Reiterdarstellung auf einem goldenen
Siegelring (Vani, 4. Jh. v. Chr.)
Bilder: Georgisches Nationalmuseum
"Mehr als tausend Gründe wiegt des Goldes Macht", hörten im Frühjahr 431 Athens Theaterbesucher in einer neuen Tragödie des Dichters Euripides die Heldin Medea deklamieren. Die Faszination durch das glänzende Metall war allen im Publikum begreiflich, den Nachdenklicheren wird auch das Unbehagen in dieser Aussage nicht entgangen sein. Athen praktizierte seit zwei, drei Generationen eine Demokratie; man hatte die Erfahrung gemacht, dass in der Volksversammlung sachliche "Gründe", wie vernünftig auch immer, der Macht des Goldes manchmal nicht standzuhalten vermochten.
Euripides’ Heldin freilich, eine Königstochter und Zauberin, gehörte zu jenen, die Gold besaßen, und zwar reichlich. Ihre Heimat, so erzählte der Mythos, war Kolchis, das Land am Ostende des Schwarzen Meeres, das heute Georgien heißt, und Kolchis galt bei den alten Griechen geradezu sprichwörtlich als "goldreich". Dass das nicht etwa Dichtererfindung gewesen ist, können Berlin-Besucher zur Zeit in der Schatzkammer des Alten Museums am Lustgarten nachprüfen. Dort sind 83 prachtvolle Diademe, Ketten, Ohranhänger, Armbänder und Fingerringe zu bestaunen, die Archäologen aus einem Hügel im westgeorgischen Flachland, unweit der kleinen Stadt Vani, zu Tage gefördert haben.
Goldener Kopfschmuck mit Hirschen (Vani, 4. Jahrhundert v. Chr.)
Es handelt sich um Totenschmuck aus dem 5. und 4. Jahrhundert vor Christus, zeitlich also genau parallel zur griechischen Klassik. Unvorstellbar, dass lebende Menschen sich mit diesen Stücken behängt hätten: Der schwerste unter den Armreifen, erläutert der Katalog, wiegt volle 280 Gramm. Andernorts haben Grabräuber dergleichen Schätze längst ausgeräumt. Zum Glück pflegte der kolchische Adel die Gräber für seine Toten in den Felsen zu schlagen; später wurden sie mit Erde aufgefüllt, es blieben also kaum sichtbare Spuren.
Unser Eindruck von der kolchischen Kultur könnte lebendiger werden, wenn die Leihgeber des Nationalmuseums in Tiflis neben dem Goldschmuck noch das eine oder andere der übrigen Fundstücke mit nach Berlin geschickt hätten: Gefäße aus Silber oder Bronze sowie bemalte Vasen, die hier, wie auch sonst in der Alten Welt, eine Datierung der Gräber oft erst möglich machen. Nur zwei Statuetten aus Eisen und Bronze sind gekommen. Sie waren ebenso wie die menschlichen Leichname "bestattet" worden, und ebenso wie diese mit Goldschmuck ausgestattet. Die Archäologen rätseln noch über die Bedeutung des Rituals: Ging es um das Mysterium eines verstorbenen Gottes? oder waren Priester gemeint, die für die Toten beten sollten?
Polychromer Brustschmuck an Fibel (Vani, 5.-4. Jh. v. Chr.)
Die eigentliche Überraschung der Schau: Die goldenen Geschmeide sind nicht etwa importiert, schon gar nicht aus Griechenland, sie wurden in Kolchis gefertigt. Da hat der Medea-Mythos unser Bild vom alten Georgien offenbar gründlich verfälscht. Die Argonauten, erzählt die alte Geschichte, waren zu einem Raubzug nach Kolchis gekommen; Gegenstand des Begehrens war das "Goldene Vlies" (und der Anführer Jason nahm bei dieser Gelegenheit auch gleich die Prinzessin Medea als Frau mit). Dahinter stand vermutlich die Vorstellung, man brauche bloß dichtwollige Schafsfelle in die Flüsse vom Kaukasus zu halten, dann werde sich darin der Goldsand schon fangen.
Aber Kolchis war keineswegs nur Rohstofflieferant. Die Berliner Ausstellung bezeugt eine umfangreiche und qualitativ hochwertige Schmuckproduktion. Die Goldschmiedekünstler im antiken Georgien beherrschten eine wahrhaft sensationelle Detailarbeit: miniaturhaft gefertigte Lockenköpfe, Vogelfedern und Pferdemähne, filigrane Drähte und winzige Kügelchen, hauchdünne Durchbruchsarbeiten, goldene Troddelquasten, die man sich in dieser Feinheit kaum aus Textil vorstellen könnte. Keine Rede davon, betont Gertrud Platz von der Berliner Antikensammlung, die das Ausstellungsprojekt betreut hat, dass die Kolcher Vorbilder ihrer nördlichen Nachbarn, der Skythen, nachgeahmt hätten. Vergleichbar seien am ehesten iranische Werke, aber solche aus dem 4. Jahrhundert. Der Schmuck aus Kolchis ist großenteils Jahrzehnte älter.
Brustschmuck an Fibel (Detail)
Manche dieser Stücke wurden erst in den Grabungskampagnen von 2003 bis 2005 entdeckt. Georgien hat sie jetzt zum ersten Mal ins Ausland geschickt. Natürlich liegt darin auch ein Versuch des jungen Staates, der 1991 nach langen Jahrhunderten mongolischer, türkischer, russischer und sowjetischer Herrschaft seine Unabhängigkeit wiedererlangte, eine nationale Identität zu demonstrieren. "Das Königreich von Kolchis ist die Grundlage der georgischen Staatlichkeit", schreibt der Generaldirektor des Georgischen Nationalmuseums, David Lordkipanidze, in seinem Grußwort.
Und die georgische Kultur, heißt es im Grußwort weiter, war damals ein "untrennbarer Bestandteil der antiken Zivilisation", will sagen: ist heute in legitimer Bestandteil Europas. Durch den antiken Mythos hat sich Kolchis allerdings in der Hauptsache durch die schreckliche Rache der Medea an ihrem untreuen Ehemann Jason dem Gedächtnis eingeprägt: Die Zauberin ermordete die gemeinsamen Kinder, nachdem sie der verhassten Rivalin ein herrliches Kleid und ein kostbares Diadem geschickt hat. Als Jasons neue Verlobte die Geschenke anlegte, wurde sie vom Feuer verzehrt. Durch die Ausstellung in Berlin können wir uns jetzt vorstellen, was Euripides vielleicht vor Augen hatte, als er Medea ihr ererbtes Diadem für das verderbliche Geschenk bereit legen ließ: kein griechischer Schmuck aus kolchischem Gold, sondern original kolchischen Schmuck.
Eisenstatuette mit Gold- schmuck (Vani, 3. Jh.)
Goldarbeiten aus Griechenland, beteuert Schmuckexexpertin Gertrud Platz seien verglichen mit den Ausstellungsstücken aus Georgien "Osterhasenpapier". Es wird wohl ein Stück Ressentiment darin gewesen sein, wenn die Griechen solche goldreichen Länder wie Kolchis als "barbarisch" bezeichneten. Ihre ambivalente Sicht der Faszination durch das glänzende Metall haben die Griechen dem Abendland mitgegeben. Heinrich Heine besang in seiner Loreley eine späte, ebenso verderbenbringende Nachfahrin Medeas: "Die schönste Jungfrau sitzet dort oben wunderbar, ihr goldnes Geschmeide blitzet, sie kämmt ihr goldenes Haar. Sie kämmt es mit goldenem Kamme ..."
Ausstellung Medeas Gold. Neue Funde aus Georgien, Berlin, Altes Museum auf der Museumsinsel (in Zusammenarbeit mit dem Georgischen Nationalmuseum Tbilis) Bis 3. Juni 2007
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