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27.11.2007 - KOMMUNIKATION

Hochglanzbilder der Macht

Spitzenpolitiker und ihre visuelle Selbstinszenierung

Michael Klemm

 
 

Kanzlerin and the american Schoolboy

Sicher, Bildbedeutungen sind nicht so zuverlässig zu bestimmen wie Inhalt und Funktion sprachlicher Äußerungen. Sie sind vager, werden emotionaler und holistischer wahrgenommen, haben einen "semiotischen Überschuss", da sie oft große Zeichenkomplexe auf engem Raum umfassen. Dennoch kann man etwa Fotos nicht absprechen, dass sie erkennbare Aussagen haben und dass mit ihnen kommunikative Handlungen vollzogen werden.

Und dies gilt umso mehr für den Anwendungsbereich der hohen Politik. "Der Kampf um Erhalt oder Verlust von Macht ist immer auch ein Kampf um Bilder", ist sich die Politikwissenschaftlerin Ines Jung sicher. Umso notwendiger, dieses "Bildhandeln" zu erforschen.

Grünen-Politikerin Claudia Roth in Afgha-
nistan: "Ich bin mutig, engagiert, weltge-
wandt, ein guter Mensch"
Mit Fotografien wird auf vielfältige Weise gehandelt : Schon beim „Posieren“ des Objekts oder beim Auswählen des Bildausschnitts durch den Fotografen werden zahlreiche Handlungen vollzogen. Ebenso beim Nachbearbeiten von Fotos, beim Auswählen für die Veröffentlichung, beim Platzieren der Fotos in einem Text, beim Betexten. Nicht zuletzt Journalisten handeln durch Bilder, indem Sie etwa Archivaufnahmen gezielt für die Konstruktion des jeweiligen Kontexts, etwa einer Krise oder eines Rücktritts, verwenden.

Gerade auf persönlichen Websites handeln Politiker sehr gezielt mit Fotos, geht es doch um kontrollierbare und strategisch planbare Wählerwerbung und PR in eigener Sache. Diese Bilder sind keine Schnappschüsse, sondern Auftragsarbeiten, durchgeführt von professionellen Fotografen. Ihre Auswahl, Platzierung und Betextung liegt ganz in der Hand des (professionell beratenen) Portraitierten. Hier geht es nicht um bloße Illustration, sondern systematische Selbstinszenierung, Das "Bildhandeln" ist somit Rationalhandeln, die Bestimmung von „Bildhandlungsmustern“ hat zumindest hier eine entsprechend hohe Plausibilität.

Westerwelle im Museum: "Ich bin intel-
lektuell, kunstliebend, nehme mir Zeit für
das Außerpolitische"

Dabei stehen die Politiker vor einigen Dilemmata: Politisches Handeln lässt sich nur schwer visualisieren, ist an sich langwierig, kompliziert, unspektakulär, zumal es meist im „Verborgenen“ stattfindet. Zudem trifft die Selbstdarstellung von Politikern heutzutage schon per se auf Skepsis. Hier ist eine glaubwürdige Inszenierung nötig, die geeignete symbolische (und damit auch bildliche) Handlungen erfordert, um das Unsichtbare sichtbar zu machen.

Fotos werden als Argumente eingesetzt (Anne Ulrich spricht von „fotografischer Rhetorizität“) und lassen sich "übersetzen" in „Ich-“ und „Wir-Botschaften“ wie etwa:" Ich bin erfolgreich, kompetent, authentisch, sympathisch, sportlich, intellektuell, humorvoll ... " oder durch positive Fremdzuschreibungen arrangiert wie "Er ist einer von uns (Mächtigen)" oder "Sie ist beliebt".

Angela Merkel beim Bad in der Menge: "Ich
bin beliebt, volksnah, sympathisch"
Am besten von allem etwas und für jede Zielgruppe etwas anderes. Das stete Ziel der Wählerwerbung wird auf persönlichen Politiker-Websites durch konsequentes, auch bildliches Personalisieren erreicht, indem der Politiker an positive, politisch relevante Werte anknüpft und dazu passende Bilder machen und veröffentlichen lässt.

Die jeweiligen Visualisierungsstrategien wechseln dabei zwischen staatstragendem Gestus und „konzeptioneller Privatheit“, zwischen Bild-Klischee und visueller Inszenierung des Außergewöhnlichen. Etablierte "Bildformeln" wie "Politiker am Schreibtisch oder Rednerpult", aber auch beim "Bad in der Menge" geben Sicherheit und sind planbar, sind aber auf Dauer spröde und ermüdend.

Glaubwürdige Bildinsze-
nierung? Edmund Stoiber
als Hausmann
Ein Ausweg ist die gezielte Abweichung vom Klischee, der Inszenierungsbruch, ja die Provokation. Solche Bilder machen unterscheidbar und dienen der Profilbildung, betonen das Individuelle, das Spannende, sind aber auch riskant.

Politiker-Bilder müssen in erster Linie kongruent zum anvisierten Image sein und keine „widerständigen Lesarten“ erzeugen. Im Interesse des Politikers sollte es sich daher um Bilder handeln, die eine recht eindeutige und positive Deutung nahe legen und die verschiedene Aspekte des erwünschten Images repräsentieren. Auch dies erklärt das Übergewicht von "Visiotypen", standardisierten Portraitfotos.

Kanzlerin Merkel auf Rügen:demonstriert
mit Regenjacke und nassen Haaren im
Schmuddelwetter auf Rügen den Ernst
der Lage
Wie Macht inszeniert werden kann, zeigt exemplarisch ein Foto von Angela Merkel und George W. Bush. Die Kanzlerin veröffentlicht seit ihrem Amtsantritt auf ihrer Site "www.bundeskanzlerin.de" ein "Foto der Woche". Darunter auch das folgende: Während die Bundeskanzlerin auf dem Foto durch die höhere Position wesentlich größer und somit dominant wirkt, macht Bush – immerhin der mächtigste Politiker der Welt – eher den Eindruck eines verschüchterten und bewundernden Schuljungen.

Merkel strahlt und hat den Blick nach vorne, in die Zukunft gerichtet, Bush himmelt sie geradezu an. Die extreme körperliche Nähe suggeriert zudem das persönliche und vertrauensvolle Verhältnis der beiden Politiker, was einen auffälligen Kontrast zu Bushs Umgang mit Gerhard Schröder erkennen lässt – und möglicherweise für manchen Kritiker zu vertraut erscheinen könnte.

Die Kanzlerin als erster Fan des Staates
Eine andere Facette der Regierungschefin wird während der Fußball-WM 2006 ins Bild gesetzt: Kompetenz und Konzentration: Wieder steht Merkel im Mittelpunkt, dieses Mal sogar durch Unschärfe der Umgebung betont. Hier wird sie aber nicht als mächtige Politikerin, sondern sympathische Privatperson inszeniert. Konzentrierter Blick, der Körper nach vorne gebeugt, total ins Spiel versunken – ganz gegen das weibliche Klischee ein offenbar fußballkundiger Fan an der Spitze der Regierungsmannschaft.

Typische Kategorien von Politiker-Fotos und entsprechende Bild-Strategien sind nach Untersuchungen von Martin Gerster, Frank Nürnberger oder Marion Müller etwa: das Bei-der-Arbeit-Foto, das Leute-Foto ("Common Man"), das Familien-Foto, das Strategie-Foto, das Fotoalbum-Fundstück, das Helden-Foto. Damit wird aber die Vielfalt der strategischer Bildkommunikation sicher noch nicht differenziert genug erfasst. Daraus folgen Bildhandlungsmuster wie das Demonstrieren  (und glaubhafte Vermitteln) von Erfolg, Souveränität und Macht, Seriosität, Beliebtheit, Volks- und Heimatverbundenheit, Offenheit und Toleranz, Modernität, Glaubwürdigkeit, Intellektualität, ...

Stoiber, teuer bezwirnt, mit Akten am
Schreibtisch, mit Galerie der Lieben und
lebensfrohem Blumenstrauß
Seriosität wird zum Beispiel durch äußere Merkmale (Kostüm, Anzug), ernste Blicke und konzentrierte Posen sowie typische Situationen (Parlamentsrede, Vereidigung, Schreibtischarbeit) symbolisiert, Macht etwa durch das weitere „Personal“ auf dem Foto, durch räumliche Nähe zu wichtigen Politikern, suggestive Bildachsen und Proportionen, ... Sympathie z.B. durch visuelle „Bescheidenheitsformeln“ wie das Gespräch mit "ganz normalen" Bürgern oder die Platzierung im Hintergrund.

Ebenso wichtig ist offenbar aber auch die Visualisierung von Jugendlichkeit und Sportlichkeit, von Intellekt und kultureller Kompetenz, von Volksnähe und familiärer Bindung, von Traditionsbewusstheit und vielem mehr. Die Strategie heißt offenbar häufig „Gewöhnlichkeit trotz Einzigartigkeit“, wie Anne Ulrich bei Silvio Berlusconis letztem Wahlkampf festgestellt hat. Dies zeigt, wie gerade durch Bilder die Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Politik aufs Engste miteinander verwoben wird.


Mehr im Internet:
Von kochenden Kanzlerinnen und baggernden Liberalen
Persönliche Website Angela Merkel
Website Bundeskanzlerin.de
Persönliche Website Kurt Beck
Persönliche Website Edmund Stoiber
Persönliche Website Guido Westerwelle
Persönliche Website Claudia Roth



Das Manuskript wurde uns freundlicherweise von der Online-Zeitschrift Lingua et Opinio zur Verfügung gestellt



 

 

 

 

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