Kollege Hans-Joachim Gehrke (Freiburg) fest. So ist die Münchner Ringvorlesung auch ein Plädoyer gegen die Indienstnahme der Archäologie durch die Politik, mit welchem Ziel auch immer. Die Frage, wo im Südosten Europa aufhört oder aufhören soll, entscheidet sich vielleicht an strategischen Überlegungen oder Menschenrechten, an Demokratiekonzepten oder wirtschaftlichen Zwängen, aber ganz sicher nicht an den Trümmern von Troia.


Neu auf dem Büchermarkt:
Der Traum von Troia. Geschichte und Mythos einer ewigen Stadt,
herausgegeben von Martin Zimmermann,
Verlag C. H. Beck, München 2006 (ISBN 3.406-54376-6), 22,90 €


Mehr im Internet:
Troia 
Troja wieder Buddelstelle, scienzz ticker 13.07.2006  

 



 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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