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29.04.2009 - ETHNOLOGIE
Umgehauene Bäume und ersteigerte Mädchen
Ein Blick auf altes Brauchtum am Tag der Arbeit
von Josef Tutsch
 | | | | | Wie praktisch für die Brauchtumshistoriker, dass der Tag der Arbeit erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde! So besteht kein Zweifel, warum die Arbeiterbewegung als Termin gerade den 1. Mai gewählt hat. Im Osten der USA war das der "Moving Day", an diesem Tag pflegte man den Arbeitsplatz zu wechseln und oft auch die Wohnung.
Als Tag für den Arbeiterprotest schien der 1. Mai um so mehr geeignet, als ihn die Kirche nicht mit einem hohen Fest belegt hatte. Der rein profane Moving Day lässt sich bis ins alte Europa zurückverfolgen, als Termin des Gesindewechsels, wo Mägde und Knechte sich bei einem neuen Herrn verdingten. Szenen wie den Markt zu Richmond in Friedrich von Flotows Oper "Martha", wo zwei vornehme Damen sich, zunächst aus purer Langeweile, als Mägde anbieten, darf man sich am 1. Mai vorstellen.
Kein Grund also, von alten religiösen oder gar germanischen Ursprüngen dieses Tags der Arbeit zu munkeln – sollte man jedenfalls meinen, aber die Feuilletons schon der 1890er Jahre wollte es anders. Ähnlich wie beim christlichen Osterfest bis heute manchmal eine germanische Göttin Ostara mit ihren heiligen Tier, dem Hasen, durch die Artikel geistert, wurde auch der 1. Mai mythologisch und mystisch aufgeladen. Da wollte die Arbeiterpresse, mit der allumfassenden Geschichtsphilosophie eines Karl Marx im Hintergrund, der bürgerlichen Bildungswelt nicht nachstehen. "Aus uralten, aber niemals völlig erloschenen Empfindungen und Erinnerungen heraus", war 1892 in der "Neuen Zeit", dem theoretischen Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie zu lesen, sei "die Wahl des proletarischen Feiertags auf den ersten Mai" gefallen und deshalb das Proletariat aufgerufen, den "Maitag der Vorzeit auf höherer und weiterer Stufenleiter zu erneuern".
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Allegorische Darstellung auf den internationalen Tag der Arbeit, 1892
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Wie im Fall Ostern haben die Volkskundler viel Tinte vergossen, um die Anknüpfung des Arbeiterfestes an "altvolkstümliche Frühlingsbräuche" dingfest zu machen. Erfolg hatten sie noch am ehesten beim "Moving Day", wie er zum Beispiel aus Wuppertal gut bezeugt ist, einer Region früher Industrialisierung. Der 1. Mai, hieß es dort bereits in den 1840er Jahren, sei der "unruhigste Tag des Jahres". Altem Brauch zufolge waren an diesem Tag die Zinsen fällig, auch die Mietzinsen. "Der Hausherr dringt unbarmherzig auf Bezahlung", schrieb eine sozialistische Zeitschrift 1846: "Welch ein Lärmen und Rennen heute in allen Straßen der Stadt, welches Drängen der Möbel und Karren aller Art. Es ist heute allgemeiner Wohnungswechsel – und wiederum ist es nicht die Klasse der Besitzenden, sondern fast nur die ärmere Klasse, welche aus ihren bisherigen Spelunken in andere zieht; man erkennt das leicht an dem schlechten Hausgerät aller Art, das oft nicht einmal soviel wert zu sein scheint, dass es von einem Haus zum anderen geschleppt wird."
Für die Betroffenen, meint der Volkskundler Gottfried Korff, wird dieses Ritual der Zurschaustellung auch entlastend gewesen sein: Es wurde offenbar, dass das Elend nicht unbedingt individuell verschuldet, vielmehr kollektiv verursacht war. In anderen Fällen ist der Zusammenhang eher vage, geht kaum darüber hinaus, dass am 1. Mai oder am Vorabend eben gefeiert wurde. Einen bis heute weit verbreiteten Brauch bezeugt eine Quelle aus dem alten Bochum, 1790: "Seit undenklichen Jahren hatten die Bürger-Junggesellen das Recht, in einem eine Stunde weit von der Stadt gelegenen Walde den besten Baum einmal im Jahr zu wählen, welchen sie den Maibaum nannten. Sie hieben denselben um, und brachten ihn in die Stadt ..." Da war von einem alten Waldnutzungsrecht nur noch der symbolische eine Baum übrig geblieben. Ende des 18. Jahrhunderts war auch dieses Symbol schon in Frage gestellt, es gab einen langjährigen Rechtsstreit mit den Bauern, denen der Wald gehörte. 1846 einigte man sich endlich darauf, das alte Recht durch eine einmalige Geldzahlung abzulösen. Der traditionelle Waldmarsch wurde erst Mitte der 1870er Jahre eingestellt, aber schon 1882 wieder eingeführt.
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Maibaum im Rheinland
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Und zwar "als eine augenscheinliche Erinnerung an die altheidnische Maifeier, an den im Sinnbild des Maibaums dem Waldversteck wieder entrissenen und Lenz und Liebe mit seiner Wiederkehr neu entfachenden Wodan". Dem vorgeblichen Stifter des Brauchs, Graf Engelbert III. von der Mark, wurde ein Denkmal gesetzt. Was ein Graf im hohen Mittelalter mit dem altgermanischen Göttervater im Sinn gehabt haben soll, bleibt rätselhaft. Das Ganze ist eine "Ersatzverzauberung", in Korffs nüchternem Resümee: "Man brauchte die Historisierung (oder vielmehr Mythisierung), um mit der Modernisierung der Gesellschaft fertig zu werden."
In Bochum war es Brauch, dass die jungen Leute den Baum "einem Vornehmen zum Geschenk machten und dafür ein besseres Gegengeschenk in Geld zur Verzehrung" erhielten. Ansonsten ist es bis heute üblich, den bunt geschmückten Maibaum im Ortszentrum aufzustellen, mythologische und sexualsymbolische Assoziationen inbegriffen. Die Regularien für den Wettbewerb, den die Jugend in vielen bayerischen Dörfern dabei veranstaltet, würden ganze Gesetzbücher füllen. Es gehört sich, den Maibaum der Nachbargemeinde zu entwenden – jedoch nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, nur auf dem Dorfplatz, nur solange der Baum schon geschmückt, aber noch nicht aufgestellt ist usw. usf.
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Kampf für den Acht-Stunden Tag, vor dem 1. Weltkrieg
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Versteht sich, dass Diebe und Bewacher durch die Festlichkeiten in ihren Aktionen oder Reaktionen behindert sind, ebenso dass der Baum nachher notfalls durch Bier wieder auszulösen ist. Eines ist ganz und gar verpönt: nämlich die Polizei einzuschalten. Mancherorts werden in dieser "Freinacht" Gegenstände, die in den Gärten herumliegen, eingesammelt und am nächsten Tag zurück-"verkauft", Fahrzeuge werden in Toilettenpapier eingewickelt. Eine Lizenz zu mehr oder weniger harmlosem Schabernack, wenngleich mit fließendem Übergang zum Vandalismus. Seit einigen Jahren ist in Berlin-Kreuzberg in der Nacht zum 1. Mai ein ganz und gar nicht harmloses Randalieren Brauch geworden.
Wie es ausschaut, wenn die Politik darangeht, solche identitätsstiftenden Bräuche von oben herab zu organisieren, ist am Dritten Reich zu sehen. Aus einer Dissertation von 1936: "Das Verdienst des Nationalsozialismus und seiner Kulturträger ist es, die durch eine gewisse Brauchmüdigkeit, durch Verstädterung, Verbote, Unkosten und politische Tendenzgebung hervorgerufene Abnahme und teilweise Entstellung des Maifestes erneuert und in das rechte Glied gewiesen zu haben." Das ging nicht bloß gegen die Arbeiterbewegung, deren Organisationen das Regime längst unterdrückt hatte, sondern – Stichwort "Verbote" – auch gegen frühere Obrigkeiten. So wurde 1718 in Sinzig am Rhein das "Herumvagieren unverheirateter Söhne und Knechte" in der Mainacht untersagt.
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1. Mai Wien 1919
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Besonders verwerflich fand die Verwaltung des Kurfürstentums Köln das sogenannte "Mailehn". Alle Erlasse blieben erfolglos; noch in den 1840er Jahren berichtete der Bonner Professor Gottfried Kinkel aus Altenahr: "Am Vorabend versammeln sich alle Jungen des Dorfes unter der Linde oder vor der Kirchentür, ein gewählter Schöffe bietet nun die sämtlichen Mädchen aus. Das schönste zuerst, und der Reichste trägt sie meist davon, wo nicht eine besondere Herzensneigung zu großen Geldopfern anspornt. So gehen in absteigender Linie alle Mädchen ab. Von dem einkommenden Geld werden die Musikanten für den Takt bezahlt und der Überschuss verbraucht, um die Maifrauen – so heißen die angesteigerten Mädchen – mit Wein und Speisen zu bewirten."
Die "Maifrauen" mussten sich "ihren" Junggesellen als Partner in der Öffentlichkeit verpflichten, bis zur Ernte im Herbst oder wenigstens bis Ende Mai. Im Einzelfall wird sich daraus auch eine Ehe entwickelt haben; es ist jedoch zweifelhaft, ob mit dieser Sitte ein Ventil für sonst unterdrückte Frühlingsgefühle geöffnet wurde. Aus der Ersteigerung folgte zwar ein Recht auf feste Besuchstermine in den folgenden Wochen, aber "zwischen dem Freier und seiner Erwählten war wenigstens ein Stuhl breit Abstand" zu halten. Die Sittenaufsicht in den Dörfern muss sehr streng gewesen sein. Kinkel: "Kommt im Laufe des Jahres ein Mädchen zu Fall oder zeigt sich, dass sie schon beim Maifest ihr Kränzlein eingebüßt hatte, so wird die Dorflinde ‚gescheuert’, das heißt der Rasen oder das Pflaster um diese aufgebrochen und erneuert."
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1. Mai Berlin 1935
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Als Sinn dieses Brauchtums vermutet Korff, dass die Junggesellenschaft eines Dorfes kollektiv ihr "Recht" auf die jungen Mädchen proklamierte, genauer: den Ausschluss Dorffremder von einer Einheirat. In vielen deutschen Regionen, so auch im Rheinland, wurde der Besitz auf alle Erben gleichmäßig aufgeteilt, das bedeutete bei wachsender Bevölkerung, dass die landwirtschaftlichen Flächen sich zersplitterten – dem war am ehesten durch Heirat innerhalb des Verwandtenkreises zu begegnen. Neben dem Maibaum des ganzen Dorfes kommen denn auch Bäume oder Zweige für einzelne heiratsfähige Mädchen vor, die ebenfalls – oft noch nach dem Zweiten Weltkrieg – von den Junggesellen gemeinsam aufgestellt wurden.
Da verwundert nicht, dass es neben diesen "Maien" auch die "Schandmaien" gegeben hat, Tannen- oder Kirschbäumchen, die "gefallenen" Mädchen vor die Tür gestellt wurden. Früher sah die Wissenschaft in dergleichen Phänomenen den Rest uralter, womöglich vorchristlicher Kultur. Dabei ist nicht einmal ausgemacht, dass solche bäuerlichen oder dörflichen Bräuche wirklich im Bauerntum ihren Ursprung haben. Der Volkskundler Hans Moser ist zu dem Schluss gekommen, dass sie aus den städtischen Zünften und dem Adel importiert wurden, und zwar erst im späten Mittelalter. Es war ein Aberglaube der Romantik und des 19. Jahrhunderts, der bis heute fortwirkt (und heute offenbar auch noch), dass im Bauerntum die Vorzeit irgendwie weiterlebe.
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Walpurgisnacht-Treiben am Harz
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Beim Maibrauchtum wurde dieser Aberglaube noch durch den Umstand begünstigt, dass die kirchliche Obrigkeit kein Interesse gezeigt hat, den Termin ihrerseits religiös zu prägen Dieses Fest knüpft an keinen kirchlichen Feiertag an", hat der schwedische Religionshistoriker Martin Persson Nilsson festgestellt, "es war von Beginn an profan." . Erst 1955, lange nach Einführung des Feiertags der Arbeiterschaft, versuchte Papst Pius XII., mit dem Fest des hl. Joseph – der Ziehvater Jesu wird in der Bibel als Bauhandwerker bezeichnet – der Kirche Boden zurückzugewinnen.
Und die heilige Walpurga, eine Äbtissin aus dem 8. Jahrhundert, deren Gedenktag früher am 1. Mai begangen wurde, war niemals populär genug, um ein großes Fest zu tragen. Und schon gar nicht populär genug, um dem Volksglauben, der sich in dieser Nacht vom 30. April auf den 1. Mai um Hexentanz und Teufelskult rankt, mehr aufzuprägen als bloß den Namen "Walpurgisnacht". Immerhin – Goethes "Faust", Szene "Walpurgisnacht", spielt gerade in diesen Stunden. "Bedenkt: der Berg ist heute zaubertoll, und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll, so müsst Ihrs so genau nicht nehmen." An diese Anweisung pflegen sich viele Fans der Walpurgisnacht zu halten. Das Internet bietet allein in deutscher Sprache mehr als 22.000 Artikel, die sich mit einem vorchristlichen, genauer: keltischen Ursprung des "Hexenfestes" befassen. Brauchtumshistoriker zucken dazu mit den Achseln: Wissenschaftlich nachweisbar ist hier gar nichts.
Mehr auf dem Büchermarkt: Gottfried Korff: "Heraus zum 1. Mai". Maibrauch zwischen Volkskultur, bürgerlicher Folklore und Arbeiterbewegung, in: Volkskultur. Zur Wiederentdeckung des vergessenen Alltags, herausgegeben von Richard van Dülmen und Norbert Schindler, Frankfurt am Main 1984
Mehr im Internet: Walpurgisnacht und Vatertag, scienzz 30.04.2008 Maibrauchtum
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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