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08.04.2007 - NEUES TESTAMENT

Planetenkonjunktion und Sonnenfinsternis

Zu astronomischen Spielereien mit dem Neuen Testament

von Josef Tutsch

 
 

Das Jesuskind im Stern von
Bethlehem (Ausburg, um 1500)

Vor genau 2.000 Jahren saß der zwölfjährige Jesus in Jerusalem im Tempel und diskutierte mit den Schriftgelehrten. Skeptiker werden jetzt fragen, wie man das herausgefunden hat. Es ist ganz einfach. Jedes Jahr zu Weihnachten hören wir doch, dass der Stern von Bethlehem, der laut Matthäusevangelium die Weisen aus dem Morgenland nach Bethlehem führte, wahrscheinlich eine Konjunktion der Planeten Jupiter und Saturn im Herbst des Jahres 7 vor Christus war. Zählt man von diesem Datum aus weiter (und berücksichtigt dabei, dass ein "Jahr 0" in unserem Kalender nicht vorkommt), müsste Jesus zu Ostern des Jahres 7 nach Christus zwölf Jahre alt gewesen sein. Und wie das Lukasevangelium erzählt, ging Jesus, als er zwölf Jahre alt war, mit seinen Eltern zum Passafest nach Jerusalem.

Im Ernst: Dass die Familie Jesu zum Fest nach Jerusalem ging, ist gar nicht so unwahrscheinlich, diese Wallfahrt unternahmen damals viele fromme Juden. Im übrigen aber werden seriöse Wissenschaftler vom Neuen Testament über solche Berechnungsversuche lächeln: Man darf Erzählepisoden aus verschiedenen Evangelien, deren historischer Charakter allemal in Frage steht, eben nicht so einfach hintereinander schalten, von jener Planetenkonjunktion einmal ganz abzusehen. In 20 Jahren, wenn der zweitausendste Jahrestag von Jesu Tod ansteht, werden allerlei berufene und unberufene Stellen, vom Vatikan bis Hollywood, die Welt mit solchen Berechnungen zuschütten. Leider ist das Todesjahr gar nicht bekannt; in der Wissenschaft werden fast alle Jahre zwischen 27 und 34 diskutiert. Wie man die Praxis solcher Jubiläen kennt, beginnen die Feiern mit dem ersten überhaupt möglichen Termin, also in genau 20 Jahren.

Die heiligen drei Könige
erblicken den Stern
(Augsburg, um 1500)
Merkwürdig, dass es vor gut zwölf Jahren, als der zweitausendste Geburtstag anstand, so ruhig geblieben ist. Wahrscheinlich wollten die meisten Neutestamentler doch nicht so recht auf den Stern von Bethlehem und auf seine Identifizierung mit der Planetenkonjunktion des Jahres 7 vertrauen – obwohl es doch so schön gewesen wäre. In den 1960er Jahren berechnete ein italienischer Astronom, dass die Weisen am Abend des 12. November 7 vor Christus vor der Krippe in Bethlehem erschienen sind, kurz nach 18 Uhr 30 Ortszeit.

Es werden noch ein paar andere Konjunktionen für den Stern von Bethlehem reklamiert, manchmal auch ein Komet oder eine Supernova. Eine wirklich plausible Erklärung findet sich jedoch nicht in astronomischen Tabellen, sondern in den Kommentaren zum Neuen Testament: Das Matthäusevangelium schildert keine reale astronomische Erklärung, sondern einen wandernden Wunderstern. Bibelkundige werden sich erinnern, dass es schon im Alten Testament nachzulesen ist, 4. Buch Mose: "Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen ... Israel aber wird den Sieg erhalten." Die Stelle wurde gern als Prophezeiung auf das Kommen des Messias verstanden.

Volkszählung in Bethlehem
(Pieter Brueghel d. Ä., 1566)
Bei Jesu Tod sind nicht einmal solche, bei näherer Betrachtung literarisch leicht aufklärbare astronomische oder besser pseudo-astronomische Anhaltspunkte greifbar. "Zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde." Aber eine Sonnenfinsternis ist für Jerusalem und Judäa um 30 nach Christus nicht auszumachen. Vielleicht hilft die Astronomie dennoch weiter. Allen vier Evangelien zufolge starb Jesus an einem Passafest, im jüdischen Kalender war Passa auf den 14. Tag des Frühlingsmonats Nisan festgelegt  Als Todestag ist einhellig der Freitag überliefert, laut Markus, Matthäus und Lukas hätte Jesus am Abend zuvor mit seinen Jüngern das Passamahl gegessen. Kurz: In welchem Jahr fiel der 15. Nisan auf einen Freitag? Experten haben ausgerechnet, dass hierfür die Jahre 27, 30, 31 oder 34 in Frage kommen. Keine sehr befriedigende Auskunft, wenn ein Jubiläum zu feiern ansteht ...

Hinzu kommt, dass der vierte Evangelist, Johannes, Jesus bereits zu der Stunde sterben lässt, wo man die Passalämmer zu schlachten pflegte. Die theologische Deutung, die bei Johannes dahinter steht, schließt ja nicht aus, dass die Angabe historisch richtig sein könnte. Dieselbe Rechnung nochmals: In welchem Jahr fiel der 14. Nisan auf einen Freitag? Die Kalenderkundigen kommen zu dem Schluss, dass das in den Jahren 27, 30 oder 33 der Fall gewesen sein könnte. Alle diese Versuche hängen übrigens an der Angabe "Freitag". Auch die muss nicht unbedingt historisch sein. In der frühesten christlichen Gemeinde wurde der Sonntag als Tag der Auferstehung gefeiert. Die drei Tage waren durch die Prophezeiungen im Alten Testament vorgegeben, zurückgerechnet ergab das den Freitag als Todesdatum.

Kreuzigung - Sonne und
Mond verhüllen sich
(Raffael, 1503)
 
Wer hoffen sollte, mangels astronomischer oder kalendarischer Daten dem Termin durch zeitgenössische Schriftzeugnisse nahe zu kommen, wird noch gründlicher enttäuscht: Anders als später die Verbreitung des christlichen Glaubens hat der Tod Jesu bei den Zeitgenossen keinerlei Resonanz hervorgerufen. Umgekehrt sind die zeithistorischen Hinweise der neutestamentlichen Autoren sehr dürftig. Jesus starb zur Amtszeit des römischen Prokurators Pontius Pilatus, soviel ist sicher. Aber diese Zeit dauerte ein volles Jahrzehnt, von 26 bis 36. Als amtierende Hohe Priester werden Hannas und Kaiphas genannt; das jedoch bringt nur zusätzliche Verwirrung, in den Jahren um 30 war Kaiphas Hoherpriester, nicht Hannas.

Wahrscheinlich ist es ein schwacher Trost, dass die Geburt Jesu sich ebenso wenig präzise in den Zeitereignissen einordnen lässt. Die Volkszählung, die Kaiser Augustus für alle Welt angeordnet haben soll – die Historiker haben nichts Passendes finden können. Der Mord an allen kleinen Jungen im Raum Bethlehem, den König Herodes anordnete – nicht nachweisbar. Kein Wunder, dass zum Beispiel der Neutestamentler Hans Conzelmann zu den leicht ironischen Formulierungen kommt, "dass Jesus in einem der letzten Jahre vor Christus geboren worden sein muss" und "generell kann man sich merken, dass Jesus um das Jahr 30 starb".

Christus vor Pilatus
(Hans Holbein d.Ä.)
Mal sehen, in welchem Jahr sich die christlichen Kirchen zu einem Bimillennium entschließen; die Medien können notfalls ja mehrere Jahre durchfeiern. Bleibt noch die Frage nach dem Kalendertag. Anders als der Ostertermin, wie wir ihn seit dem römischen Mönch Dionysius Exiguus im 6. Jahrhundert kennen, war der Beginn des Monats Nisan nämlich nicht streng astronomisch festgelegt. Als 1. dieses Monats galt der Tag, an dem "glaubwürdige Zeugen" nach dem vorausgegangenen letzten Winter des Neumonds das "Neulicht" beobachtet zu haben behaupteten. Das hing selbst im sonnenbeschienenen Palästina vom Wetter und von der Bewölkung ab. Eine Rekonstruktion über zwei Jahrtausende zurück ist jedenfalls unmöglich. Und deshalb muss leider, leider auch die genaue Zeit offen bleiben, wann der kleine Jesus im Tempel - vielleicht - mit den Schriftgelehrten diskutierte - selbst wenn man die sonstige Berechnung mitsamt dem Stern von Bethlehem so akzeptieren wollte.


Mehr im Internet:
Stern von Bethlehem
scienzz artikel Jesus von Nazareth

 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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