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25.04.2007 - SOZIALWISSENSCHAFT

Asymmetrischer Krieg der Zeichen

Der säkulare Staat zwischen den Weltreligionen

von Josef Tutsch

 
 

Zeichen wofür? Burka,
der in manchen islami-
schen Ländern übliche
Ganzkörperschleier

Das ist starker Tobak. Der "säkulare Charakter" des Nahostkonflikts, sagt der Historiker Moshe Zimmermann von der Hebräischen Universität Jerusalem, habe sich als Illusion erwiesen. "Man befindet sich gegenwärtig in der Region mitten drin in einem Religionskrieg, in einem heiligen Krieg, einerseits Dschihad, andererseits Milchemet mitswah genannt." Die angeblich säkularisierten, "aufgeklärten" Gesellschaften – "sowohl die palästinensische als auch die israelische" – hätten sich "in Religionsgemeinschaften mit klaren fundamentalistischen Zügen" verwandelt. "Gegeneinander, nicht miteinander, nicht einmal nebeneinander, weil der Anspruch auf ein Religions- bzw. Kulturmonopol im Vordergrund steht."

Die Welt ist wohl längst nicht so säkular geworden, wie wir in Mittel- und Westeuropa das gern glauben. Aber den Geistes- und Sozialwissenschaftlern, die sich an der Universität Bonn zu einer Forschungsgruppe über "Interaktion von Religion, Politik und Kultur", mit prominenten Gästen wie Zimmermann aus Jerusalem, zusammengetan haben, geht es gar nicht speziell um den Nahostkonflikt. Der "Krieg der Zeichen?", so haben die Bonner ihr Projekt – mit Fragezeichen – betitelt, ist Alltag auch hierzulande, das zeigen die Diskussionen der letzten Jahren über das Kreuz in den Schulklassen und das Tuch auf dem Lehrerinnenkopf. Das provokante Wort "Krieg" stellt klar, dass die Interaktion nicht unbedingt freundlich-friedlich verlaufen muss, das Fragezeichen deutet an, dass keine historischen Zwangsläufigkeiten – Stichwort "clash of civilizations" – gepredigt werden. 

Das Kreuz der katholischen
Weltjugendtage

Das Brisante an dem Bonner Ansatz ist aber der Begriff der "Zeichen". Natürlich geht es nicht um ein Gegeneinander von Christentum, Judentum und Islam, sondern mindestens um ein Viereckverhältnis dieser großen Religionen mit dem säkularen Staat. Der evangelische Theologe Michael Meyer-Blanck, einer der Projektleiter,  betont, "dass Bedeutungen nicht in den Zeichen als solchen von vornherein feststehend vorliegen, sondern dass Bedeutungen erst in mehrschichtigen Zuschreibungsprozessen entstehen", symbolische Welten werden also kulturell konstruiert und rekonstruiert. Seine Folgerung: "Der Streit um Kruzifix und Kopftuch muss grundlegend entkrampft und von der Ebene des Prinzipienstreits in einen situativen Diskurs und Streit überführt werden."

Wissenschaftstheoretisch steht, wie Meyer-Blanck und sein Fakultätskollege Görge H. Hasselhoff erläutern, das Konzept des "symbolischen Interaktionismus" dahinter, das seit den 1930er Jahren von dem amerikanischen Soziologen Herbert Blumer formuliert wurde: Bedeutungen entstehen durch soziale Interaktion und werden in Interaktionsprozessen verändert. Das soll von idealistischen Systemen abendländischer Tradition abrücken, in denen "symbolische Zusammenhänge als eigenständig wirkende ‚geistige’ Realitäten" gesehen wurden. Ob sich damit die Antithese idealistischer und materialistischer Ansätze wirklich überwinden lässt, bleibt aber doch die Frage. "Zeichen" meint, wenn das Wort Sinn haben soll, offenbar ein Oberflächenphänomen. Gibt es etwas "Tieferes" dahinter, wenn ja, worum handelt es sich "eigentlich"? Und wenn nein, welche Konsequenzen hat das für unser Bild von der Welt, vom Menschen, von der Wissenschaft?

Die jüdische Menora als Sieger-
beute (Titusbogen in Rom)
 

Zweifellos gelingt es den Bonner Wissenschaftlern, Streitigkeiten wie die um Kreuz und Kopftuch auf diese Weise plausibel zu rekonstruieren. So macht Meyer-Blanck darauf aufmerksam, dass die Verfassungsrichter 1993 beim Urteil zum Kreuz in den Schulen sozusagen überkreuz argumentierten: Die liberal oder sozialdemokratisch orientierten Richter sahen im Kreuz ein Bekenntniszeichen und wollten es deshalb in der Schule nicht akzeptieren, für die christlich-demokratischen war es bloß ein Ausdruck abendländischer Kultur und somit akzeptabel. "Beide Meinungen standen einander aufgrund einer Art subjektiver Plausibilität gegeneinander, ohne dass man sich so oder so durch empirische Untersuchungen hätte verunsichern lassen", rügt Meyer-Blanck die Debatte damals. Es bleibt aber die Frage, ob den Richtern – oder auch dem Gesetzgeber –  mit diesen Hinweisen zur Wissenschaftstheorie eigentlich weitergeholfen wird. Meyer-Blanck stellt nicht klar, wie sich aus dem Prozess der Interaktion heraus zu verlässlichen, weil allgemein geltenden Regeln kommen lässt.

Aktuelle Einsichten, im Sinne von Tagespolitik, könnte der Beitrag des Bonner Kirchenhistorikers Wolfgang Kinzig über die "Götter der Politiker" versprechen, profan gesprochen: über den weltanschaulichen Hinter- oder Untergrund, aus dem heraus deutsche Spitzenpolitiker Politik machen. Ein spannendes Thema, Kinzig hat eine Menge biographischer Details zusammengetragen, von den Aktivitäten des kleinen Gerhard Schröder beim Christlichen Verein Junger Männer bis zum Kommentar Angela Merkels, betreffend die Wahl Papst Benedikts XVI. (als "Christin, die aus dem Land kommt, von dem die Reformation ausging", freue sie sich "ganz persönlich als Protestantin" über die Wahl eines deutschen Papstes, weil darin "auch ein Signal an die Ökumene" liegen könne).

"Krieg der Zeichen"

Trotz aller Realienfülle bleiben die Konturen erstaunlich vage, bei Merkel etwas weniger als bei Schröder oder Fischer, bei Stoiber noch etwas weniger, dennoch – es stellt sich die verblüffende Erkenntnis ein, dass die biographische Methode hier nicht sonderlich weit trägt. Das kann kein Vorwurf an den Forscher sein, liegt eher an dem Material, in dem die individuelle Prägung bereits mit der jeweiligen Parteiideologie (oder auch Parteikultur) ineins verflossen ist. Ein bemerkenswertes Detail immerhin hat Kinzig in der Biographie Joschka Fischers ausgegraben. Durch die islamische Revolution im Iran, schrieb der spätere Bundesaußenminister 1979 in der Zeitschrift "Pflaster-Strand", seien, "für meine linke Revolutionstheorie fast umstürzend", "die Religion und das Heilige" in sein Leben eingetreten".

"Grundsätzlich jedoch", meint Kinzig mit leichtem Bedauern, "redet Fischer über Glaubenfragen wenig"; der Forscher schließt an die Spitzenpolitiker die "kritische Frage an, ob die Berufung auf aufklärerische Traditionen allein ausreicht, zumal wenn man es mit Staaten zu tun hat, in denen die Religion selbstverständlicher Bestandteil der Politik ist". Kurzum: Der "Krieg der Zeichen", wenn man denn von Krieg reden will, ist ein "asymmetrischer Krieg". Man könnte die Metaphorik noch ein Stück weiter treiben: Wo für Christentum, Judentum und Islam das Kreuz, der Davidstern oder die Menorah und die Mondsichel (oder auch das Kopftuch) stehen, steht für den säkularen Staat das Beharren darauf, dass die Wand leer (und der Kopf möglicherweise unbedeckt) bleiben müsse. "Neuere empirische Studien", vermerken Meyer-Blanck und Hasselhoff, "deuten darauf hin, dass das Christentum in Deutschland schwächere Auswirkungen auf Wert- und Politikvorstellungen seiner Angehörigen hat als der Islam auf die seinen."

Das islamische Glaubensbekenntnis auf
der Flagge von Saudi-Arabien

Dass sie das erst durch "neuere Studien" begriffen hätten, mag man den Forschern aber schwerlich abnehmen, sie hätten es bereits bei Feuerbach oder Nietzsche oder Max Weber nachlesen können. Udo Di Fabio, Rechtswissenschaftler in Bonn und Mitglied des Bundesverfassungsgerichts, fasst das Phänomen des modernen (vielleicht muss man einschränken: westlichen) Europa in die doppelte Frage: "Wie viel Religion erträgt die freie Gesellschaft?" und "Mit wie wenig Religion vermag sie zu überleben?" Sein Vorgänger am Bundesverfassungsgericht, Ernst-Wolfgang Böckenförde, hat seit Jahrzehnten immer wieder darauf hingewiesen, die freiheitliche Demokratie basiere auf weltanschaulichen Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren könne.

Di Fabio selbst plädiert dafür, "dass der Glaube der Menschen an Gott von einer reflexiv aufgeklärten Verfassung nicht etwa nur hingenommen, sondern als gesellschaftliche Kraft erwartet" werden müsse. Ein Lösungsweg scheint darin aber nicht aufgewiesen. Es ist ja nicht auszuschließen, dass irgendwann einmal in der Konkurrenz verschiedener Standpunkte all jene Weltanschauungen, die von "Gott" reden, miteinander in der Minderheit sein könnten. Für diesen Fall glaubt Di Fabio wohl, ganz wörtlich, den Teufel an die Wand malen zu müssen: "Der Aufstieg der Götter eines ungezügelten Vergnügens und des übersteigerten Wohllebens als letzte Werte war in der Geschichte regelmäßig ein Wendezeichen des Niedergangs ..." Wirklich bedrohlich, wie ein Reflex islamistischer Prognosen vom säkularen Abendland, liest sich die Fortsetzung: "... aber auch ein Nährboden für neue oder alte religiöse Weltdeutungen."

Vorzeichen des Untergangs? Aus dem
alten Rom

Lassen wir offen, inwieweit eine solche Aussage "wissenschaftlich" sein kann. Einen spannenden Einblick in aktuelle inner-islamische Diskussionen bietet der katholische Theologe Felix Körner mit seinem Artikel über zwei türkische Theologen der Gegenwart. Körner, Mitglied des Jesuitenordens, kommt zu dem Schluss, dass in der Auslegung des Korans bereits "ein hohes Maß an historisch-kritischem Denken" erreicht sei und dass dieses Vorgehen sich "aus dem Koran und aus der frühen islamischen Theologie" legitim begründen lasse. Aber natürlich wird am Ende nicht ausschlaggebend sein, wie ein Jesuit das beurteilt, sondern was die Gemeinschaft der Muslime selbst dazu sagt. Körner weiß natürlich, dass die Türkei einen Sonderfall darstellt. Die Theologen dort "haben von Staats wegen die Aufgabe, die öffentlich verordnete Aufklärung in den Islam einzuspeisen". Aufklärung von Staats wegen, eine heikle Sache, wie man aus drei Jahrhunderten abendländischer Geschichte weiß.

Dass auch zwischen den Gläubigen einerseits, wissenschaftlichen Beobachtern Interaktion und Kommunikation schwierig sein können, zeigt der Beitrag des Bonner Kultursoziologen Justin Stagl. "Jede der großen Weltreligionen lässt sich grob gesprochen in einen Kern- und einen Randbereich aufgliedern. Den Kernbereich bildet eine wohlorganisierte, gedanklich durchgeformte, sozial integrierte Glaubensgemeinschaft ..." Da stutzt der Leser. Soziologisch kann man das so sehen, aber für die Frommen – aller Religionen, vermutlich –  ist der "Kern" doch vielmehr eine bestimmte Botschaft. Dann schafft aber auch Stagl diese Kurve: Identitätsstiftendes Prinzip der Glaubensgemeinschaft sei "eine auf einer besonderen transzendentalen Grunderfahrung beruhende Heilsbotschaft".

Ein religiöses Ritual? Fußball-Weltmei-
sterschaft 2006

Wissenschaftshistorisch sind auch solche Interaktionsprobleme leicht erklärlich. Stagl: "Hier möchte ich ein Betriebsgeheimnis der Soziologie ausplaudern: Sie ist eine Ersatzkirche. Ihr Begründer, August Comte, hatte die Soziologie zur Religion der Menschheit konstituiert, einschließlich eines Rituals, eines Katechismus, einer Hierarchie und mit sich selbst als Papst." Zum Glück für die moderne Wissenschaftskultur, darf man im Sinne des "symbolischen Interaktionismus" da anfügen, pflegen sich Bedeutungen im Interaktionsprozess zu verändern. Dieses "Betriebsgeheimnis" bietet Moshe Zimmermann jedoch den Ansatz für eine ironische Provokation: "Wenn die Soziologen ihre eigene Kirche haben, dann dürfen auch die Sportler ihre eigene Religion erfinden." Von Mitteleuropa aus kann man sich manche Konflikte, die da nahe liegen, auch im nominell säkularen Staat Israel, wohl schwer vorstellen. Am Sabbat Sport zu treiben, ist ein Verstoß gegen die religiösen Regeln. Der Israeli Zimmermann: "Problematisch ist aber nicht die ‚Religion des Sports’, diese Religion ist tolerant ... Das Problem ist eher die engstirnige Religion, die man Judentum nennt."


Neu auf dem Büchermarkt:
Krieg der Zeichen? Zur Interaktion von Religion, Politik und Kultur,
herausgegeben von Michael Meyer-Blanck und Görge K. Hasselhoff,
Ergon Verlag, Würzburg 2006 (ISBN –10:3-89913-490-7, -13:978-3-89914-490-2), 42,- €



Mehr im Internet:
Zur Diskussion um Gewalt und Religion, scienzz magazin 18.09.2006
Der Westen, Osteuropa und die Türkei, scienzz magazin 03.04.2006
Religiöse Werte in islamischen Printmedien, scienzz 02.03.2006
Weltreligion zwischen Tradition und Fortschritt, scienzz 22.11.2005

 

 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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