Der französische Mediävist Le Goff sucht nach dem historischen Franz von Assisi
von Josef Tutsch
Franz von Asisi.- Das Wand-
gemälde in Subiaco soll noch
zu Lebzeiten entstanden sein.
Ob Demoskopen mal danach gefragt haben, welche Figur aus dem Mittelalter, irgendwo zwischen Karl dem Großen und Richard Löwenherz, Dante und Thomas von Aquin unseren Zeitgenossen heute noch etwas zu sagen hat? Wenn man von den Kino- und Fernsehprogrammen ausgeht, dürfte Robin Hood ganz obenan stehen; aber der hat vielleicht gar nicht gelebt. Scherz beiseite: Auf Platz 1 steht Franz von Assisi – wer denn sonst?
"Seit ich mich für das Mittelalter zu interessieren begann – und das liegt schon fast ein halbes Jahrhundert zurück –, hat mich die Persönlichkeit des heiligen Franz von Assisi fasziniert", bekennt auch Jacques Le Goff, einer der großen Mediävisten unserer Zeit. Jetzt hat Le Goff vier verstreute Studien über den Heiligen in einem zusammengefasst. Sein Vorsatz: einerseits "dem wahren heiligen Franziskus nahe zu kommen", mit jenem Schuss an sozusagen positivistischer Askese, wie er zur historischen Wissenschaft unvermeidlich dazu gehört, andererseits, "da mein Bemühen um objektive Darstellung von persönlicher Interpretation eben doch nicht ganz frei ist, ihn als meinen heiligen Franz von Assisi zu beschreiben".
Franz übergibt dem Vater seine Kleider (Fresko von Giotto di Bondone in Assisi, um 1295)
Im Zentrum steht also der "historische Franziskus". Eine Biographie, stellt der Historiker klar, muss sich oft mit Mutmaßungen behelfen. Erstens sind mehrere der Franz zugeschriebenen Schriften wahrscheinlich nicht echt. Zweitens erzählt der Heilige sehr wenig von sich selbst und seinem Leben, allenfalls in der Form, dass er zum Beispiel immer bestrebt gewesen sei, mit eigenen Händen zu arbeiten, und dies auch seinen Brüdern empfehle. Drittens entschied das Generalkapitel des Franziskanerordens 1266, dass alle vorliegenden Lebensbeschreibungen des Heiligen vernichtet werden sollten – mit einer einzigen Ausnahme, der "Legenda" aus der Feder des heiligen Bonaventura.
Und diese Legenda ist viertens, so Le Goff, sowohl tendenziös (weil alles verschwiegen wird, was gezeigt hätte, dass sich der Orden von bestimmten Zielen seines Gründers entfernt hatte) als auch phantasievoll (weil der Verfasser Elemente aus verschiedenen Quellen kritiklos miteinander verbunden hat). Ganz zu schweigen von den Wundererzählungen, die alle verlässlichen Nachrichten damals, gut ein Menschenalter nach dem Tod des Heiligen, längst überwuchert hatten.
Franz erbittet vom Papst die Bestätigung seiner Ordensregel (Giotto di Bondone)
Die Zeugnisse belegen jedoch, dass Franziskus – sozusagen ein Heiliger neuer Art – seine Zeitgenossen nicht durch Wunder beeindruckte. "Statt nur wunderbare Begebenheiten zu erzählen, welche die Heiligkeit nicht ausmachen, sondern nur kundtun, wollen wir vielmehr den vorbildlichen Lebenswandel unseres Seligen Ordensvaters aufzeigen", ist 1246 in einem Brief von Wegbegleitern zu lesen. Aber, so Le Goff: "Diese neue Auffassung von Heiligkeit konnte die Bedürfnisse vieler Menschen natürlich nicht zufrieden stellen, sie waren gewohnt, mit Wundern geradezu überschüttet zu werden."
"Vorbildlicher Lebenswandel": Dieses Bild von Franziskus hat sich bis heute gehalten, auch bei Menschen, die der Kirche fern stehen. Es verblüfft an diesem Buch, dass der Autor über das Befremdliche, das dieser Lebenswandel schon für die Zeitgenossen gehabt haben muss, wie selbstverständlich hinweggeht. Zum Beispiel der Bruch mit dem Vater, einem wohlhabenden Tuchhändler: Franz raffte im väterlichen Geschäft Tuchballen zusammen, lud sie auf ein Pferd, verkaufte sie und das Pferd und übergab den gesamten Erlös einem armen Pfarrer, damit der seine baufällige Kirche reparieren konnte. Das ist als "Vorbild", also mit dem Sinn der Nachahmung, vor 800 Jahren so schwer denkbar wie heute.
Franz predigt den Vögeln (Giotto di Bondone)
Unverkennbar orientierte sich dieses Verhalten an den Forderungen des Neuen Testaments: "Wenn du vollkommen sein willst, geh hin, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen ..." Franz wollte diese Aussagen wörtlich nehmen, ein Vorsatz, der damals so ungewöhnlich nicht war, in Umberto Ecos Roman vom "Namen der Rose" ist davon zu lesen. Die Kirche sah ihre Autorität bedroht und verfolgte viele, die so etwas predigten, als Häretiker. Franz brachte das Kunststück zustande (darf man Wunder sagen?), sich an das Evangelium zu halten und dennoch in der Kirche zu bleiben.
Man wüsste gern, wie Franz’ Verhandlungen mit der Kurie über die Regel für seinen Orden abgelaufen sind. In den Quellen scheint noch durch, dass er die geänderte Regel, die der Papst im November 1223 genehmigte, als schwer deformiert empfand: Seine alten Ideale von radikaler Armut waren abgeschwächt worden. Die Kirche, stellt Le Goff fest, "verlangte von Franz Verzichtserklärungen, die ihn sicherlich an den Rand der Versuchung der Häresie führten". Warum hielt Franz dennoch in der Kirche aus?
Franz empfängt die Wundmale Christi (Gentile da Fabriano, um 1405)
Le Goff bietet zwei Vermutungen an. Erstens hatte dieser Heilige mit Phantasien von Endzeit und Weltuntergang, wie sie bei den zeitgenössischen Sekten im Schwange waren, nichts im Sinn. Und zweitens war Franz angesichts des Streits zwischen Radikalen und Gemäßigten in seinem Orden nahezu verzweifelt, er erkannte, "dass er dieses Chaos ohne die Hilfe der päpstlichen Kurie nicht wieder unter Kontrolle bringen konnte und ihr folglich Zugeständnisse anbieten musste".
Im Nachhinein hat er allerdings versucht, seinen alten Grundsätzen von radikaler Armut dennoch wieder Geltung zu verschaffen: Sein Testament sollte im Orden Rechtskraft erhalten, neben der vom Papst betätigten Regel. Kein Wunder, dass die Kurie dieses Testament wenige Jahre später für ungültig erklärte. Das Dokument, das in diesem Zusammenhang am interessantesten wäre – der erste Entwurf für eine Ordensregel, den Franz dem Papst 1210 überreichte – ist verloren. Le Goff versucht, die "eigentlichen" Absichten des Ordensgründers zu rekonstruieren: Die Sünde schlechthin war für Franz "der soziale Aufstieg, und seine beiden Sprungbretter Geld und Bildung hat der Gläubige strikt zu meiden bis auf eine einzige Ausnahme, wo Geld zum Überleben und die Bildung zum Heil der Seele, hauptsächlich zum Verständnis der Heiligen Schrift, notwendig sind."
Franz vor der Madonna mit Kind und Engeln (Cimabue, um 1280)
Aus Franz’ eigenen Äußerungen ist zu erkennen, dass er einerseits die Theologen geehrt sehen wollte, weil sie "uns den Geist und das Leben bringen", es andererseits aber nicht für gut hielt, wenn "Brüder, die keine wissenschaftliche Kenntnisse haben, danach trachten, sich wissenschaftliche Bildung zu verschaffen". Bekanntlich hat der Orden sich dann ganz anders entwickelt. Drei Jahrzehnte nach dem Tod des Gründers stellte der Generalminister fest, das Gebäude des Ordens sei "aus zwei Mauern" erbaut: durch den guten Lebenswandel und durch die Wissenschaft. Die Mauer der Wissenschaft hätten die Brüder über die himmlischen Dinge hinaus so hoch gebaut, dass sie gar fragten, ob es einen Gott gebe. Auch der Prunk im Kirchenbau, den Franziskus verpönt hatte, wurde rasch wieder zugelassen, erkennbar an dem prächtigen Bau von San Francesco in Assisi.
"Eine Gestalt des Mittelalters oder der Moderne?" fragt Le Goff. Seine Antwort: "Wenn Franziskus modern gewesen ist, dann weil seine Zeit es war." Man kann das an der Kunst nachfühlen, die sich erstmals seit Jahrhunderten wieder um eine "naturgetreue" Darstellung der Lebenswelt bemühte, ähnlich wie Franz in seinem Sonnengesang Gottes Schöpfung pries. Aber, so fügt Le Goff hinzu, "von seiner Begeisterung für die Schöpfung insgesamt nahm Franziskus den menschlichen Körper aus. Er verdiente nur Hass." In den Worten eines späteren Franziskaners: Unser Fleisch sei "die Wand, die uns von der Anschauung Gottes trennt".
Die Basilika San Franceso in Asissi
Mittelalterlich oder modern? Deutlicher noch wird das Problem bei der Frage des Umgangs mit Geld. Geld beschwöre den Teufel herauf und sei wie Staub zu behandeln, verlangte Franz von seinen Brüdern, auch für ihre Arbeit im erlernten Handwerkerberuf, den fortzuführen ihnen erlaubt war, durften sie keine Bezahlung annehmen. Auch in dieser Hinsicht entwickelte sich der Orden ganz anders, Le Goff bleibt mit seinen Hinweisen allerdings reichlich knapp: "Die Rechtfertigung eines moralisch einwandfreien Erwerbs und ehrlicher Verwendung des Geldes wurde im Lauf der Zeit zum wichtigen Aspekt der Missionstätigkeit der Franziskaner in Laienkreisen. Mehr noch als die Dominikaner integrierten sie Geld und Geldgeber in das christliche Gesellschaftssystem oder versöhnten die Kirche und das Christentum mit dem geldbesitzenden Kaufmann und Bankier."
Geldbesitzende Kaufleute ... so wie Franz’ Vater einer war. Der Heilige hätte sich vermutlich sehr gewundert. Aber diese Nachwirkung ist ein anderes Thema. Vielleicht ergänzt Le Goff sein Bändchen demnächst ja um einen Aufsatz zur Frage, was es eigentlich ist, das diesen Heiligen über die Jahrhunderte hinweg aktuell gehalten hat – Jahrhunderte, die sich von seinen Intentionen doch immer weiter entfernt haben. Dass den Historiker das Thema beschäftigt, zeigt eine Bemerkung im Vorwort: "Ich wollte der Stimme und dem Handeln des heiligen Franziskus in den Fragen wieder Gehör und Aufmerksamkeit verschaffen, die uns heute, zu Beginn des 3. Jahrtausends, beschäftigen."
Neu auf dem Büchermarkt: Jacques Le Goff: Franz von Assisi, Klett-Cotta, Suttgart 2006 (ISBN 13: 978-3-608-94287-3, ISBN 10: 3-608-94287-4), 19,50 €
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.
Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.
Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.
Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.
Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
In einem erloschenen Vulkan auf der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.
Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.
scienzz-partner
... LEUTE in scienzz
03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
wissenswert
17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr