Berlin zeigt Kunst aus tibetischen Klöstern und Museen
von Josef Tutsch
Statue des Mahasiddha Da-
marupa, 16. Jh., aus dem
Kloster Mindröl Ling
Ein Bodhisattva Avalokiteshvara begrüßt die Besucher, ein Erleuchteter, der auf den Eingang ins Nirvana verzichtet, bis er allen Kreaturen zur Erlösung verholfen hat. Die theologische Literatur weiß von tausend Armen der barmherzigen Gottheit, in diesem Fall sind es nicht ganz so viele, die das Kultbild aus dem Sommerpalast des Dalai Lama bei Lhasa dem Betrachter entgegenstreckt. Dieser Avalokiteshvara aus feuervergoldeter Bronze, mit Türkissteinen besetzt, ist sozusagen auf Dienstreise im Westen, und zwar in doppelter Mission: Im Sinne der buddhistischen Gläubigen vertritt er die tibetische Religion und Kultur, und von der chinesischen Regierung aus betrachtet, ist er ein Beleg, wie pfleglich China doch mit dem kulturellen Erbe Tibets umgeht.
Oder umzugehen behauptet. "Diese Ausstellung stellt eine Weltpremiere dar", verkünden die Berliner Staatlichen Museen vollmundig. Das Eigenlob ist nicht übertrieben. Neben den ehemaligen Palästen des Dalai Lama und den tibetischen Museen haben zum ersten Mal überhaupt auch einige der großen Klöster ihre Schatzkammern geöffnet und Skulpturen, Rollbilder und Manuskripte in den Westen geschickt. Wer nicht selbst auf das Dach der Welt reist, wird wahrscheinlich viele dieser Kostbarkeiten niemals mehr sehen können.
Tausendarmiger Avalokiteshvara (Bronze, feuervergoldet, Tibet, 17. Jh.), Norbulingha-Palast in Lhasa
Man möchte sich also ruhig in die Kunst- und Kulturgeschichte Tibets vertiefen; aber die Umstände lassen es nicht zu. Denn Partner der Kulturstiftung Ruhr und der Berliner Museen bei dieser Ausstellung, die bereits in Essen zu sehen war und nun in Berlin gezeigt wird, ist eben die Volksrepublik China, genauer: das "Administrative Bureau of Cultural Relicts of Tibet Autonomous Region". Und China hat Tibet 1950 mit seinen Truppen besetzt und beansprucht das Land als eigenes Territorium. Begründung: Tibet, zuvor zeitweise ein unabhängiges Staatsgebilde, zeitweise unter mongolischer Herrschaft, hat seit Anfang des 18. Jahrhunderts unter chinesischer Oberhoheit gestanden.
Man könnte versuchen, bei einer solchen Kunstausstellung von Politik abzusehen; aber gerade weil es um Kunst geht, ist das nicht so einfach. Während der Kulturrevolution in den 1960er und 1970er Jahren haben die chinesischen Besatzer einen Großteil des tibetischen Kulturerbes systematisch zerstört. Noch heute wird die Religionsausübung massiv behindert. Kunstschaffen ist in Tibet seit jeher eine Sache der Klöster, und das buddhistische Klosterleben passt nun einmal nicht in Pekings Vorstellungen von einer chinesischen Moderne.
Tempelmodell (Sandelholz, wahr- scheinlich aus Burma, 11. Jh.), Potala-Palast in Lhasa
In der Ausstellung fehlt hierzu jeder Hinweis – Mitte des 20. Jahrhunderts bricht dieser Gang durch die tibetische Kunstgeschichte unvermittelt ab. Die Demonstranten, die sich zur Eröffnung vor dem Museumseingang versammelt haben, veranlasst das zu einer provokanten Frage: Wenn eine Ausstellung zu jüdischer Kunst 1933 den Schlussstrich ziehen würde? Aber die chinesische Regierung hat, wie auf der Pressekonferenz zu erfahren war, verlangt, dass die Ausstellung nicht politisch genutzt oder missbraucht würde, "von keiner Seite". Die Ausreisegenehmigung für Tibets Kunstschätze war also von solchem Schweigen abhängig gemacht. Nyima Tsering, Direktor des Bureau of Cultural Relicts, wurde gefragt, ob er sich zu den Vorwürfen der Kulturzerstörung und der Menschenrechtsverletzung äußern wolle. Seine Antwort: China habe große Summen Geldes bereit gestellt, um tibetische Kunstschätze der Nachwelt zu erhalten.
Jeong-hee Lee-Kalisch, Professorin für Ostasiatische Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin, die das Konzept erstellt hat, weiß, dass das nicht die ganze Wahrheit sein kann. Sie hat in den letzten Jahren die Klöster Tibets bereist, ausdrücklich um der Frage nachzugehen, was von dem kulturellen Erbe noch vorhanden ist. Einige der schönsten Stücke sind nun also in Berlin zu sehen. Die Äbte, berichtet sie, denen das westliche Konzept von Museen und Ausstellungen von ihrer eigenen kulturellen Tradition her unvertraut sei, haben es als eine Art von religiöser Mission aufgefasst.
Buddha Shakyamuni mit Szenen aus seinem Leben (Gouache auf Baumwolle, Nepal, 14. Jh.), Tibet-Museum, Lhasa
Der größere Teil der Exponate stammt indes aus den Museen. Bei abgelegenen Klöstern musste schon wegen der Transportprobleme darauf verzichtet werden, empfindliche Stücke zum Flughafen zu schaffen. Objekte, die im Zentrum der religiösen Verehrung stehen, haben die deutschen Ausstellungsmacher aus Gründen der Pietät von vornherein nicht auf ihre Wunschliste gesetzt. Denn es handelt sich tatsächlich um religiöse Objekte, der tibetische Lamaismus ist – wie behindert oder geduldet durch die Besatzungsmacht auch immer – eine lebendige Religion.
Schade, dass die Ausstellung mit Informationen über den Sitz der Objekte im Leben derart sparsam umgeht; auf den Schrifttafeln werden gerade einmal die Grundbegriffe des Buddhismus umrissen. Man wird auf den Katalog verwiesen; aber welcher Besucher studiert vor dem Rundgang zunächst einmal die Katalogessays? Immerhin steht eine Tonbandführung ("Audio-Tour") bereit. Ansonsten werden etwa die ausdrucksstarken Gesten der Buddha-Figuren wohl eine Fremdsprache bleiben. Dass die beiden übereinandergelegten Handflächen eine Meditationsübung bedeuten, der von Daumen und Finger angedeutete Kreis auf das "Rad" der Lehre verweist und die erhobene offene Hand dem Betrachter den Schutz des Buddha verheißt, sind "Vokabeln", die sich nicht so selbstverständlich voraussetzen lassen.
Kalachakra-Mandala (Gouache auf Baumwolle, Tibet, 18. Jh.), Potala- Palast in Lhasa
Der Direktor des Berliner Museums für Asiatische Kunst, Willibald Veit, begründet die Zurückhaltung mit der Formel, ein Kunstmuseum sei nun einmal kein Völkerkundemuseum. Geschenkt; ob das eine Verpflichtung bedeutet, die Lebenswelt dessen, was sich hier als "Kunst" präsentiert, derart auszublenden, ist aber doch die Frage. Ausgeblendet bleibt auch die Kunstgeschichte, nämlich die Entwicklung der tibetischen Kunst, angefangen bei dem ältesten Stück, einer Statue aus dem Jahr 473, die den historischen Buddha darstellen soll, und ihr Zusammenhang mit den Nachbarkulturen von Indien, Nepal und Kaschmir über die Mongolei bis China.
Zu sehen und zu bewundern allerdings gibt es reichlich: goldglänzende Statuen und farbige Rollbildern von Buddhas und von Lehrern des Buddhismus, in den Gesichtszügen überraschend individuell gestaltet, von allerlei Meditationsgottheiten und Schutzgeistern; Architekturmodelle, die sogenannten "Stupas", die als Reliquiare dienen können, im Grunde aber den gesamten Kosmos versinnbildlichen. Auch Gebrauchsgegenstände: Altargeräte und Musikinstrumente, ein prächtiger Thronmantel und ein Reitsattel, sogar – Kunstmuseum hin, Kunstmuseum her – Zeugnisse der tibetischen Medizin.
Bilder: Adm. Bur. of Cultural Relicts, Tibet Autonomous Region, China)
Unwissenheit sei nach buddhistischer Lehre die Ursache des Übels, ist dort auf einer Schrifttafel zu lesen. Für die Ausstellungsmacher war das aber kein Anlass, ein didaktisches Konzept, womöglich gar für jugendliche Besucher, zu entwickeln. Unter den vielen Gottheiten finden sich solche, die freundlich, und andere, die zornig dreinblicken; spätestens an dieser Stelle dürfte manchem aufgehen, dass tibetische Kultur sich wohl doch nicht in den gängigen Klischees von Frieden und Milde und Freundlichkeit erschöpfen kann, noch weniger freilich in den wilden Tantra-Phantasien, die in esoterischen Kreisen hierzulande Mode geworden sind.
Faszinierende Kunstwerke – und eine fremde Welt, die vermutlich doch Projektionsfläche für alle westlichen Wünsche und Missdeutungen bleibt. Aber mit der Aufgabe, dem Publikum hierzulande ein realistisches Bild vom buddhistisch-lamaistischen Klosterleben zu vermitteln, aus dem diese Kunstwerke hervorgegangen sind, wäre vermutlich auch ein weniger kunsthistorisch als ethnologisch ausgerichtetes Museum überfordert.
Bis 28. Mai 2007: "Tibet – Klöster öffnen ihre Schatzkammern", Ausstellung im Museum für Asiatische Kunst, Berlin-Dahlem, Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr
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