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11.01.2007 - POLITIK
Terrorismus - ohne Hemmschwelle in den letzten Kampf
Bemühungen um ein Phänomen unserer Zeitgeschichte
von Josef Tutsch
 | | Osama bin Laden, Gallionsfigur des
islamistischen Terrorismus
| | | Anfang 2006, als der Protest gegen die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" die Welt erschütterte, ging die Meldung durch die Presse, der Prophet sei auch als Schwein verulkt worden. In "Jyllands Posten" fand sich ein solches Blatt aber nicht. Islamische Schriftgelehrte, die auf einer Rundreise durch den Osten die Empörung anheizten, räumten später ein, dass sie noch weitere Zeichnungen vorgezeigt hätten. Irgendwann bekamen westliche Journalisten die Vorlage mit dem Schwein zu Gesicht. Thema war, ohne jeden religiösen Bezug, eine Landwirtschaftsmesse in Südfrankreich, bei der ein "Schweine-Quiek-Wettbewerb" veranstaltet wurde.
Die Geschichte ist in dem neuen "Terrorismus-Lexikon" nachzulesen, das jetzt drei führende deutsche Terrorismus-Experten vorgelegt haben: die beiden Direktoren des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen und ein Journalist, der praktische Erfahrung in der Nahostarbeit des Bundesnachrichtendienstes vorweisen kann. Entstanden ist eine höchst materialreiche Faktensammlung, wenngleich der Titel "Lexikon" etwas irreführend scheint; im Vorwort sprechen die Autoren von "einer Art Feature-Lexikon, in dem komplexe Themen in größeren Abhandlungen untersucht werden". "Abhandlungen" trifft es aber auch nicht ganz; der analytische Tiefgang bleibt hinter dem Informationsgehalt deutlich zurück. Die Lektüre vermittelt den Eindruck, dass das Buch in der Hauptsache als Sammlung vieler ad-hoc-Artikel aus den letzten Jahren entstanden ist – eine Systematik "in progress", sozusagen.
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Hans-Martin Schleyer in der Gewalt der RAF 1977
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Thema "Terrorismus": Wilhelm Dietl, Kai Hirschmann und Rolf Tophoven bieten einen Definitionsversuch: "eine andauernde und geplante Gewaltanwendung mit politischer Zielsetzung, um mittels terroristischer Mittel das (politische) Verhalten des Gegners zu beeinflussen". Wichtig ist vor allem das "geplant". Mehr oder weniger spontane Gewaltausbrüche, wie sie beim Karikaturenstreit vorfielen, würden also nicht unter "Terrorismus" fallen. Die Abgrenzung bleibt aber schwierig. Gerade diese Affäre, stellen die Autoren fest, habe gezeigt, dass "radikale islamistische Kreise inzwischen in der Lage sind, mit Meinungsmache breitere Unterstützung zu mobilisieren".
Das unterscheidet den aktuellen weltweiten Islamismus oder "Dschihadismus" jedenfalls von den Aktivitäten der Rote-Armee-Fraktion im Deutschland der 1970er und 1980er Jahre. Der Terror der RAF wurde damals nur von winzigen linksideologischen Splittergruppen als irgendwie "legitim" erachtet. Die Typologie, die Dietl, Hirschmann und Tophoven für den Terrorismus vorlegen, trifft eigentlich nicht das Phänomen selbst, sondern die Motivation dahinter. Die Autoren unterscheiden zwischen einem "ethno-nationalen Terrorismus" (Beispiele: Palästinensische Befreiungsorganisation und Irisch-Republikanische Armee), einen "sozialrevolutionären Terrorismus" (die deutsche RAF und die italienischen Roten Brigaden) und einem religiös motivierten Terrorismus (Al-Quaida, die palästinensische Hamas, die libanesische Hisbollah). Dass terroristische Aktivitäten durch den Zerfall staatlicher Autorität in weiten Teilen Asiens und Afrikas begünstigt werden, erwähnen die Autoren; die Frage, inwieweit die uns so selbstverständlich gewordene Vorstellung vom Staat als Monopolisten legitimer physischer Gewalt in manchen Weltgegenden überhaupt anwendbar ist, wird jedoch nicht reflektiert.
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Solidarität in Hamburg mit dem Hungerstreik der inhaftierten RAF- Terroristen 1975
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Unvermeidlich konzentriert sich das aktuelle Interesse auf den Islamismus und den Nahost-Konflikt, und ebenso unvermeidlich muss für ein deutsches Publikum die RAF mit berücksichtigt werden. Das begründet Ungleichgewichte: Von den 23 biographischen Skizzen, die dem Text angehängt sind, betreffen 16 Personen aus dem arabisch-islamischen Raum (gut die Hälfte religiös-islamisch motiviert, die übrigen national-palästinensisch), fünf weitere kommen aus Deutschland; andere Weltgegenden bleiben am Rande. Noch deutlicher macht sich das in der Zeittafel bemerkbar: Auf die radikal-islamischen "Assassinen" des 11. Jahrhunderts, die der Legende nach durch Haschisch mit der Aussicht auf paradiesischen Lohn gefügig gemacht wurden, folgen gleich die Flugzeugentführungen des 20. Jahrhunderts (die erste übrigens 1931 durch Rebellen in Peru).
Wie oft in lexikonartigen Publikationen steht manch Aufschlussreiches am Rande. Von säkularen Palästinenserorganisationen, inzwischen auch in Tschetschenien, werden gelegentlich weibliche Selbstmordattentäter eingesetzt, weil sie beim Abwehrpersonal weniger als verdächtig wahrgenommen werden; die religiös ausgerichtete Hamas lehnt diese Strategie ab, weil sie darin eine unislamische, quasi westliche Frauenemanzipation sieht. Gerade solche Diskussionen lassen vermuten, dass die These der Autoren, Religion werde von den (islamischen) Terroristen "nur als rechtfertigendes Beiwerk eingesetzt", etwas kurz greift. Es spricht nichts dafür, dass Al-Quaida und Hamas aus lauter Heuchlern bestünden, die ihre islamischen Argumentationen gar nicht ernst meinen würden.
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Anschlag in Oklahoma City, 1995
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Erhellender ist das Konzept, solche religiös-fundamentalistischen (warum eigentlich nicht auch säkular orientierte?) Terrorgruppen nach Art von "Sekten" aufzufassen: Aufteilung der Welt in Gut und Böse, die Situation vor dem letzten, entscheidenden Kampf, das Fehlen aller sozialen Hemmschwellen. Dietl, Hirschmann und Tophoven: Die terroristischen Gruppen folgen "einer sektenartig organisierten und strukturierten Gewaltidee, die den Islam missbraucht und nur von einer absoluten Minderheit der Muslime, ca. 1 %, geteilt wird".
Da wüsste der Leser aber doch gern, wie diese – vielleicht ja realistische – Schätzung "1 %" eigentlich zustande gekommen ist. Etwa durch weltweite Demoskopie? Solche Unklarheiten bilden eine bedauerliche Schwäche an diesem sonst doch recht informativen Buch. Und wie begründet ist wohl die folgende Aussage zur bürgerkriegsähnlichen Lage im Irak? "Langsam beginnen die Muslime diesen Terrorismus als das zu sehen, was er in Wirklichkeit ist: kein Kampf gegen ihre Unterdrückung, sondern Massenmord auch an ihnen selbst, gerechtfertigt durch nicht nachvollziehbare Begründungen."
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Nach einem Anschlag der baskischen ETA in Barcelona 1978
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Und ob kalauernde Literatur- und Sprichwort-Variationen wie "in 80 Dschihads um die Welt" oder "viele Wege führen unter Rom" (im Kanalnetz unter der italienischen Hauptstadt wurde 2002 ein Zyanid-Anschlag auf das Trinkwassernetz vorbereitet) dem Buch gut getan haben, ist eben auch zu fragen. Zurück zur Ernsthaftigkeit. Die jüngsten palästinensischen Wahlen deuten darauf hin, dass eine Gruppe wie Hamas, die sich offen zum Terror bekennt ("Jeder Jude ist ein Siedler, und es ist unsere Pflicht, ihn zu töten") mit geeigneter Sozialpolitik durchaus Mehrheiten in der Bevölkerung gewinnen kann. Will man dem Phänomen Terrorismus näher kommen, dann empfiehlt es sich, die Mahnung der Autoren zu beherzigen: "Letztlich bleibt es eine politische Entscheidung, ob bestimmte Gruppen als Terrororganisationen oder als Freiheitskämpfer mit terroristischem Handlungsanteil eingestuft werden."
Ohne die Frage "Was tun?" wäre ein solches Buch natürlich unvollständig. "Eine Idee kann nicht mit Gewalt, sondern nur mit Ideen bekämpft werden." So weit, so klar; eine Mentalität, wie sie sich in der Floskel ausdrückt "ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod" ist nur sehr begrenzt durch polizeiliche oder militärische Mittel zu bekämpfen. Ansonsten begnügen sich die Autoren mit eher vagen Hinweisen: "Manche Politiker wollen oder können die Bedrohung überhaupt nicht wahrnehmen, sie klagen gegen die Einschränkung der Freiheitsrechte der Bürger, obwohl die, sofern sie keine Extremisten sind, überhaupt nicht betroffen sind." "Andererseits schützt man den Rechtsstaat aber auch nicht dadurch, dass man ihn abschafft."
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New York, World Trade Center 9/11/2001
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An einer Stelle findet sich sogar ein Vorschlag: "Gemeinsame und nachweisbare Elemente wie Schulung und Ausbildung zu dem einzigen Zweck Terrorismus" könnten durch einen neuen Paragraphen im Strafgesetzbuch aufgenommen werden. Das kann hier nicht rechtsstaatlich diskutiert werden, liest sich aber bemerkenswert konkret. Unbehagen hinterlässt das Rezept, das in dem Passus über den Karikaturenstreit angedeutet wird: "Die Verletzung der religiösen Gefühle vieler Muslime durch die sogenannten Mohammed-Karikaturen wäre durch etwas Fingerspitzengefühl leicht zu vermeiden gewesen." Im Fall aus dem September 2005, mag ja sein, aber grundsätzlich? Man braucht nicht an einen zwangsläufigen Kampf der Kulturen zu glauben, um den Grundsatz zu verteidigen, dass in der säkularen Demokratie niemand verpflichtet werden kann, gegenüber den heiligen Gestalten – welcher religiösen Tradition auch immer – sich in Ehrfurcht zu üben.
Neu auf dem Büchermarkt: Wilhelm Dietl, Kai Hirschmann, Rolf Tophoven: Das Terrorismus-Lexikon. Täter, Opfer, Hintergründe Eichborn, Berlin 2006 (ISBN 3-8218-5642-4), 24,90 €
Mehr im Internet: Terrorismus Vom Wandel der Kriege, scienzz ticker 03.02.2005 Vollständig niederkämpfen, scienzz magazin 18.09.2006 Karikierte Propheten, scienzz magazin 03.02.2006 Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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