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23.01.2007 - DEUTSCHE GESCHICHTE
Die beiden Völker der Sittlichkeit
Zu anderthalb Jahrhunderten deutsch-jüdischer Symbiose
von Josef Tutsch
 | | Menorah, Berlin, 1912
| | | "Objektiv sein können auf dieser ganzen Welt wohl nur die Deutschen." Eine verblüffende Aussage, nicht nur wegen dieses Urteils über "die Deutschen", sondern weil uns solcherart Völkerpsychologie generell fremd geworden ist. Der Satz stammt aus der Feder eines deutschen Professors, der 1915 die Kriegspropaganda des wilhelminischen Kaiserreichs unterstützen wollte. Noch merkwürdiger freilich ist in dem Essay von Alfred Weber, dem jüngeren Bruder des bekannteren Max Weber, die Fortsetzung: "... und vielleicht die Juden. Sollte das aus einem ähnlichen Schicksal hervorgehen?"
Das 19. und frühe 20. Jahrhundert war voll von solchen Spekulationen über eine "schicksalhafte" Ähnlichkeit von Deutschen und Juden. Und ebenso voll von Ansätzen, das Nebeneinander von "Deutschen" und "Juden", wenn man so simplifizierend sagen darf, in ein Miteinander zu verwandeln. Der Potsdamer Religionswissenschaftler Manfred Voigts hat jetzt eine materialreiche Analyse dieser "deutsch-jüdischen Symbiose" vorgelegt. Ansatzpunkt ist ein Gedanke, den der jüdische Religionshistoriker Gershom Scholem in den 1930er Jahren, bereits vor dem Holocaust, entwickelt hat: Die Symbiose sei eine bloße Fiktion gewesen und überdies höchst einseitig, mehr eine Assimilation der Juden an ihre deutsche Umwelt; die deutschen Juden hätten die "jüdische Totalität" aufgeben müssen und damit einen zu hohen Preis bezahlt.
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Gershom Scholem, Kritiker der deutsch-jüdischen Symbiose
| Der Vorwurf der "Fiktion" sei in gewissem Sinne richtig, stellt Voigts fest: Die Symbiose fand ausschließlich in der Bildungswelt statt. Und mit "einseitig" hatte Scholem auch nicht ganz unrecht: Die Symbiose war "Ergebnis der partiellen Auflösung des Judentums". Andererseits: "Teile des deutschen Bildungsbürgertums haben eine Entwicklung durchlaufen, die in vielen Punkten den Juden entgegenkam." Voigts spricht von "Entkonfessionalisierung", man kann es auch schärfer fassen: Der partiellen Auflösung des Judentums entsprach eine partielle Auflösung des Christentums.
Dabei handelt es sich nun um einen gesamt-abendländischen Prozess, aber mit einer deutschen Besonderheit. In Deutschland war das Neue weniger antireligiös als etwa in Frankreich, es nahm selbst stark religiöse Züge an: eine "Bildungsreligion" jenseits von Christentum und Judentum. 1843 der Schriftsteller Berthold Auerbach: "Das alte Religionsleben geht von der Offenbarung, das moderne von der Bildung aus." Für die, salopp formuliert, Dogmengeschichte dieser "Bildungsreligion" begnügt der Potsdamer Forscher sich mit Andeutungen: Kants Ethik der Freiheit anstelle der christlichen Gnadentheologie, Fichtes Übersetzung der Glaubensinhalte in Verstandeskategorien, Hegels "Aufhebung" aller historisch überlieferten Religion in die Philosophie des absoluten Geistes.
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Moses Mendelssohn, Gotthold Ephraim Lessing und Johann Caspar Lavater im Gespräch | Solche Auffassungen, resümiert Voigts, hätten "mit dem Christentum weniger und mit dem Judentum weitaus enger verbunden werden" können. Ob das plausibel ist, sei dahingestellt. Zweifellos hatte eine jüdische Theologie in diesem Rationalisierungsprozess weniger an quasi-mythologischer Substanz aufzugeben; andererseits könnte man sagen, dass das Christentum in solchen Umdeutungen mehr geübt war, und zwar seit seinen Anfängen, mit dem Übergang vom Alten zum Neuen Testament, von der Volks- zur Universalreligion.
Gershom Scholem jedenfalls rügte in dieser neuen "Bildungsreligion" eine "miserable Fälschung der jüdischen messianischen Tradition": "Das Messianische wurde zum unendlichen Fortschritt in der Zeit". "Miserable Fälschung" ist Scholems Werturteil; aber in der Sache entspricht es dem, was zum Beispiel auch der Philosoph Karl Löwith festgestellt hat: Die biblische Heilserwartung wurde zu einem säkularen Fortschrittsglauben umgedeutet. Als Urheber machte Scholem den jüdischen Aufklärer Moses Mendelssohn aus, dessen Freundschaft mit Lessing über fast drei Jahrzehnte hinweg bis heute als der "klassische" Fall eines deutsch-jüdischen Dialogs gilt.
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Moses Mendelssohn
| Gleich an dem Beispiel Mendelssohn-Lessing kann Voigts jedoch auch die Probleme verdeutlichen. Mendelssohn wollte das Judentum reformieren, ohne die Autorität der Thora aufzugeben; Lessings Tendenz, die religiöse Wahrheitsfrage beiseite zu schieben, fand bei ihm keine Resonanz. Lessing nach einer dieser Diskussionen: "Wir wurden nicht miteinander fertig, und ich beließ es dabei." Andererseits sahen spätere Zionisten in Mendelssohn den Vater der Assimilation an eine ungläubige Umwelt und der Konversion zum Christentum. Tatsächlich unternahmen die meisten seiner Kinder diesen Schritt.
Im historischen Rückblick, mit dem Wissen um den Holocaust, liegt die Versuchung nahe, den Repräsentanten eines deutsch-jüdischen Bildungsbürgertums in diesen anderthalb Jahrhunderten Naivität zu unterstellen: Der Antisemitismus, stellt Voigts fest, galt durch die Aufklärung als überwunden. Für die alte, religiös motivierte Judenfeindlichkeit war diese Annahme wohl auch nicht ganz falsch. Dagegen geht Voigts auf die Frage, wie der moderne, rassistisch argumentierende Antisemitismus von gebildeten deutschen Juden angesehen wurde, nicht weiter ein.
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Heinrich Heine
| Der Kontext legt eine Antwort aber nahe. Es war die von aller Politik abgehobene Bildungsidee des deutschen Bürgertums, die eine deutsch-jüdische Symbiose, beschränkt auf eine dünne bildungsbürgerliche Schicht, überhaupt möglich machte – ein Versuch, reale Schwäche in Idealität umzumünzen. Gerade diese Schwäche ließ bei gebildeten Juden den Eindruck einer schicksalhaften Verwandtschaft aufkommen und erleichterte ihnen eine Annäherung. So konnte, bei allen Unterschieden, die Nicht-Existenz einer deutschen Nation als Analogon zum jüdischen Leben in der Diaspora gedeutet werden.
Das Motiv findet sich bei so unterschiedlichen Autoren wie Heinrich Heine, der von einer "innigen Wahlverwandtschaft zwischen den beiden Völkern der Sittlichkeit, den Juden und Germanen" sprach, und Stefan George: "Blond oder schwarz, demselben Schoß entsprungne, verkannte Brüder, suchend euch und hassend ..." Heine hat aber wohl auch die Kehrseite dieser Idealität klar gesehen: Die Deutschen, formulierte er in einem Gedicht, besäßen "im Luftreich des Traums die Herrschaft unbestritten". In diesem "Luftreich", darf man Heines Psychologie des deutschen (und deutsch-jüdischen) Bürgers fortschreiben, war ein Holocaust nicht denkbar.
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Synagoge in Hannover, erbaut1863- 70 in nachempfundenem Mittelalter, 1938 zerstört
| Literaturkenner werden sich bei Voigts Analysen an manche Sätze Thomas Manns im Umkreis seines "Faustus"-Romans erinnert fühlen. Es gebe "nicht zwei Deutschlands, ein böses und ein gutes" meinte Mann, mit Bezug auf Diskussionen damals in Emigrantenkreisen, "sondern nur eines ... Das böse Deutschland, das ist das fehlgegangene gute." Es wäre ein anderes Thema, von dieser Warte her so manches Zitat aus dem 19. Jahrhundert zu bedenken, das der Potsdamer Forscher hier beigebracht hat. Zum Beispiel von dem Altgermanisten Karl Simrock: "Wenn die Deutschen Deutsche werden, gründen sie das Reich auf Erden, das die Völker all umschlingt und der Welt den Frieden bringt."
War das noch naiver Idealismus? oder vielmehr dessen machtpolitische Kompensation? Der Romancier Felix Dahn hat sich klarer ausgedrückt. Seine Folgerung aus einer Sage vom hammerwerfenden Gott Thor: "Seitdem ist freudig Germanenrecht, mit dem Hammer Land zu erwerben: Wir sind von des Hammergotts Geschlecht und wollen sein Weltreich erben." Inwieweit sich in dergleichen Versen – und andererseits eben auch in der deutsch-jüdischen Symbiose – ein deutscher "Sonderweg" ausspricht, wäre allerdings nur durch einen Vergleich mit der Entwicklung in anderen europäischen Ländern zu klären.
Neu auf dem Büchermarkt: Manfred Voigts, Die deutsch-jüdische Symbiose. Zwischen deutschem Sonderweg und Idee Europa, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2006 (ISBN 3-48465157-1), 76,- €
Mehr im Internet: Geschichte der Juden in Deutschland
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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