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24.05.2007 - RELIGIONSGESCHICHTE

Auf der Suche nach dem revolutionären Bruch

Die Ausbildung der Weltreligionen - Beispiel Altes Testament

von Josef Tutsch

 
 

Der Moses des Michelangelo (Rom)

Was hatten es unsere Vorfahren, doch schön einfach! Wenn sie fremde, von westlicher Zivilisation noch kaum berührte Völker und Kulturen bezeichnen wollten, dann sprachen sie ganz nach Belieben von Heiden, Primitiven, Eingeborenen, Naturvölkern, Stammeskulturen. Wie sagt man eigentlich im Zeitalter der political correctness? Oder, um von der Ebene der Worte auf die der Begriffe zu kommen, was unterscheidet den "Westen" und die übrigen Weltkulturen einerseits, jene Stammeskulturen oder wie auch immer andererseits?

Eine Frage, die noch komplexer wird, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die "Weltkulturen" irgendwann einmal aus den "Stammeskulturen" entstanden sind. Genau genommen: im 1. Jahrtausend vor Christus in einigen Regionen der Alten Welt. Für die abendländische Tradition geht es dabei – neben der klassischen Antike – in der Hauptsache um das alte Israel, also um die gemeinsame Vorgeschichte der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. An der Universität Heidelberg hat sich ein Kreis von Wissenschaftlern zusammengefunden, um auf dem Feld des Alten Testaments ein Begriffspaar zu erproben, das seit einem Vierteljahrhundert die Runde durch die historischen Fächer macht, die Unterscheidung von "primärer und sekundärer Religion".

Figur vom Kongo
Mit "primärer Religion" sind zum Beispiel die traditionellen Kulte afrikanischer Stämme gemeint, aber auch die Religion alter Hochkulturen wie etwa Ägyptens, mit "sekundärer Religion" die missionierenden Religionen wie Christentum oder Islam. Jedenfalls war es höchst praktisch, dass die beiden Urheber der Diskussion, der Missionstheologe Theo Sundermeier und der Ägyptologe Jan Assmann, beide Professoren an der Universität Heidelberg, sich an dem Projekt beteiligten. Intention und Fokus der beiden Wissenschaftler sind allerdings höchst unterschiedlich. Sundermeier will die afrikanischen "Stammesreligionen", auf die Christentum und Islam mit ihrer Mission treffen, gleichwertig mit diesen sogenannten Weltreligionen betrachten; Assmann, der das Begriffspaar einige Jahre später übernommen hat, geht von der Beobachtung aus, dass sich die altägyptische Religion mit dem "uns aus der jüdisch-christlichen Tradition vertrauten Religionsbegriff" nicht fassen lässt

Sundermeier spricht also von einem Aufeinandertreffen verschiedener Religionsformen in der Gegenwart und sucht nach den zugrunde liegenden Gemeinsamkeiten, Assmann fragt nach einer Entwicklung in ferner Vergangenheit und betont darin die Gegensätze. Dennoch können beide mit denselben Begriffen arbeiten. "Primär" wird als eine Lage definiert, wo Religion – die als selbstverständlich vorgegebene Religion – "unausweichlich" ist, im Grunde mit  Kultur, Gesellschaft, Staat identisch; "sekundär" ist dann die Bewältigung von Irritationen, die darin eindringen und irgendwie integriert werden müssen: Die Inhalte sind nicht mehr evident, Religion wird zur Frage des individuellen Bekenntnisses, es stellt sich die Frage nach der Wahrheit oder Unwahrheit von Dogmen, die "wahre" Religion tendiert darauf hin, sich durch Mission auszubreiten.

Folie für die "mosaische
Unterscheidung"? Phara- 
onenstatue in Karnak
Assmann fügt hinzu: womöglich auch durch Intoleranz und Gewalt, eine Frage, die in der Gegenwart auch wieder politische Aktualität gewonnen hat, hier jedoch nicht das Thema ist. Die Gemeinsamkeit zwischen Assmann und Sundermeier geht noch ein Stück weiter. Sundermeier stellt klar, dass sich auch in Religionen, die in der Hauptsache "sekundär" sind oder jedenfalls sekundär sein wollen, Beispiel: die missionierenden Religionen Christentum und Islam, weiterhin "primäre" Basiserfahrungen finden; Assmann vermerkt, dass es sich bei dem, was er die "mosaische Unterscheidung" nennt, nicht um eine einmalige "Wende" handelt, festzumachen an der historischen oder auch legendarischen Figur des Moses, sondern um "eine regulative Idee, die ihre weltverändernde Wirkung über Jahrhunderte und Jahrtausende hin in Schüben entfaltet hat". Dennoch: Israel, betont Assmann, stand zu Ägypten in "der Situation polemischer Abgrenzung", es vollzog sich ein "revolutionärer" Bruch.

Ein in seiner Geschlossenheit beeindruckendes Geschichtsbild, das allerdings manche Kritik herausgefordert hat. Außer Zweifel steht, dass sich im Alten Testament eine Religiosität ausgebildet hat, wie es sie im vorderasiatisch-ägyptischen Kulturraum zuvor nicht gab. Die Texte legen jedoch den Eindruck nahe, dass statt Ägypten eher Kanaan die Folie war, zu der sich der jüdische Monotheismus als Gegenbild entwickelte. Einen interessanten Ansatz zur Rekonstruktion dieses Wandels bietet der Paderborner Religionshistoriker Bernhard Lang. Wie es auch in Mesopotamien belegt ist, scheint das Volk Israel in Kriegszeiten die sonstigen Götter für einige Wochen oder Monate zugunsten seines Kriegsgottes Jahwe beiseite gelassen zu haben. Dieses Monopol auf Zeit wurde später in eine dauerhafte "Monolatrie" transformiert: Kultische Verehrung durch Israel gebührte ausschließlich Jahwe, ohne dass die Götter anderer Völker in ihrer Existenz geleugnet worden wären. Noch später wurde diese praktische Monolatrie in ein Dogma, in den theoretischen, quasi-metaphysischen Monotheismus, uminterpretiert.

Moses vor dem brennenden
Dornbusch (Marc Chagall)
Da wäre es keine Überraschung, wenn sich in der Bibel, wie Konrad Schmid, Alttestamentler in Zürich, formuliert, "Reste hebräischen Heidentums" finden ließen – will sagen: von Polytheismus. Aber das Ergebnis von Schmids Analyse bleibt unbestimmt. Ein Vers wie in Psalm 82 "Jahwe steht in der Gottesversammlung, inmitten von Göttern hält er Gericht" sei als nicht als polytheistische Religiosität zu verstehen, sondern als deren "Rezeption im Rahmen monotheistischer Religiosität". Die umgekehrte Probe, eine Suche nach "sekundären" Textstellen, hat sein Heidelberger Kollege Andreas Wagner unternommen. Er ist zu einem eindeutigen Fazit gekommen. Psalm 91, "Fürwahr: Du, Jahwe, bist meine Zuflucht", sei am plausibelsten "als zugehörigkeitsstiftender Bekenntnisakt" eines Individuums, als "Konversionsakt" zu interpretieren.

Die Schwierigkeit liegt darin, dass sich über das soziologische Umfeld eines solchen Textes allzu wenig sagen lässt. Nach dem Untergang des Königreiches musste eine neue Identität gefunden werden, die sich auf den Glauben an Jahwe und die entstehende heilige Schrift bezog, soviel ist klar. Aber was kann in dieser Situation die "Konversion" eines Individuums eigentlich bedeutet haben? Konversion woher und mit wie viel individueller Wahlfreiheit? Der finnische Bibelwissenschaflter Martti Nissinen macht darauf aufmerksam, dass zum Beispiel in seinem Heimatland "die Mitgliedschaft in der evangelisch-lutherischen Kirche herkömmlich, wenn auch nicht mehr tatsächlich, mit der Mitgliedschaft in der Gesellschaft deckungsgleich ist". Wenn "sekundär" heißt, dass ein Bekenntnis individuell gewählt und nachvollzogen werden soll, dann wird man in den Volkskirchen Europas dieses Prädikat wohl nur einer Elite oder Avantgarde zusprechen dürfen – am ehesten, so unbehaglich dieser Gedanke immer ist, in einem Sektenmilieu.

Pharao Echnaton empfängt
die Strahlen des Sonnen-
gottes
 
Alles in allem bleibt die Heidelberger Bestandsaufnahme unschlüssig. Im alten Israel hat sich, soviel wird man sagen dürfen, ein welthistorischer Wandel vollzogen. Eignet sich, um diesen Wandel zu erfassen, das Begriffspaar "primäre und sekundäre Religion" besser oder schlechter als andere Begriffe, die in den letzten Jahrzehnten erprobt worden sind? Wahrscheinlich liegt der Charme der Worte primär-sekundär gerade darin, dass sie, über die vage Andeutung eines Entwicklungsschemas hinaus, zunächst einmal inhaltsleer sind. Kleines Beispiel für die große, übergroße Vorsicht, mit der Geistes- und Kulturwissenschaftler heutzutage, wo das Schlagwort vom "clash of civilizations" überall lauert, zu Werke gehen. Andreas Wagner, einer der Organisatoren des Projekts in Heidelberg: Statt von "Religionen verschiedener Kulturen" sollte man neutraler von "Religionen verschiedener geographischer Bereiche" sprechen.

Im Ernst wird Wagner nicht bestreiten wollen, dass die "geographischen Räume" erst interessant werden im Blick auf das, was darin passiert, zum Beispiel "Kultur", so unscharf ein solcher Begriff immer sein mag. Natürlich werden die Schwierigkeiten um so größer, wenn der Ehrgeiz besteht, mit einer Typologie der Religionen nicht nur Israel plus Christentum plus Islam, sondern auch noch die vergleichbaren Entwicklungen in China, Indien und Griechenland zu erfassen. Vor mehr als einem halben Jahrhundert führte der Bonner Religionswissenschaftler Gustav Mensching den Begriff der "Universalreligionen" ein, die sich nicht an ein einzelnes Volk, sondern an die ganze Menschheit wenden wollen und demzufolge missionierend um das Bekenntnis des einzelnen Menschen werben. Das passt auf Buddhismus, Christentum und Islam, aber ausgerechnet auf das Judentum nicht so recht, trotz Wagners Analyse von Psalm 91.

Sokrates
"Erlösungsreligionen" wäre ein Ausdruck, der sich zum Beispiel auf die chinesische Religionswelt schlecht anwenden lässt, für Israel nach dem Babylonischen Exil aber zutreffen würde. Dagegen wieder keinesfalls für das auffälligste aller "sekundären" Phänomene in der im großen und ganzen doch "primären" ägyptischen Religionsgeschichte, für die Reform des Pharao Echnaton im 14. Jahrhundert vor Christus. Dieser Pharao rief im Konflikt mit dem religiösen Establishment den Sonnengott Aton zum himmlischen Alleinherrscher aus. Inwieweit das Konzept als monotheistisch oder bloß als monolatrisch gelten soll, ist bis heute umstritten, eine Ähnlichkeit mit der späteren Entwicklung im alten Testament scheint jedenfalls offenkundig. Nur – diesem Gott fehlen, wie Assmann klarstellt, alle personhaften Züge, er zeigt auch keinerlei Interesse für Gut und Böse.

"Gut und Böse" ist vielleicht ein entscheidendes Stichwort. Es könnte sein, dass die "achsenzeitliche" Wende des 1. Jahrtausends vor Christus – der Ausdruck Achsenzeit wurde in den 1940er Jahren vom Philosophen Karl Jaspers geprägt – gar nicht bloß inner-religiös zu begreifen ist, sondern vielmehr aus dem Verhältnis der Religion zur Ethik. Die "Goldene Regel" ("Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu") trat vor zweieinhalb tausend Jahren mit verblüffender Gleichzeitigkeit in den großen Kulturen von China über Indien und Israel bis Griechenland auf. Dazu passt, was der Altphilologe Walter Burkert (Zürich) über die griechische Kultur ausführt: "Sekundär" warnicht nur die Mysterienreligiosität, sondern vielleicht noch prägnanter die Debattierwelt der Intellektuellen, die sogenannte Aufklärung, die Philosophie – ein Phänomenkomplex, der nach unserem Verständnis gar nicht unter den Begriff der Religion gehört.


Neu auf dem Büchermarkt:
Primäre und sekundäre Religion als Kategorie der Religionsgeschichte des Alten Testaments,
herausgegeben von Andreas Wagner,
Walter de Gruyter, Berlin New York 2006 (ISBN –13 :978-3-11-018499-0, -10 :3-11-018499-0, ISSN 0934-2575), 98,- €




Mehr im Internet:
Vom Ursprung unserer ethischen Werte, scienzz magazin 17.01.2007

 

 

 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation


 

 

 

 

 

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