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kultur

12.05.2007 - LITERATUR

Sinnliche Dämmware

Der etwas andere Literaturbetrieb recycelt Bücher zu Dämmmaterial

Benjamin Lummer

 
 

Weltliteratur dämmt besser

Wer stand beim Entrümpeln des Dachbodens nicht schon einmal vor der schwierigen Frage: Wohin nur mit all dem alten Kram, wohin nur mit Mickey-Maus Heften, mit Büchern aus längst vergangenen Kindheitstagen oder dem nie gelesenen Schuld und Sühne? Während sich für den Otto-Normal-Leser noch Second-Hand-Laden, Ebay oder diverse Antiquariate als Möglichkeit zur bequemen (teils auch gewinnbringenden) Entsorgung der stauraumfressenden Schmöker anbieten, steht die Buchindustrie vor einem vergleichsweise überdimensionalen Problem. Was passiert eigentlich mit jenen Büchern, die schon gedruckt sind, den Weg in den Handel, aber nicht in die Obhut eines liebevollen und wissbegierigen Lesers gefunden haben, also jenen Exemplaren, die sich als Ladenhüter am anderen Ende der Besteller-Listen wiederfinden? Verbrennen? Aus historischen Gründen nicht nur pietätlos sondern auch inakzeptabel. In die Altpapier-Sammlung wie FAZ, SZ oder Bild? Unmöglich, ein Buch ist schließlich keine ausgelesene Tageszeitung, sondern ein Schrifttum für die Ewigkeit. Also bliebe nur noch die Variante des Zerschredderns und wie-auch-immer sinnvollen Wiederverwendens.

Eine Firma in Dockweiler hat sich genau dieses zum Ziel gesetzt und entwickelt sich quasi zum Gegenpart einer Buchdruckerei. Der in den letzten Jahren gesunkene Preis für recyceltes Papier zwang die Besitzer des Betriebes nach alternativen Ideen für die Weiterverwendung von ausgedienten Büchern Ausschau zu halten. Dostojewski, Grass, Roth und Co werden seit einiger Zeit in den Werkshallen des Unternehmens zu winzigen Papierschnipseln zerhackt und zu einem wolleartigen Dämmmaterial verarbeitet. Der so gewonnene Isolationsstoff würde sich durch hervorragende Isolationseigenschaften und schadstoffarme Produktionsweise auszeichnen. Was hierzulande noch den Charakter eines Pilotprojektes trägt, ist in Kanada oder Skandinavien bereits eine weit verbreitete Methode zur Isolierung von Häusern.

Kulturgut Buch: Unverkaufte
Ware wird zum Problem für
Verleger
Der Clou an der Sache: Man nutzt ja nicht irgendein Isoliermaterial, nein der gemeine Häuslebauer holt sich mit dieser Dämmwolle geradezu das geballte und (wortwörtlich) konzentrierte Schrifttum in seine eigenen vier Wände. Zudem habe es sogar schon Anfragen nach themen- oder genre-spezifischem Isoliermaterial gegeben. Wie wäre es zum Beispiel mit aus Kinderbüchern gewonnener Dämmwolle für das Zimmer der lieben Kleinen? Oder vielleicht diverse kleingehackte erotischen Groschenromane für den elterlichen Schlafraum?

Imposanter Nebeneffekt: Nicht jeder kann behaupten, dass in seinem Haus Literatur nicht nur Regale vor der Wand füllt, sondern auch das Innenleben von Wänden, Dächern und Fußböden bereichert. Man stelle sich nur einmal vor: Habermas' gesammelte Werke in der Wohnzimmer-Wand - da weht ja geradezu ein Hauch von Philosophie durch den Raum. Leider zeugt eine derartig gedämmte Wohnung genauso wenig von literarischem Sachverstand wie ein eng-bestücktes Bücherregal - das Lesen obliegt immer noch dem Bewohner selbst.

Was für den neutralen Betrachter als sinnvolle Neuerung erscheint, ist für den Verfasser eines geschredderten Buches nur schwer erträglich. Mein Buch wird in mikroskopischen Einzelteilen in die Wände eines Gebäudes geblasen? Die zugegeben etwas abstrakte Vorstellung, dass des Autors ganzer Stolz damit zukünftig den Energieverbrauch eines Hauses senken und das Weltklima verbessern wird, trägt nur bedingt zur Trauerbewältigung bei.

Kassenschlager in Sachen
Dämmwolle

Dass sich aus Büchern gewonnene Dämmwolle zum Kassenschlager entwickeln könnte, liegt vermutlich nicht nur in dessen überzeugenden Isolationseigenschaften begründet. Nein, vielmehr leben die Seelen der Bücher angeblich in den Gemäuern von Häusern und Wohnungen weiter und inspirieren literaturliebende Bewohner. Damit wiederum lassen sich entsprechende Kundenwünsche noch besser befriedigen. Folgende Bestellung wurde kürzlich bei der Firma getätigt: "Ich würde gerne mein Arbeitszimmer mit ihrer Bücher-Dämmwolle isolieren. Zur Inspiration hätte ich gerne etwa 50 Prozent angereichertes Kritik-Potential à la Reich-Ranicki, für das Fantasievermögen ungefähr 30 Prozent Tolkien und den Rest füllen sie, der klassischen Einflüsse wegen, am Besten mit Goethe und Schiller auf. Danke."

Das mit Makulatur umschriebene Verfahren scheint jedenfalls auf dem Vormarsch, die Deutschen stehen Büchern eben doch nicht so abgeneigt gegenüber, wie diverse Umfragen und Pisa-Studie zuweilen vermitteln wollen - wir halten uns sogar eine Privatbibliothek in der Wand. Das bis dato am Meisten auf diese Weise weiterverarbeitete Buch war im Übrigen Oskar Lafontaines Autobiographie "Mein Herz schlägt links". Dass die Parteizentrale der Linkspartei ausschließlich mit der Dämmwolle aus Oskars Vita isoliert wurde, ist allerdings nur ein Gerücht.


Mehr im Internet:
Dobry Dämmsysteme GmbH
Kulturgut verpflichtet - Examensthema in Holland


Das Manuskript wurde uns freundlicherweise von der Online-Zeitschrift Lingua et Opinio zur Verfügung gestellt.



 

 

 

 

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