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politik

14.03.2007 - OSTASIENPOLITIK

"Der Klaustrophobie den Boden entziehen"

Nordkorea in der Sackgasse - Interview mit dem Berliner Ostasien-Wissenschaftler Werner Pfennig

von Josef Tutsch

 
 

Werner Pfennig, FU Berlin

Seit Nordkorea seine Zugehörigkeit zum Club der Atomwaffen-Mächte reklamiert, zieht die Außenpolitik des Regimes in Pyöngyang wieder die Aufmerksamkeit der Welt auf sich. Die Demokratische Volksrepublik Korea selbst bleibt jedoch das abgeschlossenste Land auf diesem Globus. Josef Tutsch befragte den Ostasien-Wissenschaftler, Dr. Werner Pfennig, wie die politische Elite Nordkoreas sich die Zukunft ihres Staates in einer sich immer mehr vernetzenden Welt vorstellt. Werner Pfennig ist Akademischer Rat an der Freien Universität Berlin, Arbeitsstelle Politik Chinas und Ostasiens. Er hat Korea mehrfach besucht und arbeitet seit Jahren zur Problematik von Teilung-Normalisierung-Wiedervereinigung.


Herr Pfennig, was hat das nordkoreanische Gesellschaftssystem eigentlich mit Marxismus zu tun?

Wie kommen Sie denn darauf?

Früher zumindest gab es politische Studentengruppen, die sich für marxistisch hielten und das nordkoreanische System in den Himmel lobten ...

Anknüpfungspunkte gibt es, so zum Beispiel eine durchgehende staatliche Planung in Wirtschaft und Gesellschaft, kaum Privateigentum, dafür ein mächtiges Überwachungssystem. Aber im Grunde handelt es sich um ein dynastisch organisiertes Despotentum, das viel eher von ostasiatisch-konfuzianischen Traditionen her gedacht ist. Der alte Kim, sozusagen der "Gottvater“ des Regimes, hat seine Ideologie "juche“ genannt, das heißt soviel wie "alles aus eigener Kraft“ oder Selbststärke. Für die Nordkoreaner bedeutet das Hierarchie, Einordnung ins Kollektiv, Gehorsam gegenüber dem weisen Führer, das ist gegenwärtig der jüngere Kim, quasi "Gottsohn.“

Und dieser "Gottsohn“, wie sie ihn nennen, ist zurzeit der entscheidende Machthaber?

Kim Il-sung mit der deutschen
Schriftstellerin Luise Rinser
Im Prinzip ja, jedenfalls wird es nach außen so dargestellt. Machtzentrum ist die Militärkommission, deren Vorsitzender Kim ist. Aber es gibt eine Schranke, über die er nicht hinweg kann: Der tote Vater ist laut Verfassung Staatsoberhaupt auf ewig. Wollte der Sohn gravierende Reformen in die Wege leiten, müsste er Dinge ändern, die der Alte für unabänderlich erklärt hat. Von Leuten, die mit ihm gesprochen haben, hört man, dass Kim-Junior sich der Notwendigkeit von Reformen bewusst ist; sollte das zutreffen, dann hat er noch nicht die Strategie gefunden, aus dieser Sackgasse herauszukommen. Ich denke auch, er interpretiert Entwicklungen in Osteuropa als Schreckgespenst: Die Reformen waren der Anfang vom Ende der kommunistischen Parteiherrschaft. Kim ist in der Zwickmühle: Wenn er zu viel ändert, verliert er seine ererbte Autorität, wenn er zu wenig ändert, verschlechtert sich die Situation weiter.

Beim großen Nachbarn China scheint das Kunststück doch gelungen zu sein: kapitalistische Umgestaltung bei fortwährendem Machtmonopol der KP.

Die Volksrepublik China hat auch versucht, ihr Modell den Nordkoreanern nahe zu bringen. Es gibt inzwischen tatsächlich ein paar abgeschirmte, überschaubare Experimente; in der Stadt Gaeseong an der Grenze zu Südkorea werden Haushaltswaren und Textilien für den Export produziert; Management und Geld aus dem Süden, Arbeitskräfte, einige Tausend, aus dem Norden. Aber in größerem Maßstab kann das noch nicht funktionieren. Jede große Investition in die Infrastruktur müsste wohl vom Ausland getätigt werden, die nordkoreanische Führung müsste zunächst einmal bereit sein, ihre Bevölkerung sozusagen "ausbeuten“ zu lassen. In China ging der Reformkurs ab 1979 voran, weil es den politischen Willen dazu von der Führung gab und weil Akkumulationsprozesse in der Landwirtschaft stattfanden. Aber Nordkorea hat keine Landwirtschaft, die einen Überschuss erwirtschaften könnte.

Nordkoreanische Banknote, unten die
Geburtsstätte des älteren Kim
Wovon ernährt sich denn die Bevölkerung?


Durch Hilfslieferungen, vor allem aus China, und zwar nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Energie. Nordkorea hat sich planmäßig vom Industrie- zum Agrarstaat zurück entwickelt, ist aber nicht in der Lage, seine Bevölkerung ausreichend zu ernähren. Mit den vorhandenen Rohstoffen (z. B. Kohle und Eisenerz) wäre zwar Geld zu verdienen, aber der Strom reicht nicht aus, um die Schachtanlagen in Gang zu halten. Die breite Bevölkerung ist an den Mangel gewöhnt, hat wohl auch keine Vorstellung von erstrebenswerten Alternativen.

Man hört aber doch von "Bonzen“ des Regimes, denen es wesentlich besser gehen soll, einschließlich Familienangehörigen des Diktators.

Es gibt in der Tat eine privilegierte Schicht aus Partei- und Armeeangehörigen, Leuten vom Sicherheitsapparat und Technokraten. Man muss wohl annehmen, dass die Güter, die zur Verfügung stehen, hauptsächlich an diese Schicht, mindestens drei Millionen von insgesamt 22 oder 23 Millionen Menschen, verteilt werden. Solange das funktioniert, droht von dort dem System keine Gefahr. Für den Rest der Bevölkerung gilt: Es gibt wenig zu essen, die körperliche Arbeit ist hart, die Winter sind bitter kalt. Man schätzt, dass die durchschnittliche Körpergröße zehn Zentimeter niedriger liegt als im Süden. Zurzeit reicht das Nahrungsangebot offenbar einigermaßen aus, aber Mitte der 1990er Jahre sollen 800.000 bis 1 Million Menschen verhungert sein. Wie immer in solchen Fällen sind das umstrittene Zahlen.

Vater und Sohn
Kann man sich wirklich vorstellen, dass die Bevölkerung das klaglos hinnimmt?


Der Kontrollapparat funktioniert noch. Und wie gesagt, es gibt wohl keine ausreichende Vorstellung von Alternativen. Von den "einfachen Leuten“ hat niemand Radio oder Fernsehen, soweit nicht vielleicht über Schmuggel ein Transistorgerät beschafft werden konnte. In den Häusern steht nur ein Lautsprecher, der sich nicht abstellen lässt, was wohl auch nicht ratsam wäre, denn es wird mitgeteilt, wo und wann Lebensmittel oder Kohlen zu bekommen sind. In den Kulturhäusern stehen Fernsehapparate; Internet gibt es nur in Kreisen, wo sich die Führung der Loyalität sicher sein kann.

Welche Wirkungen haben eigentlich die Sanktionen der USA auf Nordkorea gehabt?

Nordkorea ist kaum in die Weltwirtschaft involviert, da laufen die meisten Sanktionen ins Leere. Dennoch hat der Wirtschaftsboykott dem Land schweren Schaden zugefügt. Politisch bewirkte er eher das Gegenteil und deshalb finde ich, dass die Sanktionspolitik der USA völlig kontraproduktiv ist.

Das müssen Sie erklären!

Denkmal für Kim Il-sung in
Pyöngyang
Das Regime in Pjöngjang sieht sich doch in seiner klaustrophobischen Weltsicht bestätigt. Äußere Feinde fördern Loyalität im Innern. Sinnvoll wäre es, wenn die USA gesagt hätten, wir verhandeln auf gleicher Augenhöhe, als Zeichen unseres guten Willens heben wir die Sanktionen auf. China hätte den Nordkoreanern sofort nahe gelegt, auf das Verhandlungsangebot einzugehen. Es kann sein, dass Präsident Clinton am Ende seiner Amtszeit sich einen solchen Schritt überlegt hat. Jedenfalls war damals tatsächlich von einem Staatsbesuch in Nordkorea die Rede. Ich denke, auch innerhalb des Regimes würde der Druck wachsen, wenn Kim sich einem solchen Arrangement verschließen wollte.

Gegenwärtig heißt es, dass Nordkorea bereit wäre, die Plutoniumproduktion für sein Atomwaffenprogramm im Gegenzug für eine umfangreiche Energie- und Wirtschaftshilfe einzustellen. Darf man dem eigentlich glauben? Und wie schätzen Sie andererseits die Bereitschaft der USA aktuell ein?

Es ist ja tatsächlich zu einer solchen Übereinkunft gekommen. Das ist nun wieder in etwa der Stand, den es 1994 bereits gab, nur jetzt sind die Dinge konkreter. Der Norden kann das durchaus als Sieg darstellen, seine und vor allem die Position Chinas wurde gestärkt, die der USA geschwächt. Die neuen Vereinbarungen bergen noch viele Probleme in sich, ein erneutes Scheitern ist leider nicht auszuschließen. Es kann letztlich aber auch zu einem Friedensvertrag führen und zu einer diplomatischen Anerkennung durch die USA.

Der aktuelle Führer Kim Il-jong
Nehmen wir einmal an, dass Nordkorea auf die Bombe weiterhin nicht verzichten will. Worin liegt eigentlich ihr Wert für das Regime? Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass nukleares Material oder technologisches Know-how mangels anderer Handelsgüter an Terroristen verkauft werden?


Beim jetzigen Stand der Dinge hat Nordkorea in der Tat kaum etwas, womit sich in großem Umfang Devisen beschaffen lassen. Ich denke aber, dass es in Russland für terroristische Organisationen viel eher möglich sein wird, sich nukleares Material zu beschaffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Nordkorea den Süden des Landes, Japan oder gar die USA atomar anzugreifen versucht, sehe ich ebenso wenig. Nein, die Bombe ist eine Lebensversicherung, ein politisches Druckmittel, und zwar, das wird Sie vielleicht überraschen, auch gegenüber China.

Aber die Volksrepublik China ist doch der einzige Partner, auf den Nordkorea wenigstens halbwegs zählen kann!

Ja, und diese materielle sowie politische Hilfe darf nicht abreißen. Peking muss befürchten, dass die nordkoreanische Regierung bei einem unkontrollierten Zusammenbruch etwas völlig Irrationales tun könnte, nach dem Motto: wenn wir schon untergehen, reißen wir andere mit. China wäre die einzige Macht gewesen, die uns hätte retten können, also bombardieren wir nicht Tokio oder Seoul, sondern Peking. Dazu wird es nicht kommen, aber Drohung funktioniert nur, wenn solche kalkulierten Verzweiflungstaten nicht völlig ausgeschlossen werden können. Selbst ohne die Bombe wäre ein allgemeiner Notstand in Nordkorea für China eine Katastrophe: Hunderttausende würden über die Grenze flüchten, wie es ja in kleinerem Umfang bereits seit Jahren geschieht. Zwar ist der Übertritt illegal und gefährlich, aber die Grenze ist nicht schwer zu überwinden, der Grenzfluss friert im Winter zu. Andere Fluchtwege gibt es nicht. Übers Meer fehlen die Transportmöglichkeiten und die entmilitarisierte Zone nach Südkorea ist unüberwindbar.

Nordkoreanische
Briefmarke mit Flagge
und Wappen
Das heißt, China muss das Regime stützen, weil dessen Zusammenbruch die schlimmste aller möglichen Perspektiven wäre. Wie sieht das aus südkoreanischer Perspektive aus?


Es mag vielleicht merkwürdig klingen, aber viele in Südkorea fühlen sich nicht bedroht. In Gesprächen mit Südkoreanern gibt es eher die Haltung: Nach der Wiedervereinigung sind die Atomwaffen doch unsere. Vor allem in der jungen Generation hat sich ein romantischer, antiamerikanischer, gesamtkoreanischer Patriotismus breit gemacht: Wenn die anderen uns Koreaner nur machen ließen, dann könnten wir unsere Probleme schon lösen. Natürlich haben die jungen Leute im Süden, die für den Norden Sympathie empfinden, von den Lebensverhältnissen dort keinerlei Vorstellung. Aber man muss sehen, dass die USA den Südkoreanern Jahrzehnte lang die volle, auch militärische Souveränität verweigert haben.

Sehen Sie irgendeine Möglichkeit, wie Nordkorea aus der Sackgasse herausfinden könnte?

Ich vermag nur ein hoffnungsvolles Szenario zu sehen: Wenn sich in der Führungsschicht die Ansicht durchsetzt, dass der "liebe Führer“ das Land in die Sackgasse manövriert hat und dass es mit ihm nicht mehr weiter geht. Wenn dann jemand aus dem Militär Kim wegräumt und selbst die Macht übernimmt, könnte er vielleicht in Absprache mit Südkorea und mit China einen kontrollierten Wandel einleiten – natürlich gegen die Zusicherung, dass er selbst und sein Anhang politisch überlebt. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass Kim, gestärkt durch außenpolitische Erfolge, Reformen vorantreibt. Nordkorea hat sich bereits verändert. Ich will aber vor der Illusion warnen, dass das zu einem demokratischen System führen könnte. Auf absehbare Zeit müsste zum Beispiel die Mobilität, trotz oder gerade wegen der schlechten Lebensbedingungen in Nordkorea, beschnitten bleiben. Ein Flüchtlingsstrom wäre eine Katastrophe sowohl für den Süden als auch für China. Jedenfalls kann ein Wandel nur von innen kommen. Alles, was sich von außen tun lässt, ist, der Klaustrophobie im Norden den Boden zu entziehen, indem man faire Zusammenarbeit anbietet und praktiziert. Die Erfahrung mit Interdependenz, mit positiver wechselseitiger Abhängigkeit, die fehlt. Sie könnte den Weg für Normalisierung bereiten.


Mehr im Internet:
Freie Universität Berlin, Arbeitsstelle Politik Chinas und Ostasiens
Nordkorea
scienzz artikel Ostasien

 

 

 

 

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