Geist, Sprache, Geschichte, Kultur, was auch immer
Ein Ministerium und sein aktuelles Wissenschaftsjahr
von Josef Tutsch
2007 ist das "Jahr der Geisteswissenschaften“. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung wurde kritisiert, weil nach sieben naturwissenschaftlichen Einzeldisziplinen nun eine ganze Fächergruppe in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken soll. Ein großer Sack also; der Sinn der Übung tritt vermutlich erst später zu Tage: In den nächsten zehn oder zwölf Jahren braucht das Ministerium kein Jahr der Germanistik oder der Geschichte oder der Theaterwissenschaft oder der Soziologie auszurufen, das ganze Spektrum wurde doch schon 2007 abgefeiert. Vielleicht schlimmer noch: Der Inhalt des großen Sacks bleibt im Vagen. Was gehört hinein und was nicht und warum jeweils? Im Wissenschaftsbetrieb selbst wird längst nicht derart selbstverständlich von den "Geisteswissenschaften“ gesprochen und geschrieben wie jetzt in den Publikationen aus dem Hause Schavan. Also: Was ist das überhaupt, die "Geisteswissenschaften“?
Das Ministerium hat sich in einer Definition versucht: "Die Geisteswissenschaften leben aus dem Wort. Sprache ist die stärkste Klammer, die die Geisteswissenschaften zusammenhält. Sprache ist die unverzichtbare Basis jeder Art von Denken. Sprache ist Rede, aber auch Mimik und Gestik, Musik und Tanz. Die Geisteswissenschaften definieren sich mit und über Sprache.“ Die Werbebroschüre trägt, durchaus konsequent, den Titel "ABC der Menschheit“, von A wie "Aufklärung“ bis Z wie Zukunft. Unterstellt man gutwillig, dass das nicht alles von einer Werbefirma entworfen wurde, läuft es auf eine umfassende Zeichentheorie hinaus. Dann wäre weiter zu fragen, wie sich dieses Zeichensystem "Sprache“, einschließlich Tanz, von anderen Zeichensystemen unterscheidet, zum Beispiel von der Mathematik und von den Verhaltenssignalen im Tierreich.
Vorlesungsbetrieb heute
Vielleicht ist aber auch alles viel schlichter gedacht, eher an das Arbeitsinstrumentarium der Wissenschaften als an ihren Gegenstand. Die Welt der Wissenschaft hätte danach zwei Teile: Die Naturwissenschaften, die in der Hauptsache mit Mathematik arbeiten, und die Geisteswissenschaften, die mit Sprache hantieren, in einem sehr weiten Sinne. Man fragt nach dieser Logik, wo eine so stark mathematisierte Disziplin wie die Volkswirtschaftslehre einzuordnen ist. Das Selbstverständnis der "Geisteswissenschaften“, wenn man so global sagen darf, wird seit ihrer Entstehung im 18., 19. Jahrhundert durch die prinzipielle Frage beunruhigt, ob solche Mathematisierung das Ideal aller Wissenschaften darstellen muss. Zweifellos hat sie vielen Naturwissenschaften ein hohes Maß an Präzision beschert. Dagegen gelten die Geisteswissenschaften spätestens seit den 1950er Jahren, als der englische Physiker C. P. Snow die Parole von den "zwei Kulturen“ aufbrachte, vielen Kritikern nicht als "richtige“ Wissenschaften, sondern als illegitime Kinder des Wissenschaftssystems mit der Literatur.
Sonderbar, wie leichthin das umfangreiche Material aus dem Ministerium diese Fundamentalkritik an den Geisteswissenschaften beiseite lässt. Aber es ist zweifellos richtig, was da gelegentlich einmal bemerkt wird: "Die Geisteswissenschaften rechtfertigen ihre Existenz am besten, wenn sie gute und interessante Forschung betreiben.“ Weniger gut, ist im Umkehrschluss zu folgern, durch Wissenschaftstheorie und noch weniger gut durch Public-relations-Aktionen. Aber vielleicht hilft dieses Wissenschaftsjahr dennoch. Der zweite Vorwurf, der sich gegen die Geisteswissenschaften im populären Bewusstsein festgesetzt hat, scheint den Experten im Ministerium immerhin Grund zur Beunruhigung gegeben zu haben: Anders als die Naturwissenschaften hätten sie keinen "Nutzen“.
In der British Library, London
Fremdsprachen kann dieser Vorwurf nicht treffen, ein Fach wie Jurisprudenz vermutlich auch nicht. Aber Ministerin Annette Schavan geht das Problem grundsätzlich an, in einer höchstpersönlichen Stellungnahme zum Wissenschaftsjahr, vielleicht hat sie ganz aktuell an Disziplinen wie Islamwissenschaft gedacht: "Die Geisteswissenschaften können Brücken schlagen zwischen den Kulturen, Herkunften, Weltanschauungen, Identitäten und Bekenntnissen, die unsere Gesellschaft prägen. Gerade dieser Abstand zur direkten Verwertung macht ihre Stärke aus.“ Wäre interessant zu wissen, was Physiker oder Biologen hierzu sagen. Definieren sich diese Wissenschaften aus der "direkten“, nämlich technischen oder medizinischen, "Verwertung“?
Gemeint ist wohl: Bei den Naturwissenschaften sei die Möglichkeit einer Anwendung der Regelfall, bei den Geisteswissenschaften könne man das so generell nicht wissen. Bleibt natürlich das menschliche Grundbedürfnis der Neugier, mittelalterliche Theologen reihten sie in ihre Lasterkataloge ein. Das Ministerium gibt sich einige rhetorische Mühe, wenn schon nicht den Nutzen, so doch den Sinn der Geisteswissenschaften zu umschreiben. "Die Geisteswissenschaften bilden die Wirklichkeit ab und gestalten sie auf ihre Weise. Die Geisteswissenschaften sind eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, diese Sätze eingestellt zwischen ein Bild der Pyramiden von Gizeh aus dem 3. Jahrtausend vor Christus und der Pyramide im Innenhof des Louvre aus dem 20. Jahrhundert nach Christus.
In der Abguss-Sammlung antiker Plastik der Freien Universität Berlin
Das ist einfallsreich, soviel muss man den Urhebern lassen. Inhaltlich lassen diese Passagen ahnen, dass mit der Betonung des Stichworts "Sprache“ wohl doch kein eigenes wissenschaftstheoretisches Paradigma verkündet werden soll. Der Bezug zu Wilhelm Diltheys "Kritik der historischen Vernunft“ ist deutlich. Andererseits bleibt erstaunlich, dass Anfang des 21. Jahrhunderts ein "Jahr des Geisteswissenschaften“ ausgerufen werden kann, ohne aktuelle Diskussionen im Wissenschaftsbetrieb selbst zur Kenntnis zu nehmen. Heute versuchen viele Forscher, ihre Wissenschaft vom Begriff der "Kultur“ her (nach dem Vorbild der englischen cultural studies) zu denken. Das gesamte Spektrum der "Geisteswissenschaften“ unter diesem Aspekt zu definieren und zu organisieren, wird aber wohl ebenso wenig möglich sein, wie es von Diltheys Idee der Geschichte oder von Hegels Begriff des objektiven und des absoluten Geistes her möglich gewesen ist.
"Je moderner die moderne Welt wird“, zitiert Schavan den Philosophen Odo Marquard, "desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften“. Wahrscheinlich hat die Ministerin – oder ihr Textlieferant – Marquard sogar gelesen. Schavan fährt fort: "Die Fortschritte in der Medizin oder in der Gentechnologie etwa machen heute Eingriffe in das Leben des Menschen möglich, deren Reichweite früher unvorstellbar war.“ Marquard erläutert seine These: "Die – durch die experimentellen Wissenschaften vorangetriebene Modernisierung verursacht lebensweltliche Verluste, zu deren Kompensation die Geisteswissenschaften beitragen.“ Nochmals Schavan: "Die Untersuchung der Folgen und gegebenenfalls die Kritik dieser Veränderungen am Bild des Menschen fallen ebenfalls in den Bereich der Geisteswissenschaften. Sie befragen das Selbstverständnis des Menschen, und indem sie das tun, gestalten sie es auch mit.“
Moderne Arbeitstechniken auch hier
Ob der Ministerin – oder irgendeinem ihrer Mitarbeiter – aufgefallen ist, dass ein paar Seiten später Marquards Kollege Ernst Tugendhat eine gerade entgegengesetzte Position vertritt? "Die zentrale Bedeutung, die die Geisteswissenschaften für die Moderne haben, besteht nicht darin, dass sie die Moderne kompensieren, sondern dass sie sie vollziehen: moderne Kultur ist wissenschaftlich reflektierte Kultur.“ Offenkundig wollen Marquard und Tugendhat auf dasselbe hinaus, auf eine Legitimation der Geisteswissenschaften, aber sie beide wollen diese Legitimation auf ganz verschiedene Weise. Nicht dass von Ministerien zu verlangen wäre, sie müssten sich diese oder jene Position zu eigen machen. Aber es bleibt doch der Eindruck, dass die Urheber dieses Jahres der Geisteswissenschaften ihr Thema nicht ganz durchdacht haben. Und die vielen, vielen Zitate, die da schmückend oder begründend, wie auch immer, eingesetzt sind, von Protagoras bis Albert Schweitzer, von Goethe bis Franka Potente, erst recht nicht.
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.
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Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
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03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
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17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr