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30.4.2011 - ETHNOLOGIE

Gestohlene Bäume, ersteigerte Mädchen und Sprünge übers Feuer

Bräuche um den 1. Mai

von Josef Tutsch

 
 

Maibaum in Hausen (Frankfurt
am Main) - Bild: Hubert Fräch/
Wikipedia

Ja ja, die Bräuche unserer Vorfahren ... "Aus uralten, aber niemals völlig erloschenen Empfindungen und Erinnerungen" heraus, war 1892 in der "Neuen Zeit", dem theoretischen Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie, zu lesen, sei "die Wahl des proletarischen Feiertags auf den 1. Mai" gefallen und deshalb das Proletariat aufgerufen, den "Maitag der Vorzeit auf höherer und weiterer Stufenleiter zu erneuern". In Deutschland wie in anderen europäischen Ländern war die Schwärmerei von der vorchristlichen Kultur der Germanen oder Kelten oder Römer, je nachdem, im 19. Jahrhundert zu einem Bestandteil des nationalen Selbstverständnisses geworden.

Und da wurde nicht zuletzt der Monat Mai mythologisch und naturmystisch aufgeladen. 1882 wurde in Bochum eine beinahe schon vergessene Sitte wieder eingeführt. Die Junggesellen der Stadt zogen in einen nahe gelegenen Wald, hieben dort einen Baum um und nahmen ihn mit in die Stadt, wo er feierlich aufgestellt wurde. "Eine augenscheinliche Erinnerung an die altheidnische Maifeier", schrieb begeistert die Presse, beinah als wäre sie auch vor zweitausend Jahren schon dabei gewesen, "an den im Sinnbild des Maibaums dem Waldversteck wieder entrissenen und Lenz und Liebe mit seiner Wiederkehr neu entfachenden Wotan."

Psychologisch geschulten Brauchtumsforschern fiel es leicht, im Maibaum ein Phallussymbol zu erkennen, vergleichbar den steinzeitlichen Menhiren, den ägyptischen Obelisken, den Triumphsäulen der römischen Imperatoren und natürlich den heiligen Bäumen der Germanen. Konkrete Zusammenhänge mit vorchristlichen Bräuchen ließen sich jedoch niemals nachweisen. Historisch zweifelsfrei ist das Aufstellen von Maibäumen, wie wir sie heute kennen, nicht vor dem 15. und 16. Jahrhundert belegt, zunächst in Österreich, Bayern, Franken und Schwaben. 

Ob da wirklich über ein Jahrtausend hinweg altgermanische Bräuche fortgelebt haben? Näher liegt die Vermutung, dass die steinernen Zeugnisse, mit denen die Städte des Mittelalters ihre Freiheit von landesherrlicher Vorherrschaft demonstrierten, das Vorbild abgegeben haben: Säulen oder "Rolande" als stolze Zeichen der Wehrhaftigkeit und eines eigenen Gerichtswesens. In der Realität musste diese städtische Freiheit für die Gemeinden im Umland unerreichbar bleiben; gut vorstellbar, dass die Bewohner sich die Zeichen wenigstens andeutungsweise und vorübergehend beilegen wollten. Tatsächlich wurden in den Revolutionsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts Bäume aufgestellt, um der Befreiung von fürstlicher Willkür sichtbaren Ausdruck zu verleihen.

Im Fall Bochum lässt sich sogar klären, wie die Stadt zu ihrem "Zeichen" kam. "Seit undenklichen Jahren", heißt es in einer Quelle von 1790, "hatten die Bürger-Junggesellen das Recht, in einem eine Stunde weit von der Stadt gelegenen Walde den besten Baum einmal im Jahr zu wählen, welchen sie den Maibaum nannten. Sie hieben denselben um und brachten ihn in die Stadt." Dahinter stand ein altes Waldnutzungsrecht, von dem nur noch der symbolische eine Baum geblieben war. Ende des 18. Jahrhunderts war auch dieses Symbol schon in Frage gestellt; es gab einen langjährigen Rechtsstreit mit den Bauern, denen der Wald gehörte. 1845 einigte man sich darauf, das alte Recht durch eine einmalige Geldzahlung abzulösen. Eine Generation später wurde der alte Brauch wiederbelebt.

Maiumzug in Ochsenfurt am Main, 1930er
Jahren  - Bild: Paul Walde/Wikipedia

Aber warum hat es sich eingebürgert, die Bäume gerade zum 1. Mai aufzustellen? Diese Frage ist sogar recht eindeutig zu beantworten: Es war im alten Europa ein beliebter Geschäftstermin. Zu diesem Monatswechsel, also kurz bevor die Sommerarbeiten in der Landwirtschaft anstanden, verdingten sich Knechte und Mägde oft bei einem neuen Herrn. Den Markt zu Richmond in Friedrich von Flotows Oper "Martha", in der sich zwei vornehme Damen, zunächst aus purer Langeweile, als Mägde anbieten, darf man sich am 1. Mai vorstellen. Vielerorts wurden auch Zinsen und Mieten fällig. In Wuppertal führte dies noch im 19. Jahrhundert, wie einer sozialistischen Zeitung von 1846 zu entnehmen ist, zu einem "allgemeinen Wohnungswechsel" und damit zum "unruhigsten Tag des Jahres".

Bei "Unruhe" war vermutlich bloß an den Lärm auf den Straßen gedacht. Vorgänge wie in Berlin-Kreuzberg, wo heutzutage Jahr für Jahr zum 1. Mai einige hundert Menschen der Polizei eine Randale liefern, werden dem Journalisten kaum in den Sinn gekommen sein. Aber das sind Einzelphänomene. Zumindest in Mitteleuropa bleiben die Maikundgebungen der Gewerkschaften diszipliniert, und in Regionen, wo Bräuche rund um den Maibaum gepflegt werden, lässt der Schabernack gerade mal ahnen, dass der Gedanke einer vorübergehenden Aussetzung des gewohnten Regelwerks dahinter steht.

Vielerorts ist es für die jungen Burschen heute noch "Pflicht", den frisch aufgestellten Baum der Nachbargemeinde zu entwenden. Die Regularien würden ganze Gesetzbücher füllen – je nach örtlichem Brauch gehört es sich, den Baum nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang zu stehlen, nur auf dem Dorfplatz, nur solange er bereits geschmückt, aber noch nicht aufgestellt ist usw. usf. Wurde der Diebstahl vollendet, muss der Baum in Naturalien ausgelöst werden. Es wäre das schändlichste aller denkbaren Vergehen, gegen die Diebe womöglich die Polizei zu bemühen. Am Ende werden die Naturalien in einer Art Friedensschluss gemeinsam verzehrt.

Rituale, wie sie die Ethnologen überall auf der Welt in traditionellen Kulturen beobachtet haben, ohne dass man deshalb nach irgendwelchen Entlehnungen suchen müsste. In absolutistischer Zeit wurden sie den Fürsten zum Ärgernis. So erging 1718 in Sinzig am Rhein eine Verordnung, die das "Herumvagieren unverheirateter Söhne und Knechte" in der Mainacht untersagte. Im Dritten Reich versuchten die Machthaber gerade umgekehrt, solche Bräuche, die sie gern auf die alten Germanen zurückführten, von oben herab zu organisieren. Aus einer Dissertation von 1936: "Das Verdienst des Nationalsozialismus und seiner Kulturträger ist es, die durch eine gewisse Brauchmüdigkeit, durch Verstädterung, Verbote, Unkosten und politische Tendenzgebung hervorgerufene Abnahme und teilweise Entstellung des Maifestes erneuert und in das recht Glied gewiesen zu haben."

Als besonders verwerflich galt bei den Obrigkeiten des 18. Jahrhunderts das sogenannte "Mailehen". Wie das abging, berichtete der Bonner Professor Gottfried Kinkel 1840 aus Altenahr – alle Verbote in den Generationen zuvor waren fruchtlos geblieben: "Am Vorabend versammeln sich alle Jungen des Dorfes unter der Linde oder vor der Kirchentür, ein gewählter Schöfte bietet nun die sämtlichen Mädchen aus. Das schönste zuerst, und der Reichste trägt sie meist davon, wo nicht eine besondere Herzensneigung zu großen Geldopfern anspornt. So gehen in absteigender Linie alle Mädchen ab."

Walpurgisnachtfeuer 2010 im Mauerpark
in Berlin-Prenzlauerberg
Bild: mauerpark.info
Die "Maifrauen" mussten sich "ihren" Junggesellen als Partner in der Öffentlichkeit verpflichten, bis zur Ernte im Herbst oder wenigstens bis Ende Mai. Ein Spiel mit dem Feuer; aber die Sittenaufsicht war recht streng. Aus der Ersteigerung folgte zwar ein Recht auf feste Besuchstermine in den folgenden Wochen; doch "zwischen dem Freier und seiner Erwählten war wenigstens ein Stuhl breit Abstand" zu halten. Bis in die jüngste Zeit wurde in manchen rheinischen Dörfern eine "Maipolizei" eingesetzt, die darüber wachen sollte, dass niemand in die durch Versteigerung erworbenen "Rechte" anderer eingriff, zum Beispiel beim Anbringen kleiner Birken am Haus der Schönen. Manchmal revanchierten sich die Verschmähten mit Tannen- oder Kirschbäumchen, sogenannten "Schandmaien", die das Mädchen hinsichtlich seiner Tugend in Verdacht bringen sollten. 

Brauchtum, das in dieser Form wohl nur aufkommen konnte, weil die Kirche den 1. Mai niemals mit einem hohen Festtag belegt hat. Das Römische Messbuch verzeichnete früher die Apostel Philippus und Jakobus und die heilige Walburga, seit 1955 – anknüpfend an die Arbeiterbewegung – den Festtag des hl. Joseph des Arbeiters. Zu dem nächtlichen Brauchtum freilich, das sich mit der Nacht zuvor verbindet, ist die Äbtissin Walburga oder Walpurgis, die im 8. Jahrhundert lebte, gekommen wie die Jungfrau zum Kinde.

Der Ursprung dieser Walpurgisnacht ist noch rätselhafter als jener des Maibaums. Schon im 17. Jahrhundert wurde behauptet, in dem nächtlichen Treiben lebe ein altes, vorchristliches Ritual fort. Auf dem Blocksberg oder Brocken im Harz, so 1668 der Schriftsteller Johann Praetorius, würden "jährlich am 1. Mai in der Walpurgnisnacht die Unholde aus ganz Deutschland Hexenfahrt und Zaubersabbat anstellen".

Nicht der Hexenglaube, wohl aber die Phantasie von solchen Riten überstand auch die Aufklärung. 1799 fand sie Eingang in die große Literatur, in Goethes Ballade "Die erste Walpurgisnacht", die davon erzählt, wie heidnische Druiden nach der Christianisierung des Landes auf dem unzugänglichen Gebirge des Harzes, grauslich vermummt, ihre alten Bräuche weiterpflegen: "Diese dumpfen Pfaffenchristen, lasst uns keck sie überlisten! Mit dem Teufel, den sie fabeln, wollen wir sie selbst erschrecken." Eine poetische Phantasie; aber in jenen Jahrzehnten, nachdem die Sitten durch Reformation und Gegenreformation strenger geworden waren, gab es Vergleichbares tatsächlich. Etwa auf den sogenannten "Tanzbödeli" in den Schweizer Alpen trafen sich die jungen Leute heimlich zu Musik- und Tanzvergnügen, die unter dem calvinistischen Kirchenregiment streng verboten waren.

In seinem "Faust I" hat Goethe sogar einen ganzen Hexensabbat auf die Bühne gebracht: "Die Hexen zu dem Brocken ziehn ... So geht es über Stein und Stock, es farzt die Hexe, es stinkt der Bock." Nicht nur am Brocken, auch zum Beispiel an den Externsteinen im Teutoburger Wald sind in der Gegenwart solche Walpurgisnächte wiederbelebt worden. Eine Attraktion für Touristen, als spielerische Kompensation für die Nüchternheit der modernen Gesellschaft, aber die Grenzen sind fließend. Manche "neuheidnischen" Gemeinschaften sehen darin ganz ernsthaft eine Auferstehung uralter germanischer oder keltischer Bräuche, gleich ob mit dem Maifeuer nun böse Geister vertrieben oder gute Götter beschworen werden sollen. Eher scherzhaft dient das Feuer auch zu magischen Zwecken. So ist es in einigen Gegenden üblich, dass Verliebte gemeinsam über das herunter gebrannte Feuer springen. Und wer weiß, vielleicht hilft der Maisprung ja wirklich dazu, die Liebe dauerhaft zu machen.


Mehr im Internet:
Maibaum - Wikipedia
Walpurgisnacht - Wikipedia
scienzz artikel Rund um den Mai


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

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