Berlin, den 24.03.2019 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

22.03.2007 - KULTURGESCHICHTE

Götter unter Pseudonymen

Der Kulturwandel nach der Eroberung Mexikos

von Josef Tutsch

 
 

Maske des Gottes Xiuhtecuhtli

Als Hernán Cortés 1519 mit seinen beutehungrigen Kriegern in Mexiko eindrang, glaubten die Azteken, ihren "weißen Gott" vor sich zu haben, der ihnen vor Urzeiten seine Wiederkunft verheißen hatte, bevor er sich auf dem Atlantik einschiffte; dieser Irrtum lähmte ihre Widerstandskraft und bereitete der alten Kultur den Untergang. So ist es in Dutzenden romanhafter wie auch wissenschaftlicher Darstellungen von der Eroberung Mexikos zu lesen. Der Wiener Altamerikanist Werner Stenzel hat diesen Mythos gründlich destruiert. Wenn die Spanier als "Söhne der Sonne" bezeichnet wurden, dann war Stenzel zufolge gemeint, dass sie sich als Opfer für die Sonne eigneten – ähnlich wie einheimische Albinos, die, gleichsam als Missgeburten, bei Mondfinsternissen zur Besänftigung der Götter geopfert wurden. Erst ein, zwei Jahrzehnte nach der Eroberung machten die Spanier, von ihrem Erfolg wohl selbst überrascht, daraus einen "Mythos der Wiederkehr des weißen Gottes".

In unserem historischen Gedächtnis hat sich dieser Mythos festgesetzt, er gehört zum Grundbestand unseres "Wissens" vom Zeitalter der Entdeckungen und der Expansion Europas in die Welt. Kein Wunder – zum Beispiel William Prescotts klassisches Buch von 1843 über die Eroberung Mexikos ist als Zusammenschnitt der Quellen aus dem 16. Jahrhundert entstanden, wie es in dieser Phase der Geschichtsschreibung auch gar nicht vermeidbar war. Stenzel hat diese Quellen penibel neu unter die Lupe genommen, und in einer Reihe von Punkten gibt es Korrekturen. So entpuppt sich Cortés’ eigene Behauptung, der Aztekenkönig Montezuma (Stenzel nennt ihn wissenschaftlich korrekt "Motecuzoma") habe immer wieder versucht, die Seinen gegenüber den Spaniern freundlich zu stimmen und sei durch einen Steinwurf ums Leben gekommen, als Legende. Prescott hat diese Version wie so vieles andere gutgläubig übernommen; wahrscheinlich wurde Montezuma von den Spaniern mit einer Garotte stranguliert.

Hernän Cortés
Der Grund für die Legendenbildung liegt auf der Hand. Cortés wollte vor König Karl I. (in Mitteleuropa besser als Kaiser Karl V: bekannt) ein vorteilhaftes Bild abgeben, da hätte sich die Ermordung eines fremden Souveräns nicht gut gemacht. Die Selbststilisierung hatte ja auch Erfolg, Cortés triumphierte am spanischen Hof über seine Widersacher und gab nebenbei ganzen Generationen von Historikern die Züge seines eigenen Porträts vor. Stenzel kommt zu dem Schluss, dass es vor allem Cortés’ Fremdheit gegenüber der altamerikanischen Kultur war, die ihm den Erfolg sicherte. Während der Aztekenherrscher auf die Kriegskonventionen vertraute, die zwischen amerikanischen Völkern üblich waren, scherten sich die Konquistadoren nicht um dieses "Völkergewohnheitsrecht", wovon sie ja auch gar nichts wissen konnten.

Kriege im alten Amerika hatten begrenzte Ziele: den Gegner zu Tribut zu zwingen, und wurden mit begrenzten Mitteln geführt. Dagegen wandten die Spanier bei jedem Widerstand eine Taktik der verbrannten Erde an. Spätere Historiker behaupteten gern, die Indianer hätten die technologische Überlegenheit der Spanier initiativlos hingenommen. Stenzel widerspricht dem: Es ist sogar ein Fall belegt, wo gefangene Armbrustschützen nicht sofort geopfert, sondern zunächst gezwungen wurden, ihre Gegner in dieser Waffentechnik zu unterrichten. "Die technische Überlegenheit der Neuankömmlinge war für die Amerikaner keineswegs Grund zur Verzweiflung, sondern Grund für vermehrte Anstrengungen", stellt Stenzel fest.

Aztekischer Federschmuck, der Überie-
ferung nach von Montezuma getragen
Hinzu kam natürlich, dass die Spanier sich der inneramerikanischen Konflikte geschickt zu bedienen wussten. Die eine oder andere der bislang den Azteken unterlegenen Gruppen hatte wohl geglaubt, dieses scheinbar kleine wandernde Kriegsvolk für seine eigenen Zwecke einsetzen zu können. Stenzel referiert, dass in den ersten Jahren nach der Einnahme der Stadt Mexiko die Indianer dennoch erwarteten, die Spanier würden bald wieder abziehen. In den Quellen zeigt sich eine verwirrende Vielfalt von Reaktionen, als langsam bewusst wurde, dass die Eroberer nicht nur Gold erbeuten, sondern das Land auf Dauer beherrschen wollten.

Es gab Anfälle von Verzweiflung. Manche Orte entvölkerten sich, weil Cortés beim Durchmarsch alle Idole zerbrechen ließ. Die Indianer, ist zu lesen, "sagten weinend, dass sie nicht mehr zu leben verlangten, da ihre Götter tot seien". Cortés und die Franziskanermönche in seiner Begleitung redeten ihnen zu, sie sollten Christen werden, aber sie bestanden darauf, im Glauben ihrer Väter zu sterben. Ein andermal jedoch wird berichtet, dass ein Priester sein Idol, das man ins Feuer geworfen hatte, verbrennen sah und daraus den Schluss zog, es sei nur Trug; man möge ihn zum Christen machen. Es sind auch sonderbare Missverständnisse belegt, etwa dass die Patres, die ihn ihren Missionsstationen Knaben aus dem Adel christlich erziehen wollten, in den Verdacht gerieten, sie äßen gern Kinder.

Menschenopfer zu Ehren des Gottes
Huitzlipochtli
Stenzels Interesse gilt vor allem diesem "Kulturwandel", der sich in den ersten Jahrzehnten nach der Eroberung vollzog. Für die Analyse sind heutige Forscher auf die Prozessakten der Inquisition angewiesen. Das verengt allerdings den Blickwinkel auf jene Indianer, die bereits in dieser frühen Phase getauft wurden. "Nichtchristen", referiert Stenzel, "wurden von der Inquisition ohne weiteres als solche zur Kenntnis genommen und korrekt behandelt." Im Vergleich mit dem spanischen Mutterland scheint die Inquisition auch mit den Neubekehrten in der Kolonie eher milde vorgegangen zu sein. Die meiste Mühe bereiteten den Missionaren die altamerikanischen Vorstellungen von Ehe und Familie Die Adligen wollten sich in ihr altes Recht, mehrere Frauen zu heiraten, oft aus der Familie der eigenen Mutter, nicht dreinreden lassen.

Dagegen konnte die neue Herrschaft die blutigen Menschenopfer, die – an Zahl sicherlich stark übertrieben – unser Bild von der präkolumbianischen Kultur bis heute bestimmen, rasch unterbinden. Stenzel zitiert jedoch Quellen, das die mildere Sitte, sich selbst bei den Festen Blut abzuzapfen, nunmehr zu Ehren der katholischen Heiligen praktiziert wurde. Der Franziskanermissionar Bernardino de Sahagún bemerkte klarsichtig, dass die alten Götter unter den Namen Santa María oder San Juan Battista weiter verehrt würden. Man kann den Vorgang auch umgekehrt ansehen: Die Mönche versuchten, in die gewohnten Festveranstaltungen christliche Inhalte einzuführen. Der Einstieg in das Christentum, resümiert der Wiener Altamerikanist, erfolgte für die meisten Indianer über das Zeremonienwesen der katholischen Kirche, etwa durch eindrucksvolle Darstellungen vom Weltuntergang oder phantasievolle Szenen aus der biblischen Geschichte.

Mexiko heute: die
Virgén de Guadalupe
Wie die Indianer sich beide Traditionen zusammengedacht haben, ist manchmal noch nachzuvollziehen. So wird an einer Stelle der berühmten Handschrift "Cantares mexicanos" die Geburt der heiligen Maria mit Schild und Schellen dargestellt – ganz wie in den Jahrhunderten zuvor die Geburt des Gottes Huitzlipochtli. Offenbar sind da die wunderbare Schwängerung von Huitzlipochtlis Mutter einerseits, die Dogmen von Jesu Zeugung durch den heiligen Geist und von der erbsündelosen Empfängnis Mariens ineinander geflossen. Stenzel spricht von einer "Hybridreligion", unterlässt es jedoch, dieses "kortesische" oder nachkortesische Mexiko mit anderen historischen Phänomenen zu vergleichen. Da könnten nicht nur Hellenismus und Spätantike von Interesse sein, für deren Religiosität sich der Ausdruck "Synkretismus" eingebürgert hat, sondern andererseits auch die Begegnung Nordamerikas mit englischen, protestantischen Missionaren, die sorgsamer als ihre katholischen, spanischen Konkurrenten jeden "hybriden" Anschein zu vermeiden suchten.

Stenzel betont, dass dieser Kulturwandel sich allein auf der Ebene der Volkskultur abspielte. Der Adel ergab sich binnen weniger Jahre in das Schicksal der Assimilation, in der Hauptsache offenbar aufgrund der schlichten Tatsache, dass mit dem Wegfall von Kriegen und Menschenopfern auch die Karrierewege für den Nachwuchs entfallen waren. Es gab immer wieder einzelne Aufstände, aber – und das muss Vertreter einer streng ökonomistischen Geschichtsdeutung verblüffen – die indianische Bevölkerung setzte mehr Kreativität darein,  die importierte Kultur und Religion ihren eigenen Traditionen anzupassen. Oft, gewinnt man den Eindruck, wurde das Kreuz als neues, nunmehr von den Machthabern propagiertes Idol den alten Idolen einfach hinzugefügt. Es ist allerdings auch ein Fall belegt, wo Rückkehrern zur alten Religion Kopf und Brust rituell gewaschen wurden, um das heilige Öl der Taufe symbolisch zu entfernen. Man kann sich vorstellen, dass diese Anti-Symbolik von den kirchlichen Behörden scharf verfolgt wurde.


Neu auf dem Büchermarkt:
Werner Stenzel: Das kortesische Mexiko. Die Eroberung Mexikos und der folgende Kulturwandel,
Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2006 (ISBN 3-631-55208-4), 51,50 €



Mehr im Internet:
Geschichte Mexikos
scienzz artikel Amerika

 

 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet