Von einem der am wenigsten geduldeten Ausdrücke im amerikanischen Englisch
Dennis Kittler
Am Ende ist es nur ein Wort. Aber eben ein beflecktes Wort. Es lautet Fuck und ist einer der am häufigsten verwendeten, jedoch am wenigsten geduldeten und alles in allem umstrittensten Ausdrücke im amerikanischen Englisch. Kein Wunder also, dass so viele Menschen Christopher M. Fairman abrieten, ausgerechnet mit diesem Wort eine wissenschaftliche Arbeit zu betiteln. Fairman tat es trotzdem.
„Sie werden in dieser Arbeit kein F-Wort, F*ck, F—k, @$!% oder eine andere entkeimte Version finden“, schreibt Fairman zu Beginn seiner 78-seitigen Abhandlung und lässt auch am Ende keinen Zweifel daran aufkommen, dass er sich für eine Befreiung des Miniwortes Fuck von seinem zweifelhaften Ruf als bloße Sexvokabel einsetzt. Kollegen haben ihm nahe gelegt, wenigstens im Titel seiner Arbeit auf die Nennung des Wortes zu verzichten.
„Es ist ein dermaßen schlimmes Wort, ich kann nicht einmal einen Verleger für meinen Aufsatz finden“, sagte Fairman gegenüber dem Fernsehsender CBS. Also stellte der Rechtswissenschaftler und Anwalt die Arbeit dem Publikum auf den Seiten des Social Science Research Networks (SSRN), einem Verbund, der aktuelle wissenschaftliche Aufsätze via Internet verbreitet, zum Download zur Verfügung und avancierte in der jüngeren Vergangenheit zum meist gelesenen Juristen. Mit der Veröffentlichung wartete Fairman jedoch so lange, bis er eine unkündbare Stellung an der Ohio State University sicher hatte. Die Auswirkungen, die seine Arbeit haben kann, waren dem Autor also bewusst.
Christopher M. Fairman
Fuck ist kein Wort wie jedes andere. Gemeinsam mit shit (Scheiße), piss (pissen), cunt (Fotze), tits (Titten) oder cock (Schwanz) bildet es die Riege der Four-Letter-Words, der schlechten Wörter mit vier Buchstaben. Ihre Verwendung ist im amerikanischen Rundfunk reglementiert – praktisch heißt das, dass sie kein Sprecher in den Mund nehmen darf oder dass das Wort mit einem „Beep“-Ton überdeckt wird. Filme, die diese Worte enthalten, erhalten im Allgemeinen keine Jugendfreigabe. Fuck gilt dabei als schlimmster Kraftausdruck überhaupt. Die englischsprachige Variante des Online-Lexikons Wikipedia führt gar einen Eintrag mit dem Titel List of films that most frequently use the word fuck (Liste der Filme, in denen am häufigsten das Wort Fuck gebraucht wird). So erfolgreiche Filme wie Casino oder Good Fellas finden sich unter den ersten Zehn.
Fairman nennt weitere Beispiele aus Musik, Showbiz und dem Alltag. So spielten einige amerikanische Radiostationen den Black-Eyed-Peas-Titel Don't Phunk With My Heart nicht, weil Phunk als Euphemismus für Fuck betrachtet wurde. U2-Sänger Bono geriet in die Kritik, weil er zur Verleihung der Golden Globe Awards 2003 in seiner Dankesrede jubelte: „This is really, really fucking brilliant“. Und einem Sportler wurde in Michigan zum Verhängnis, dass er mit seinem Kanu nicht nur kenterte, sondern daraufhin auch noch gut hörbar mehrfach Fuck ausrief, was wiederum ein Sheriff mitbekam, der ihm dafür eine Strafe aufdrückte.
Amerika heute
Was also macht Fuck zum Sprachfeind Nummer eins? Linguistisch betrachtet hat das Wort heute zwei Grundbedeutungen: es ist zum einen ein Ausdruck für Geschlechtsverkehr haben, trägt in seiner zweiten Bedeutung jedoch keinerlei entsprechende Information in sich und ist statt dessen universell verwendbar als Fluch oder etwa auch in Form eines Lobes. So hatte wohl weder der Kanute im Moment des Kenterns sexuelle Fantasien, sondern fluchte einfach laut los, noch wollte Bono den ihm gerade übergebenen Preis für Liebesspielchen nutzen, sondern drückte einfach seine Begeisterung aus. Trotzdem wird Fuck, so stellt Christopher Fairman fest, häufig auf seine sexuelle Bedeutung reduziert.
Ein Blick in die Sprachhistorie legt dies auch nahe. So ist die Herkunft des Wortes zwar nicht eindeutig geklärt, doch lautet eine weithin akzeptierte Theorie, dass Fuck vom mittelhochdeutschen Vicken bzw. dem deutschen Ficken herführt. Eine andere Erklärung verweist auf das lateinische Futuere, was so viel heißt wie Mit einer Frau schlafen. Fairman wird auf seiner Suche nach der Herkunft von Fuck außerdem im Alten Ägypten fündig. Offizielle Dokumente wurden damals mit dem Satz versiegelt: „Wer das Siegel missachtet, soll von einem Esel gefickt werden“.
Beliebtes T-Shirt-Motiv
Trotzdem wird Fuck in den meisten Fällen in einem nicht-sexuellen Sinne gebraucht. So heißt zum Beispiel Sorry, I fucked up your computer nichts anderes, als dass jemand den Computer kaputt gemacht hat. I fucked up on this test heißt, dass jemand durch einen Test gefallen ist, What the fuck? ist Ausdruck von Überraschung oder Verärgerung und It's not your fucking business bedeutet schlicht, dass jemand etwas nichts angeht. Prinzipiell kann Fuck als Substantiv, Verb, Adverb, Adjektiv und durchaus auch in anderen Formen verwendet werden.
Das deutsche Pendant zu Fuck ist wohl Scheiße. Nun ist der Gebrauch des Wortes nicht unter Strafe gestellt, doch gehört es sich auch in Deutschland nicht, öffentlich Scheiße zu sagen, womöglich gar im Fernsehen. Auffällig ist: Während Fuck ein Schimpfwort sexueller Natur ist, ist Scheiße im Fäkalbereich anzusiedeln. Fäkalschimpfwörter scheinen ein typisch deutsches Phänomen zu sein, obwohl auch einige Amerikaner Shit oder Bullshit für schlimmer erachten als Fuck. In den meisten anderen Kulturen hingegen führen sexuelle Ausdrücke die Liste der schlimmsten Schimpfwörter an. So flucht der Italiener etwa mit Cazzo und der Spanier mit Chingado.
Höfliche deutsche Übersetzung
Das Russische zum Beispiel hat einen eigenen Begriff für Ausdrücke aus der Vulgärsprache: Mat, was so viel heißt wie lautes Geschrei. Ausländern wird empfohlen, Mat-Ausdrücke zu meiden – zumal ihnen oft unklar sein dürfte, wann ein Wort zu Mat wird und wann es ein normaler Begriff ist. Für viele russische Vokabeln gibt es parallel auch Mat-Bedeutungen. Basis des russischen Mats sind dabei drei Grundbegriffe, die in Kombination mit anderen Wörtern ganz neue Bedeutungen annehmen können: Chui (Schwanz), Pisda (Fotze) und jebat' (ficken). Wie Fuck sind die drei Ausdrücke ebenfalls der Sexualsprache entnommen.
Schimpfwörter zu verwenden, ist in den meisten Kulturen ein Tabu - erst recht, wenn sie sexuell motiviert sind. Wer in den USA öffentlich Fuck sagt oder das Wort auf einem T-Shirt trägt, kann schonmal eines Flugzeuges verwiesen werden, wie Fairman in seiner Arbeit zeigt. Tabu ist Fuck dabei, weil es "unsere tiefen, unterbewussten Gefühle über Sex" anspricht, so Fairman. Dabei sei das Tabu so stark, dass es zu einer Selbstzensur anregt.
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Fairman sieht darin jedoch nicht den richtigen Weg für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Wort Fuck. Stattdessen wehrt er sich dagegen, Fuck totzuschweigen: "Fuck nicht zu verwenden verstärkt das Tabu nur. (...) Grundsätzlich hält sich Fuck in der Sprache, weil es tabu ist und nicht trotz des Tabus."
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