Die sieben Freien Künste - Rückblick auf eine verschüttete Bildungstradition
von Josef Tutsch
Die Grammatik mit der Rute
(aus dem Heidelberger
Codex Manesse, um 1300)
Jahr der Physik, Jahr der Technik, Jahr der Geisteswissenschaften, Jahr der Mathematik, und wenn alle Fächer oder Fächergruppen, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung eines solchen Jahres für würdig erachtet, an der Reihe waren, geht es vermutlich wieder von vorn los, ganz als ob es immer so sein müsste und immer so gewesen wäre. Vor 900 Jahren, als in Italien und Frankreich die ersten Universitäten entstanden, hätten sich Professoren und Scholaren über diesen Fächerreigen sehr gewundert. Es gab nur drei Disziplinen, die im strengen Sinn als "wissenschaftlich" angesehen wurden: Medizin und Jurisprudenz und an erster Stelle die Theologie. Alles andere gehörte entweder zu den praktischen, mechanischen, handwerklichen Fertigkeiten oder zu den "freien Künsten", den "artes liberales".
Ein Wort, mit dem unsere Gegenwart nichts mehr anfangen kann. Studenten werden erst darauf gestoßen, wenn sie im Examen den Titel eines Baccalaureus oder Magister Artium erwerben, inzwischen in der anglisierten Form Bachelor oder Master of Arts. Vom Wortsinn her sind die Absolventen vieler geistes- und naturwissenschaftlicher Studiengänge also "Künstler" – Relikt einer versunkenen Wissenschaftskultur, in der die Philosophische Fakultät den Namen "Artistenfakultät" tragen konnte. In der späten Antike hatte sich ein Kanon von sieben solcher freien Künste ausgebildet, die Ruhr-Universität Bochum versuchte im letzten Sommer diese verschüttete Tradition in einer Ringvorlesung aufzuarbeiten.
Darstellung der Arithmetik
Herausgekommen sind zwei Reihen von Momentaufnahmen: Sieben Disziplinen in der Antike, ihre sieben Nachfolgedisziplinen, wie man vielleicht sagen darf, heute. Wohl aus Zeitgründen musste die Verbindung im Mittelalter und in der frühen Neuzeit unbeachtet bleiben, es fehlt auch eine Darstellung, wie gerade diese Siebenzahl zustande kam und sich Jahrhunderte lang halten konnte, es fehlt erst recht eine Reflexion über das Verständnis von "Wissenschaften" oder "Künsten", das dahinter stand. Hand aufs Herz: Wer von uns hat die sieben Künste am Schnürchen? Und zwar in der "richtigen", durch didaktische Zwänge vorgegebenen Reihenfolge?
Also: Am Anfang stand der sogenannte "Dreiweg" (Trivium) mit Grammatik, Rhetorik und Logik, sozusagen als eine Grundschule des Sprechens (auf Latein, wie sich versteht), des Argumentierens und des Denkens. Den zweiten Teil bildete der "Vierweg" (Quadrivium) mit mathematischen Disziplinen oder Disziplinen auf mathematischer Grundlage: Arithemetik, Geometrie, Musik und Astronomie. In der mittelalterlichen Universität waren die freien Künste als Propädeutikum für das "höher" wissenschaftliche Studium der Medizin oder des Rechts oder der Theologie gedacht, Studenten, die weniger wissenschaftlich interessiert waren, konnten sich auch mit dieser "niedrigeren" Bildung begnügen.
Cicero als Repräsentant der Rhetorik (Schöner Brunnen in Nürnberg)
In der mittelalterlichen Buchmalerei wurden die Künste dann gern als Frauen personifiziert, die jeweils das geeignete Instrument in der Hand halten, die Grammatik etwa eine Rute (für jene Schüler, die ihre Mundart oder Volkssprache nicht ablegen wollten) und die Geometrie einen Zirkel. Ein Jahrtausend lang gern gelesen wurde das Lehrgedicht des Martianus Capella "Von der Hochzeit Merkurs und der Philologie" aus dem 4. Jahrhundert nach Christus, wo die Künste als Brautjungfern auf und ihr Lehrwissen als Hochzeitsgaben präsentieren. Dass es gerade sieben sind, steht seit dem 1. Jahrhundert nach Christus fest. Zuvor hatten manche Autoren noch die Medizin und die Architektur in diesem Zusammenhang geführt.
Ohne Schwierigkeiten wiedererkennen würden Schüler von heute, in eine antike Unterrichtsstunde versetzt, wohl nur drei Fächer: einerseits natürlich die Grammatik, andererseits Arithmetik und Geometrie. Lateinschüler, wohlgemerkt, würden die Grammatik wiedererkennen, Studenten ihre sprachwissenschaftlichen Fächer dagegen nicht; denn antike Grammatik war, wie der Bochumer Latinist Raphael Dammer in seiner Vorlesung erläutert, Einübung in die Gewohnheiten der Sprachgemeinschaft, also nicht das, was wir heute eine "Wissenschaft" nennen würden. Und da diese Gewohnheiten an den herausragenden Werken von Homer bis Vergil eingeübt wurden, war Grammatik nebenbei auch Literaturkunde.
Darstellung der Musik (in der Kathedrale von Burgos)
"Wer in der Geometrie nicht bewandert ist, der trete nicht ein", soll Platon über das Portal seiner Akademie gesetzt haben. Alexander Kleinlogel, Professor für Klassische Philologie an der Universität Bochum, relativiert die berühmte Anekdote. Unter Platons Zeitgenossen, stellt Kleinlogel dar, war der überragende Bildungswert der Geometrie keineswegs unumstritten, Platons eigene Wertschätzung basierte auf theologischen Voraussetzungen: "Gott treibt immer Geometrie." Das würde mancher Mathematiker von heute ganz persönlich vielleicht auch so sehen, aber sicherlich nicht von seinem Lehrstuhl her verkünden.
Enge Verwandtschaft mit heutiger Wissenschaft zeigte auch die antike Astronomie. "In Griechenland treffen wir erstmalig auf ein im modernen Sinne genuin wissenschaftliches Interesse an den Himmelsphänomenen", sagt der Bochumer Gräzist Thomas Paulsen, auch wenn sich das praktische Interesse (nicht nur am Kalender, sondern mehr noch an der Astrologie) immer wieder vordrängte. Musik: Die gehört nach unserem Verständnis gar nicht in den Wissenschaftskanon. Aber es ging um Musiktheorie, Kenntnis zum Beispiel der Tonarten auch als Grundlage für eigene musische Betätigung. Die "freien Künste" waren ein Kanon der Allgemeinbildung, ein Kursus jener Kenntnisse und Fertigkeiten, die ein "freier Mann" beherrschen sollte. Und da ging es nicht um lebenspraktische Zwänge, sondern um "Freizeitkünste".
Die Philologie als Zusammen- fassung der freien Künste (Herrad von Landsberg, Garten der Wonnen, um 1180)
Es wäre ein anderes Thema zu verfolgen, wie sich aus diesem Bildungskanon über die Jahrhunderte hinweg dennoch das heutige Wissenschaftssystem entwickelt hat. Die größte Verwandlung machte seit dem hohen Mittelalter die Logik oder Dialektik durch. Ursprünglich war sie bloß eine Lehre des "logisch" richtigen Schließens, mit der Zeit nahm sie alle Fragen der theoretischen und der praktischen Philosophie in sich auf, am Ende wurden daraus, in Verbindung mit den wissenschaftlich zunächst "höher" gewerteten Fakultäten der Medizin und der Jurisprudenz, die modernen Naturwissenschaften einerseits, die Geistes- und Sozialwissenschaften andererseits. Nur das Fach Logik selbst ist dabei untergegangen, die Universitäten kennen es heute als Spezialisierung für Philosophen und Mathematiker.
Bleibt schließlich die Rhetorik, die Kunst der Rede. Sie ist uns fremd geworden, und der Gedanke, dass sie etwas mit Wissenschaft zu tun haben könnte, erst recht. Bereits Platon brandmarkte im Kampf gegen seinen Konkurrenten Isokrates die Rhetorik als moralisch verwerfliche Manipulation. Der Bochumer Gräzist Bernd Effe hat die Polemik zwischen beiden ausführlich analysiert und auch den Trick aufgezeigt, mit dem Platon es im Dialog "Gorgias" schafft, dass der Vertreter der Rhetorik dem Repräsentanten der Philosophie, Sokrates, im Streit unterliegt: Gorgias traut sich nicht (oder eher: Platon unterschiebt ihm das), zum rein formalen Charakter seiner Kunst zu stehen, und räumt statt dessen ein, der Redner müsse über das Gute und Gerechte wirklich Bescheid wissen.
Das System der sieben freien Künste (Herrad vonLandsberg, Garten der Wonnen, um 1180)
Von daher ist Platons Anspruch folgerichtig: Rhetorik kann nur eine lächerliche und schädliche Pseudo-Wissenschaft sein, wahre Rhetorik ist die Philosophie Und Platons Wertung hat sich durchgesetzt. Das Todesurteil über die Rhetorik sprach Immanuel Kant: Die Rednerkunst als "Kunst, sich der Schwächen der Menschen zu seinen Absichten zu bedienen", sei "gar keiner Achtung würdig". Streift man den Schleier der Phraseologie – einschließlich der Berufung auf das Humboldtsche Bildungsideal in den akademischen Sonntagsreden – beiseite, schaut die Erfolgsbilanz aber ganz anders aus. Effe: "Wenn zum Beispiel die heutige Bildungspolitik darauf insistiert, dass schulische und auch akademische Wissensvermittlung anwendungs- und berufsbezogen zu erfolgen habe, dann steht dies in der Tradition des isokrateischen (also rhetorischen) Bildungskonzepts."
Ganz so strikt anwendungs- und berufsbezogen wird Rhetorik aber wohl doch nicht gewesen sein, weder im Konzept der mittelalterlichen freien Künste für den "Gentleman", wenn man so sagen darf, noch bei Isokrates selbst. Im antiken Athen war Rhetorik nicht zuletzt die Kunst des freien Bürgers, seine Position in der Volksversammlung gegen konkurrierende Ansprüche durchzusetzen. Ein Reflex davon findet sich noch in dem, was heute in den USA "liberal arts" heißt: Studiengänge, die mit ihrem breiten Spektrum von Mathematik über Literatur und Soziologie bis zur Musik keinen Beruf vorbereiten, sondern der Allgemeinbildung und der Ausdrucksfähigkeit dienen sollen. Vor einigen Jahren ergab eine Studie, dass nur drei Prozent aller College-Absolventen einen Abschluss in liberal arts vorweisen können. Bei den Führungskräften in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft liegt der Anteil drei- oder fünfmal so hoch.
Neu auf dem Büchermarkt: Die Sieben freien Künste in Antike und Gegenwart, herausgegeben von Reinhold F. Glei, Wissenschaftlicher Verlag Trier (ISBN 978-3-88476-872-3)
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