Ein Tag im Weltkulturerbe von Kalwaria Zebrzydowska
von Josef Tutsch
Passionsspiele in Kalwaria
Zebrzydowska
Eigentlich sollte man Kalwaria Zebrzydowska vor Ostern besuchen, zu den großen Passionsspielen an Gründonnerstag und Karfreitag. Aber wir wollen die Architektur dieser berühmten Wallfahrtsstätte in Südpolen, die vor ein paar Jahren von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde, in Ruhe anschauen. Durch eine Stiftung der wohlhabenden Familie Zebzrydowski entstand Anfang des 17. Jahrhunderts in der Hügellandschaft dreißig Kilometer südwestlich von Krakau eine Art polnisches Jerusalem, den originalen Stätten der Passionsgeschichte, wie sie in einem zeitgenössischen illustrierten Reisebericht beschrieben waren, so genau wie möglich nachgebaut.
Mit der Ruhe ist es freilich relativ. Der Nahverkehrszug von Krakau hat als Endstation Wadowice, den Geburtsort von Johannes Paul II. Die Fahrgäste werden auf Videoapparaten über das Leben des Papstes informiert, tatsächlich stellt sich heraus, dass nur eine winzige Minderheit "Jerusalem" zum Ziel hat, die große Menge strebt dem neuen Wallfahrtsort zu; besondere Attraktion, haben wir im Reiseführer gelesen, sei dort der Fußplatz, auf dem der kleine Karol kickte. Uns zieht es vom Bahnhof Kalwaria zwei Kilometer bergauf zum Kloster der Bernhardiner, so nennen sich nach dem heiligen Bernhard von Clairvaux hier die Zisterzienser.
Papststatue vor der Kirchenfassade
Vor der barocken Kirchenfassade steht wieder Er, überlebensgroß, in aufrechter Haltung, nicht etwa leidend gebückt, wie man ihn aus seinen letzten Jahren in Erinnerung hat, die Rechte zum Segen erhoben, in der Linken den Rosenkranz, zu Füßen Blumen und brennende Kerzen. Kirche und Vorplatz sind mit Fahnen geschmückt: weiß-rote für Polen, weiß-gelbe für den Heiligen Stuhl, weiß-blaue (genauer gesagt: himmelblaue) für die Jungfrau und Gottesmutter. Als Kunstfreunde würden wir gern die Kirche besichtigen; jedoch von drinnen wird gerade eine Messe übertragen; ein Aushang klärt auf, dass fast durchgehend Messe gelesen wird. Nicht weiter verwunderlich, unten auf dem Parkplatz stehen eine Menge Omnibusse.
Begeben wir uns also zunächst auf den Passionsweg, sechs Kilometer hügelauf und hügelab, haben wir im Kunstführer gelesen. Die erste Kapelle, sie ist dem Erzengel Raphael geweiht, dem Schutzpatron der Reisenden, findet sich gleich am Vorplatz; aber in welche Richtung dann? Die polnische Tourismusbehörde hat sich durch den Weltkulturerbe-Status nicht verpflichtet gefühlt, das Gelände gut auszuschildern. Zum Glück bietet der Buchladen des Klosters einen Lageplan. Auch darin sind die Erläuterungen allerdings spärlich; in Polen rechnet man wohl nicht mit einem säkularisierten, kirchlicher Traditionen entwöhnten Publikum.
Die Klosterkirche der Bernhardiner
Dennoch – schon zur topographischen Orientierung erweisen sich die 4 Zloty (umgerechnet etwa 1,20 €) als gute Geldanlage. Der Kirchenachse folgend, geht es zunächst abwärts ins Tal und dann auf den "Góra Oliwna" – offenbar der Ölberg – und durch "Jerozilima" hindurch nach "Golgota". Irgendwann wird dem Besucher auch klar, dass die Schilder "Drozki P.J." den richtigen Weg bezeichnen ("Drózki Pana Jezusa", "Herr-Jesus-Pfade", so das Faltblatt). Fast alle Kapellen haben außen an der Frontseite eine Kanzel für den Prediger oder Vorbeter. Leider sind die meisten heute mit Gittern im Eingang versperrt; durch das Sonnenlicht geblendet, vermag der Besucher auf den nachgedunkelten Altarbildern kaum etwas zu erkennen.
Kalwaria Zebrzydowska war längst nicht der einzige Ort in Mitteleuropa, an dem die katholische Gegenreformation versuchte, das Leben und Sterben Jesu derart szenisch nachvollziehbar zu machen; aber nur dort hat die Architektur die Jahrhunderte beinahe unbeschadet überdauert. Es handelt sich nicht um ein Museum großer Kunst: Auch die Barockmalerei hatte, wie soll man sagen, ihre "Naiven". Es ist auch kein religiöses Disneyland: Am Wege liegen immer wieder auch ganz normale, moderne Wohnhäuser, kaum zu sagen, ob die Passanten nun gerade Pilger oder Touristen oder ganz einfach Spaziergänger sind. Die Landschaft ist geschickt für die biblische Geschichte umgewidmet. Zwei Brücken führen über den Bach "Cedron", der den Ölberg von Jerusalem trennt. Und im Grundriss sind die Gebäude einfallsreich variiert: Der Hohepriester Hannas residiert in einem sechseckigen Haus, mit abwechselnd langen und kurzen Seiten, sein Kollege Kaiphas in einem elliptischen Haus.
Residenz des Statthalters Pontius Pilatus, vorn die heilige Stiege
Auf dem Balkon des römischen Statthalters Pontius Pilatus ist eine zentrale Szene in lebensgroßen Figuren dargestellt. Pilatus weist auf den gegeißelten Christus mit der Dornenkrone auf dem Haupt und sagt zur Menge: Seht, welch ein Mensch! Dieses Motiv ist auch in westlichen Ländern vertraut, ebenso wie die "heilige Stiege" vor dem Palast. Im deutschsprachigen Raum findet sich diese Szenerie zum Beispiel in Wien und in Bonn nachgebaut. Aber wahrscheinlich nur im südpolnischen Kalwaria steht einige hundert Meter davon entfernt eine Villa des galiläischen Fürst Herodes. In den Evangelien ist zu lesen, wie der Statthalter seinen Gefangenen, der aus Galiläa stammt, höflichkeitshalber an Herodes überstellt und der ihn ebenso höflich zu Pilatus zurückschickt. Da kann man ganz wörtlich nachfühlen, was "von Pontius zu Pilatus" bedeutet. Ob es im Polnischen eine ähnliche Redewendung gibt?
Vor uns liegt ein der beschwerlichste Teil des Wegs, der steile Aufstieg auf den Kreuzigungshügel. Dass Jesus unter dem schweren Holzkreuz dreimal zusammengebrochen sein soll – jedes Mal in einer eigenen Kapelle festgehalten – wird nachvollziehbar. Bei den Passionsspielen werden die Qualen, wie Augenzeugen berichten, denn auch in aller Drastik aufgeführt, zur Zeit der Gegenreformation vermutlich noch mehr als heute; Filmemacher Mel Gibson hätte seine helle Freude daran. Vielleicht haben die vielen Pilger, die uns entgegenkommen und deren Gesänge wir gelegentlich bereits hörten, ganz einfach die bequemere Richtung gewählt? Nicht doch, das Faltblatt aus dem Klosterladen gibt Auskunft: Umgekehrt zum "Herrn-Jesus-Pfad" führt, beim polnischen Publikum offenbar noch viel beliebter, ein zweiter Rundweg, der "Muttergottespfad".
Die Kapelle mit dem Grab der Muttergottes
Das ist der Grund, warum wir gleich zu Beginn auf dem Ölberg die Grabkirche der Muttergottes gesehen haben. Der merkwürdigste Bau dieses Muttergottespfades steht neben dem Sitz des Statthalters, eine Kapelle, wo die Schmerzen Mariens um ihren Sohn in Gemälden dargestellt sind. Ihr unregelmäßiger Grundriss, der ein wenig an späte Bauten von Le Corbusier erinnert, gibt Rätsel auf, bis der Name es wie Schuppen von den Augen fallen lässt: In der "Mariaherz-Kapelle" ist ein Herz nachgebildet – das Herz, durch das die Schmerzen wie Schwerter dringen. Maria ist für viele Polen so etwas wie ihr geheimes Staatsoberhaupt, der 15. August, das Fest Mariä Himmelfahrt, ein zweiter Nationalfeiertag.
Wir sind auf der Höhe von Golgatha angelangt. Die Kreuzigungskirche mit ihren auch künstlerisch beachtlichen Passionsgemälden ist der älteste Teil des ganzen Ensembles, auf den wenigen Metern bis zur Grabkapelle stehen die Pilger dicht gedrängt. In seinen polnischen Jahren muss Johannes Paul den Weg oft abgeschritten sein. Ob er auch 2002 als er zum letzten Mal in Kalwaria war, bis hierhin vorgedrungen ist? Ganz sicher nicht auf eigenen Füßen, aber auch dass jemand hier hinauf getragen wird, ist schwer vorstellbar. Zu dieser Form von Frömmigkeit gehört aber, dass sie anstrengend sein kann. Immerhin ist die alte Ablasspraxis heute weitgehend in Vergessenheit geraten: Durch das fromme Abschreiten eines solchen Pfades konnte ein Teil der zeitlichen Sündenstrafen im Fegefeuer nachgelassen werden.
Das Gnadenbild von Kalwaria Zebrzydowska
Wir gehen die kurze Strecke hinunter zum Kloster. Jetzt sind wir für die Kioske auf dem Kirchenvorplatz sogar dankbar: Außer dem geistlichen wie weltlichen Schnickschnack, wie er an solchen Orten unvermeidlich scheint, gibt es dort auch kleine Erfrischungen. In der Kirche wird wieder Messe gelesen, aus ein paar Sprachfetzen und den gregorianischen Melodien ist zu ersehen, dass sie dem Ende entgegengeht. Tatsächlich, das Glöckchen erklingt, die Wandlung wird vollzogen – und die Menge auf dem Kirchenvorplatz, die eben noch umherging oder essend und schwatzend dasaß, fällt auf die Knie. Da ahnt man etwas von der katholischen Substanz in diesem so religiösen, als Westeuropäer ist man versucht zu sagen: befremdlich religiösen, Land, von einer weltanschaulichen Kraft, die – was Fatalitäten in anderer Richtung ja nicht ausschließt – dem Sowjetkommunismus mit sein Ende bereitet hat.
Die Messe ist zu Ende; während die Teilnehmer noch hinauskommen, strömt die Menge von draußen bereits hinein. Der Beobachter ist von soviel Ungestüm verwirrt. Gilt das etwa der berühmten Kanzel und dem noch berühmteren Chorgestühl aus der Mitte des 17. Jahrhunderts? Aber nein, die Pilger zieht es in die Seitenkapelle, dort ist das Gnadenbild der Jungfrau mit Kind zu sehen, von der es heißt, dass sie gelegentlich Tränen vergieße. Es bleiben jedem nur ganz wenige Augenblicke im Angesicht der Madonna, bevor sie alle durch die Nachdrängenden zum Seitenausgang wieder hinaus geschoben werden.
Plolnische Briefmarke mit Papstporträt und Kirchenfassade von Kalwaria Zebrzydowska
Ganz ähnlich wie in Altötting, denkt der Leser vielleicht. Gegenüber dem polnischen Kalwaria sind westliche Wallfahrtsorte jedoch ein schwacher Abglanz. Ein Vers aus dem Alten Testament kommt in den Sinn: "Fürwahr, hier ist Gottes Haus und die Pforte des Himmels." Nun ja, man hat allerlei Theorien des religiösen Erlebens studiert, ganz gleich, ob man selbst sich nun, mit einem Ausdruck des Soziologen Max Weber, für "religiös unmusikalisch" hält oder nicht, ebenso gut wie allerlei Theorien der künstlerischen Produktion, und hat ebenso gelernt, dass diese Theorien perspektivisch und von begrenzter Reichweite sind. Aber in solchen Momenten wirkt das alles doch etwas blass und grau. Eine Einsicht will man auf jeden Fall aus Polen mit nach Hause nehmen: Die westeuropäische Aufklärung und Säkularisierung ist nicht das ganze Europa. Oder sollte man sagen: noch nicht?
Es geht wieder an den Verkaufsständen vorbei hinunter zum Bahnhof. Zurück nach Krakau, mehr zufällig, in einem Zug ohne Papstprogramm. Das gibt Gelegenheit, noch ein wenig in dem Faltblatt aus dem Kloster zu blättern. Was mag es eigentlich mit der "Kapelle des Juden Jephonias" gleich neben dem Mariengrab auf sich haben? Zu Hause, in der eigenen Bibliothek, schlagen wir nach. Zephonias, erzählt eine Legende, war Hoherpriester. Als Maria zu Grabe getragen wurde, streckte er seine Hand freventlich nach der Bahre aus, um sie zu Boden zu werfen. Da jedoch verdorrten plötzlich seine Hände und blieben mit großem Schmerz an der Bahre haften. Erst als Zephonias gegenüber dem Apostel Petrus seinen Glauben an Jesus Christus bekannte, kehrte ihm die Gesundheit wieder. Man wüsste zu gern, wie die Prediger damals, im 17. Jahrhundert, drei Jahrhunderte, bevor der Name des Ortes Auschwitz, gerade mal sechzig Kilometer von Kalwaria Zebrzydowska entfernt, in der Welt bekannt wurde, diese Geschichte ausgelegt haben.
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