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30.01.2007 - IDEENGESCHICHTE
Von Hirten und Schafen
Michel Foucaults Vorlesungen über "Gouvernementalität"
von Josef Tutsch
 | | Michel Foucault (1926-1984)
| | | "Auf dreihundert Sitzplätzen pferchen sich fünfhundert Leute, saugen noch den letzten Freiraum auf." Solche Szenen sind in der Massenuniversität von heute nichts Ungewöhnliches, jedenfalls dann nicht, wenn der "Schein" zum Examen gebraucht wird. Aber ohne Scheinzwang, ohne Anwesenheitspflicht? In den 1970er Jahren war das Amphitheater des Pariser Collège de France von Januar bis April jeden Mittwoch derart gefüllt, zuerst nachmittags 17 Uhr 45, später – in der vergeblichen Hoffnung, die Zuhörerzahl zu reduzieren – morgens um 9.
Der Lehrstuhl, dessen Veranstaltungen so viel Aufmerksamkeit erregten, trug den Titel "Geschichte der Denksysteme", der Dozent war Michel Foucault. Ein Zeitungskorrespondent berichtete damals, dass Foucault auf dem Pult kaum Platz fand, seine Papiere abzulegen; die Studenten hatten dort ihre Kassettenrekorder aufgestellt. Foucault muss durch soviel Technik irritiert gewesen sein. "Ich bin nicht gegen irgendwelche Geräte, ich weiß nicht, ich habe wohl eine leichte Allergie ..." Für die Nachwelt ist die Technik ein Glück, Foucaults Vorlesungen sind in wortgetreuen Aufzeichnungen nachzulesen, jetzt erschienen die Zyklen der Jahre 1978 und 1979, überschrieben "Geschichte der Gouvernementalität", als Taschenbuch in deutscher Übersetzung.
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Das Collège de France
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Das Wort "Gouvernementalität" meint die Denkweise, die Mentalität, die dem "gouverner", dem Regieren, zugrunde liegt. Vorangegangen waren Vorlesungen im Umkreis des Themas Psychiatrie, Foucault wollte, wie der Herausgeber Michel Sennelart erläutert, "die Mechanismen untersuchen, durch die man seit Ende des 19. Jahrhunderts angeblich die Gesellschaft verteidigen will" – Stichworte wie "Entkriminalisierung" und "Medikalisierung" junger Straftäter. 1976 hatte der Forscher die Begriffe "Biomacht" und "Biopolitik" aufgebracht, eine Kurzformel für Kontrolltechniken, die das Leben regulieren und reglementieren sollen, die Bevölkerung, die Fortpflanzung, die Sexualität.
Die Folge der 25 Vorträge zwischen Januar 1978 und April 1979 lief dann aber anders, als Foucault sich das ursprünglich gedacht und seinem Publikum angekündigt hatte. Foucault sah sich genötigt, Vorüberlegungen einzuschalten, die das eigentliche Vorlesungsthema zeitweise verdrängten. Der erste Zyklus ging von den Sicherheitstechniken bald auf umfassendere Aspekte über, eben die Geschichte und Vorgeschichte der modernen Regierung. Als Foucault im zweiten Jahr erneut mit der Biopolitik einsetzte, schaltete er nach wenigen Vorlesungen überraschend auf aktuelle Fragen liberaler Wirtschaftspolitik um, mit den Schwerpunkten Bundesrepublik Deutschland und USA.
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Michel Foucault mit Jean-Paul Sartre
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Diese sehr ausführliche Analyse ist, so Sennelart, der einzige Abstecher in die neueste Geschichte, den Foucault in diesen Jahren akademischer Lehre unternommen hat. Der Text spricht, im Sinne der heute gewohnten Terminologie missverständlich, meist von "Neoliberalismus", gemeint sind vor allem die "ordoliberalen" Ideen im Umkreis von Ludwig Erhard. Deutschland muss für viele französische Intellektuelle damals ein sehr unheimlicher Nachbar gewesen sein. Sennelarts Nachwort gibt Auskunft über die Hintergründe. Zwei Jahre zuvor hatte ein deutscher Rechtsanwalt, der in die terroristischen Aktivitäten der Rote-Armee-Fraktion verstrickt war, in Frankreich um politisches Asyl nachgesucht.
Foucault beteiligte sich an Demonstrationen zugunsten des Asylantrags, überwarf sich jedoch gleichzeitig mit alten Freunden, weil er den Terrorismus ablehnte. Von daher sind die Sätze in der Vorlesung zu verstehen: "Wenn es stimmt, dass es ein deutsches Modell gibt, das unsere Landsleute erschreckt, dann ist dieses deutsche Modell nicht dasjenige des allmächtigen Staates, des Polizeistaates, sondern der Rechtsstaat." Über weite Strecken dieser Vorlesungen, die hier philologisch penibel (bis hin zur Dokumentation einzelner Versehen und Versprecher) wiedergegeben sind, ist zu spüren, wie Foucault mit den Gedanken und der Sprache rang.
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... mit Jean Genet
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Der Zusammenhang von ökonomischem Liberalismus und Biopolitik wird erst beim Blick auf Foucaults Systematik deutlich: Es handelt sich um zwei Seiten ein und derselben Medaille, der europäischen Neuzeit. Eine Konsequenz des Liberalismus sei "die gewaltige Ausweitung von Verfahren der Kontrolle, der Beschränkung, des Zwangs, die das Gegenstück und Gegengewicht der Freiheit bilden" – eben jener Machttechnologien, die Foucault unter den Begriff der "Biopolitik" fasste. Von unserem Alltagsbewusstsein her zweifellos eine ungewohnte Betrachtungsweise dessen, was gängig als Sozialpolitik bezeichnet wird und sich vom 18. bis zum 20. Jahrhundert immer mehr ausgedehnt hat. Als Hintergrund ist natürlich die Entwicklung des Kapitalismus mitzudenken: der Bedarf des Marktes – nicht nach platter Ausbeutung, wie unter den Bedingungen der Sklaverei, sondern komplexer nach Nutzbarmachung von Humankapital.
Dem modernen Staat gehe es nicht mehr bloß darum, die Bewohner seines Territoriums zu disziplinieren, er wolle das Leben seiner Bürger vielmehr regulieren, stellte Foucault fest. Wieweit solche Analysen die Realität einzelner Epochen und Regionen treffen, wäre sozusagen mikrohistorisch zu untersuchen. Von einer gezielten Bevölkerungspolitik wird man im Westeuropa der letzten Jahrzehnte schwerlich sprechen können, im Gegensatz zur "Peuplierung", die in der frühen Neuzeit so intensiv betrieben wurde. Ein zentrales Thema in Foucaults "Geschichte der Gouvernementalität" ist denn auch die "Polizei", in jenem Sinn, den das Wort damals in der Staatslehre hatte, also alles, womit der Staat sich um seine Bevölkerung kümmerte oder sorgte. In dieser "Sorge" sah Foucault eine entscheidende Wende in der Geschichte der Gesellschaften.
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... auf einer Demonstration in Paris
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Die aufschlussreichsten Passagen gelten der Vorgeschichte dieser modernen gouvernementalen Vernunft. Die für das Abendland charakteristische Machtform, heißt es mit leisem Anklang an die Weihnachtsgeschichte, "wurde im Hirtenstall geboren oder hat ihn zumindest als Modell genommen, also im Vorgriff auf eine als Angelegenheit des Hirtenstalls betrachtete Politik". Foucault spricht vom "Pastorat" oder einer "pastoralen Regierung" , die nur von der christlichen Seelsorge - und über das Christentum vom Alten Orient her – verständlich sei. Besonders die Hebräer hätten das Verhältnis Gottes zu den Menschen als das eines Hirten zu seiner Herde aufgefasst, "doch niemals leitet der griechische Gott die Menschen der Stadt, wie ein Hirte seine Schafe leiten würde".
Ob die Entgegensetzung in dieser Schroffheit richtig ist, könnte man bezweifeln; Foucault gibt sich einige Mühe, Stellen bei Platon über die Hirtenaufgabe des Politikers herunterzuspielen. Anhand von Zeugnissen aus dem Mönchtum entfaltet Foucault dann, immer mit bissigem Unterton, eine Theorie des christlichen Gehorsams: "Die Vollkommenheit des Gehorsams besteht darin, einem Befehl zu gehorchen, nicht weil er vernünftig ist, sondern im Gegenteil deswegen, weil er absurd ist." Eine Theorie des Zivilisationsprozesses, wenn man so will: "Individualisierung durch Unterwerfung", durch Ausschluss des Egoismus.
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... bei einer Diskussion in Berlin
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In der mittelalterlichen Heilsökonomie, der Führung der Schäflein durch den Hirten zum jenseitigen Heil, sah Foucault die Vorläuferform moderner Regierungspraxis. "Der abendländische Mensch hat in Jahrtausenden gelernt, was zweifellos kein Grieche je zuzugestehen bereit gewesen wäre: sich als Schaf unter Schafen zu betrachten." Wenn Foucault einer der anregendsten Denker in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist, dann zweifellos auch aufgrund solcher Thesen, in denen es funkelt und blitzt, manchmal wohl auch irrlichtert. Professoral-ordentlich sind diese Vorlesungen wirklich nicht, aber die Ausgabe erlaubt es quasi, Foucault beim Denken zuzuschauen. In seinen Positionswechseln konnte er sich auch selbst auf den Arm nehmen: "Ich glaube, ich hatte unrecht. Ich habe natürlich niemals völlig unrecht, doch kurz gesagt, das trifft es nicht genau ..."
Gerade während dieser Vorlesungsreihe erlebte Foucault ein Desaster mit seinem aktuellen politischen Engagement. An die iranische Revolution hatte er ursprünglich, aufgrund persönlicher Bekanntschaft mit einem liberalen Ayatollah, Hoffnungen geknüpft. Der Intellektuelle war fasziniert durch die "politische Spiritualität", die er in dieser Erhebung wahrzunehmen glaubte. In Europa, schrieb er in einem Artikel über den Iran, man glaubt, Nostalgie herauszuhören, sei "die bloße Möglichkeit jenes Ziels, das die Menschen dort selbst um den Preis ihres Lebens anstreben", seit der Renaissance in Vergessenheit geraten. Foucault hat es sich versagt, das Thema Iran in den Vorlesungen aufzugreifen; aber der vorzügliche Kommentar, den Michel Sennelart den beiden Bänden beigegeben hat, ermöglicht es dem Leser, den Bezug herzustellen: Dieses "Vergessen" war eine Facette jener Geschichte der abendländischen, neuzeitlichen, liberalen Gouvernementalität.
Neu auf dem Büchermarkt: Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität, Band I: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, Band II: Die Geburt der Biopolitik (Vorlesungen am Collège de France), Frankfurt am Main 2006, suhrkamp taschenbuch wissenschaft (ISBN 3-518-06844-X), 35,- €
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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