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26.08.2004 - CANNABIS

Wirksam wie drei Hustenbonbons

Interview mit dem Schmerzforscher Michael Zenz über den Nutzen von Cannabis

 
 

Herr Professor Zenz, Cannabis ist  per Gesetzesdefinition ein Betäubungs-mittel. Wie schätzen Sie das Sucht-potential ein? 

Die körperliche Abhängigkeit von Cannabis halte ich für relativ ge- ring. Und ich denke, es ist auch kein so großes Problem, psychisch von dieser Substanz loszukommen. Das Schwierigere ist, von einem süchtigen Verhalten loszukommen.  Also, bestimmte Rituale am Tag durchzuführen, und das gehört zum Tag dazu, wie die Frühstückszigarette nach dem Frühstück. 

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Patientenstudien mit Cannabis. Wie bewerten Sie die medizinische Wirksamkeit von Cannabis?

Das kann man so generell nicht sagen, sondern man muss die un- terschiedlichen Einsatzgebiete unterscheiden. Da gibt es die Indika- tion Schmerz, wo keine saubere Studie die Langzeitwirksamkeit dieser Substanz eindeutig nachweist. Wir haben eine klinische Studie aus Hannover, die eine Wirksamkeit für 7 Tage nachweist. Aber das nutzt mir bei chronischem Schmerz relativ wenig. Da muss man schon Studien haben, die über ein halbes Jahr, ein Jahr oder zwei Jahre gehen, um mir da ein Bild zu verschaffen. Als zweites Problem kommt hinzu, dass Cannabisprodukte, diesen Studien zufolge, in den eingesetzten Mengen etwa so stark wirken wie drei Hustenbonbons mit Codein. Und diese schwache Wirkung wird erkauft mit einem doch relativ hohen Anteil an Nebenwirkungen.

Welche? 

Es gibt sicherlich eine Konzentrationsschwäche, eine Euphorisierung und bei langfristiger Anwendung auch ein Gefühl der Gleichgültigkeit, und das ist sicherlich auch der Grund, warum das langfristig für einen Patienten nicht gut ist.

Sie erwähnten drei Einsatzgebiete für Cannabis. Wie sehen die Studien bei den anderen aus? 

Die zweite Indikation ist Multiple Sklerose und Spastik. Eine Auswer- tung aller Studien dazu sagt, dass auch hier die Wirkung nicht stark ist. Und dass die Abbrüche aufgrund der Nebenwirkungen häufig sind. Und die dritte Indikation ist Übelkeit und Erbrechen. Hier gibt es einige Hinweise, dass Cannabisprodukte da den normalen Medika- menten überlegen sein könnten, aber auch bei hohen Abbruch- und Nebenwirkungsraten. Auch hier gibt es also keinen zwingenden Grund, Cannabis einzusetzen.

Nun gibt es aber doch viele Patienten, die auf Cannabis schwören und sich vor Gericht das Recht erkämpfen, sich damit zu therapieren.
Ich korrigiere: Es gibt eine kleine Zahl von Patienten, bei denen viele Medikamente nicht wirken, und bei denen Cannabis wirkt. Das hängt aber oft damit zusammen, dass sie schon Erfahrungen mit Haschisch haben und den beruhigenden Effekt schätzen.

Sie sagten schon, die meisten Cannabis-Studien sind zu kurz ang- elegt.  Außerdem sind die Patientenzahlen oft sehr klein. Wie be- werten Sie sonst die Qualität der Studien mit Cannabis?

Sie müssten sauberer sein. Das ist bei vielen Medikamenten so, die aus dem eher alternativen Bereich kommen, dass da Studien gemacht werden, die methodisch so schwach sind, dass ich sie als Naturwissenschaftler nicht akzeptieren kann.

 

Prof. Michael Zenz


Wie würden Sie eine Studie konzipieren, damit die überzeugend ist? 

Das ist sehr schwierig in dem Bereich, weil alle Cannabis-Produkte mehr oder weniger psychische Nebenwirkungen haben, so dass der Patient das Cannabis-Präparat erkennt. Man müsste also eine Studie konzipieren, wo ich in der Placebogruppe dieselben Wirkun- gen  habe wie in der Verumgruppe. Das heißt, ich brauche einen Placebo, der Gleich- gültigkeit, Sedierung, Euphorie oder sonst irgendwas erzeugt, um überhaupt einen Vergleich zwischen den Präparaten zu haben. Und von diesen Studien gibt es noch nicht mal `ne Handvoll.

Häufig erklären sich Patienten mit Haschischerfahrung bereit, an Studien mit Cannabis teilzunehmen. Was halten Sie davon?

Die darf man nicht teilnehmen lassen! Sie wollen in der Regel dazu beitragen, Cannabis zu legalisieren und geben deshalb eine höhere Effektivität an. Außerdem unterstützt man damit ihr Suchtverhalten. Das wäre, als wenn ich einem Morphiumabhängigen eine Morphin- zahnpasta gebe.

Wenn Cannabis nur schwach schmerzstillend ist, warum sind so viele Patienten damit zufrieden?

Tatsächlich geht aus sehr vielen Literaturstellen hervor, dass die Pa- tienten sagen, „Ich fühle mich einfach gut“. Und beantworten die Frage, „wird der Schmerz weniger?“ mit „Ja“, weil sie meinen, ich fühle mich besser als mit allem, was ich vorher bekommen habe. Das ist dann aber nur das Glücksgefühl und keine spezifische analgetische Wirkung. Man muss also in Zukunft fragen, was hat sich wirklich geändert? Hat sich dein Gefühl geändert, oder hat sich wirklich der Schmerz geändert? Hat sich wirklich die Spastik geän- dert? Das kann man ja messen. Also, ich muss da etwas mehr ma- chen als nur Erfahrungsmedizin, ich muss da schon mit sauberen na- turwissenschaftlichen Methoden rangehen, ich muss versuchen, da naturwissenschaftliche Erfahrungen zu gewinnen. 

Wird Cannabis wohl letztendlich doch legalisiert? 

Wir haben in Deutschland eine relativ starke Pressure Group „Can- nabis in der Medizin“. Die Leute sollten sich aber erst einmal dafür einsetzen, saubere Studien zu machen, und dann können wir und drüber unterhalten, ob wir diese Substanz brauchen. Im Augenblick sehe ich dafür keine Notwendigkeit, weder in der Indikation Schmerz noch in der Indikation Spastik noch in der Indikation Übelkeit. 

Sehen Sie überhaupt einen medizinischen Bedarf für das Medikament Cannabis?

Wir haben ein völlig ausreichendes Alimentarium an Medikamenten, was wir im Augenblick viel zu wenig einsetzen. Ich sehe im Moment überhaupt keine Notwendigkeit, irgendwelche Substanzen aus der Schublade zu holen, bevor wir die alten Substanzen ausreichend einsetzen.

 

Mehr im Internet:
Prof. Michael Zenz
Überblick über Cannabis-Forschung
IACM-Information
Cannabis soll Hirntumore stoppen

 

 

 

Dr. Bettina Sauer

ist Apothekerin und studiert an der
FU Berlin Wissenschaftsjournalismus.

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 04 an der FU Berlin, Inst. f. Publizistik.

 

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