Berlin, den 10.02.2012 Link Home Link Ticker Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

11.01.2007 - POLITIK

Terrorismus - ohne Hemmschwelle in den letzten Kampf

Bemühungen um ein Phänomen unserer Zeitgeschichte

von Josef Tutsch

 
 

Osama bin Laden, Gallionsfigur des
islamistischen Terrorismus

Anfang 2006, als der Protest gegen die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" die Welt erschütterte, ging die Meldung durch die Presse, der Prophet sei auch als Schwein verulkt worden. In "Jyllands Posten" fand sich ein solches Blatt aber nicht. Islamische Schriftgelehrte, die auf einer Rundreise durch den Osten die Empörung anheizten, räumten später ein, dass sie noch weitere Zeichnungen vorgezeigt hätten. Irgendwann bekamen westliche Journalisten die Vorlage mit dem Schwein zu Gesicht. Thema war, ohne jeden religiösen Bezug, eine Landwirtschaftsmesse in Südfrankreich, bei der ein "Schweine-Quiek-Wettbewerb" veranstaltet wurde.

Die Geschichte ist in dem neuen "Terrorismus-Lexikon" nachzulesen, das jetzt drei führende deutsche Terrorismus-Experten vorgelegt haben: die beiden Direktoren des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen und ein Journalist, der praktische Erfahrung in der Nahostarbeit des Bundesnachrichtendienstes vorweisen kann. Entstanden ist eine höchst materialreiche Faktensammlung, wenngleich der Titel "Lexikon" etwas irreführend scheint; im Vorwort sprechen die Autoren von "einer Art Feature-Lexikon, in dem komplexe Themen in größeren Abhandlungen untersucht werden". "Abhandlungen" trifft es aber auch nicht ganz; der analytische Tiefgang bleibt hinter dem Informationsgehalt deutlich zurück. Die Lektüre vermittelt den Eindruck, dass das Buch in der Hauptsache als Sammlung vieler ad-hoc-Artikel aus den letzten Jahren entstanden ist – eine Systematik "in progress", sozusagen.

Hans-Martin Schleyer in der Gewalt
der RAF 1977

Thema "Terrorismus": Wilhelm Dietl, Kai Hirschmann und Rolf Tophoven bieten einen Definitionsversuch: "eine andauernde und geplante Gewaltanwendung mit politischer Zielsetzung, um mittels terroristischer Mittel das (politische) Verhalten des Gegners zu beeinflussen". Wichtig ist vor allem das "geplant". Mehr oder weniger spontane Gewaltausbrüche, wie sie beim Karikaturenstreit vorfielen, würden also nicht unter "Terrorismus" fallen. Die Abgrenzung bleibt aber schwierig. Gerade diese Affäre, stellen die Autoren fest, habe gezeigt, dass "radikale islamistische Kreise inzwischen in der Lage sind, mit Meinungsmache breitere Unterstützung zu mobilisieren".

Das unterscheidet den aktuellen weltweiten Islamismus oder "Dschihadismus" jedenfalls von den Aktivitäten der Rote-Armee-Fraktion im Deutschland der 1970er und 1980er Jahre. Der Terror der RAF wurde damals nur von winzigen linksideologischen Splittergruppen als irgendwie "legitim" erachtet. Die Typologie, die Dietl, Hirschmann und Tophoven für den Terrorismus vorlegen, trifft eigentlich nicht das Phänomen selbst, sondern die Motivation dahinter. Die Autoren unterscheiden zwischen einem "ethno-nationalen Terrorismus" (Beispiele: Palästinensische Befreiungsorganisation und Irisch-Republikanische Armee), einen "sozialrevolutionären Terrorismus" (die deutsche RAF und die italienischen Roten Brigaden) und einem religiös motivierten Terrorismus (Al-Quaida, die palästinensische Hamas, die libanesische Hisbollah). Dass terroristische Aktivitäten durch den Zerfall staatlicher Autorität in weiten Teilen Asiens und Afrikas begünstigt werden, erwähnen die Autoren; die Frage, inwieweit die uns so selbstverständlich gewordene Vorstellung vom Staat als Monopolisten legitimer physischer Gewalt in manchen Weltgegenden überhaupt anwendbar ist, wird jedoch nicht reflektiert.

Solidarität in Hamburg mit dem
Hungerstreik der inhaftierten RAF-
Terroristen 1975

Unvermeidlich konzentriert sich das aktuelle Interesse auf den Islamismus und den Nahost-Konflikt, und ebenso unvermeidlich muss für ein deutsches Publikum die RAF mit berücksichtigt werden. Das begründet Ungleichgewichte: Von den 23 biographischen Skizzen, die dem Text angehängt sind, betreffen 16 Personen aus dem arabisch-islamischen Raum (gut die Hälfte religiös-islamisch motiviert, die übrigen national-palästinensisch), fünf weitere kommen aus Deutschland; andere Weltgegenden bleiben am Rande. Noch deutlicher macht sich das in der Zeittafel bemerkbar: Auf die radikal-islamischen "Assassinen" des 11. Jahrhunderts, die der Legende nach durch Haschisch mit der Aussicht auf paradiesischen Lohn gefügig gemacht wurden, folgen gleich die Flugzeugentführungen des 20. Jahrhunderts (die erste übrigens 1931 durch Rebellen in Peru).

Wie oft in lexikonartigen Publikationen steht manch Aufschlussreiches am Rande. Von säkularen Palästinenserorganisationen, inzwischen auch in Tschetschenien, werden gelegentlich weibliche Selbstmordattentäter eingesetzt, weil sie beim Abwehrpersonal weniger als verdächtig wahrgenommen werden; die religiös ausgerichtete Hamas lehnt diese Strategie ab, weil sie darin eine unislamische, quasi westliche Frauenemanzipation sieht. Gerade solche Diskussionen lassen vermuten, dass die These der Autoren, Religion werde von den (islamischen) Terroristen "nur als rechtfertigendes Beiwerk eingesetzt", etwas kurz greift. Es spricht nichts dafür, dass Al-Quaida und Hamas aus lauter Heuchlern bestünden, die ihre islamischen Argumentationen gar nicht ernst meinen würden.

Anschlag in Oklahoma City, 1995

Erhellender ist das Konzept, solche religiös-fundamentalistischen (warum eigentlich nicht auch säkular orientierte?) Terrorgruppen nach Art von "Sekten" aufzufassen: Aufteilung der Welt in Gut und Böse, die Situation vor dem letzten, entscheidenden Kampf, das Fehlen aller sozialen Hemmschwellen. Dietl, Hirschmann und Tophoven: Die terroristischen Gruppen folgen "einer sektenartig organisierten und strukturierten Gewaltidee, die den Islam missbraucht und nur von einer absoluten Minderheit der Muslime, ca. 1 %, geteilt wird".

Da wüsste der Leser aber doch gern, wie diese – vielleicht ja realistische – Schätzung "1 %" eigentlich zustande gekommen ist. Etwa durch weltweite Demoskopie? Solche Unklarheiten bilden eine bedauerliche Schwäche an diesem sonst doch recht informativen Buch. Und wie begründet ist wohl die folgende Aussage zur bürgerkriegsähnlichen Lage im Irak? "Langsam beginnen die Muslime diesen Terrorismus als das zu sehen, was er in Wirklichkeit ist: kein Kampf gegen ihre Unterdrückung, sondern Massenmord auch an ihnen selbst, gerechtfertigt durch nicht nachvollziehbare Begründungen."

Nach einem Anschlag der baskischen ETA
in Barcelona 1978

Und ob kalauernde Literatur- und Sprichwort-Variationen wie "in 80 Dschihads um die Welt" oder "viele Wege führen unter Rom" (im Kanalnetz unter der italienischen Hauptstadt wurde 2002 ein Zyanid-Anschlag auf das Trinkwassernetz vorbereitet) dem Buch gut getan haben, ist eben auch zu fragen. Zurück zur Ernsthaftigkeit. Die jüngsten palästinensischen Wahlen deuten darauf hin, dass eine Gruppe wie Hamas, die sich offen zum Terror bekennt ("Jeder Jude ist ein Siedler, und es ist unsere Pflicht, ihn zu töten") mit geeigneter Sozialpolitik durchaus Mehrheiten in der Bevölkerung gewinnen kann. Will man dem Phänomen Terrorismus näher kommen, dann empfiehlt es sich, die Mahnung der Autoren zu beherzigen: "Letztlich bleibt es eine politische Entscheidung, ob bestimmte Gruppen als Terrororganisationen oder als Freiheitskämpfer mit terroristischem Handlungsanteil eingestuft werden."

Ohne die Frage "Was tun?" wäre ein solches Buch natürlich unvollständig. "Eine Idee kann nicht mit Gewalt, sondern nur mit Ideen bekämpft werden." So weit, so klar; eine Mentalität, wie sie sich in der Floskel ausdrückt "ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod" ist nur sehr begrenzt durch polizeiliche oder militärische Mittel zu bekämpfen. Ansonsten begnügen sich die Autoren mit eher vagen Hinweisen: "Manche Politiker wollen oder können die Bedrohung überhaupt nicht wahrnehmen, sie klagen gegen die Einschränkung der Freiheitsrechte der Bürger, obwohl die, sofern sie keine Extremisten sind, überhaupt nicht betroffen sind." "Andererseits schützt man den Rechtsstaat aber auch nicht dadurch, dass man ihn abschafft."

New York, World Trade Center 9/11/2001

An einer Stelle findet sich sogar ein Vorschlag: "Gemeinsame und nachweisbare Elemente wie Schulung und Ausbildung zu dem einzigen Zweck Terrorismus" könnten durch einen neuen Paragraphen im Strafgesetzbuch aufgenommen werden. Das kann hier nicht rechtsstaatlich diskutiert werden, liest sich aber bemerkenswert konkret. Unbehagen hinterlässt das Rezept, das in dem Passus über den Karikaturenstreit angedeutet wird: "Die Verletzung der religiösen Gefühle vieler Muslime durch die sogenannten Mohammed-Karikaturen wäre durch etwas Fingerspitzengefühl leicht zu vermeiden gewesen." Im Fall aus dem September 2005, mag ja sein, aber grundsätzlich? Man braucht nicht an einen zwangsläufigen Kampf der Kulturen zu glauben, um den Grundsatz zu verteidigen, dass in der säkularen Demokratie niemand verpflichtet werden kann, gegenüber den heiligen Gestalten – welcher religiösen Tradition auch immer – sich in Ehrfurcht zu üben.


Neu auf dem Büchermarkt:
Wilhelm Dietl, Kai Hirschmann, Rolf Tophoven:
Das Terrorismus-Lexikon. Täter, Opfer, Hintergründe
Eichborn, Berlin 2006 (ISBN 3-8218-5642-4), 24,90 €


Mehr im Internet:
Terrorismus
Vom Wandel der Kriege, scienzz ticker 03.02.2005
Vollständig niederkämpfen, scienzz magazin 18.09.2006
Karikierte Propheten, scienzz magazin 03.02.2006 
Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik



 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
kurz gemeldet

First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.

Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.

Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.

Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.

Goldmann Environmental Prize

scienzz dossiers aktuell     

Philosophie und Wissenschaftstheorie > mehr

Gesichter der Goethezeit > mehr

Klassische Denker der Politik und Soziologie
> mehr

Das Papsttum - Glanz und Elend einer zweitausend- jährigen Geschichte
> mehr

Bilder, Worte, Wirklich- keiten > mehr

kurz gemeldet

Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.

Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.

Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.

Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.

In einem erloschenen Vulkan auf  der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.

Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.

scienzz-partner

... LEUTE in scienzz

03.08.2009 - MATHEMATIK
Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin

 "Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr

wissenswert

17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE

EVIDENCE
how do we know what we know?

"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr


Anzeige 

fahrrad.de Standard Banner ohne Bild 125x125