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17.01.2007 - WELTGESCHICHTE

Das Innere und der Nächste

Eine Religionshistorikerin erzählt vom Ursprung unserer ethischen Werte

von Josef Tutsch

 
 

Auch ein Produkt der Achsenzeit:
die Zehn Gebote (Relief im
Supreme Court der USA)
"Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!" Diese "goldene Regel" ist keine Erfindung des deutschen Sprichwortschatzes, sie ist seit dem 6./5. Jahrhundert vor Christus belegt. Damals etwa trat diese Maxime mit verblüffender Gleichzeitigkeit in Griechenland, Indien, China, Persien und Israel auf. Übernahme aus einem Kulturkreis in den andern? Der Philosoph Karl Jaspers hat die Vorstellung entwickelt, dass es sich hier um eine "Achsenzeit der Weltgeschichte" handelt, bezeichnet durch Namen wie Sokrates, Konfuzius, Zarathustra, Buddha, die indischen Upanishaden und die Propheten des Alten Testaments.

Jetzt, 60 Jahre nach Jaspers’ Entwurf, hat es die englische Religionshistorikerin Karen Armstrong den Versuch unternommen, die Geschichte dieser Zeit, in der die Ursprünge unseres modernen ethischen Bewusstseins gelegt wurden, neu zu erzählen. Zwei Voraussetzungen der Diskussion haben sich seit Jaspers gründlich geändert. Einerseits hat die Frage nach einer Gemeinsamkeit der großen Weltkulturen ungeahnte Aktualität gewonnen. Andererseits ist das Wissen der Historiker von der Alten Geschichte enorm angewachsen. Kann Jaspers’ geschichtsphilosophisches Konzept vor soviel Empirie überhaupt standhalten?

Sokrates
Armstrong ist nicht bemüht, die Probleme klein zu reden, im Gegenteil. Von der Vorstellung, die großen Weisen hätten annähernd gleichzeitig gelebt, nimmt sie Abschied. Zarathustra datiert sie sehr früh, auf die Zeit um 1.200, Laotse dagegen erst in das 3. Jahrhundert vor Christus. Die Achsenzeit würde sich also von anderthalb oder zwei Jahrhunderten, wie bei Jaspers, auf ein volles Jahrtausend dehnen. Man hat diese "Revolution" wohl eher als einen lang dauernden Prozess anzusehen, den Armstrong hier in einem farbigen Bilderbogen aufrollt.

Genauer: als ein Bündel von Prozessen. Um dieses Bündel in einen linearen Erzählfluss zu bringen, muss Armstrong zwischen den Weltkulturen von Jahrhundert zu Jahrhundert hin und her springen. Die Zeit um 500 vor Christus hat sie unter die Überschrift "Empathie", also die Fähigkeit, sich in Denken und Fühlen anderer Menschen hineinzuversetzen, gestellt. Das passt recht gut auf die "Perser"-Tragödie des Aischylos, worin die unterlegenen Angreifer nicht als Feinde dargestellt sind, sondern als Trauernde, aber viel weniger gut auf jenen Propheten, der in der Wissenschaft vom Alten Testament unter dem Namen "Deuterojesaja" geläufig ist (wahrscheinlich der erste Fall eines monotheistischen Dogmas in der Religionsgeschichte).

Konfuzius
Im großen und ganzen dürfte Armstrongs Einschätzung aber richtig sein: Für die "Achsenweisen" standen nicht theologische Dogmen, sondern ethische Forderungen im Zentrum, in der Hauptsache also ganz schlicht die "goldene Regel" für das Zusammenleben. Die Forscherin will erzählen, und zwar für ein Publikum über die Grenzen der Althistorie und der Religionswissenschaft hinaus. Das macht es streckenweise schwer, zwischen gesicherten Fakten und bloßen Mutmaßungen zu unterscheiden. Zum Beispiel bei der Frühgeschichte des Volkes Israel. Die israelitischen Gruppen und Clans, heißt es im Text, "hatten die mutige, wohl überlegte Entscheidung getroffen, der alten Stadtkultur Kanaans den Rücken zu kehren", zwei Seiten später folgt die sachliche Klarstellung, "dass die Religion Israels bis ins 6. Jahrhundert hinein (also bis zum Babylonischen Exil) der Religion seiner Nachbarn durchaus ähnelte".

Dennoch: Armstrongs Darstellung mit oft ausführlicher Diskussion über die Textschichten des Alten Testaments unterscheidet sich wohltuend von dem naiven Wörtlichnehmen, wie es in der Traktätchenliteratur und in den pseudohistorischen Fernsehmagazinen immer wieder fröhliche Urstände feiert. Interessant übrigens die Deutung, die Armstrong (leider ohne nähere Argumente) für den mosaischen Gottesnamen "Ich bin, der ich bin" vorlegt: "Dieser rätselhafte hebräische Ausdruck war mit Absicht so vage und bedeutete eigentlich: Kümmert euch nicht darum, wer ich bin! oder sogar: Kümmert euch um eure eigenen Sachen!"

Buddha
Sollte das richtig sein, wäre schon an dieser Stelle das angelegt, was man heute "Verweltlichung" oder "Säkularisierung" nennt: die zweite große Transformation der Weltgeschichte in der europäischen Neuzeit. Für Griechenland, Indien und China hatte ja bereits Jaspers einen solchen Zusammenhang konstatiert: "Es begann der Kampf gegen den Mythos von seiten der Rationalität und der rational geklärten Erfahrung." Die Passagen über den Fernen Osten bieten dem Leser manche überraschende Parallele zu den Entwicklungen am östlichen Mittelmeer. Armstrong über die indischen Upanishaden aus dem 7. bis 2. Jahrhundert vor Christus: "Die äußerlichen Rituale wurden durch eine rigorose Innenschau abgelöst."

Aus dem frühen Datum für den persischen Religionsstifter Zarathustra folgt eine Feststellung der Autorin, die mitteleuropäische Leser zunächst einmal zusammenzucken lässt: "Die ersten Menschen, die eine die Achsenzeit kennzeichnende Spiritualität zeigten, waren in den Steppen Südrusslands lebende Hirten, die sich selbst Arier nannten." Entwarnung: Von einem irgendwie "arischen" Prioritätsanspruch in Sachen Achsenzeit ist im folgenden nicht die Rede. Unproblematisch scheint die Aussage dennoch nicht. Wenn Karen Armstrong versucht, aus den zarathustrischen Schriften, die erst Jahrhunderte später niedergeschrieben wurden, die "Spiritualität" viele Generationen zurück zu rekonstruieren, dann liegt darin ein gerüttelt Maß an Spekulation.

Karl Jaspers, Begründer des
Konzepts "Achsenzeit"
 
In den Einzelheiten muss manches offen bleiben. "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst", heißt es im Alten Testament. Ursprünglich war mit dem "Nächsten" zweifellos der Angehörige desselben Volkes gemeint. Ab wann ging es um jeden Menschen, egal welcher Volkszugehörigkeit? Dass es mit der Verwirklichung solcher Postulate haperte (bis heute hapert), ist ohnehin klar. Kriege und Sklaverei wurden im Laufe des 1. Jahrtausends vor Christus keineswegs abgeschafft; immerhin – es kam das Bedürfnis auf, sie jeweils rechtfertigen zu müssen.

Auf eine "Schwäche" der achsenzeitlichen Weisen, von der Gegenwart her betrachtet, macht Armstrong besonders aufmerksam: Wenn von "Menschen" die Rede war, ging es eigentlich immer nur um Männer. "Vermutlich bedarf dies einer eigenen Untersuchung." Armstrong verschweigt auch nicht, dass gerade die humanisierenden Bemühungen der Achsenzeit manchmal ins Inhumane umgeschlagen sind: die große Bücherverbrennung in China 213 vor Christus, die totalitäre Staatsvision des Philosophen Platon im 4. Jahrhundert, die massenhafte Tötung von Götzenpriestern, die in der Geschichte vom Propheten Elias im Alten Testament erzählt wird, usw. usf.

Christliche Deutung der "goldenen
Regel": der barmherzige Samariter (Hans
von Aachen, um 1600)
"Heutzutage verfälschen Extremisten die Traditionen der Achsenzeit, indem sie die gewalttätigen Elemente in ihren Glaubensrichtungen betonen und jene Werte vernachlässigen, in deren Mittelpunkt Mitgefühl und Respekt für die heiligen Rechte der anderen stehen." Nachvollziehbar, dass die Autorin sich lieber auf die Werte des Mitgefühls bezieht; darüber kommen die "gewalttätigen Elemente" (sozusagen die Unkosten der Entwicklung) allerdings etwas knapp weg. Bekanntlich hat der Gedanke, ob vor-achsenzeitliche Traditionen – klassischer Fall: die homerische Mythologie – einer ideologischen "Verfälschung" weniger zugänglich wären, die abendländische Geistesgeschichte über Jahrhunderte begleitet.

An einigen wenigen Stellen bleibt der unbehagliche Eindruck, dass die Religionshistorikerin sich ins Predigertum verirrt hat. Die Untersuchung zum 1. Jahrtausend vor Christus könne "nur eine Übung in spiritueller Archäologie sein, während wir stattdessen einen innovativeren Glauben benötigen, der die Realitäten unserer eigenen Welt widerspiegelt". Reichlich viel an modischen Floskeln. Und ob Buddha und Konfuzius und Zarathustra gemeint haben, ihr "Glaube" wäre auf Zuruf gekommen, weil sie gerade eine "Innovation" "benötigten"? Es empfiehlt sich wohl doch nicht, die Ebenen von Glauben und Ethik einerseits, historischer Forschung andererseits durcheinander zu bringen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Karen Armstrong, Die Achsenzeit. Vom Ursprung der Weltreligionen,
Siedler Verlag, München 2006 (ISBN 3-88680-865-4). 28,- €



Mehr im Internet:
Achsenzeit
Karl Jaspers





 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

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